Zur Kenntnis: Kultur ist zivilisationsrelevant!

„Berlin kann’s … später!“ Wäre vielleicht mal ein schöner Claim für die Hauptstadt. Denn nun ist nicht nur dieser – man will ja nicht wirklich schreiben „neue“ – Flughafen endlich vom Bauamt abgenommen und ein Eröffnungstermin steht tatsächlich bevor, sondern es haben sogar die Arbeiten an der Wippe begonnen. Also am Freiheits- und Einheitsdenkmal. Eigentlich nicht zu fassen. Wenn jetzt noch das Humboldtforum … aber wir wollen lieber nicht gleich übermütig werden.

Und schwupp, hat dieser kleine kulturpolitische Neuigkeitenanzeiger doch tatsächlich nicht mit Corona begonnen. Trotzdem ist das Thema bis auf Weiteres unvermeidlich. Unser gesamter Alltag – nicht nur der in Kultur und Medien, Wirtschaft und Wissenschaft – bleibt geprägt von den Auswirkungen des Virus. Dabei machen die Restriktionen des Hygiene- und Arbeitsschutzes einen auch nur annähernd „normalen“ Kulturbetrieb unmöglich. Wenn in Theatern und Konzertsälen mindestens jeder zweite Platz wg. Abstandsgebot freibleiben muss, kann in staatlichen und städtischen Häusern gerade so eben noch etwas stattfinden, weil öffentlich finanziert. Aber im privaten Sektor – von der Autorenlesung in der Buchhandlung über die Festivals aller Sparten bis zu Popkonzerten und Poetry Slam – ist an einen rentablen Veranstaltungsbetrieb nicht zu denken: Maximal ein Viertel, oft nur ein Sechstel der üblichen Platzkapazitäten sind durch die (vermutlich sinnvollen) Abstandsregeln machbar. Der Intendant des Rhein-Neckar-Theaters in Mannheim, Markus Beisel, zeigt in einem Video exemplarisch für die Branche auf, wie sein Saal bestenfalls bestuhlt sein könnte.

„Das reicht nicht aus!“

Das „Öffnungs“-Papier der Kulturminister-Konferenz von vor zwei Wochen konnte ihm wie allen betroffenen kaum Hoffnungen auf eine Trendwende machen. In einem Fachgespräch des Bundestags-Kulturausschusses schätzten Vertreter*innen der Theater- und Konzertbranche die Einnahmeverluste folgerichtig auf bis zu 80 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Eine heute veröffentlichte Umfrage von Deutschem Kulturrat und Kompetenzzentrum der Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes hat sogar ergeben, dass ein knappes Viertel der Fachverbände Umsatzeinbußen zwischen 90 und 100 Prozent erwartet. Müssen Künstler*innen künftig also wieder für lau arbeiten?

Die falsche Mär vom „Armen Poeten“, dessen Dasein sich doch bereits in der Kunst selbst erfülle, spukt schon viel zu lange durch die Köpfe der Deutschen; vor allem durch die deutscher Politiker*innen, die nicht verstehen können oder wollen, dass sie gar nicht auf den Schultern von ALDI, Siemens oder VW stehen, sondern auf denen der Kulturgigant*innen Droste und Schiller, Kraftwerk und Mutter, Arendt und Habermas. Deshalb hat Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat Recht, wenn er über die bisherigen Hilfen sagt: „Das reicht nicht aus!“ Nun plant die Bundesregierung offenkundig ein Konjunkturprogramm, das angeblich auch Umsatzausfälle in der Kultur kompensieren soll. Details erfahren wir hoffentlich in der kommenden Woche.

Kultur ist zivilisationsrelevant!

Dennoch ist die Kultur entgegen der trotzigen Behauptungen vieler Akteur*innen nicht „systemrelevant“ – jedenfalls nicht in dem Sinne, dass hier alles zusammenbräche, wenn mal ein paar Wochen oder Monate oder gar ein Jahr kein Theater gespielt wird. Gleichzeitig sind „die Kultur“ als Ganzes und die Künste im Besonderen ein unverzichtbarer Antrieb menschlichen Fortschritts, also zivilisationsrelevant. Ohne die Gedanken, Werke und Inspirationen von Autorinnen und Malern, Regisseurinnen und Tänzern, Designerinnen und Musikern wären wir als Gesellschaft wie als Volkswirtschaft nämlich nicht da, wo wir sind. Zivilisation ist stets von Kultur(en) getrieben und getragen, nicht andersrum. Sie weist den Weg in die Zukunft und ebnet ihn durch ihre Werke und ihre Überzeugungskraft für alle. Und zwar nicht nur auf der großen Zeitachse der Epochen, sondern gerade auch im Kleinen: Kultur zivilisiert eine Gesellschaft im Alltag. Und wer möchte nicht in einer Welt leben, in der man Rücksicht aufeinander nimmt und anderen den Frieden und die Freiheit lässt, die man für sich selber reklamiert? Genau das bedeutet es nämlich, zivilisiert zu sein.

