Drei Kurze: Singpause, Kulturzahlenwerk und 15 Minuten für Schäfer

Das emotionale Kulturhauptstadt-Highlight “!Sing – Day of Song” fand nach 2010 stetig nachlassendes Interesse. Kein Wunder, ohne echtes Verstetigungskonzept für eine höchstens jährliche Kurzveranstaltung. Im Juni kam so folgerichtig wie kurzfristig die Absage für dieses Jahr, und jetzt heißt es aus dem Regionalverband Ruhrgebiet, eine Neuauflage werde es 2018 geben … oder auch erst 2020. Erfahrene Eventmanager greifen sich fassungslos an den Kopf: “It’s all about Commitment”, möchte man rufen!
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Der Untergang der Kultur ist also stets nah, und wenn man das wohlige Schaudern des Feuilletonpersonals beim Entwickeln von Titanic-Szenarien für das Abendland kennt, wundert einen das auch nicht. Die darin beschworenen Eisberge sind in der Regel mehr als riesengroß, und die irreale Anmutung täuscht auch nicht: mit Faktenrecherche hat’s der Kulturjournalismus nicht so. Der prominente Sachbuchautor Steven Johnson hat sich für die New York Times mal in die Welt der – bemerkenswert vielen – statistischen Daten begeben. Ergebnis: Die Zahlen über Output, Revenue und Income von Künstlerinnen, Konzernen und Märkten sind alles andere als entmutigend, auch qualitativ. Allerdings ändern sich Bedingungen und Mechanismen. Für “die Kunst” war das schon immer gut – nur der Betrieb hat das halt nicht so gern.
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Zuletzt: NRW-Kulturministerin Schäfer möchte mit einer Online-Umfrage mehr über Lebens- und Arbeitsbedingungen von Kulturschaffenden erfahren. Der Statistiker in mir fragt sich, wozu das gut sein soll, denn das Ergebnis so einer freiwilligen Erhebung im Netz hat keinerlei Aussagewert – außer vielleicht darüber, wie gut die Aufforderung zur Teilnahme die Zielgruppe erreicht hat.  Oder die zufriedenen Internetaffinen. Oder nur die Unzufriedenen? We’ll never know …
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Drei Kurze: Zur “Unterhaltung” ins Theater, WDR-Kunstverkäufe, Sicherheit für Neue Philharmonie

  • Warum ins Theater? In Großbritannien antworten 85%: Zur Unterhaltung!
  • Gerangel um WDR-Kunst – NRW-Kulturministerin leitet Prüfverfahren ein
  • Garantie bis 2021 – Neue Philharmonie Westfalen unterzeichnet Tarifvertrag mit Bestandssicherung
Oh, oh, das wird die Diskursbehaupterfraktion des Theaters nicht gern hören: Eine Langfristbeobachtung der Londoner Audience Agency ergab, dass mehr als 8 von 10 Besuchern in der Darstellenden Kunst zunächst “Entertainment” suchen. “Intellektuelle Anregung” und “Inspiration” wurden offenbar überhaupt nur von Bildender Kunst (was im Englischen “Visual Arts” heißt, Vorsicht!) in nennenswertem Ausmaß erwartet (44/45%). Ja, klar, es ist Großbritannien und überhaupt sind die Verhältnisse hier ganz andere … das kann man natürlich glauben. Und die Erde ist übrigens eine Scheibe.
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Infos rund um die geplanten WDR-Kunstverkäufe werden von mir natürlich auch hier vermeldet – das nennt man Journalismus. Dass ich sie unkommentiert lasse, gehört aber genau so zum professionellen Umgang damit: Ich arbeite seit bald zwei Jahrzehnten für den Laden – lange festangestellt, heute freiberuflich. Natürlich habe ich auch als Mitarbeiter des Hauses eine Meinung zu Streitfragen. Aber wie es sich für Mitarbeiter gehört, äußere ich die intern.
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Nach dem ersten lokalen Theaterpakt mit den gemeinsamen Bühnen von Krefeld und Mönchengladbach Mitte des Monats hat das Land NRW nun einen weiteren Vertrag unterschrieben, der einer Kulturinstitution mehr Planungssicherheit verschafft: Die Neue Philharmonie Westfalen ist tarifvertraglich hat jetzt einen Haustarifvertrag und wurde im Gegenzug von den Gesellschaftern erst mal bis 2021 abgesichert.
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Foto: (c) Ruhrtriennale
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Drei Kurze: Steigende Kulturetats, ein Kunstkodex für NRW und Englands Lohndebatte

