Zur Kenntnis … Extra: Der Freie Eintritt, die AfD und ich

Heute nachmittag nehme ich zum ersten Mal als Experte an einem Fachgespräch im Kulturausschuss des Deutschen Bundestages teil. Es geht um den kostenlosen Eintritt in Kulturinstitutionen, vor allem in Museen. Hintergrund ist die für 2019 geplante Eröffnung des Humboldt Forums im wiederaufgebauten Stadtschloss in der Mitte Berlins.

Die Bundesregierung möchte dort als Modellprojekt für alle vom Bund geförderten Kultureinrichtungen auf Eintrittsgelder für die Dauerausstellung verzichten. Das hatten Union und SPD im aktuellen Koalitionsvertrag vereinbart. Mit dem Humboldt Forum wäre die voraussichtlich größte Kultureinrichtung in der Hauptstadt für die meisten Besucher kostenlos. Die Initiative dazu wird von der Fraktion Die Linke im Bundestag unterstützt; ihre Kulturpolitiker*innen haben die heutige Anhörung angeregt. Die Partei hatte in ihrem Wahlprogramm 2017 den Freien Eintritt für alle vom Bund geförderten Museen gefordert.

Das klingt natürlich erst mal super, voll gerecht, nach „Kultur für alle“ und so weiter. Kulturelle Teilhabe breiter Bevölkerungsschichten ist ein wichtiges Ziel für den modernen Kulturstaat, aber auch eine komplexe Herausforderung: Tatsächlich sorgt Freier Eintritt sogar oft für mehr Besucher – allerdings leider kaum aus dem Kreis der bisherigen Nichtnutzer. Trotz weit gefächerter Preisnach- und -erlässe lag die Zahl der (erfassten) Museumsbesucher*innen in Deutschland zuletzt recht konstant zwischen 110 und 115 Millionen. In mehr als einem Drittel der Museen in Deutschland ist der Besuch bereits kostenlos, wenn auch meist in den kleineren und so gut wie nie in Kunstmuseen.

Die Millionen mit Verstand einsetzen

Wissenschaftliche Studien – auch internationale – belegen jedoch: Gratisangebote (allein) bringen nicht viel. Zielgruppenspezifische Vermittlungskonzepte zum Beispiel gelten als deutlich wirksamer als kostenlose Angebote. Es wäre also viel sinnvoller, die geplanten Extramittel dafür auszugeben (und so nebenbei mehr hochqualifizierte Museumspädagog*innen in Lohn und Brot zu bringen).

Die fehlenden Ticketerlöse im Budget des Humboldt Forums will die Regierung nämlich durch Millionenzuschüsse aus dem Bundeshaushalt ausgleichen. Das wirft weitere Fragen auf, zum Beispiel diese: Was ist mit den Museen drumherum? Die sind ja weiterhin kostenpflichtig und werden so absehbar Besucher an das kostenlose Stadtschloss verlieren – und damit Einnahmen. Kriegen die ebenfalls mehr Geld vom Staat? Über dies und mehr werden wir heute Nachmittag im Bundestag sprechen, vielleicht auch streiten.

Eine seltsame Einladung

Dass ich zu den neun eingeladenen Fachleuten gehöre, verdanke ich allerdings einem, sagen wir mal ungewöhnlichen Umstand: Jede Fraktion im Parlament darf mindestens einen Experten vorschlagen. Meinen Namen hat – ausgerechnet – die AfD auf den gemeinsamen Einladungszettel des Ausschusses geschrieben. Das hat mich doch etwas … überrascht, in mehrfacher Hinsicht.

Wer mich, meine Arbeit und meine grundsätzlichen Positionen nicht nur in der Kultur- und Medienpolitik kennt, käme wohl kaum auf die Idee, dass irgendeine Partei rechts der Mitte mich für sich entdecken könnte – um es mal vorsichtig zu formulieren. Ich trete seit über drei Jahrzehnten aktiv für eine weltoffene und liberale Gesellschaft ein, in der jede*r seine Meinung sagen und nach seiner oder ihrer Fasson leben kann. Freiheit des Wortes, der Kunst und der Wissenschaft, Solidarität mit den Schwachen und respektvolle Verantwortung für uns, unsere Nachbarn und die Welt als Ganzes sind schon bei meinen politischen Engagements in Jugend- und Studententagen zentrale Werte gewesen. Das gilt bis heute für meine publizistische Tätigkeit, jedenfalls da, wo Meinung statt Bericht gefragt ist.

Überlegung gegen Reflexe

Ich habe also nicht nur kurz gezögert, ob ich dieser Einladung zur heutigen Anhörung folgen soll, sondern recht lange darüber nachgedacht: Darf ich meine in vielen Jahren als Fachjournalist gereiften und begründeten Ansichten zum Thema – Freier Eintritt in Kultureinrichtungen – nicht in den politischen Willensbildungsprozess des höchsten deutschen Parlaments einbringen, weil mich nichts mit der Partei verbindet, die mich vorschlägt? Ich würde am selben Ort immer das Gleiche sagen und auch nicht sagen.

Zweitens halte ich es als Befürworter der liberalen Demokratie, freiheitlichen Grundordnung und diversen Gesellschaft für ein Gebot der Stunde, noch mehr als bisher jede sich bietende Gelegenheit nutzen, um für dieses Anliegen einzutreten. Das ist für Journalisten meist „nur“ im Rahmen beruflicher Tätigkeit möglich. Andere Bühnen der Politik sind uns schon aus berufsethischen Gründen in der Regel verwehrt.

Drittens und vor allem aber würde eine Absage aus Prinzip auch einen gefährlichen Umkehrschluss ermöglichen: Die AfD müsste künftig immer nur als erstes solche Leute wie mich vorschlagen, die ihr politisch nicht nahe stehen, um auf dem Wege unserer reflexhaften Ablehnung schließlich mittelbar dafür zu sorgen, dass unsere Ansichten zumindest in derartigen Parlaments-Anhörungen seltener vertreten werden. Das wäre aus deren Sicht clever – unsererseits aber ganz schön blöd.

Die Kultur braucht mehr Frauen, Zuwanderer, Menschen mit Behinderungen

Man kann die Dinge wie so oft vermutlich auch anders sehen, ich sehe sie so wie geschildert. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, heute Nachmittag im Kulturausschuss des Deutschen Bundestages – von dem wir Experten ganz offiziell zu diesem Termin eingeladen wurden, nicht von einer einzelnen Partei – meine Positionen zu vertreten.