Wenn die Kultur aber eben das ist – zivilisationsrelevant –, dann stellt uns die Krise gerade einmal mehr vor die Frage, ob das eigentlich auch für alle gleichermaßen gilt. Die britische Kritikerin Lyn Gardner hat dazu in der aktuellen Ausgabe des Online-Magazins der Kulturstiftung des Bundes dezidiert die Haltung der Theater im Visier. Ihre Erkenntnisse sind klar und schonungslos bis über die Schmerzgrenze, vor allem für die Theatermacher*innen. Und wer den unseligen Krisen-Suaden so manches Intendanten bei Youtube gelauscht hat, der kann schon mal mit Gardner ins Zweifeln kommen, ob diese Typen wirklich in der selben Welt leben wie wir. Dass sie es trotz allem tun, macht es in vielerlei Hinsicht leider nicht besser. Möge die aktuelle Herausforderung also auch eine intellektuelle Inspiration für Kulturschaffende sein, ihre Zugänge und Zugänglichkeit, ihre Themen und ihre Theatralik zu hinterfragen. Hauptsache uns ereilt nicht, was die Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes, Hortensia Völckers, neulich in einem Radiointerview befürchtete. Auf die Frage, welche Kunst die Krise wohl produziere, entfuhr ihr spontan der Satz: „Bitte keine Corona-Gedichte!“

… und sonst:

Empfehlung 1: Den besten Überblick über Hilfen, Regularien und (Schutz-)Verordnungen für die Kultur in Nordrhein-Westfalen bietet Soziokultur NRW

Empfehlung 2: Meine letzten Berichte und Sendungen:

Empfehlung 3: Zum Schluss noch ein entspannender Hörtipp zum Pfingstwochenende für alle Freunde hochwertiger, mitunter ungewöhnlicher Popmusik:
Miss Ingwer Rogers‘ und Charles Petersohns Music for Home Listening Vol.5 (funktioniert auch im Auto). Die ersten vier Ausgaben sind übrigens ebenfalls sehr gut!

Foto der coronagerechten Theaterbestuhlung: (c) Berliner Ensemble

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Zur Kenntnis: Moni und die Machtlosen

Die erlösende Nachricht von der politischen Videonale in Berlin am Mittwoch: Lebbe geht weiter! Die Wirtschaft zuerst, die lieben Kleinen gleich hinterher, und schon ganz bald sind auch die Touristen dran. Sogar die Kultur darf – in kleinsten Gruppen und mit größtem Abstand – wieder raus zum Spielen.

Der letzte Satz klingt lustiger, als er gemeint ist, denn vor allem drinnen gelten harte Regeln. Die findet nur, wer länger sucht, in den Gemeinsamen Empfehlungen von Berufsgenossenschaften und Unfallkassen zum (Proben-)Betrieb von Bühnen und Studios: Mindestabstand 1,5 Meter, eh klar, wer singt oder „exzessiv“ spricht, muss sogar 6 Meter Distanz wahren. Und wer in ein Instrument bläst, darf das nicht ohne volle 12 Meter leeren Raumes vor sich tun. Drei Bläser brauchen also roundabout 100, ein Dutzend von ihnen sogar 400 Quadratmeter überdachte Übungsfläche, wenn vorne noch jemand einen Taktstock schwingt. Die Charité empfiehlt in einer neuen Studie zwar geringere Abstände, aber ob und wann sich das auch in offiziellen Regeln niederschlägt, ist völlig offen.

Auftritte und Konzerte sind jedenfalls erst mal nur im kleinsten Rahmen gestattet, Großveranstaltungen wie schon länger angekündigt bis zum 31. August passé, mindestens. Das NRW-Kulturministerium hat gestern schon mal vorsorglich verkündet: Der Theater- und Opernbetrieb großer Häuser (das meint auf jeden Fall die mehr als 20 Stadt- und Landestheater) wird hier nicht vor dem 1. September wieder aufgenommen. Kleinere Häuser können zwar vorher schon mal gucken, was geht, aber zwischen zwei Besuchern aus verschiedenen Haushalten müssen auch dort stets zwei Sitze frei bleiben. Der Münchner Volkstheater-Intendant Christian Stückl lässt sogar drei Lehnen leer und hat dazu gleich jede zweite Reihe einfach ausgebaut.

Ein Viertel der Plätze ergibt kein Geschäftsmodell

In den meisten Fällen bedeuten die geltenden Hygieneschutzbestimmungen eine Reduzierung der verkäuflichen Plätze – sprich: Tickets – um 70 bis 80 Prozent. Damit lässt sich das übliche Kulturleben der Republik aber nicht finanzieren, jedenfalls im bisherigen Preisgefüge. Der Bundesverband der Musikwirtschaft hat deshalb schon ein Hilfspaket gefordert. Umfang: Eine halbe Milliarde Euro. Mit anderen Worten: Es sieht schon nicht gut aus für die großen staatlichen Häuser, für viele mittlere wie kleine Theater und für alle anderen privaten Veranstalter erst recht nicht. 

In dieser Situation bräuchte es starke Arme, die nicht nur Musik und Darstellendem Gewerbe unter ihre schwachen greifen. Stattdessen singen Moni und die Machtlosen, also die Kulturstaatsministerin in Berlin und ihr schwachbrüstiger Backgroundchor in der Kulturministerkonferenz der Länder, aber nur immer weiter die traurige Ballade vom rettenden Schirm, der sich für die Kultur einfach nicht öffnen will. Als zweite Solostimme im Refrain kündigt NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen mantraartig „nrw-spezifische Lösungen“ an, wenn die angeblich „heftigsten Verhandlungen“ mit dem Bund (meint: Bundesfinanzminister Olaf Scholz) zu keinem Ergebnis kommen. Das Stück ist jetzt sechs Wochen auf der Playlist, doch in den Hitparaden der Parlamente von Ländern und Bund tut sich bislang: genau nix! So lernen Grütters und ihre Combo von der traurigen Gestalt, was Musikredakteur*innen landauf, landab schon immer wissen: Aus einem schlechten Song wird nie ein Hit, man kann ihn noch so häufig spielen.

Ist das Kunst? Dann kann das weg!

