Elf Kurze nach der Winterpause

der kulturpolitische reporter hat den Januar zum Durchschnaufen benutzt. Die ersten Wochen des Jahres waren newsmäßig ja ruhig, aber jetzt … Deshalb statt des üblichen Dreiers heute ein saisonal passender Elferrat.

  • Bochum statt Gent
    Ruhrtriennale-Intendant Johan Simons bleibt im Revier und wird Schauspielchef in Bochum. Doppelt interessante Wendung: Erstens hatte noch letzte Woche das dortige Ensemble die verschleppte Nachfolge für Anselm Weber beklagt. Und zweitens wird Simons dann wohl auch nicht wie geplant nach den turnusgemäßen drei Triennale-Jahren zu seinen Anfängen in Gent zurückkehren (“Die geben mir bis 2017 frei“)
  • Ebookpreisbindung auf dem Weg
    Am Mittwoch hat das Bundeskabinett den Gesetzentwurf gebilligt, um künftig auch Ebooks preisgebunden zu halten. Das eigentliche Problem ist wohl nur vertagt: In der Musikbranche, dem digitalen Vorreitermarkt der Kulturwirtschaft, wird nicht mehr gekauft, sondern gestreamt. Für analoge Buchangebote – Miete, Leihe, gibt’s alles schon – gilt die Preisbindung aber nicht.
  • NRW-Erfolg beim Sundance-Festival
    Gerd Haag, Filmproduzent und Professor an der internationalen filmschule Köln, hat für den iranischen Streifen “Sonita” beim größten Independent Filmfestival der USA in Sundance zwei Auszeichnungen ergattert: Den Preis der Grand Jury und einen Audience Award
  • Sonderregelung zum Arbeitslosengeld verlängert
    Die Bundesregierung hat wieder keine echte Entscheidung getroffen und stattdessen zum wiederholten Mal die Regelung für überwiegend kurz befristet Beschäftigte verlängert (Details hier). Bis Juli 2018 können so auch viele im Kulturbereich unter bestimmten Bedingungen doch ALG I Ob eine neue Regierung (Wahlen 2017) das endlich löst?
  • Städte machen Musik
    Lesenswerter Artikel von Ian Wylie über den Einfluss von Städten auf ihre Musikszene. Nicht, dass jemand eine neue Mauer bauen sollte, um Platten wie Bowies “Heroes” zu provozieren – aber für mögliche Förderschwerpunkte gar nicht uninteressant.
  • Baukunstarchiv NRW kommt
    Letzte Woche haben die vier Gesellschafter den Vertrag unterzeichnet, 2018 soll es im ehemaligen Museum am Ostwall in Dortmund öffnen.
  • Gedächtnis des Freien Theaters
    Noch ’n Archiv: Die stets rührige Uni Hildesheim koordiniert ein Projekt vieler Stakeholder, um mittelfristig ein Archiv des Freien Theaters zu schaffen. Beginnt mit Vorstudien und einem Call for Papers, im doppelten Wortsinne. Ordnung ist das halbe Leben …
  • Landesstelle für Immaterielles Kulturerbe
    Wie man auf die Liste kommt, und was nach der Aufnahme möglich ist: An der Paderborner Uni werden ab Montag Kandidaten und Verzeichnete im Auftrag des Landes beraten
  • “Transparenz durch Abgeordnete”
    Schöner Twist des Deutschen Kulturrats in der TTIP-Debatte: Der jetzt eingerichtete Dokumenten-Leseraum für Parlamentarier im Bundeswirtschaftsministerium gebe ihnen die Verantwortung, mehr Transparenz im Verfahren herzustellen, schreibt Kulturrats-Geschäftführer Olaf Zimmermann in einer Pressemitteilung. Für diesen Schwarzen Peter werden sich die MdBs vor allem der Großen Koalition bestimmt noch persönlich bei ihm bedanken
  • Ein EU-Doppel: Das eigentlich alle zwei Jahre im herbst stattfindende European Culture Forum wurde nach den Pariser Anschlägen im letzten November wegen des Ausnahmezustands in Brüssel verschoben. Neuer Termin ist jetzt der 19./20. April (bin ich im Urlaub, so ’n Mist). Auch interessant übrigens: Das Kulturprogramm der Niederländer im Rahmen ihrer aktuellen EU-Präsidentschaft.
  • Zuletzt: Heute vor 100 Jahren ging das Cabaret Voltaire in Zürich an den Start und damit DADA! Eigentlich alle Kulturwellen und Feuilletons fahren dazu ganz groß auf.