Dazu wird die zentrale Forderung gehören, dass dringend mehr Frauen und Menschen mit Zuwanderungsgeschichte oder mit Behinderungen in den Kulturinstitutionen tätig sein müssen. Und zwar nicht nur im Depot oder in der Buchhaltung, sondern vor allem als Dramaturg*innen, Kurator*innen, Intendant*innen und Direktor*innen. Das würde über kurz oder lang auch für eine erkennbar andere Zusammensetzung des Publikums sorgen – und zwar eine, die jedenfalls besser als bisher die Bevölkerung dieses Landes abbildet. Ich werde bald an dieser Stelle darüber berichten, wie das so ankam …

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Zur Kenntnis … am 31. Oktober

20 Jahre Beauftragte*r der Bundesregierung für Kultur und Medien: Die Feier im noch nicht eröffneten Humboldt Forum haben unter anderem Jens Bisky und Christiane Habermalz treffend beschrieben und bewertet. Ein großes Thema des Abends war auch Jörg Häntzschels Porträt der aktuellen Amtsinhaberin Monika Grütters, das am vergangenen Wochenende in der SZ zu lesen war. Die Reaktion darauf war landauf, landab weitgehend ähnlich: Natürlich hätte er noch dieses oder jenes Gute wie Kritische mehr schreiben können, aber insgesamt hat Häntzschel mit seiner Analyse der Machtausübung durch Abhängigkeiten schon Recht.

Während der Berliner Koalitionsverhandlungen zu Beginn dieses Jahres hatte ich selbst bereits eine inhaltliche Ambitionslosigkeit der Bundeskulturpolitik beklagt. Die stetig wachsenden Mittel werden verwaltet, und bei Themen wie Provenienzforschung (NS-Raubkunst, Kolonialismus), Geschlechtergerechtigkeit oder Integration geht es vor allem um die Korrektur historischer Fehler. Echter Gestaltungswille ist jenseits der Durchsetzung von Grütters‘ konservativer Grundhaltung – Christentum schützen, Kunstfreiheit hochhalten, Kultur als sozialen Schmierstoff legitimieren – nicht zu erkennen.

Das ist allerdings auch eine sensible Angelegenheit, eben wegen jener Kunstfreiheit: Die Kulturpolitik hat nicht in die Ästhetik der Kunst reinzuregieren, für die sie öffentliche Mittel beschafft. Vielleicht deshalb scheint ihr heute mehr an Repräsentations-Orten dieser Kunst gelegen zu sein als an der Förderung von Künstlerinnen und Künstlern.

Repräsentation UND Produktion fördern

Dabei wäre nichts einzuwenden gegen immer größere, schönere, strahlendere Theaterbauten, Museen und Bibliotheken – wenn die gegenwärtigen Produzenten der dort und überall sonst in öffentlichen Gebäuden und Räumen gezeigten Kunst endlich auch mehrheitlich von dieser Arbeit leben könnten. Tatsächlich aber sind die Gagen an deutschen Bühnen oder die tatsächlichen Stundenlöhne in Projekten der Freien Szene eine Frechheit. Die von den Künstlerverbänden geforderte obligatorische Ausstellungsvergütung für Schauen in staatlichen Häusern kommt in der kulturpolitischen Debatte de facto nicht vor und bleibt bis auf Weiteres eine Utopie.

Bei Lichte betrachtet müsste diese Situation übrigens ein sozial- und dadurch auch kulturpolitischer Elfmeter für die SPD sein. Doch deren aktueller Spielführerin fehlt unübersehbar das Format für die Kapitänsbinde. Als Arbeitsministerin hat sie sich zwar um die Stabilisierung der Künstlersozialkasse verdient gemacht, wie die meisten Spitzengenossen versteht allerdings auch die Parteichefin nicht, dass die Problematik dahinter jene Soziale Frage ist, die sich heute in der Mitte der Gesellschaft stellt: Wie können Kreative – nicht nur, aber oft Freiberufler – mit ihrer Arbeit Einkünfte erzielen, die zur Finanzierung von Wohnen, Familie und Alterssicherung reichen? Diese Kopfarbeiter bilden zusammen mit den Paketbotinnen, Krankenpflegern und Erzieherinnen die  „Arbeiterschaft“ des 21. Jahrhunderts. Sie wären die natürliche Zielgruppe einer „Partei der sozialen Gerechtigkeit“, nicht zuletzt dann auch wieder kulturpolitisch.

Kulturpolitik für die Zukunft? Fehlanzeige

Da Grüne wie FDP im Bund ebenfalls wenig Substanzielles anzubieten haben, sind die Aussichten angesichts der absehbar möglichen Machtkonstellationen für die kommenden Jahre allenfalls so mittel. Bei den Feiern zum 25. und 30. BKM-Jubiläum werden deshalb wohl auch wieder vor allem steigende Etats belobigt werden – allerdings nur für den Fall, dass es bis dain richtig gut läuft. Viel wahrscheinlicher ist, das sich 2023 oder 2028 alle überglücklich schätzen werden, wenn der finanzielle Status Quo überhaupt irgendwie bewahrt bleibt. Eine Konjunkturflaute (mindestens) ist ja längst überfällig; mit ihr wird nach den fetten Jahren wieder deutlich weniger Geld in den öffentlichen Kassen sein als heute. Nach großen Ideen fragt dann sowieso keiner mehr.

Der Bund ist dank der Schaffung des Kulturstaatsministeriums durch Gerhard Schröder vom Ergänzungsspieler zu einem zentralen Player der deutschen Kulturpolitik geworden. Daran waren die bisherigen Amtsinaber*innen unterschiedlich stark beteiligt; Monika Grütters hat diese Entwicklung jedenfalls monetär weit vorangetrieben. Doch wie auf anderen politischen Feldern gilt auch hier: Über die Sicherung von Macht, Einfluss und den Wohlstand der Besitzenden hinaus ist keine inhaltliche, gar eine neue Idee erkennbar, die in der Gesellschaft insgesamt eine überzeugende Kraft entfalten könnte. Für den Kulturstaat Deutschland ist das leider kein Grund zum Feiern!

… und sonst:

Foto : © Bundesregierung/Bergmann

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Zur Kenntnis … am 24. Oktober

Mir fehlen zwar nicht wirklich die Worte, aber in diesen Tagen ringe ich noch mehr als sonst um die richtigen. Vergangene Woche hat die amtierende Direktorin des Dessauer Bauhauses, Claudia Perren, ihr Einknicken vor ein paar rechten Krawallbrüdern allen Ernstes mit der Tradition des Hauses begründet. Beim Lesen der zugehörigen Pressemitteilung (nur als PDF) ist mir erst mal die Luft weggeblieben. Ich bin den Text dann noch mal Zeile für Zeile durchgegangen, um mich zu vergewissern und im wahren Sinne des Wortes zu begreifen: Das hat sie wirklich gesagt!