Die traurige Wahrheit ist: Die Kultur(-wirtschaft, im weitesten Sinne) und die Gastronomie (außer den Restaurants) stehen jetzt als letzte einsam und verlassen im tödlichen Regen des bösen Virus. Die Kommunen – außer den paar Krisengewinnlern der München-Monheim-Gruppe – werden schon bald nicht nur an, sondern auch über die Grenzen ihrer finanziellen Möglichkeiten gehen müssen, um den Laden auch nur einigermaßen am Laufen zu halten. Schien noch vor kurzem der lang ersehnte Altschuldenfonds (endlich) erreichbar, müssen nun sogar wieder neue Großkredite her; Gutachten von ifo-Institut und Deutschem Städtetag malen tiefschwarze Zukunftsbilder an die Wand. Das wird am Ende natürlich massiv zu Lasten der Kultur gehen, die wie der Sport zu den Freiwilligen Aufgaben der Städte und Gemeinden zählt. Dann lautet das Motto wieder: „Ist das Kunst? Dann kann das weg!“ Und die Länder werden sich an dem Punkt wie immer ganz stiekum wegducken. In NRW wird das Motto dann lauten: „Mein Name ist Laschet, ich weiß von nichts!“ (So hatte das schon sein Vor-Vorgänger Jürgen Rüttgers katatstrophal praktiziert, in dessen Kabinett Laschet Integrationsminister war).

In diesem Moment täten der Kultur ein paar stimmgewaltige Fürsprecher*innen besonders gut. Doch ausgerechnet jetzt tritt auch noch der Erste Tenor des Hohen Hauses von der Bühne ab, und zwar mit Pauken und Trompeten: Am Tag der großen Öffnungsarie hat SPD-Bundestags-Haushälter Johannes Kahrs seiner mützenichen Sozialdemokratie-Intendanz die Brocken vor die Füße geworfen. Weil das so gar nicht unausweichlich war, kann man noch nicht mal von einer „Tragödie“ im engeren Sinne sprechen – eine tragische Note hat es allerdings: Kahrs, der Kultur-Berichterstatter seiner Fraktion im Finanzausschuss war, geht just in dem Moment, in dem sich seine Dauerrivalin im Kulturmillionenroulette Grütters schweren Herzens entschieden hatte, für den nicht nur vom Deutschen Kulturrat nachdrücklich geforderten Kulturinfrastrukturfonds zusammen mit ihm einfach auf Rot und Schwarz zu setzen.

Die Kultur – ein Opfer der politischen Triage?

Das hätte – in Anlehnung an das berühmten Marshall-Vorbild – ein echter Monika-Plan werden können: Das coronare Meisterstück einer Staatssekretärin im Kanzleramt, die sich in der größten Not als krisentaugliche Kulturstaatsmanagerin erweist. Diese Chance ist nun wohl dahin (auch wenn man von Berliner Fluren hört, sie habe sich jetzt mit Finanzminister Scholz auf ein Programm geeinigt, aber der sie aber nicht den Applaus einheimsen lassen wolle). So könnte ausgerechnet der Abgang des von vielen ungeliebten, aber enorm einflussreichen SPD-Strippenziehers Kahrs zum letzten Mosaikstein im bleibenden Bild einer stets mächtig scheinenden, aber im Ernstfall machtlosen Monika Grütters werden. Das wäre in der Tat nicht ohne eine gewisse Ironie (angesichts ihrer Leistungen für die Kultur bisher allerdings auch ungerecht).

Das Corona-Virus hat nicht nur Zigtausende Menschen in Deutschland infiziert, sondern – ich zögere zu schreiben: „im übertragenen Sinne“ – auch den Staat. Im Moment sieht es zum Glück zwar so aus, als käme er noch mal davon, weil seine Ressorts und Sektoren notfallmedizinisch versorgt werden können. Nur für die kreativen Branchen (und das deutsche Kneipenwesen!?) scheint am Ende kein Intensivbett mehr frei zu sein. Und wenn nicht doch im letzten Moment von irgendwoher ein Beatmungsgerät durchs Land gerollt wird, werden die Ärzte in den Städten und Gemeinden wohl schon bald eine jüngst noch rüstig wirkende Patientin auf den Bauch drehen: Die Freie Kulturszene als erster und vielleicht einziger Triage-Fall der Pandemie in Deutschland. Nur Boris Palmer würde vermutlich sagen, die hätt’s doch eh nicht mehr lang gemacht!

… und sonst:

EXTRA! Der coronare Kulturforderkatalog:

Zur Ablenkung mal eine Empfehlung fürs Auge: Die Düsseldorfer Sammlerin Julia Stoschek stellt alle 860 Werke ihrer weltweit renommierten Medienkunstsammlung online – dolle Sache!

Und eine fürs Ohr: The Missing Sounds of New York

Zum Schluss ein Versprechen: Nächste Woche gibt’s auch wieder coronafreie Meldungen!

Foto: (c) der kulturpolitische reporter

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Zur Kenntnis … ganz ohne Kioskstaatsministerin

Um die Corona-Hilfe des Bundes für Solo-Selbstständige, Freiberufler*innen und Kleinunternehmer*innen ist ein heftiger Streit entbrannt. Das betrifft auch Zehntausende von Künstler*innen und viele weitere Kulturschaffende. Es geht vor allem um die Frage, ob das Geld auch für den persönlichen Lebensunterhalt genutzt werden darf. Bayern will deshalb jetzt unbürokratisch 1000 Euro monatlich auszahlen.

Die 16 Länder, wo das Programm des Bundes administrativ abwickelt wird, hatten gerade in den ersten Tagen der Antragstellung die Verwendungszwecke für die Gelder nicht einheitlich gehandhabt. So galt in NRW auch die private Lebenshaltung ausdrücklich als zulässig, inklusive Wohnungsmiete, Versicherungen usw. Seit dem 1. April ist dieser Passus jedoch von den Antragswebseiten gelöscht. Der Bund besteht auf einheitlicher Verwendung seiner Mittel, und im Beschlusspapier zur Corona-Hilfe ist tatsächlich explizit von „wirtschaftlicher Existenzsicherung“ die Rede. Das meint konkret aber nur berufliche bzw. gewerbliche Kosten wie Laden- oder Ateliermieten, Leasingraten, Materialkosten etc.