Foto: film still from “Sonita” (c) Sundance Film Festival

Veröffentlicht unter Drei Kurze | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

In eigener Sache: Die innere Pressefreiheit

Eine freie Kollegin aus dem WDR-Studio in Aachen hat in einer niederländischen Rundfunksendung behauptet, es habe im Sender Anweisungen gegeben, in der Flüchtlingsfrage tendenziell “pro Regierung” zu berichten. Außerdem hat sie von Gremien und Ausschüssen, man muss wohl sagen: gefaselt, die angeblich solche Festlegungen für alle träfen. Als langjähriger Mitarbeiter des Westdeutschen Rundfunks kann ich dazu nicht einfach nichts sagen. Also:

Ich habe in den vergangenen 18 Jahren für fünf der sechs Hörfunkwellen des WDR in unterschiedlichsten Funktionen und Vertragsverhältnissen gearbeitet. Frei, festangestellt, ausgeliehen. Ich war Wort- und Musikredakteur, Teamleiter und Redakteur vom Dienst, einen Sommer lang im ARD-Hauptstadtstudio. Ich habe ein junges Kulturradio im Netz verantwortet und 2005 als Autor den ersten WDR-Programmbericht verfasst. Heute berichte ich als kulturpolitischer reporter neben anderen Medien auch für den WDR-Hörfunk; gelegentlich moderiere ich die Sendung “Forum” auf WDR 3 und auch den Dialog der Intendanz mit dem NRW-Kulturrat. Ich bin in der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal zu einer bestimmten inhaltlichen Ausrichtung der Berichterstattung angewiesen worden, nicht mal zwischen den Zeilen eines Gesprächs mit Vorgesetzten oder Auftraggebern.

Es ist hingegen nicht das erste Mal, dass ich – feste wie freie – Mitarbeiter*innen des Hauses medienpolitischen Unsinn verzapfen höre oder lese, auch öffentlich. Das liegt nach meiner Erfahrung und Einschätzung maßgeblich daran, dass viele Journalist*innen selbst nicht richtig verstehen, wie die ganze Branche oder auch nur ihre eigenen Häuser funktionieren. Und in der Tat: Welche Aufgaben und Kompetenzen Rundfunk- und Verwaltungsräte haben, was Programmausschüsse so machen, das ist nicht mal eben in anderthalb Sätzen erklärt. Den Horizont von Journalist*innen darf es allerdings nicht übersteigen; und regelmäßige, gar langjährige Mitarbeiter*innen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks müssen nach meinem Dafürhalten sogar unbedingt die Struktur ihrer Organisation kennen. Leider ist das oft nicht der Fall.