Jeder Mensch mit Führungsverantwortung macht mal einen kommunikativen Fehler, das passiert sogar den größten Koryphäen. Man kann in der Wortwahl daneben liegen oder im Ton, übereilt reagieren oder zu spät. Mancher meint, auch gegen jeden guten Rat einer angeblich kurzlebigen Mode trotzen zu müssen, während sich tatsächlich gerade ein Zeitenwandel vollzieht; andere wiederum springen ganz unvermittelt auf den Schnellzug des Zeitgeistes auf, obwohl der sie vermeintlich anwehende Fahrtwind nur ein Lufthauch vom offenen Fenster im Herbst war. Alles nicht schön, aber – meistens – verzeihlich.

Wer jedoch so grundstürzend und fundamental wie Claudia Perren nicht verstanden hat, was der Geist gerade jener Institution ist, der sie vorsteht; wer diesen im Gegenteil sogar öffentlich in sein Gegenteil zu verkehren sucht und dann noch als Entschuldigung dafür missbraucht, sich widerstandslos genau jener Art von Druck zu ergeben, der dem eigenen Haus schon einmal ein schändliches Ende bereitet hat, die kann das auch mit einer zwar wohl überlegten, aber neuerlich wachsweichen Antwortstrategie wie im ZEIT-Interview von heute nicht mehr zurückholen.

In einer besseren Welt würde man nun umgehend verlangen, dass Perren ohne weiteres Federlesens ihr Amt und damit jenen Sessel räumt, auf dem – jedenfalls mittelbar – einst Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe saßen. Das Bauhaus in Dessau braucht gerade zu seinem 100-jährigen Jubiläum im kommenden Jahr eine Leitung, die ohne Wenn und Aber und nicht erst auf Nachfrage zu den Werten steht, die es weit über seine Architektur hinaus zu einem geistigen Weltkulturerbe werden ließen: Offenheit, Vielfalt und Gleichberechtigung, vor allem aber die Freiheit des Geistes und der Kunst.

Mit dieser Aufgabe ist die aktuelle Direktorin ganz unübersehbar überfordert, sie wird aber trotzdem bleiben. Denn: Die Kulturstaatsministerin in Berlin ist zwar angefressen, will aber kein Führungschaos zum Jubiläumsjahr. Und der Stiftungsratsvorsitzende, Sachsen-Anhalts Kulturminister Rainer Robra, saß bei Perrens moralischer Geisterfahrt sogar auf dem Beifahrersitz. Wer sollte Sie also jetzt gehen?

… und sonst:

Veranstaltungshinweis 1: „Wonderlands – Führungspositionen in den Performing Arts“ lautet der elegant camouflierende Titel eines zweitägigen Symposiums des Frauenkulturbüros NRW Ende kommender Woche zur Geschlechterdiversität bei den Top Jobs

Veranstaltungshinweis 2: „Wie neutral sind Museen?“fragen Studierende der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Technik am 8. November auf der Internationalen Fachmesse für Museums- und Ausstellungstechnik in Leipzig. Kluger Ansatz, interessantes Programm  

Last but not least: Der international bekannteste Fotograf Pakistans und aktive Menschenrechtler Shahidul Alam ist seit bald 80 Tagen in Haft. Er hatte zuvor Studentenproteste gefilmt und Al-Jazeera dazu ein Interview gegeben. Wir haben zuletzt in Istanbul wieder erlebt, was selbst prominentesten Regimekritikern passieren kann. Unsere stärkste Waffe ist öffentliche Solidarität! Deshalb: #freeshahidul

Foto: Bauhaus-Treppenhaus:(c) Peter Grabowski

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Milchmädchenrechnung an der Museumskasse

In Nordrhein-Westfalen grassiert zurzeit ein Virus: „Freier Eintritt“. Das Fieber hat kulturpolitische Akteure auf allen Ebenen und in vielen Ecken des Landes gleichzeitig erfasst. Vor allem die Sozialdemokraten scheinen nur noch ein Ziel zu kennen: Der Museumsbesuch für junge und arme Menschen soll flächendeckend umsonst sein. Das nutzt zwar nichts, klingt aber so schön nach Gerechtigkeit und Teilhabe.

Doch so einfach, wie die (Kultur-)Politik sich das macht, ist die Sache nicht. Längst können Menschen aller Milieus und Einkommensschichten in Konzerte, Aufführungen und Ausstellungen gehen, ohne dass allzu große Hürden finanzieller oder sozialer Art im Weg wären. Viele Theater bieten eine – begrenzte – Zahl von Tickets zu Preisen im einstelligen Eurobereich, Museen kostenlosen Zugang zu ihren Sammlungen, entweder für bestimmte Tage oder Altersgruppen. Empfänger von Transferleistungen erhalten oft stark ermäßigte Karten, Kulturlogen und-listen mit ihren karitativen Kontingenten und Restkartenverteilern tun ein Übriges.

Allein: Die Umworbenen gehen auch weiterhin mehrheitlich nicht hin. Woran liegt das? Kurz gesagt daran, dass der Preis oft gar nicht die Hürde ist. Viele sogenannte Nichtbesucher-Studien belegen zwar scheinbar das Gegenteil, aber das hat einen einfachen Grund: Es ist sehr bequem, auf einem standardisierten Fragebogen „zu teuer“ oder „keine Zeit“ als Grund für das eigene Fernbleiben anzukreuzen. Werden allerdings qualitative Interviews mit den „kulturfernen“ Probanden geführt, kommen bald die wahren Gründe ans Licht: Viele kennen die Angebote der Opernhäuser, Theater und Museen gar nicht und/oder äußern – zugespitzt formuliert – die Ansicht: „Das ist nichts für mich!“

Die Hälfte der Bevölkerung bleibt konsequent weg

Kunst aller Sparten gilt ihnen als ein Vergnügen reicher und gebildeter Kreise, zu denen sich die Mehrheit der Menschen in Deutschland nicht zählt. Entsprechend liegt der Anteil der Nichtnutzer von öffentlich geförderten Kultureinrichtungen bei insgesamt rund 50 Prozent der Gesamtbevölkerung, Tendenz steigend. Und dabei überdeckt das gut genutzte Angebot der Bibliotheken noch die deutlich schlechteren Zahlen in anderen Bereichen: In einer Untersuchung für den aktuellen Landeskulturbericht Nordrhein-Westfalen gaben drei Viertel aller Befragten an, noch nie in der Oper gewesen zu sein; 78 Prozent sagten, sie gingen seltener als einmal im Jahr in ein Kunstmuseum, der größere Teil davon nie.