Parallel zu diesem Hilfsprogramm hat der Bundestag auch erleichterten Zugang zum Arbeitslosengeld II beschlossen. Das nennt sich offiziell Grundsicherung; besser bekannt und berüchtigt ist es als Hartz IV. Antragsteller müssen bis auf Weiteres das eigene Vermögen faktisch nicht offenlegen. Dazu übernimmt der Staat jetzt (zumindest bis Ende September) die Mietkosten in voller Höhe.

Wirtschaft für Wirtschaft, Soziales für Menschen

Hinter diesen beiden Beschlüssen verbirgt sich die generelle Systematik des deutschen Sozialstaates: Das Arbeits- und Sozialministerium ist für die Sicherung des Lebensunterhaltes von Menschen zuständig, die in Existenznot geraten sind. Das Wirtschaftsministerium dagegen fördertUnternehmen bzw. deren Fortbestand, auch in einer Krise wie dieser. Nun sind Künstler*innen zwar unternehmerisch tätig, finanzieren von ihren „Gewinnen“ aber eben keine hohen Betriebskosten, sondern oft bloß gerade so eben ihr zudem vielfach bescheidenes Leben. Wer das in diesem Land aber nicht mehr kann, muss den Gang zum Jobcenter antreten, um die Grundsicherung zu beantragen.

Zu dieser Ausgangslage gesellen sich ein paar akute Sonderphänomene. In NRW zum Beispiel ist eine temporäre Zwei-Klassen-Gesellschaft entstanden: Wer vor dem 1. April die Bewilligung der Soforthilfe des Bundes erhalten hat, kann auf die Zulässigkeit der Verwendung für die persönliche Lebenshaltung pochen. Die stand ganz offiziell in den Erläuterungen zum Programm, und das kann nach deutschem Verwaltungsrecht nicht rückwirkend geändert werden. Spätere Antragsteller*innen gucken jetzt allerdings in die Röhre. Am 8. April gab es deshalb einen Vorstoß der Länder, um die Bundesregierung zu einer Aufweichung der Bedingungen im Sinne aller Betroffenen zu bewegen. Darauf hat Berlin bis heute nicht geantwortet, jedenfalls nicht offiziell.

Bayern macht Druck auf NRW (ungewollt!?)

Am vergangenen Freitag schlug Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart dann eine Optionslösung vor (ab 14’00): Entweder man bestreitet seine Lebenshaltung aus dem 9000-Euro-Paket oder nimmt die Grundsicherung in Anspruch. Am heutigen Montag kündigte Bayerns Ministerpräsident Söder nun an, den bayerischen Mitgliedern in der Künstlersozialkasse (KSK) bis auf Weiteres 1000 Euro monatlich zukommen lassen zu wollen. Das klingt ein bisschen nach dem viel beschworenen Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE), ist es aber natürlich nicht. Denn wer in der KSK Mitglied ist, muss nachweislich hauptberuflich als Künstler*in oder in kunstnahen Berufen wie der Vermittlung/Lehre tätig gewesen sein. Kulturschaffende, die aus welchem Grund auch immer nicht in der KSK sind, erhalten die 1000 Euro demnach nicht – bedingungslos klingt irgendwie anders (mancher bekäme übrigens aus der Grundsicherung in ihrer aktuellen Ausgestaltung sogar deutlich mehr; auch das gilt aber längst nicht für alle).

Wie es scheint, hat Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) also den Poker um die Sonderhilfe für Kreative gewonnen, weil Markus Söder (CSU) in München nicht länger auf ein Berliner Einlenken warten wollte. Das erhöht jetzt den Druck auf das größte Bundesland Nordrhein-Westfalen, zumal auch Baden-Württemberg Freiberufler*innen im Soforthilfe-Programm 1180 Euro monatlich für den Lebensunterhalt gewährt. Das in NRW eigens aufgelegte Programm zur Unterstützung von Künstler*innen (max. 2000 Euro p.P.) war nur mit fünf Millionen Euro ausgestattet. Dieser Topf ist längst leer, rund 3000 Personen bekamen Geld – mehr als 13.000 weitere Antragsteller gingen leer aus. Dabei hatte Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen noch Anfang April erklärt (zweiter Gesprächstake), sie werde die landeseigene Hilfe „erst mal weiterfahren“, auch vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit dem Bund um die Verwendung der 9000-Euro-Soforthilfe.

Tatsächlich gab es jedoch schon zu diesem Zeitpunkt deutlich mehr Anträge als Mittel zur Verfügung standen. Am 9. April verkündete eine schlichte Pressemitteilung, die fünf Millionen seien jetzt vollständig verausgabt, das Programm beendet. Den offenkundigen Widerspruch zu ihrer Fortführungsankündigung wenige Tage zuvor konnte oder wollte die Ministerin auch auf Nachfrage nicht aufklären.

Geld für Kioskbetreiber – ganz ohne Kioskstaatsministerin

Und was sagt eigentlich die Kulturstaatsministerin Monika Grütters in Berlin zu all dem? Sie gibt im Moment serienweise Interviews, zuletzt im ARD-Morgenmagazin und sogar dem Kollegen Jörg Häntzschel in der Süddeutschen Zeitung (der mit einem präzisen Porträt der Machtpolitikerin Grütters 2018 schwer bei ihr in Ungnade gefallen war). In all diesen Gesprächen verkauft sie in der Krise tatsächliche Selbstverständlichkeiten als persönlichen Erfolg ihres Einsatzes für die Kultur. Die Bundesregierung unterstütze nämlich die Künstler*innen wie die gesamte Kultur- und Kreativwirtschaft in bisher ungekanntem Ausmaß. Das stimmt sogar – aber nur, weil die Betroffenen formal halt zu den Soloselbstständigen und Freiberuflern im Land zählen. Deshalb bekommen sie auch die besagten 9000 Euro vom Bund (ohne dass viele damit etwas anfangen können). Doch dieses Geld kriegen auch alle Kioskbetreiber*innen zwischen Kiel und Konstanz – und das ganz ohne eine eigene Kioskstaatsministerin in der Bundesregierung.