Und so sitzt dann irgendwann jemand mit dem Label “WDR” im Namensschild, jedoch ohne offiziellen Auftrag zur Vertretung des Senders auf einem Podium, die oder der z.B. die Unterscheidung zwischen “Regierung”, “öffentlicher Meinung” und “öffentlicher Sache” trotz der Selbstzurechnung zu den Spracharbeitern nur eingeschränkt oder eben gar nicht leisten kann. Diesen intellektuellen Totalausfall werden nun viele Kolleginnen und Kollegen vor Ort, in den Redaktionen, aber auch in den Führungsetagen ausbaden müssen; dass Claudia Zimmermann sich mittlerweile selbst bezichtigt, “Unsinn geredet” und “Quatsch verzapft” zu haben, macht im Übrigen nichts besser, eher im Gegenteil:
Jeder auch nur durchschnittlich vernunftbegabte Beobachter fragt sich natürlich, warum die Frau gestern “Hü” und heute – zufällig auch noch direkt nach “einem Gespräch mit dem Sender” – plötzlich “Hott” sagt, und zwar in einem zentralen Punkt des journalistischen Selbstverständnisses, ergo Berufsethos’. Für die eher unterdurchschnittlich Vernunftbegabten aus der “Lügenpresse”-Fraktion hingegen ist das alles natürlich frisches Wasser auf ihre Mühlen. Wobei ich allerdings zunehmend den Eindruck gewinne, dass es sich bei diesen Mühlen um das erste echte Perpetuum mobilé handelt – ihre Räder drehen sich nämlich auch ganz ohne Wasser.

Mich wird es nur ganz vielleicht, Kolleg*innen in politisch sensibleren Themenfeldern und Kontakten aber ganz bestimmt mitunter Jahre kosten, das oft genug sowieso schon nur sehr mühsam aufgebaute Vertrauen wieder herzustellen. Ganz ausnahmsweise ist diese Anstrengung aber sogar für aufrechte und professionelle Journalist*innen tatsächlich mal: alternativlos!

Veröffentlicht unter Beobachtungen | 6 Kommentare

Frohes Neues, Kulturpolitik!

Neujahr in Deutschlands Mitte, bei Sonnenschein und 12 Grad. Der Laie staunt, der Fachmann wundert sich: Klimawandel, Lauf der Dinge, Zufall? Ach … man weiß so wenig.

Das gilt auch für die Kulturpolitik: Was bringt das alles mit der Kulturellen Bildung, der Interkultur, dem Audience Development – bessere Menschen und eine friedlichere Gesellschaft oder doch nur mehr Spillover der Kulturwirtschaft und höhere Eigeneinnahmen der Institutionen? In Zeiten algorithmischer Lebensplanung und Big Data for Global Markets and Governance ist die kulturwissenschaftliche Faktenlage weiterhin eher … dürftig.

Dabei hatten CDU und SPD im Bund sich die “verstärkte Kulturpolitikforschung” 2013 sogar in den Koalitionsvertrag geschrieben. Seitdem hat die GroKo es aber nicht nur geschafft, diese Vereinbarung ganze drei Haushalte lang einfach zu ignorieren, sondern sogar, die bisher immer alle zwei Jahre erschienene Kulturfinanzstatistik zum ersten Mal überhaupt um gleich ganze zwölf Monate zu verschludern. Als sie dann doch kam – im vergangenen August – musste man mal wieder feststellen: Nix Genaues weiß man nicht. Die letzten sicheren Zahlen waren aus buchhalterischen Gründen schon vier Jahre alt, außerdem verstehen bis heute einzelne Bundesländer unter “Kulturausgaben” weiterhin recht verschiedene Dinge, nicht nur beim Denkmalschutz. Im Koalitionsvertrag ist die “gegebenenfalls gesetzlich zu sichernde Kulturstatistik” übrigens ebenfalls ausdrücklich erwähnt. Ach …

Wenn so Verkehrs- oder Energie-, geschweige denn Finanzpolitik betrieben würde, wäre nicht nur das Geschrei in allen Medien groß, sondern es gäbe längst Untersuchungsausschüsse und Frank Weise hätte noch ein zusätzliches Amt übernommen. Aber bei der Kultur?

Dabei ist sie doch, was uns ausmacht: Menschen, Europäer*innen, Deutsche, Rheinländerinnen und Westfalen, wir alle sind nur erkennbar durch unsere gemeinsame Kultur und ihre Unterschiede. Kulturpolitik ist also jener Teil der öffentlichen Sache, der Identität und Heimat bestimmt, den Spirit wie die intellektuelle Kraft dieses Landes, nicht zuletzt auch unsere Anziehungs- und unsere Integrationskraft für Zuwanderer.