Mit den Kosten hat das wenig zu tun, wie man gut an den Museen beobachten kann, die bereits ganz oder teilweise gratis sind. Zwar steigt die Zahl der Besucher nach der Ein-führung, was stets als großer Erfolg gefeiert wird. In den meisten Fällen allerdings geht sie anschließend auch wieder deutlich zurück; darüber wird öffentlich nicht gern gesprochen. Am Ende pendelt sie sich üblicherweise knapp oberhalb des Ausgangsniveaus ein.

Qualitative Forschungen in ganz Europa zeigen zudem: Selbst der verbleibende minimale Zuwachs beruht weitgehend auf höherer Besuchsfrequenz jener Museumsgänger, die schon vor der neuen Preispolitik da waren; sie kommen dann öfter, dafür werden die Besuche kürzer. Ja, das belebt das Museum natürlich trotzdem. Aber: Nein, das war nicht das Ziel des kostenlosen Eintritts.

Kannibalisierungseffekte statt mehr Teilhabe

Und selbst dort, wo das Besucherplus dauerhaft aus Bevölkerungsgruppen stammt, die man in der Regel nur schlecht erreicht – Kinder und Jugendliche, Familien, wirtschaftlich schwache Milieus und Migranten der großen Zuwanderergruppen – ist dieser Erfolg bei eingehender Überprüfung oft nur einer Verlagerung geschuldet: Bei Schulausflügen, aber auch bei Stadtrundfahrten oder -gängen für Touristen, fällt die Entscheidung zwischen verschiedenen kulturellen Zielen unter dem Kostenaspekt. Kein Wunder also, dass ein Spitzenmuseum wie das Essener Folkwang seit dem Freiem Eintritt – ermöglicht durch die Krupp-Stiftung – enorme Nutzerzuwächse gerade bei Schülergruppen verzeichnet. Genauer betrachtet sind das aber nur jene, die jetzt in anderen kostenpflichtigen Häusern des Ruhrgebiets zwischen Duisburg und Dortmund fehlen.

In Berlin erleben wir gerade eine heftige Debatte um den Freien Eintritt für das im kommenden Jahr zu eröffnende Humboldt Forum. Nicht nur die umliegenden Museen befürchten Kannibalisierungseffekte, auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters sieht die Gefahren. Die Frage spaltet sogar die Führungsmannschaft der Stiftung Preußischer Kulturbesitz selbst, die das neue wie die alten Häuser maßgeblich verantwortet.

Doch besonders die SPD in NRW hält es vielerorts trotzdem für eine gute Idee, auf den Eintritt zu verzichten, jedenfalls für Unter-21-Jährige, die Sammlungen und Dauerausstellungen besuchen. Dass keine seriöse Untersuchung – eine davon hatte die sozialdemokratische Landtagsfraktion in der vorigen Wahlperiode sogar mit in Auftrag gegeben – dafür nennenswerte Erfolge im Sinne eines „Kultur für Alle“-Gedankens belegen kann, wird konsequent ignoriert.

Sozialromantik statt wirksamer Kulturpolitik

Von Tübingen über Düsseldorf bis Leipzig, von Mailand bis London, von New York bis L.A. wissen Kulturforscherinnen und -manager: Menschen, die nicht in Museen gehen – das gilt so ähnlich für alle „klassischen“ Kulturinstitutionen -, müssen mit speziell zugeschnittenen Vermittlungsangeboten angesprochen und betreut werden. Dann sind nachhaltige Erfolge durchaus erreichbar … und erst danach macht es Sinn, die neugewonnenen Museumsfreunde durch eine andere Preispolitik auch regelmäßig ins Haus locken zu wollen.

Solche substanziellen Programme kosten allerdings, weil man qualifiziertes Personal für Pädagogik und Marketing beschäftigen muss. Im Vergleich dazu nehmen sich die Einnahmeausfälle durch Freien Eintritt in Dauerausstellungen ziemlich bescheiden aus. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), der ebenfalls gerade in 18 Museen ein Gratisticket für Kinder und Jugendliche einführen möchte, rechnet mit rund 630.000 Euro entgangener Ticketumsätze pro Jahr. Das Geld soll durch eine moderate Preiserhöhung für Erwachsene und weniger kostenlose Tage für alle Museumsbesucher wieder reinkommen. Die nicht besonders hoch wirkende Summe ist für den Betrieb der Häuser nämlich erklärtermaßen unverzichtbar.

Auch LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger räumt in der Pressemitteilung zu ihren Plänen ein, dass der Freie Eintritt allein nichts bewirkt. Sie will das Gratisticket aber nicht mit mehr Vermittlungsarbeit, sondern besseren Mobilitätsangeboten ergänzen. Die sind in Ländlichen Räumen wie dem Sauer-, Münster- oder auch Lipperland tatsächlich ein Problem. Dass bislang fehlende Publika deshalb künftig in nennenswerter Zahl die Museen stürmen, wird trotzdem eher ein frommer Wunsch bleiben als eine realistische Hoffnung.

Letzte Ausfahrt: Gerechtigkeit

Was die SPD in Nordrhein-Westfalen beim Freien Eintritt zurzeit so vehement umtreibt, bleibt Kennern der Materie erst recht ein Rätsel. Auch in den Stadträten von Dortmund und Düsseldorf will man auf Teufel komm raus den Freien Eintritt beschließen, ohne fundiert sagen zu können, wofür das gut sein soll. Die Genossen im Landtag haben ihr Ansinnen zuletzt sogar mit einer besonders originellen neuen Begründung versehen: Das Gratisticket stelle bloß Gerechtigkeit her, schließlich hätten die Steuerzahler die Museen sowie die Kunst und das Personal darin ja bereits bezahlt. Nach dieser Logik müssten dort allerdings Jahr für Jahr Gewinne in Höhe der Eintrittserlöse gemacht werden – die Kosten wären ja bereits durch die öffentlichen Kassen gedeckt …

Haben Sie das gerade gehört? Das war das schallende Gelächter der rund 6300 Museums-Direktor*innen zwischen Flensburg und Passau. Es muss Galgenhumor sein, denn die SPD ist aktuell immer noch an elf Landesregierungen beteiligt. Wer aber solche Milchmädchenrechnungen aufstellt, sollte in der Kulturpolitik besser nichts zu sagen haben. Andererseits kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Partei auch an diesem Ziel gerade fieberhaft arbeitet. Vielleicht doch ein Virus?