An diesem Punkt wird mal wieder deutlich, was Künstler*innen oft nicht recht glauben wollen: Ihre Arbeit ist für den Kulturstaat Deutschland (so definiert er sich in Artikel 35 des Einigungsvertrages selbst) zwar konstitutiv, aus wirtschaftspolitischer Perspektive aber nichts Besonderes. Sie zählen schlicht zu den Millionen Soloselbstständige*n und Freiberufler*innen im Land. Allein deshalb wird es weder in der aktuellen Krise noch auf lange Sicht ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) für Künstler*innen geben.

Dieser Text ist etwas länger geraten, und dabei habe ich noch gar nicht den coronaren Digital-Hype in der Kultur thematisiert. Interessant wird sein zu beobachten, was aus dem vielen Theater(!) im und ums Netz auf Dauer wird. Die einen sehen eine schöne neue Welt umfassendster Virtualisierung heraufziehen. Andere fragen sich, wer das ganze Zeugs (nicht im Sinne Heideggers) eigentlich angucken soll, während alle damit beschäftigt sind, ihr eigenes zu streamen (Lesetipp: Tolle Betrachtung von Christian Rakow bei nachtkritik)

Ich selbst bleibe skeptisch, aber wie stets guter Dinge. Bleibt ihr und bleiben Sie alle weiterhin gesund!

… und coronoch:

Foto, mit ganz herzlichem Dank an die nachtkritik-Kolleg*innen: (c) Georg Kasch

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Zur Kenntnis … mit Karl, Kunst und Kontingenz

Von Journalist*innen wird – mit Recht – der Einsatz des Wortes im Sinne von Information, Einordnung und Kommentar erwartet. In wenigen Monaten vollende ich in genau diesem Sinne tatsächlich mein 30. Berufsjahr (das war alles ganz anders geplant, weiß Gott).

Ich habe in dieser Zeit schon einige Phasen miterlebt, in denen es nicht leicht fiel, die richtigen Worte zu finden. Am Tag der Wiedervereinigung, beim Brandanschlag in Solingen, als Kurt Cobain starb und natürlich zu 9/11. Trotzdem ist es meist irgendwie gelungen, rede ich mir jedenfalls ein. Doch jetzt, in diesen Tagen der Turbulenz, bleibe ich oft stumm, und zwar gerade wegen des permanenten Geschnatters. Oft denke ich an den großen Karl Valentin, der fast ein Jahrhundert vor der Erfindung Sozialer Medien den fantastischen Satz geprägt hat: „Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.“ Bei polisphere News stieß ich nun auf eine Anekdote, die Valentins Bonmot ganz aktuell verdichtet.

Der Titanic-Autor Clemens Oettle hatte vor gut drei Monaten einen erst mal einfach nur guten Gag gemacht. Er schrieb auf Twitter:
„Die Idee einer Minderheitsregierung in Thüringen ohne die Linke ist echt ein guter Ansatz, lieber Herr @MikeMohring, aber wenn Sie die Satiriker hierzulande endgültig überflüssig machen wollen, dann muss bitte auch die FDP mit ihren 5% den Ministerpräsidenten stellen.“
Wohlgemerkt, das war am 31. Oktober. Vergangenen Mittwoch um 14.03 Uhr fielen Oettle dazu nur noch fünf schmale Worte ein: „Das darf nicht wahr sein“. Er selbst hatte ja längst alles gesagt.

Seit ich mich professionell journalistisch mit Kulturpolitik beschäftige, wird mir immer wieder mal – meist im im privaten Rahmen – die Frage gestellt, was eigentlich Kunst sei. Meine Antwort fällt je nach Publikum anders aus. Bei einer bestimmten Klientel lautet sie aber stets: „Kunst ist ein Ausdruck von Kontingenz mit den Mitteln der Ästhetik.“ Ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet die Satire eines Tages den Beweis für diese eher steile These liefern würde. Und ganz ehrlich: Ich hätte sehr gern darauf verzichtet.

… und sonst:

Terminhinweis 1: Alle Jahre wieder im Februar ist … nee, nicht Karneval, sondern das kulturpolitische Klassentreffen in Loccum. Dieses Mal zum Umgang mit dem Rechtspopulismus.

Terminhinweis 2: Sicherheitstagung des Deutschen Museumsbundes (oder auch: „Die Folgen von Dresden“) am 19. März in Berlin (Programm folgt – musste ja schnell gehen ;))

Foto KAP1Lab: (c) Michael Gstettenbauer/Stadt Düsseldorf

 

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Zur Kenntnis: Nebelkerzenweitwurf im Januar

„Zwischen den Jahren“ ist so ein bisschen wie „Sommerloch“: Es lassen sich Themen öffentlich platzieren, die sonst eher keinen interessieren. So schickt man ins Biotop der unmittelbar Betroffenen zwar ein sehr deutliches Signal, ansonsten versendet sich die Sache aber. Und wenn dann der Normalbetrieb wieder einsetzt, ist eh schon die nächste Sau durchs mediale Dorf unterwegs (wunderbar dazu: der „Empörungszyklus“ auf Twitter).