Monika Grütters und auch Christina Kampmann muss man das nicht groß erklären, bei Horst Seehofer und Hannelore Kraft hingegen sind vermutlich selbst größte Anstrengungen vergebens, trotz Konzertsaal dort und Tanzzentrum hier. Doch bei den vielen Wählern und Entscheidern zwischen diesen Extremen, da geht was, da könnte zumindest was gehen, umso mehr mit ein paar handfesten Argumenten.

Vielleicht kriegt die Kulturpolitik im Bund ja in 2016 endlich die Kurve zu mehr Konzept und Strategie auf Grundlage harter Fakten. Einen Anfang könnte die Lektüre von Patrick Föhls brandneuem “Handbuch Kulturpublikum” sein (Rezension bald hier). Und der Fachverband Kulturmanagement wird sich auf seiner Jahrestagung Mitte Januar in Winterthur ebenfalls ausschließlich mit der “Evaluation im Kulturbereich” befassen.

Natürlich warten noch ein paar andere Themenklötze auf uns in 2016: Urheberrecht, Kulturgutschutz, Digitalisierung. Doch auch dort lauert die größte Gefahr jeweils beim Stochern im Nebel: Auf großer Fahrt und hoher See braucht es halt ein vernünftiges Radar und aktuelle Karten. Jetzt!

Auf ein – frohes – Neues, Kulturpolitik!

Veröffentlicht unter Beobachtungen | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Ein ganz Kurzer …

… man muss nicht glauben können, um zu staunen.
Staunen können ist, was uns besonders macht.

Frohes Fest wünscht der kulturpolitische reporter

Video | Veröffentlicht am von | Kommentar hinterlassen

Drei Kurze: Offene Welten, vollere Kassen und bessere Menschen

  • Geht doch: Kultur öffnet Welten
  • Geht auch: Mehr Geld für Kultur in Berlin
  • Geht das? Turner-Prize für Architekten

Muss man denn immer erst schimpfen? Erst vorige Woche stand hier die Frage nach dem Fortgang des konzertierten Großprojekts aller staatlichen Ebenen Kultur öffnet Welten. Schwupps … wird heute der Start bekanntgegeben und die Homepage freigeschaltet. Nein, das lag selbstverständlich nicht an dem enormen Entscheidungsdruck, der durch diesen Newsletter erzeugt wurde, sondern schlicht an fehlenden Beschlüssen der Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) und der Zustimmung der Kulturstaatsministerin. Nun sind wir gespannt, was die versprochene Vermittlungs-Offensive Ende Mai bringen wird.

.

Was ein Weh und Ach, als der doofe, doofe Wowi den noch viel dooferen Tim Renner zum Kulturstaatssekretär in Berlin gemacht hat. Wenn man die Kritik an der umstrittensten Kultur-Personalie des vergangenen Jahres mal kaum überspitzt zusammenfasst, wurde da ein quotengeiler, neoliberaler Verflachungslude aus dem Kulturwirtschaftsrotlichtmilieu ins bis dato unbefleckte Amt der Förderempfängnis gesetzt – iiih, bah. Und Renner gab dem Klischeeaffen auch gleich mal Zucker, als er in seiner quasi ersten Amtshandlung mit Frank Castorf prompt einem der beiden Säulenheiligen der lokalen Weltrettungsstaatstheatermentalität den baldigen Ruhestand ankündigte. Mittlerweile wird aber nicht nur der weltweit begehrte, in Berlin allerdings plötzlich als “erfolgreicher Kulturmanager” geschmähte Chris Dercon nächster Intendant der Volksbühne – und ihr Etat gleich kräftig mit erhöht -, sondern der Kulturhaushalt der Stadt erfährt insgesamt eine lang nicht mehr gesehene Aufstockung im zweistelligen Prozentbereich, auf mehr als eine halbe Milliarde Euro; die Freie Szene kriegt davon nicht wie sonst üblich bloß fünf- oder sechsstellige Brosamen, sondern gleich ein paar Millionen mehr. Ich bin wirklich sehr gespannt, mit welchem Kniff die Propaganda der hauptstädtischen Kultur-Kamarilla diesen – von ihr selbst lang herbeigesehnten – Erfolg in einen weiteren Malus für Renner umdeuten wird. Oder ob jetzt vielleicht einfach mal Ruhe ist. Wenigstens kurz …

.