Foto: (c) Peter Grabowski

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Zur Kenntnis … am 20. September

IFACCA ist eine zunächst nicht ganz jugendfrei wirkende Abkürzung, wenn man sie einfach so als Wort ausspricht. Dahinter versteckt sich allerdings nicht etwa eine prahlerische Porno-Plattform, sondern ausgerechnet der Weltverband der nationalen Kulturförderinstitute (International Federation of Arts Councils and Culture Agencies).

Deren Newsletter ist ein steter Quell der Horizonterweiterung, wenn man das denn will. Aktuell verweist er auf Präsentationen und Videos vom ersten Kulturgipfel für das südliche Afrika, der Ende August in Windhoek stattfand. Ich empfehle den Mitschnitt des Podiums „Das richtige Umfeld zur Förderung der Kulturwirtschaft“.

Seit dem letzten IFACCA World Summit of Arts and Culture auf Malta im Oktober 2016 kann ich sagen: Es gibt kaum Lehrreicheres und Inspirierenderes als die Begegnungen mit den vielen höchst engagierten und maximal kundigen Kulturförderern – und Künstler*innen – aus aller Welt. Immer, wenn ich bei solchen Veranstaltungen bin, muss ich an ein legendäres Bonmot von Mark Twain denken: „Reisen ist tödlich für die eigenen Vorurteile“.

Ich will deshalb versuchen, auch beim nächsten Gipfel dabei zu sein, der im März 2019 in Kuala Lumpur stattfindet. Leider ist noch nicht ganz klar, ob es wirklich klappt – but I’m lookin‘ forward!

… und sonst:

Kurzfristiger Veranstaltungshinweis: „Neue Relevanz“ heißt ein erstklassig besetztes Symposium zur Zukunft kleiner Stadtmuseen. Es findet morgen in Werne statt (ja, ja, googlet mal schön, wo das eigentlich liegt) und wird vom dortigen Stadtmuseum zusammen mit der Zukunftsakademie NRW (ZAK) veranstaltet, unterstützt vom Fonds Stadtgefährten der Bundeskulturstiftung und StadtBauKultur NRW. Spitzenthema, eigentlich auch ein Fall fürs Heimatministerium.

Mittelfristiger Veranstaltungshinweis: Der jährliche Theatermarkt der Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen (INTHEGA) findet am 15. und 16. Oktober in Bielefeld statt. Noch nie von gehört (also ich mein jetzt die INTHEGA, nicht Bielefeld)? Seltsam eigentlich, da sind nämlich immerhin 400 Kommunen Mitglied. Fast 60 % der Menschen in Deutschland leben im „Ländlichen Raum“: Vermutlich sind die bei der INTHEGA gehandelten Inszenierungen tatsächlich viel wichtiger für das kulturelle Leben der Republik als all die Volksbühnen, Thalias und Kammerspiele von Berlin bis München.

Langfristiger Terminhinweis: Ende November jährt sich die Unterzeichnung des Washingtoner Abkommens für den Umgang mit NS-Raubkunst zum 20. Mal. Dazu gibt es dann ein großes Symposium in Berlin. Titel: „Wege in die Zukunft“, organisiert vom Magdeburger Zentrum für Kulturgutverluste. ANMELDESCHLUSS dafür ist bereits der 12. Oktober. Don’t miss!

Foto: (c) Peter Grabowski
Das ist der Blick von der Terrasse, auf der ich die nächsten
drei Wochen keine Newsletter und Mails lesen werde.
Bis dahin!

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Zur Kenntnis …. nach der Sommerpause

„Seid ihr alle da? Jaaaaa!“ Na, dann los. „Summer moves on“, wie die 80er-Jahre-Pop-Heroen von A-ha sangen, und so nimmt auch der Kultur(politische) Betrieb wieder die Arbeit auf. Deshalb werde ich Sie heute mal kurz „auf Stand“ bei zumindest all jenen Nachrichten aus der Hochtemperaturphase bringen, die aus meiner Sicht so wichtig waren, dass sie auch über Tag und Ort hinaus von Bedeutung sind.

Die absolute Top-Meldung stammt eigentlich schon von Mitte Juni, aber offenbar hat sie da fast keiner mitbekommen: Unter dem Dach der altehrwürdigen Kultusministerkonferenz (KMK) soll ein „Kulturministerrat der Länder“ (KMR) eingerichtet werden. Eine gerade erst eingesetzte Arbeitsgruppe bereitet für Oktober (spätestens aber Dezember) offizielle Beschlüsse dazu vor. Treiber des Verfahrens sind der rheinland-pfälzische Kulturminister Konrad Wolf, sein thüringischer Amtskollege Benjamin Hoff sowie die sächsische Kunststaatsministerin Eva-Maria Stange.

Die hat in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „politik und kultur“ des Deutschen Kulturrates auch einen längeren Beitrag dazu verfasst. Nach ihren Worten ist die Neuorganisation der Zusammenarbeit nicht nur nötig geworden, weil die Kultur mittlerweile in jedem Bundesland anders ressortiere: Nach mittlerweile 70 Jahren des Bestehens der KMK sei wegen deren Fokus auf Schule und Hochschule die Kultur trotz der Länderhoheit immer mehr zum Randthema geworden. Etwas später formuliert Stange dann allerdings freimütig, was sie und ihre Kolleg*innen noch, vielleicht sogar vor allem umtreibt: „Wenn Kulturpolitik öffentlich nur noch über die BKM wahrgenommen wird, dann verschieben sich die Kompetenzen.“

Das passt gut zum anstehenden Jubiläum der Weimarer Verfassung: 2019 jährt sich die Gründung der ersten deutschen Demokratie samt ihrer – bereits da mittelbaren – Festschreibung der Länderkulturhoheit zum 100. Mal. Es wird spannend zu beobachten, ob dies der Ausgangspunkt einer Neuordnung und –aufteilung von Aufgaben und Verantwortungen für die Kultur innerhalb des föderalen Gefüges wird. Überfällig ist das allemal.