  • Kulturfinanzbericht – Statistiker melden starke Anstiege in jüngsten Kulturetats
  • NRW-Kunst-Kodex – Kulturministerin Schäfer kündigt Regeln für Kunst im Besitz öffentlicher Unternehmen an
  • It’s not them and us” – Zum Fringe-Fesival debattieren Englands Theater das Lohngefälle

“Bei der Kultur wird immer zuerst gespart!” Dieser Satz verliert schon mit Blick auf den Zustand der baulichen Infrastruktur in diesem Land viel von seiner Glaubwürdigkeit, und auch durch mantrahaftes Wiederholen wird er nicht wahrer. Tatsächlich sind die Ausgaben der Öffentlichen Hand für Kultur über die Jahre betrachtet kontinuierlich gestiegen: Laut eben veröffentlichen Kulturfinanzberichts des Statistischen Bundesamtes von rund 8 Milliarden in 2005 auf gut 9,5 Milliarden Euro in 2012. Das ist natürlich kein exorbitant sattes Plus, aber immerhin eins von fast 19 Prozent in sieben Jahren.
Und eventuell gab es danach sogar noch einen besonders kräftigen Satz nach oben: Der Bund und die Länder jedenfalls haben ihre Kulturfördermittel in nur zwei Jahren seit 2012 um zusammen noch mal knapp 11 Prozent erhöht – für die Kommunen liegen aus haushalterischen Gründen noch keine Zahlen vor, also ist es zu früh für ein abschließende Bewertung. So oder so: Von “zuerst gespart” kann keine Rede sein. Ein bisschen mehr Ehrlichkeit würde der Debatte ganz gut tun … und dem Selbstbewusstsein womöglich ja auch.

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Was lange währt – wird lang

Der erste lokale Theaterpakt in Nordrhein-Westfalen ist besiegelt. Die Oberbürgermeister von Krefeld und Mönchengladbach unterzeichneten mit Kulturministerin Ute Schäfer eine Fördervereinbarung über fünf Jahre. So lange erhält die gemeinsame Bühne der beiden Städte am Niederrhein einen erhöhten Betriebskostenzuschuss aus der Landeskasse. „Was länge währt, wird endlich gut“, heißt es. Manchmal wird es zwar auch einfach nur lang – aber das muss keine schlechte Nachricht sein.

Was da so lange währt, das ist das Gerede über den NRW-Theaterpakt, den Kulturministerin Ute Schäfer im Januar 2011 erstmals verkündete. Seitdem schüttet das Land 4,5 Millionen Euro zusätzlich an die städtischen Bühnen in NRW aus, zusätzlich zu den regulären 14,5 Millionen Fördermittel. Allerdings: Das in Folge der kommunalen Finanzkrise entstandene Extra muss in jedem Jahr neu vom Landtag beschlossen werden. Kein Schauspiel und keine Oper konnte also sicher sein, dass es die pro Haus mittlere sechsstellige Summe im nächsten Jahr wieder geben würde.

Damals setzte Schäfer auch eine ständige Theaterkonferenz ein, aus Intendanten und Geschäftsführern, Vertretern der theatertragenden Kommunen sowie des Städtetages und natürlich der Landesregierung. Die sollten zunächst schnell einen Verteilungsschlüssel für viereinhalb Millionen Euro jährliche Sonderzuschüsse finden, um anschließend weitere Formen von Austausch, Kooperation und Synergien auf lange Sicht auszuloten.