Zum Berliner Affront passt ganz gut noch ein anderer, und zwar aus London: Den Turner Prize 2015 bekommt … ein Architekten-Kollektiv. Ja, ein paar Künstler gehören auch zu Assemble, aber im Kern sind es eben Menschen, die vor allem Häuser und Siedlungen entwerfen und gestalten und sogar selber (mit)bauen, damit am Ende – Spitze des Eisberges – ganz normale Leute darin wohnen. Diese Leute sind dann auch noch arm oder bildungsfern oder kulturfern oder alles auf einmal. Verrückte Sache, das. Und schon deshalb sympathisch, weil auch hier der Aufschrei sofort groß war: “Ist das überhaupt Kunst?” Womit ein wichtiges Kunst-Kriterium ja schon mal gleich erfüllt wurde: Reibungsfläche bieten. Trotzdem birgt die Entscheidung zugegebenermaßen Tücken: Nicht nur in den Reihen der deutschen Sozialdemokratie ist – durch die Flüchtlings-Frage verstärkt – die Tendenz wachsend, Kunst und Kultur neben ihrem ästhetischen, diskursiven und Unterhaltungs-Wert schnell auch noch ein paar “echte” Funktionen im Gesellschaftsgetriebe zuzuweisen, irgendwo zwischen Integrationsprojekt und pädagogischer Anstalt. Das wird sich auf Dauer ebenso bitter rächen wie die Bildungsreformen der letzten Jahrzehnte. Die haben zwar für mehr Abiturient*innen und Student*innen gesorgt, aber nicht unbedingt für mehr gut ausgebildete junge Menschen – denn das sind zwei sehr verschiedene Paar Schuhe. Ob also mehr Arte Útil im Sinne Tania Brugueras tatsächlich für mehr Kunst, mehr Kunstinteressierte und damit automatisch für insgesamt bessere Menschen sorgen wird? … Schönes Wochenende!

.

Foto: (c) Assemble

 

Veröffentlicht unter Drei Kurze | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Drei Kurze: Filmförderfragen, hässliche Häuser und das Erbe der Schützen

  • Rößner ärgert Grütters – Grüne Medienfrau nervt schwarze Kulturfrau mit Filmfragen
  • “Hässlich” ist kein Kriterium – Ruhr-Uni unter Denkmalschutz
  • Anders aufbewahren: Schützenwesen ist Kulturerbe

Herzlichen Glückwunsch, Tabea Rößner! Ich gratuliere Ihnen allerdings nur in zweiter Linie zum 49. Geburtstag, den Sie heute feiern; in erster Linie muss ich Sie zur Drucksache 18/6729 beglückwünschen. In diesem Papier beantwortet die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, also die Kulturstaatsministerin, also Monika Grütters, Ihre Kleine Anfrage mit dem unscheinbaren Titel “Nachhaltigkeit, Effizienz und Gerechtigkeit in der Filmförderung” im Deutschen Bundestag. Das ist ein wirklich erstaunliches Dokument. Wie die Filmförderanstalt (FFA), der Deutsche Filmförderfond (DFFF) und der/die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) in den letzten zwei Jahrzehnten mit den Themen Effektivität und Nachhaltigkeit in der Filmförderung sowie den Fragen der Geschlechtergerechtigkeit darin umgegangen zu sein scheinen, ist ausweislich ihrer eigenen Auskünfte mindestens bemerkenswert. Ich will das hier nicht detailliert wiedergeben, zusammenfassend lässt sich sagen: Nix genaues weiß man nicht. Vollends schlägt dem Fass allerdings erst der Umstand den Boden aus, dass sich die FFA offenbar außerstande sieht, für mehr als zwei Jahre rückwirkend nachzuvollziehen, in welcher Verteilung die Empfänger*innen von Drehbuchförderungen männlich oder weiblich waren. Das ist natürlich Quatsch, und es zeigt, wes Geistes Kind die Verantwortlichen dieser Institution sind. Wer ist da noch mal gleich Präsident? Hier, der Dings, warte, wie heißt er denn noch … ach so, ja: Bernd Neumann. Das ist der Vorgänger von Frau Grütters als Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien. Und Nestor der Filmförderung des Bundes nach heutigem Zuschnitt. Ach so. Na, dann …