So wäre es fast auch dem angeblich noch offenen Standort des „Deutschen Fotoinstituts“ ergangen. Ob das wirklich nach Düsseldorf komme, stehe nämlich längst nicht fest, behauptete Kulturstaatsministerin Monika Grütters kurz nach Weihnachten in einem Gespräch mit der Deutschen Presse Agentur. Sie sei sich mit NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen darin einig, dass den Ergebnissen der von ihr eingesetzten Fachkommission unter Leitung des renommierten Experten Thomas Weski nichts vorweggenommen werden dürfe.

Blöd bloß, dass die Entscheidung über den Ort tatsächlich sehr wohl gefallen ist: Der Bundestag hat im Dezember einen Haushalt für 2020 beschlossen, in dem auch insgesamt 41,5 Millionen Euro für ein „Deutsches Fotoinstitut Düsseldorf“ enthalten sind (die Originalunterlage aus der Bereinigungssitzung des Haushaltsausschusses am 14. November liegt dem Autor dieses Blogs vor). Einzige Bedingung: Ko-Finanzierung durch das Land NRW. Die hat der nordrhein-westfälische Landtag noch im Dezember ebenfalls beschlossen. Mit anderen Worten: Sack zu – das Institut wird in Düsseldorf errichtet.

Experten für den Inhalt, nicht den Ort

Von dieser Entscheidung unberührt bleibt die Arbeit jener Expertenkommission, die Grütters mit inhaltlich gutem Grund im vergangenen Juli eingesetzt hatte. Sie soll unter Führung des international renommierten Berliner Kurators Professor Thomas Weski nämlich „Struktur, Aufgaben und Funktionen einer solchen Einrichtung […] definieren“, so steht es jedenfalls in der Pressemitteilung dazu. Ausgerechnet vom Standort ist da aber gar keine Rede, und entsprechend läuft Grütters‘ Argument, den Ergebnissen der Kommission dürfe nicht vorgegriffen werden, völlig ins Leere. Daran ändert auch die dick auftragende, aber inhaltlich reichlich dünne Themenseite der Süddeutschen Zeitung von heute nichts (noch nicht jetzt auch online).

Einigermaßen verschnupft, wenn man zwischen den Zeilen lesen kann, reagierte übrigens NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen auf den etwas durchsichtigen Versuch ihrer Berliner Amtskollegin, sie für die eigene Agenda zu vereinnahmen (vielleicht doch Dresden? Oder … Berlin? Oder bloß einen Katzensprung weg vom Rhein, nach Essen?). „Für die inhaltliche Planung und Ausgestaltung des Instituts“, ließ Pfeiffer-Poensgen sich Anfang vergangener Woche zitieren, warte man auf die Studie der Experten, um sich dann „mit Bund und Stadt Düsseldorf auf ein abschließendes Konzept zu verständigen“. Das klingt nicht wirklich nach einem engen und vertrauensvoll abgestimmten Vorgehen zwischen Berlin und Düsseldorf. Ganz ähnlich äußert sich auch Andreas Gursky in einem aktuellen Spiegel-Interview (aus dem Jörg Häntzschel im oben verlinkten SZ-Artikel die ziemlich steil konstruierte These ableitet, der Starfotograf werbe vor allem im eigenen Interesse um die Einrichtung).

Alle Jahre wieder: Grütters vs. Haushälter

Tatsächlich steckt hinter der angeblichen Standort-Kontroverse aber mal wieder das Dauer-Scharmützel zwischen der Kulturstaatsministerin im Kanzleramt und den Haushältern im Bundestag, allen voran dem Sozialdemokraten Johannes Kahrs. Letztere hatten bei der alljährlichen „Bereinigungssitzung“ im November erneut zahlreiche Kulturprojekte durchgewunken, die nicht im Etat-Entwurf der Regierung standen. Dieses Mal sage und schreibe 81, und darunter gleich drei größere Bauvorhaben in NRW: Das OWL-Forum in Herford, das Migrationsmuseum in Köln und eben jenes „Deutsche Fotoinstitut Düsseldorf“. Monika Grütters mag es – aus nachvollziehbaren Gründen – allerdings gar nicht, wenn die Abgeordneten sie vor vollendete Tatsachen stellen (und manchmal auch ganz bewusst ärgern, wie bei der Angelegenheit Freiheits- und Einheitsdenkmal vs. Historischen Kolonaden).

Zu befürchten ist deshalb, dass sich der aktuelle Zwist zwar nicht mehr auf die Standortentscheidung auswirkt, aber trotzdem langfristige Folgen hat: Die Frage, wer in welcher Höhe die späteren Betriebskosten der Einrichtung trägt, ist bislang nämlich gänzlich ungeklärt. Grütters hatte in früheren Erklärungen zum Fotoinstitut stets auf das Deutsche Literaturarchiv in Marbach als Vorbild abgehoben. An dessen laufendem Betrieb beteiligen sich der Bund und das Land Baden-Württemberg zurzeit mit jeweils 45 Prozent – die übrigen 10 Prozent kommen von regionalen Körperschaften, Spenden und weiteren Einnahmen.

Gut möglich, dass die Kulturstaatsministerin sich beim Unterhalt des „Deutschen Fotoinstituts Düsseldorf“ also erst mal gehörig zieren sowie umständlichst bitten lassen wird, doch bitteschön das nötige Scherflein des Bundes beizutragen. Aber vielleicht sitzt ja auch schon ganz anderes Personal an den Kabinettstischen mit Rhein- und Spreeblick, wenn diese Frage zu entscheiden ist. Politische Macht – das vergisst man in Zeiten der Ewigen Kanzlerin Angela Merkel leicht – gibt es schließlich immer nur auf Zeit.