Mit der Wendung „Und sonst … “ geht es üblicherweise an dieser Stelle weiter. Aber weil ich heute wie angekündigt nur weitreichendere Themen anspreche, heißt es dieses Mal „Was noch im Sommer wichtig war“:

Ein Terminhinweis: Die Kulturstiftung des Bundes sucht beim großen TRAFO-Kongress in Halle nach Ideen fürs Ländliche

Noch ein Terminhinweis: Das Institut für Urbanistik in Berlin bietet einen Baukultur-Workshop an, der sich auch explizit an Mitglieder von Stadträten wendet. Ich würde mir wünschen, das gäbe es jährlich verpflichtend für die Mitglieder von Planungs- und Bauausschüssen in allen deutschen Kommunalparlamenten (für das Berliner Abgeordnetenhaus allerdings am besten monatlich)

Foto „Landeskulturbehörden in Preußen“ (c) peg; von Olaf Zimmermanns neuestem Büroausstattungselement: Eine Rolltafel mit dem Staatsaufbau der Weimarer Republik

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Er kann es nicht mehr richtig machen

Gestern hat die Ruhrtriennale 2018 begonnen, mit William Kentridges „The Head and the Load“ im Duisburger Landschaftspark Nord. Die 2018er Ausgabe des international bedeutendsten nordrhein-westfälischen Kulturfestivals ist bereits seit Wochen ein großes Medienthema. Allerdings nicht wegen des ganz vorzüglichen künstlerischen Programms: Die öffentliche Debatte entzündete sich am geplanten Konzert der Young Fathers, weil das schottische Hiphop-Trio zu den erklärten Unterstützern der israelkritischen BDS-Bewegung gehört. Das klingt zunächst eher nach einer Randerscheinung der aktuell grassierenden Empfindlichkeitsdebatten. Es geht aber um viel mehr und ist sehr komplex.

BDS steht – in der deutschen Übersetzung – für „Boykott, Desinvestition, Sanktionen“. Es handelt sich dabei um eine von mehr als 170 palästinensischen Nichtregierungsorganisationen ins Leben gerufene Kampagne. Im Gründungsaufruf vom Juli 2005 werden drei Kernziele formuliert: Das Ende der Besetzung und Besiedelung „allen arabischen Landes“ durch Israel und der Abriss der Grenzmauer, die Durchsetzung der (in demokratischen Rechtsstaaten eigentlich obligatorischen) rechtlichen Gleichstellung aller Bürger – also auch der Palästinenser mit israelischem Pass – und das volle Rückkehrrecht für alle seit 1948 vom heutigen Staatsgebiet Israels vertriebenen Palästinenser.

Diese Forderungen von BDS stehen in weitest gehendem Einklang mit dem gültigen Völkerrecht und einigen Resolutionen, die die Generalversammlung der Vereinten Nationen seit 1948 zur Palästinafrage verabschiedete. Allerdings hat sich die Kampagne im Laufe der 13 Jahre seit ihrer Gründung hochgradig ausdifferenziert. Einige regionale Gruppierungen und namhafte Aktivisten streben erklärtermaßen das mittel- oder unmittelbare Ende des Staates Israel an. Dessen Existenz als „jüdischer Staat“ ist aber ebenfalls völkerrechtlich abgesichert. Aus naheliegenden Gründen ist Deutschland ein besonders entschiedener Verfechter der israelischen Staatlichkeit.

Zur Boykott-Inititive von BDS gehören mittlerweile sogenannte „Don’t Buy“-Aufkleber, die von Aktivisten auf israelischen Waren und Geschäften angebracht werden. Das erinnert in gleich mehrfacher Hinsicht fatal an die „Kauft nicht bei Juden“-Kampagne im „Dritten Reich“. Auch deshalb hat der Deutsche Bundestag im Januar 2018 den BDS nahezu einstimmig verurteilt (bei Enthaltung der Linken). Der Antisemitismus-Beauftrage der Bundesregierung, Felix Klein, nennt die Bewegung „in ihren Methoden und Zielen antisemitisch“.

Finale Absage der Young Fathers: Ein Fest für den BDS

Vor diesem Hintergrund kam es zu erheblichem öffentlichen Widerstand gegen die Einladung der Young Fathers zur Ruhrtriennale – einem Kulturfestival, das immerhin ganz maßgeblich aus deutschen Steuergeldern finanziert wird. In der Folge hatte Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp die Band deshalb vom Festival erst aus-, nach ein paar Tagen der Überlegung aber wieder eingeladen. Begründung: Sie halte nichts von Zensur und Boykotten. Die Young Fathers haben danach selbst auf ihre Teilnahme verzichtet. In BDS-Kreisen wird diese Absage als widerständiger Akt gegen die Zensur israelkritischer Künstler*innen gefeiert. Bis zum heutigen Tag nennt Carp die Ausladung des Trios „ihren einzigen Fehler“ in der Angelegenheit.

Zu Zeitpunkt und aus Anlass des abgesagten Konzerts soll nun am Nachmittag des 18. August eine Diskussion stattfinden. Titel: „Freiheit der Künste/Freedom of Speech“. Dieses Motto ist etwas mysteriös, denn um die Freiheit der Künste geht es in der Auseinandersetzung eigentlich gar nicht. Moderiert wird die Debatte vom früheren Bundestagspräsidenten Norbert Lammert, der – als Abgeordneter aus Bochum und ausgewiesener Kulturpolitiker – auch zu den Gründungsvätern der Ruhrtriennale zählt. Auf dem Podium sitzen neben Carp sowohl die aktuelle Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen (parteilos) als auch ihr Vor-Vor-Vorgänger im Amt, Michael Vesper, in seiner heutigen Funktion als Vorsitzender des Ruhrtriennale-Freundeskreises.

Mit ihnen sollen zwei Künstler der aktuellen Ruhrtriennale-Spielzeit diskutieren: Der belgische Star-Choreograph Alain Platel und der US-Komponist Elliot Sharp. Letzterer ist der Sohn einer Holocaust-Überlebenden und selbst Jude, zählt aber wie auch Platel aber zu den Unterstützern von BDS.

Zentralrat und Botschaft fühlen sich trotz Einladung unerwünscht

Das verkompliziert die Angelegenheit erneut: Es ist nämlich kein jüdischer oder israelischer Vertreter der BDS-kritischen Seite auf dem Podium vertreten. Die jüdischen Landesverbände in Nordrhein-Westfalen wurden nach eigenen Angaben nicht angefragt, mehr noch habe die Ruhrtriennale sogar auf ihr Gesprächsangebot nicht reagiert. Stattdessen hatte Carp die israelische Botschaft in Berlin kontaktiert. Von dort gab es allerdings Absagen: Die Botschaft ließ wissen, man werde nicht das Existenzrecht Israels diskutieren. Außerdem beklagen viele jüdische Vertreter, dass die Debatte an einem Samstag stattfinde, also am jüdischen Ruhetag Sabbat. Allerdings ist mindestens unklar, ob es Menschen jüdischen Glaubens verboten ist, am Sabbat an Diskussionen teilzunehmen; außerhalb streng orthodoxer Kreise gilt eigentlich nur ein Verbot der Erwerbsarbeit, das aber auch nicht enger gefasst als beim christlichen Sonntag.