.

Ganz großes Tennis gibt’s unter anderem gerade auch wieder in Bochum zu beobachten: Die Denkmalpfleger des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe haben die wirklich schrecklich hässliche Ruhr-Universität unter Denkmalschutz gestellt. Allerdings ausdrücklich nicht wegen Ihrer ausnehmenden Hässlichkeit – hatte ich die eigentlich schon erwähnt? – sondern wegen ihrer exemplarischen Hässlichk… nee, halt, hier steht: wegen der “hervorragenden Architektur”. Merke, Sterblicher, der du vergänglicher bist als der Beton der 60er und 70er: Hässlichkeit ist kein Kriterium! Sonst wären Nacktmulle und Grottenolme schon lange ausgestorben, doch stattdessen sind sie sogar besonders geschützt – so wie jetzt auch die Ruhr-Uni (der passt das übrigens gar nicht, weil sie da Angst haben, dass die Sanierung jetzt teurer wird. Aber das ist im wahren Sinne des Wortes eine ganz andere Baustelle  …)

.

Zum Schluss für heute eine ambivalente Nachricht zu einem sowieso heiklen Thema: Waffenbesitz. Die Kultusministerkonferenz der Länder und Kulturstaatsministerin Monika Grütters sind Ende der Woche einer Empfehlung der Deutschen UNESCO-Kommission gefolgt und haben sieben weitere Kulturformen in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen (so heißt das korrekt). Darunter ist auch und zur besonderen Freude vor allem der Freunde gepflegten Kampftrinkens und Rumballerns in Nordrhein-Westfalen: Das Schützenwesen. Aber halt! Das ist – zugunsten einer arg billigen Pointe – natürlich sehr verkürzt dargestellt. Tatsächlich ist das Schützenwesen ein Jahrhunderte altes Brauchtum. Es fußt in der ehedem nötigen Selbstverteidigung vieler Städte und Gemeinden in Ermangelung eines wehrhaften wie –willigen Lehns- oder Landesherrn (Frauen durften damals noch nicht – Rößner, übernehmen Sie!). Mit anderen Worten: Das Schützenwesen ist der tradierte und in aller Regel auch kulturell sublimierte Ausdruck bürgerlicher Freiheit und und kommunaler Selbstverwaltung. So sieht’s aus! Das ändert allerdings nichts daran, dass in Deutschland – die bislang glücklicherweise sehr wenigen – Amokläufer meist aus dem Umfeld von Schützen stammten und dort auch ihre Waffen her hatten. Watt lernt uns datt? Alles hat zwei Seiten. Allerdings: Meist wird nicht mal eine davon auch Kulturerbe.

.

Foto: (c) Ruhr-Universität

Veröffentlicht unter Drei Kurze | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Drei Kurze: Stiftungsflucht, Kultusminister und altes Papier

  • SFVV: Grütters sucht weiter Direktor
  • KMK: Kultur öffnet Welten – und baut Museen
  • UNESCO: Luthers Bibel, Bachs Messe sehen