… und sonst:

 

Grafik des Initiativ.Entwurfs für das Deutsche Fotoinstitut Düsseldorf: (c) Projektschmiede

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Zur Kenntnis … das vorweihnachtliche Füllhorn

Das Herz der meisten Künstler*innen schlägt links – aber das Herz der Linken schlägt oft nicht sooo sehr für die Kunst. Das gilt gerade in NRW, wo Hannelore Kraft als bislang letzte SPD-Regierungschefin sieben lange Jahre ihre ganz persönliche Kulturferne an exponierter Stelle bewies. 2017 konnten CDU und FDP dann (auch deshalb) die Landtagswahl gewinnen.

Unter Ministerpräsident Armin Laschet erfahren Kunst und kulturelles Leben wieder eine deutlich größere Wertschätzung: Er bildete ein Ministerium für Kultur und Wissenschaft, an dessen Spitze steht mit der parteilosen Isabel Pfeiffer-Poensgen eine exzellent vernetzte Frau mit Jahrzehnte langer Erfahrung. Der Kulturetat des Landes soll bis zum Ende der Legislaturperiode 2022 laut Koalitionsvertrag um 50 Prozent erhöht werden. Dieses eh schon ambitionierte Ziel wird allerdings vermutlich sogar übertroffen, wenn die Regierung die Kulturausgaben im bisherigen Tempo weiter steigert.

Gestern hat der Landtag in Düsseldorf beschlossen, die Kultur in NRW 2020 mit mehr als 275 Millionen Euro zu fördern. Das ist die höchste Summe in der Geschichte des Landes, fast 80 Millionen Euro mehr als beim Amtsantritt der Regierung vor zweieinhalb Jahren. Nach Theatern und Orchestern, der Freien Szene und den Dritten Orten, vor allem im Ländlichen Raum, werden im nächsten Jahr auch Museen, Bibliotheken und Musikschulen stärker von den Zuwächsen profitieren. Für 2021 ist dann noch ein großes Revirement der Kulturellen Bildung des Landes angekündigt, und auch dafür wird es mehr Geld geben. Jenseits dessen beteiligt sich das Land mit weiteren 100 Millionen am Bau eines Migrationsmuseums in Köln, des nationalen Fotozentrums in Düsseldorf und des OWL-Forums, der neuen Spielstätte von Nordwestdeutscher Philharmonie und Stadttheater im westfälischen Herford. Der Haushaltsausschuss des Bundestages hatte zuvor bereits überraschend ebenfalls 100 Millionen für diese drei Vorhaben freigegeben.

Die Halbzeitbilanz der Landesregierung im Kulturbereich ist mehr als respektabel, nicht nur wegen des Geldes. Entsprechend ist die Stimmung in der Szene, auch wenn gleichzeitig längst nicht alles gut ist: Weiterhin fließen mehr als 90 Prozent der öffentlichen Förderung in staatliche Institutionen, und nicht nur die Einkommen freier Künstler*innen bleiben erschreckend prekär. Ein Beispiel: Für Schauspieler*innen an städtischen Bühnen liegt das Einstiegsgehalt bei 2000 Euro brutto monatlich. Der Durchschnittsverdienst selbst erfahrener Darsteller*innen rangiert nicht weit darüber. Wir reden hier wohlgemerkt von festangestellten Akademiker*innen in staatlichen Institutionen– kein Ingenieur eines städtischen Bauamts würde für das Geld morgens aufstehen.

Im Hintergrund wartet weiteres Ungemach: Zum einen harren allerorten Kulturbauten aus Vor- und Nachkriegszeit ihrer Generalüberholung. Angesichts von Milliardengräbern wie dem Kölner Opernhaus treiben die Sanierungsfälle nicht nur Kulturdezernent*innen im ganzen Land den Angstschweiß auf die Stirn, bevor überhaupt die Arbeiten beginnen. Zum anderen fördert der Bund – das meint vor allem die Parlaments-Haushälter – seit einiger Zeit noch mehr Kultur-Neubauten. Dafür muss Berlin nämlich nur einmal Geld überweisen, das ist aus den aktuellen Steuerüberschüssen leicht zu stemmen. Der jeweilige Abgeordnete der GroKo kann sich diese Millionen vor Ort im Wahlkreis zudem gut ans Revers heften.

Weil das Grundgesetz dem Bund aber die dauerhafte, institutionelle Förderung von Betriebskosten nur für solche Einrichtungen und Zwecke erlaubt, die von „nationaler Bedeutung“ sind, bleibt das dicke Ende meist an den Kommunen hängen. So rasseln viele eh schon klamme Städte absehbar in die nächste Finanzfalle: Nehmen sie das vergiftete Geldgeschenk aus Berlin nicht an, versteht das gerade jenseits der Metropolen kein*e Bürger*in – und später versteht ebenfalls keine*r (auch nicht bei der Finanzaufsicht in den Regierungspräsidien), warum das dolle Haus jetzt Jahr für Jahr so viel kostet. Wie man’s macht, man macht’s …

… und sonst:

LESEEMPFEHLUNG 1: „Kolonialismus und Museen“ ist ja gerade Top-Topic – aber Kolonialismus in der Musik? Im Prinzip die gleiche Angelegenheit, behauptet der Komponist Sandeep Bhagwati und kann das in seinem zweiteiligen Essay „Zurückhören bitte“ ziemlich gut begründen (hier Teil 2). Dank an Marc Grandmontagne für den Hinweis!

Leseempfehlung 2: „Entrepreneurship in Museen“ heißt die eben erschienene Broschüre zum jüngst abgeschlossenen Projekt einer Gruppe von Kulturforschern. Zu der gehört auch Henning Mohr, ab Januar 2020 Leiter des Instituts für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft. Lektüre lohnt!