Von mehr als Geld war schnell keine Rede mehr

Von letzterem, also von Fragen jenseits des Geldes oder gar Antworten im konzeptionellen, im kooperativen Bereich, haben wir seitdem nie wieder etwas gehört. Um das Geld ging es dafür stets aufs Neue, und immer auf eine sehr seltsam anmutende Weise: Alle paar Jahre – 2011 ist ja nun auch schon ein Ströphchen her – wurde der Theaterpakt von Ute Schäfer wieder hervorgekramt. Mal rühmte sie die einvernehmliche Verteilung der Millionen durch besagte Theaterkonferenz, mal unterschrieb sie mit dem NRW-Städtetag ein richtiges Pakt-Papier, in dem aber auch wieder nur drin stand, was vom ersten Tag an Fakt war: Das Land gibt eben jene viereinhalb Millionen mehr für den Erhalt der Stadttheaterlandschaft aus, die Städte finden das – ach was! – super, alles weitere irgendwann in irgendwelchen Einzelvereinbarungen.

Und nun, sage und schreibe 43 Monate, eine Neuwahl und ein Kulturfördergesetz später: Eine Neuigkeit! Die erste sogenannte Fördervereinbarung zwischen einer städtischen Bühne und dem Land NRW. Fünf Paragrafen auf sieben Seiten, mit einer zwar kleinen, aber auch nicht eben unwesentlichen Änderung der bisherigen Situation für zumindest dieses eine Haus am Niederrhein: Der bereits seit 2011 gewährte Aufschlag von 338.000 Euro aus Landesmitteln (Gesamtlandesförderung ca. 1,3 Mio) wird dort nicht nur in diesem oder nächsten Jahr gezahlt, sondern vertraglich zugesichert bis einschließlich 2020. Garantiert! Im gleichen Papier haben sich die beiden theatertragenden Städte Krefeld und Mönchengladbach zudem noch einmal zu ihrer Vereinbarung bekannt, ihren gemeinsamen Zuschuss von 27 Millionen Euro bis dahin genauso stabil zu halten.

Fünf Jahre – eine Stadtheaterfinanzierungsewigkeit

Das klingt vielleicht erst mal wenig, aber: Fünf Jahre Planungssicherheit für ein Theater in zwei Städten, die bis in den Nothaushalt verschuldet sind – das ist alles andere als eine Kleinigkeit. Entsprechend erleichtert war Generalintendant Michael Grosse, nicht nur bei der Vertragsunterzeichnung in Düsseldorf, sondern schon am Morgen zuvor. Da hatte er nämlich seine Belegschaft zum Ende der Theaterferien mit der guten Nachricht überrascht. Wie man hört, war die Stimmung unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nachgerade ausgelassen.

Wenn es nach der Kulturministerin geht, sollen sich diese Szenen schon bald wiederholen: Sie nannte Bonn und Bielefeld als die nächsten Kandidaten für eine lokale Fördervereinbarung im Rahmen des Theaterpaktes. Ob es da dann auch um fünf Jahre Laufzeit geht, wird man sehen. Aber was lange währt … wird manchmal auch einfach nur lang. Das muss nicht immer gleich eine schlechte Nachricht sein.

(Dieser Kommentar ist in einer leicht veränderten Version bereits in der Sendung “Resonanzen” vom 13. August 2015 auf WDR 3 ausgestrahlt worden. Leider steht er in der Mediathek des WDR nicht zum Nachhören zur Verfügung.)

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“Drei Kurze” (15/331) – Kulturfinanzbericht D, Theaterpakt NRW, Kürzungsorgie UK

  • Verspätete Statistik – Am Dienstag erscheint der Kulturfinanzbericht 2014. Aber Vorsicht: Die Zahlen sind von 2011!
  • Späte Erfüllung? Am Donnerstag wird der erste lokale Theaterpakt in NRW unterzeichnet. Wie angekündigt … für 2011
  • “Katastrophe” erwartet – Britische Regierung kündigt Kürzung der Kultur- und Kommunaletats an

Das hat ganz schön gedauert: Vor einem Jahr hätte der letzte Kulturfinanzbericht des Statistischen Bundesamtes erscheinen sollen, aber dies, das und jenes sorgten für Verzögerungen. Der Teufel steckt zudem im Kleingedruckten: Zwar steht drauf “Berichtszeitraum 2014”, aber die Zahlen dahinter sind von 2011(!). Die Datensammlung liefert also kein aktuelles Bild der Kulturförderung in Deutschland!