Der ganze Vorgang brachte Carp nicht nur massive Kritik aus Politik und Medien ein, sondern bereits zwei öffentliche Distanzierungen von NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen (parteilos), die auch dem Aufsichtsrat der Ruhrtriennale vorsitzt. In einer Sitzung des Kultur- und Medienausschusses im nordrhein-westfälischen Landtag Anfang Juli sollte Carp – wie eigentlich alle Intendanten vor ihr – das Programm des Festivals präsentieren. Die öffentliche Debatte um die „Young Fathers“-Ein-, Aus- und Wiedereinladung lief zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Wochen, doch Carp äußerte sich dazu in ihrem Eingangsstatement mit keinem Wort.

Dieses Verhalten sorgte für großen Unmut und kritische Nachfragen der Abgeordneten aller Fraktionen. Die Intendantin eierte anschließend – erkennbar schlecht vorbereitet – ziemlich herum und wollte sich unter anderem nicht explizit zum Existenzrecht Israels bekennen (hier das Protokoll der Sitzung als PDF). Anschließend äußerten sich die Kulturpolitiker des Landtages, ob in Regierung oder Opposition, durch die Bank „fassungslos“. Erst auf erkennbar deutlichen Druck der Kulturministerin hin reichte Carp ein solches Bekenntnis Tage später schriftlich nach, knapp formuliert und äußerlich formlos ohne offiziellen Briefkopf.

„Verweigere mich“: Carp sieht Intendanz nicht politisch

Bis heute lässt Carp in ihren öffentlichen Äußerungen keinen Zweifel daran, dass sie die Fragen und Kritik der Politik für Petitessen hält. In einem Interview mit meinem WDR-Kollegen Stefan Keim von dieser Woche erklärte sie mit Blick auf die politische Verantwortung ihrer Leitungsposition: „Teile dieser Rolle weigere ich mich auch auszufüllen“ (ab ca. 3’00). Der Ministerpräsident des Landes, Armin Laschet (CDU), hatte vor diesem Hintergrund offenbar bereits Ende Juni oder Anfang Juli entschieden, nicht nur der offiziellen Eröffnungspremiere der Ruhrtriennale am Freitag kommender Woche fernzubleiben. Er wird auch den anschließenden Empfang nicht mitausrichten, zu dem Intendanz und Landesregierung sonst traditionell gemeinsam einladen. Sein Entschluss wurde erst im Laufe dieser Woche öffentlich; in vielen Meldungen und Reaktionen ist seitdem ebenfalls von einem „Boykott“ seinerseits die Rede.

Von dieser Aktualität ausgehend möchte ich im Folgenden ein paar erläuternde Beobachtungen und Ansichten in zehn Punkten zusammenfassen. Das fällt nicht leicht, denn die Sache ist – wie der dahinter liegende Nahostkonflikt insgesamt – sehr komplex und kompliziert. Dennoch:

1. Armin Laschet „boykottiert“ die Ruhrtriennale nicht, er geht bloß nicht hin. Manchmal möchte man einfach nicht auf Menschen treffen, die man nicht mag oder auch Situationen meiden, die einen andernorts absehbar in Schwierigkeiten bringen werden. Wenn jede Geburtstags- oder auch Premiereneinladung, die man aus anderen als Zeitgründen nicht annimmt, als „Boykott“ ausgelegt würde, wären wir alle längst sehr allein.

Darüber hinaus richtet die Landesregierung wie beschrieben auch den traditionellen Empfang nicht mit aus, den es seit langem stets am offiziellen Eröffnungsabend nach der Vorstellung gab. Das ist zwar ein überdeutliches Zeichen der aktuellen Distanzierung, mehr aber nicht: Die Ruhrtriennale wird in diesem Jahr und weiterhin zum ganz überwiegenden Teil aus Mitteln des Landes NRW finanziert; meines Wissens gibt es sogar hinter den Kulissen der Kulissen keinerlei Überlegungen, daran etwas zu ändern.

2. Die Kernziele der initialen BDS-Erklärung von 2005 sind weitestgehend durch die internationale Staatengemeinschaft legitimiert und nicht etwa ein Forderungskatalog palästinensischer Extremisten oder antizionistischer Kräfte. Das darf nicht unter den Tisch fallen.

3. Zu den Aktivitäten des BDS gehört, über den Boykott von Kunst und Kultur, die explizit vom Staat Israel (mit)finanziert wird, mittelbaren Druck auf die dortige Regierung auszuüben. Unter anderem deshalb bekennen sich auch viele jüdische Künstler*innen mit und ohne israelischen Pass weiter zu BDS. Grundsätzlich sind „Boykotte“ ein völlig gebräuchliches Mittel der Politik, national wie international, im staatlichen wie im nicht-staatlichen Handeln. Im diplomatischen Sprachgebrauch heißt das meist „Wirtschaftliche Sanktionen“. Daran ist also erst mal nichts verwerflich. Das ändert sich in diesem speziellen Zusammenhang aber natürlich spätestens dann, wenn es zu den oben beschriebenen Formen kommt („Don’t buy …“). Auch die Drangsalierung oder sogar mehr von Künstlern, die aus freien Stücken in Israel auftreten wollen, ist in einer pluralen, liberalen Gesellschaft nicht hinnehmbar.

4. Das eigentliche Problem beginnt aber danach bzw. liegt dahinter: Die völkerrechtlich maßgeblichen Grundlagen des Staates Israel sind die Balfour-Erklärung von 1917 („zur Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“), das nachfolgende Völkerbundmandat von 1922 (infolge des Zusammenbruchs des Osmanischen Reiches nach dem 1. Weltkrieg) und schließlich der UN-Teilungsplan für Palästina von 1947, der kurz gefasst eine Zweistaatenlösung für Juden und Palästinenser vorsah; Jerusalem sollte inkl. Bethlehem unter internationale Kontrolle gestellt werden. Der Plan wurde nie vollständig realisiert, es gibt tatsächlich seit dem ersten Tag nach dem Ende des ursprünglich britischen Mandats für die Region im Mai 1948 mehr oder minder heftig Krieg zwischen Juden und Palästinensern um die territoriale Ausdehnung der Gebiete sowie die rechtliche Ausgestaltung des Zusammen- oder Nebeneinanderlebens.