Monika Grütters muss weiter nach einem Direktor für die hochsensible Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung suchen. Nach dem plötzlichen Rückzug des designierten Chefs Winfried Halder von diesem Posten vor einem Monat hat der Stiftungsrat gestern eine neuerliche Findungskommission eingesetzt. Das bedeutet auch: Auf die Schnelle hat Grütters keine geeignete, allen Gruppen genehme und gleichzeitig willige Person finden können. Angeführt von der Kulturstaatsministerin werden Vertreter der in diesem Rat sitzenden Gruppen – Bundespolitik, Vertriebene, Kirchen – nun also schon zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres nach einem neuen Leiter fahnden. Gründungsdirektor Manfred Kittel hatte das Amt im Dezember 2014 abgeben müssen, weil er sich mit einer geplanten Ausstellung über die Vertreibungsgeschichte zwischen Griechenland und der Türkei zum wiederholten Mal in den Befindlichkeitsstricken des Stiftungskonstrukts verfangen hatte.

.

Kultusministerkonferenz! Dieser Begriff gehört eindeutig zum politischen Wörterbuch der alten Bundesrepublik. Die ist zwar passé – auch wenn viele Wessis das immer noch nicht wirklich verstanden haben -, die Institution Kultusministerkonferenz (kurz KMK) ist es aber nicht: Am Donnerstag treffen sich die Länderressortchefs aus den Bereichen Schule, Hochschule und Kultur zum 352. Mal, in Berlin. Dieses Mal steht unter anderem ein Gespräch mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden auf dem Programm (wem dessen Name an dieser Stelle sofort einfällt, darf sich Insider nennen) und die Beteiligung der Länder an der Initiative “Kultur öffnet Welten”. Die soll bereits Ende Mai 2016 erstmals stattfinden, bloß was da genau passieren soll, ist auch nach ein paar gut klingenden Memoranden und Konzeptpapieren noch ziemlich unklar. Ein Ziel ist jedenfalls, die vielen bereits existierenden und oft erfolgreichen Beiträge von Kultureinrichtungen und Künstler*innen zum Interkulturellen Dialog sichtbarer zu machen. Der Deutsche Bibliotheksverband hatte mal angekündigt, Interessenten könnten sich dazu ab November online anmelden. Die zugehörige Internetseite kultur-oeffnet-welten.de allerdings … aber das sehen Sie ja selbst.
Am Rande der KMK werden Monika Grütters und Sachsen-Anhalts Kulturminister Stephan Dorgerloh übrigens eine Verwaltungsvereinbarung zur Finanzierung des neuen Bauhaus-Museums in Dessau unterzeichnen. Zur Erinnerung: Das 100-jährige Bauhaus-Jubiläum ist 2019, das neue Museum soll(te) pünktlich dazu fertig sein, der Bund beteiligt sich daran mit 12,5 Mio. Euro (Kleiner Haken: Es ist weiterhin nicht entschieden, was eigentlich gebaut werden soll). Vermutlich wird es dann zusammen mit dem Berliner Flughafen und der Einheitswippe eingeweiht…
Der aktuelle Präsident des Zentralrats der Juden ist übrigens Dr. Josef Schuster. Schon seit 2014. Irgendwas muss sich in den letzten Jahren an der PR-Arbeit des Zentralrats verändert haben …

.

Zum Schluss für heute ein ganz besonderer Veranstaltungstipp: Martin Luthers hebräische Bibel (mit seinem eigenen Gekritzel am Rand) sowie Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe in der Originalhandschrift des Meisters kann man am Freitag einmalig für einen halben Tag in der Berliner Staatsbibliothek angucken. Selber. Also: persönlich. Sozusagen von Pupille zu Papier. Das sollte man sich nach Möglichkeit nicht entgehen lassen, denn beide gehören – zusammen mit einem ebenfalls ausgestellten, zeitgenössischen Druck von Luthers 95 Thesen – zum Weltdokumentenerbe der UNESCO. Und wer sich das nicht jetzt noch schnell ansieht, wird sich 2017 wahrscheinlich mit der halben Christenheit davor rumdrängeln. Sage dann keiner, das habe man sich aber anders vorgestellt …

.

.

Foto: (c) Stiftung Bauhaus/Young & Ayata

Veröffentlicht unter Drei Kurze | Verschlagwortet mit , , , , , , | 1 Kommentar