Sogar noch länger musste der erste lokale Theaterpakt in NRW warten: Am Donnerstag wird Kulturministerin Ute Schäfer in Düsseldorf eine Vereinbarung mit den Städten Krefeld und Mönchengladbach unterzeichnen. Diese (insgesamt 17) Förderverträge mit den theatertragenden Kommunen waren allerdings bereits im Januar 2011 von Schäfer angekündigt worden – zusammen mit den 4,5 Millionen Euro, die das Land dafür jährlich ausgibt. Nach der Erneuerung dieser Ankündigung im Oktober 2013 wird das also der dritte PR-Termin in Sachen NRW-Theaterpakt werden – ohne irgendeine Änderung der Sachlage: Das Geld fließt bereits seit viereinhalb Jahren.

“Das gibt’s nur hier” ist ja ein geflügeltes deutsches Wort, und man möchte stets mit Humboldt antworten: “Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung jener, die die Welt nie angeschaut haben.” In diesem Sinne sollte man auch die deutsche Debatte ums angebliche Totsparen der Kultur begreifen: In Großbritannien holt die konservative Regierung nach ihrem Wahlsieg nämlich nun tatsächlich zum Rundumschlag aus – sowohl die direkte nationale Kulturförderung als auch die nationale Alimentierung der Kommunalhaushalte sollen zwischen 25 und 40 Prozent gekürzt werden. Nicht nur Theaterkreise befürchten “Folgeschock” und “Katastrophe”.

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“Drei Kurze” (15/322)

  • TTIP kulturneutral – EU-Kommission widerspricht allen Befürchtungen
  • “Aufgeregte Diskussion” – Künstlerverbände werben für Sachlichkeit beim Kulturgutschutz
  • Ein Fünftel Wahrheit – Kulturstaatsministerin schlägt 100 Mio Euro fürs Filmerbe vor
Drei Kurze, die es in sich haben: Der Vertreter der EU-Kommission in Berlin, Richard Kühnel, ist die mitunter regelrechte TTIP-Paranoia des deutschen Kulturbetriebs ganz offenbar Leid und argumentiert jetzt dagegen. Auch die von Monika Grütters Kulturgutschutzgesetzentwurf vermeintlich unters Joch geknechteten Künstler(verbände) rücken mal ein bis drei Sachen gerade. Dafür hat die Kulturstaatsministerin an anderer Stelle ein Paradebeispiel von Nebelkerzen-Weitwurf abgeliefert: Ihr Vorschlag zur Rettung des deutschen Filmerbes kommt ganz smooth daher – 10 Jahre lang je 10 Mio Euro. Dass die von PwC kalkulierten Kosten fünfmal so hoch sind (Gutachten S.16), lässt sie in ihrer Pressemitteilung aber noch smoother ganz einfach weg.
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Morbus Berolina: Bretter, die den Tod bedeuten

“Der Mann ist tot – er weiß es bloß noch nicht”. Mit diesen starken Worten begann die jüngste Pöbelei des ältesten noch reitenden Haudegens der deutschen Theaterlandschaft, Claus Peymann, gegen den Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner. Der mittlerweile 78-jährige Held des westdeutschen Polittheaters der 70er und 80er Jahre, der Erneuerer der Wiener Burg und Noch-Intendant des Berliner Ensembles ist die krawallige Speerspitze einer Bewegung, die sowohl typisch ist für den deutschen Kulturbetrieb wie für die Stadt Berlin.