5. Bereits diese drei Vereinbarungen/Dokumente enthalten zum Teil widersprüchliche oder sogar paradoxe Elemente. Eines der Kernprobleme besteht im Rechtsanspruch der seit 1948 vertriebenen Palästinenser auf ihren (Land-)Besitz und die israelische Staatsbürgerschaft. Das ist deshalb heikel, weil die vollumfängliche Rückkehr dieser Palästinenser und ihrer bis heute geborenen Nachkommen im per (international anerkannter) Definition „jüdischen Staat“ Israel für eine palästinensische, also in jedem Falle nicht-jüdische Bevölkerungsmehrheit sorgen würde. Das widerspräche jedoch ganz eklatant dem nationalen Grundkonstrukt wie Selbstverständnis und würde die Existenz Israels in seiner bisherigen staatlichen Form absehbar beenden (vgl. dazu die aktuelle Debatte um das israelische Nationalitätengesetz).

6. Deshalb ist für viele Juden bereits die Forderung nach uneingeschränktem Rückkehrrecht „antisemitisch“, weil sie damit implizit ihr Recht auf den eigenen Staat Israel bestritten sehen. An diesem Beispiel wird klar, wie schmal der argumentative Grat ist. Man muss das wissen, um zu verstehen, warum uns ganz sachlich scheinende Kritik an der israelischen Staatsräson einer palästinensischen Minderheit in den Augen vieler Juden viel mehr ist als das. Das Rückkehrrecht ist nur eine der vielen großen Schwierigkeiten, die in der verworrenen Geschichte des Nahen Ostens und Israels im Besonderen liegen. Alle sind ähnlich vertrackt.

7. Wer sich der universellen Gültigkeit von Menschenrechten, den rechtsstaatlichen Prinzipien und der Gleichheit aller Bürger*innen vor dem Gesetz verpflichtet sieht, kann nur eine mindestens kritische Haltung zur Politik Israels in den vergangenen Jahrzehnten haben. Und da die genauso lang existierende öffentliche Kritik bislang zu keiner Verbesserung der Lage vor allem der Palästinenser geführt hat, sind auch nach den Usancen der internationalen Politik weitreichendere Widerstandsmaßnahmen legitim. Deren konkrete Ausgestaltung ist wegen der oben erwähnten besonderen Konstruktion des israelischen Existenzrechtes allerdings eine hochsensible Angelegenheit. Deshalb lassen sie sich nicht nach Schwarz-Weiß-Mustern zu beurteilen – damit kann man nur scheitern. Für uns Deutsche ist dieser Themenkomplex besonders heikel, weil die Existenz Israels untrennbar mit unserer eigenen Geschichte verbunden ist.

8. Weil die BDS-Bewegung ausweislich ihrer wortführenden Protagonisten, den verschiedenen Ländergruppen und Tausender Einzelakteure nicht nur im kulturellen Bereich mittlerweile höchst heterogene Strategien und Ziele verfolgt, muss man also ganz genau hinsehen: Wird – auch durch Boykotte – auf legitimem Wege politischer Druck auf Israel ausgeübt, um die Einhaltung internationaler Vereinbarungen zu erreichen? Wo genau verläuft die Grenze zwischen politischem Aktivismus und rassistischem Ressentiment bis hin zu unbestreitbarem Antisemitismus?
Die ist ganz sicher überschritten, wenn der frühere Pink-Floyd-Mann Roger Waters in seinen Konzerten fliegende Schweine mit Davidsternen beklebt und sie anschließend mit einem Maschinengewehr abschießt (das berührt übrigens tatsächlich Fragen der Kunstfreiheit, die ich hier jetzt aber nicht auch noch erörtern will).

9. Stefanie Carp hatte mit den Young Fathers eine Band zur Ruhrtriennale eingeladen, deren Kunst selbst bislang keine antisemitischen Zeichen enthält, die sich aber öffentlich mit mindestens zweifelhaften BDS-Forderungen und –Akteuren solidarisiert. Das hätte nicht passieren dürfen.
In der Folge hat Carp nicht die Kraft und Balance gefunden zwischen dem völlig legitimen Bestreben, die weiter oben dargestellten Fragenkomplexe angemessen diskutieren zu wollen und gleichzeitig als Leiterin eines staatlich finanzierten Kunst-Festivals in Deutschland eine unzweideutige Haltung gegenüber Israel und den Juden einzunehmen. Das hätte auch nicht passieren dürfen. Spätestens mit ihrer Wiedereinladung der Young Fathers war da allerdings nichts mehr zu retten.

10. Gerade in diesem Jahr bietet die Ruhrtriennale ein künstlerisches Programm von enormer Qualität und Strahlkraft – vor allem dank der Kompetenzen und Kontakte der Intendantin Stefanie Carp. Weil aber auch viele der auftretenden Künstler*innen zum über Jahrzehnte aufgebauten internationalen Netzwerk der Intendantin gehören, würde eine Entlassung Carps in diesen Kreisen zu einer Solidarisierungswelle und schließlich Absage bedeutender Teile der diesjährigen Spielzeit führen. Das wäre ein kulturpolitisches Desaster für die Landesregierung, bei dem auch nicht mehr nach ehrenwerten Absichten oder politischen Zwängen gefragt würde. Deshalb lautet die Frage nun: Wie löst die Landesregierung das Dilemma an der Spitze ihres kulturellen Aushängeschildes, ohne dass der ganze Laden auseinanderfliegt? Carps Vertrag läuft immerhin noch bis 2020.

Diese Gemengelage macht den Umgang mit der vom Land finanzierten Ruhrtriennale und ihrer aktuellen Intendantin Stefanie Carp für den Ministerpräsidenten zu einer enorm diffizilen Angelegenheit – zumal Anfang September ein lang geplanter Israel-Besuch Armin Laschets ansteht. Wer in dieser Situation nach Lösungen in „Man müsste einfach nur …“-Manier ruft, hat von den verantwortungsethischen Notwendigkeiten demokratischer Regierungspolitik nichts verstanden.

Ich jedenfalls möchte nicht in seiner Haut stecken: Er kann es so oder so nicht mehr richtig machen!

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„Diskurs darf nicht bedeuten, Recht haben zu wollen, sondern Einsichten zu gewinnen und zu vermitteln.“

Ausgangspunkt dieses Textes sind Beiträge und einzelne Einlassungen meinerseits aus den vergangenen Wochen, die ich im Verlaufe sehr ernsthafter Debatten (ja, die gibt es da durchaus) auf Facebook formulierte. Mein Dank gilt u.a. Agnes Rottland, Klaus Dilger und Meinhard Zanger, außerdem den Kolleg*innen Mathea Schülke, Annette Hager, Stefan Keim, Jörg Biesler, Christoph Ullrich und Wolfgang Meyer für Aufmerksamkeit, Anregung und Widerspruch.

 

Foto aus „The Head and the Load“: (c) Ursula Kaufmann/Ruhrtriennale

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