Zum Schluss noch meine allerbesten Wünsche für den langjährigen Hauptgeschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft, Norbert Sievers, „Mister Soziokultur“ Rainer Bode und den scheidenden Leiter des Landesbüros für Freie Darstellende Kunst, Harald Redmer. Ohne euch wäre die Kulturlandschaft in NRW und ganz Deutschland nicht, was sie ist. Eure Häuser habt ihr zum Abschied gut bestellt – viel Erfolg und natürlich Spaß beim Loslassen des alten und Ankommen im neuen Leben!

Euch und allen Leser*innen wünsche ich schöne Feiertage, einen entspannten Jahresausklang und einen guten Start in ein noch schöneres 2020. Glückauf!

Foto „Blaugrüner Ring Düsseldorf“: (c) Raumwerk GmbH

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Zur Kenntnis … im Geldregen (nicht alle)

Vorgezogene Bescherung: Die Haushälter im Bundestag haben am vergangenen Donnerstag in der „Bereinigungssitzung“ des 2020er-Etats mal wieder über 100 Millionen Euro zusätzlich in den Kulturbereich verteilt (Gesamtetat jetzt: 1,967 Milliarden). Top-Zuschlag für NRW: Das noch gar nicht sooo lang diskutierte Deutsche Fotoinstitut soll im Düsseldorfer Ehrenhof angesiedelt werden; Kunstpalast und NRW-Forum samt zugehörigem Restaurationszentrum sind gleich nebenan. Berlin stellt dafür mehr als 40 Millionen Euro bereit, das Land NRW hat bereits die Ko-Finanzierung zugesichert.

Im stets etwas zu lauten Jubel aus der Landeshauptstadt gingen weitere Entscheidungen der Haushälter an der Spree ein bisschen unter. Darunter eine kultur- und gesellschaftspolitisch bedeutendere als das „Ja“ zum Fotozentrum: In Köln wird – endlich – ein Haus der Einwanderungsgesellschaft entstehen. Der dort ansässige Verein DOMID engagiert sich dafür seit fast drei Jahrzehnten; das Land hatte ihn lange Zeit nur halbherzig unterstützt, ist jetzt aber richtig mit im Boot. Des einen Freud‘, des andern Leid: Damit sind die Pläne des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe für ein Migrationsmuseum in der Bochumer Zeche Hannover wohl endgültig vom Tisch.

Auch für die Freie Szene gibt der Bund künftig deutlich mehr aus. In das Projekt „Verbindungen fördern“ des Bundesverbands der Freien Darstellenden Künste sollen bis 2024 sogar insgesamt 15,9 Mio. Euro fließen; ebenfalls mehr Geld als im Regierungsentwurf von Monika Grütters vorgesehen geht in die Musikförderung.

Das TRAFO-Programm der Kulturstiftung des Bundes zur Transformation der Kulturlandschaft in ländlichen Räumen wird 2020 noch mal gehörig aufgestockt, außerdem kriegt das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) 20 neue Stellen, um dringend notwendige Sanierungsarbeiten an den Gebäuden der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) ins Werk zu setzen. SPK-Präsident Hermann Parzinger hatte Jahre lang vergeblich Sanierungsstau und strukturelle Unterfinanzierung beklagt; offenbar konnte erst eine kürzlich erfolgte Rüge des Bundesrechnungshofes den nötigen Handlungsdruck im Parlament erzeugen.

Schließlich wird auch noch – endlich – die „Beratende Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter, insbesondere aus jüdischem Besitz“ reformiert. Sie bekommt eine Geschäftsstelle und einen eigenen Etat. Was nichts anderes bedeutet als: An dieser außen-, kultur- und gesellschaftspolitisch sensiblen Stelle wurde 20 Jahre ohne professionelle Strukturen gearbeitet.

In meiner Heimatstadt Wuppertal hat man zwischen all dem Geprassel aus dem Berliner Füllhorn zur Kenntnis nehmen müssen, dass der Bund etwas Anderes endgültig NICHT (mit)bezahlen wird: Die Betriebskosten für das geplante Pina-Bausch-Zentrum. Stadtkämmerer Johannes Slawig kündigte an, die Stadt wolle das Zentrum nun mit kleinerem Etat realisieren. Jahrelang hatten Slawig und sein Kollege aus dem Kulturdezernat die Hoffnung (verbreitet), Berlin würde sich nicht nur beim Umbau des Städtischen Schauspielhauses zu einem Produktions- und Archivort für den internationalen Tanz beteiligen (dafür stehen bislang fast 30 Millionen Euro an Bundesmitteln bereit), sondern auch bei seinem anschließenden Betrieb. Aus verfassungsrechtlichen Gründen darf der Bund – über zeitlich begrenzte Projekte hinaus – aber nur Einrichtungen von herausragender nationaler Bedeutung institutionell fördern; die allermeisten davon sind in der Hauptstadt. Sogar die aktuell 46 UNESCO-Welterbestätten in Deutschland bekommen keine Regelförderung aus dem Bundeskulturetat.

… und sonst:

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Leseempfehlung 2: Die Zukunftsakademie NRW hat als letzten Arbeitsnachweis ein „Work Book“ für mehr Diversität der Kulturinstitutionen veröffentlicht

Leseempfehlung 3: Der Kulturwissenschaftler Michael Flohr hat seine Dissertation „Kulturpolitik in Thüringen“ digital frei zugänglich gemacht

Allerletzter Hinweis, nein, eine Bitte: Das wirklich fantastische, modellhafte, allen Akteuren der musikalischen Früherziehung nicht nur deutschlandweit zur Nachahmung empfohlene Übehaus Kray in Essen öffnet Kindern die Tür zu einem Leben, das qua Herkunft nicht für sie vorgesehen ist. Aus gesundheitlichen Gründen seines menschlichen Motors braucht es finanzielle Unterstützung. Hier steht, warum und wie. Danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Foto: (c) Projektschmiede

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