Seit gut einem Jahrzehnt hat die deutsche Hauptstadt den Status einer globalen Metropole zurückgewonnen, den ihre Einwohner und vor allem ihre Meinungsführer angeblich so lange wie schmerzlich vermisst haben. An der Berufung des global geschätzten wie umworbenen Kulturmanagers Chris Dercon an die Volksbühne durch den vom ersten Tag im Amt an kritisch beäugten früheren Musikmanager Tim Renner zeigt sich: Vieles davon war Phantomschmerz.

Zum Weltstädtischen gehört nämlich die permanente Veränderung. Wer jemals London oder New York, um nur zwei – kulturell – nahe liegende Beispiele zu nennen, über einen längeren Zeitraum erlebt hat, der weiß: Weltstadt-Gewissheiten sind rar, eher Fehlanzeige. Die Güterverkehrslinie durch Manhattan wurde bei ihrem Bau von der Bevölkerung strikt abgelehnt, dann zur Hauptschlagader, später zum Schandmal, aktuell ist sie als Highline Park DER Freizeitort des Molochs und seine größte Touristenattraktion. Ob es dabei bleibt? Kein New Yorker käme auf die Idee, das vorherzusagen.

Oder das Londoner Old Vic: Es begann als Royal Coburg, später waren die Shakespeare-Klassiker unter dem legendären Sir John Gielgud das Nonplusultra der europäischen Theaterszene. Dem folgte der sogar noch legendärere Lord Laurence Olivier, doch mittlerweile läuft tatsächlich das Musical “High Society” in dem altehrwürdigen Haus. Kein Wunder, mag mancher denken, leitet es heute doch ausgerechnet ein Amerikaner aus New Jersey. Zu dessen Glück heißt der Kevin Spacey und ist zweifacher Oscar-Preisträger; in seinem eigentlichen Job als Schauspieler zeigt er der Welt in der Netflix-Serie “House of Cards” gerade, wie Politik tatsächlich funktioniert. Das Old Vic in 2025? Nur eins ist ziemlich sicher: Nicht mehr wie heute.

Frechheit: Die Welt hält in Berlin Einzug

In so einer Welt haben zwei deutsche Spezies es besonders schwer: Öffentliche Theater und Berliner. Letztere halten ihre Stadt sowieso für den Nabel der Welt, allerdings gepaart mit so einer Mark-Twain-Attitüde: “Das schönste aller Geheimnisse ist, ein Genie zu sein und es als einziger zu wissen”. Einerseits war man Jahrzehnte lang beleidigt, von der Welt da draußen nicht die gebotene Wertschätzung zu erfahren, und wo das jetzt doch endlich passiert, reagiert man genauso beleidigt darauf, weil diese Welt einen nun sogar behelligt: Jedes Jahr kommen fünf Millionen Touristen und Hunderttausend neue Bürger in die Stadt, schlimmer noch: Sie verändern sie – das ist dem Berliner nun wirklich zuviel.

Darin ähnelt er wiederum sehr dem Führungspersonal im Theater, nicht nur in Berlin. Analog zum alten Leitsatz der Empirieskeptiker – “Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast” – finden die meisten Intendanten (und es sind fast immer Männer) wie Kulturpolitiker (die auch), es könne keine gute Veränderung in Institutionen und Strukturen geben, wenn sie nicht ihre eigene Idee gewesen ist. Deshalb schmettern sie mit Peymann (der seinen Nachfolger Reese mit aussuchen durfte) und Castorf (der eigentlich ganz gern gebeten worden wäre zu bleiben) vorneweg ihre verstaubten wie ritualisierten Protestparolen von der “Eventisierung”, der “Ökonomisierung” (Achtung: neoliberal!) und natürlich der alles vergiftenden “Quote”, die zusammen am Ende das Land der Dichter und Denker dem intellektuellen Erdboden gleichmachen werden. Mindestens.

Die größte Illusion der Peymänner ist ihre eigene Relevanz

Sekundiert wird das Ganze von der immer noch westdeutsch geprägten Kulturpolitikerkaste der Stadt (in diesem Fall traurigerweise angeführt von der Kulturstaatsministerin). Gemeinsames Zielobjekt dieser rückwärtsgewandten Schießschartenmentalität ist aktuell der gern gehasste Staatssekretär, der eben kein Kind der hochkulturtragenden Bühnenbretter ist, sondern ein erfahrener wie erfolgreicher Entrepreneur der Kulturwirtschaft, Journalist, Buchautor, Poppraktiker und –theoretiker: Tim Renner.

Kern der reaktionären Allianz hinter den Kulturtempelfassaden: Peymann und Konsorten tun seit Jahren nicht nur so, als gebe es die Gesellschaft der Brecht’schen Epoche oder gar jener davor noch – sie leben offenbar auch weiter in dem Glauben, ihr Theater würde irgendwas bedeuten. Die Wahrheit ist: Außerhalb einer marginalen Gruppe in und mit dem Theater Beschäftigter zwischen Bühnenhintergrund und Kritikerlaptopmonitor sind sie vollkommen irrelevant. Keine Versicherungsangestellte, kein Sportlehrer und keine Bäckereifachverkäuferin reden – wenn sie überhaupt je ins Theater gehen – vor dem Hin- und nach dem Rückweg noch mal darüber. Und wenn, dann als Distinktionsgeschichte auf dem wochenendlichen Freundestreffen: “Wir waren ja neulich im …!” Als ob das Theater der Peymanns dieser Welt noch irgendeine gesellschaftliche Debatte anstöße oder gar bestimme – eine lächerliche, ja geradezu absurde Vorstellung angesichts der kommunikativen Realitäten im Bus, im Stau oder im Sportverein. Übrigens auch im Stadtrat, im Landtag und im DAX-Vorstand.

Tim Renner dagegen – das weiß der Peymann-Chor wahrscheinlich oder spürt es wenigstens – vertritt eine im übertragenen Sinne nicht nur existierende, sondern auch immer wieder stark blühende Arbeiterkultur: Den Pop. Mehr Proletariat, mehr Prekariat, mehr Nähe zum Volk geht kulturell gar nicht. Mehr und längere Erfahrung mit Globalisierung wie Digitalisierung übrigens auch nicht. Und aus genau dieser Kenntnis und Erfahrung tut er nun an verantwortlicher Stelle genau den Schritt, den die Kultur und vor allem die Kulturpolitiker allerorten immer bloß lautstark propagieren, aber so gut wie nie tatsächlich tun: Er verändert etwas!

Endlich passiert was, das sich nicht nur um sich selbst dreht

Mit Frank Castorf verlässt ein lange umjubeltes Mastermind einen Ort im Herzen Berlins, der sich unter den völlig veränderten Bedingungen des noch jungen 21. Jahrhunderts einen neuen Platz im Geistesleben der Hauptstadt suchen muss. Das wird mit Chris Dercon unter der Führung eines der weltweit meistgeachteten wie umworbenen Kulturmanager geschehen, der an diesem Ort seine in Jahren ausgebaute Grenzgängerei zwischen Bildender und Darstellender Kunst nun auf die Spitze treiben können wird. Ob und was ihm dabei gelingt, wird man noch sehen – so ist Kunst. Sein Team von Piekenbrock über Karmakar bis Kluge ist jedenfalls mehr als vielversprechend, und auf das mögliche Zusammenspiel mit einer ebenfalls Neuland betretenden Humboldtforums-Intendanz rund um Neil MacGregor kann man ebenfalls gespannt sein.

Am Vorabend des Bundeskongresses der Kulturpolitischen Gesellschaft im Juni in Berlin habe ich auf dem Podium die Gelegenheit genutzt, um Tim Renner angesichts der Peymann’schen Todesprophezeiung den Puls zu fühlen: Er schlug kräftig und regelmäßig. Um ihn muss man sich – vermutlich in jeder Hinsicht – die wenigsten Sorgen machen. Im Theater und in der Kulturpolitik wissen sie das bloß noch nicht.

 

(Dieser Text ist in leicht veränderter Form bereits in den Kulturpolitischen Mitteilungen 149 erschienen, dem aktuellen Quartalsheft der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V.)

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