Habemus BKM

Die Kultur gilt in der Spätmoderne gemeinhin als Ersatz für die Religion. Vielleicht schien deshalb am Donnerstagabend so etwas wie weißer Rauch über den Dächern des deutschen Feuilletons aufzusteigen: „Wir haben eine neue …“ – nein, nicht Päpstin, sondern Kulturstaatsministerin. Claudia Roth von den Grünen soll es werden, und mit weit aufgerissenen Augen wurde im Netz und den Sozialen Medien gefragt: „Wieso denn ausgerechnet die?“

Man kennt das aus TV-Nachrichten oder XY ungelöst, wenn sichtlich schockierte Menschen vor beschaulichen Einfamilienhauskulissen stehen: „Ein ganz normales Mädchen war das, freundlich und zurückhaltend – und dann sowas! Schrecklich, die armen Eltern“. So klingt es immer, wenn das vermeintlich Unvorstellbare direkt um die Ecke passiert. Just diesen Punkt haben der brutale Mord und die große Politik gemeinsam: Die meisten Menschen kennen beides nur aus dem Fernsehen. Entsprechend überrascht waren viele über die Meldung, Claudia Roth werde die nächste Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM). Dass DIE Grüne Spitzenfrau der letzten drei Jahrzehnte nicht nur eine bunt gekleidete Krawallschachtel mit einer lauten Mission in Sachen Menschenrechte ist, hatten weite Teile der Bevölkerung wie auch des Kulturbetriebes offenbar lange übersehen.

Roths Bezug zur Kultur wird zudem gern auf eine weit zurückliegende Lebensphase reduziert: Als Managerin der legendären Band Ton Steine Scherben in den noch legendäreren Achtziger Jahren. Dass sie schon vorher – in Dortmund und Unna – als Theaterdramaturgin tätig war, steht zwar sogar in ihrem Wikipedia-Eintrag, spielte in der öffentlichen Wahrnehmung ihrer Person bislang aber keine Rolle(sic!). Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, hat es als vermutlich Einziger aus dem Kreis der professionell dazu Berufenen geschafft, Claudia Roths Nominierung zu vermelden und zu würdigen, ohne ihre Scherben-Zeit zu erwähnen. Man sollte ihn mit einem Preis für die Vermeidung von Klischees und Erwartbarkeiten in der Publizistik ehren.

Roths Büro passt eher zu einer Galeristin

Einen realistischen Eindruck von Roths tatsächlicher Nähe zu Kunst und Kultur vermitteln die acht Minuten, die der im Übrigen selbst oft unterschätzteKollege Jo Schück just im September für das ZDF-Kulturmagazin aspekte fabriziert hat. Darin lässt er sich von ihr die Kunstsammlung des Deutschen Bundestages zeigen und auch ihr eigenes Büro, das zur allgemeinen Überraschung eher dem Arbeitsplatz einer Galeristin ähnelt als dem einer Vizepräsidentin des höchsten deutschen Parlaments.

Die Leidenschaft teilt Roth mit ihrer nun bald Vorgängerin Monika Grütters. Wer mit der jemals in der Stiftung Brandenburger Tor, genauer gesagt im teilwiederaufgebauten Wohnhaus des Malers Max Liebermann am Pariser Platz unterwegs war, kann davon Lieder singen. Auch der Autor dieser Zeilen wurde vor einigen Jahren von Grütters durch das Gebäude geführt. Die studierte Kunstgeschichtlerin war mehr als anderthalb Jahrzehnte Vorständin der Stiftung und kann zu wirklich jedem der zahlreichen – und nicht selten von ihr selbst ausgesuchten – Bilder an den Wänden des Hauses was erzählen, ebenso interessant wie kenntnisreich.

Die mehr als nur flüchtige Ähnlichkeit der Lebensläufe und Persönlichkeiten von Roth und Grütters führt direkt zu einer der am weitesten verbreiteten Fehlannahmen über das Amt der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Denn es ist zwar sicher nicht hinderlich für den Job, über grundsätzliche Kenntnisse des Kulturlebens oder gar des Kunstbetriebes im engeren Sinne zu verfügen – für den tatsächlichen Erfolg oder das Scheitern der Amtsinhaber*in sind aber ganz andere Kompetenzen ausschlaggebend. Das erkennt man spätestens, wenn man den political turn ins Visier nimmt, den das Amt seit der Regierungsübernahme von Angela Merkel erlebt hat.

Auch Kulturpolitik ist Politik – es geht um Mehrheiten

Zur Erinnerung: 1998 von der rot-grünen Regierung und dem frisch gewählten SPD-Kanzler Gerhard Schröder geschaffen, gab es mit dem vormaligen Rowohlt-Verleger Michael Naumann, dem Münchner Philosophie-Professor Julian Nida-Rümelin sowie der promovierten Literaturwissenschaftlerin und Kunstkritikerin Christina Weiss zunächst drei eher im intellektuellen Milieu verortete Kulturstaatsminister. Die waren zwar nicht bedeutungslos, blieben aber – vor allem mangels Vernetzung ins Parlament – ohne größeren politischen Einfluss. Das änderte sich mit der Kanzlerinnenschaft Angela Merkels ab 2005 schlagartig. Die berief zum allgemeinen Entsetzen der Kulturszene den langjährigen Bremer CDU-Vorsitzenden und Bundestagsabgeordneten Bernd Neumann in das Amt. Der tat in der Folge, was erfahrene und gut verdrahtete Politiker*innen üblicherweise so tun: Er organisierte zuverlässig innerparteiliche wie parlamentarische Mehrheiten für mehr Kompetenzen und Geld. In seiner Amtszeit wuchs der BKM-Etat um rund zehn Prozent erstmals merklich an, die von seiner Vorgängerin Weiss grundreformierte Filmförderung machte er zu seinem signature field. Nach zwei Legislaturperioden wurde Neumann 2014 Präsident der Filmförderungsanstalt (FFA); das Amt hat er bis heute inne.

Auch seine Nachfolgerin Monika Grütters hatte schon im Kulturausschuss des Bundestages gesessen und war als Landespolitikerin der Berliner CDU kontinuierlich in den engeren Machtzirkel der Hauptstadt hineingewachsen. An ihr lässt sich exemplarisch belegen, worauf es in diesem Job ankommt: Politische Erfahrung, Machtinstinkt, exzellente Vernetzung und ein direkter Draht zur Kanzlerin. Mit dieser Mischung hat Grütters den Etat der Bundeskulturförderung binnen acht Jahren um satte 60 Prozent auf heute mehr als zwei Milliarden Euro aufgestockt.

Grütters‘ kalkulierte Machtpolitik hat der Kultur in Deutschland viel gebracht

Vor allem aber hat sie den Bund in beinahe allen Diskursen und Entscheiderrunden als echtes Schwergewicht etabliert – mit ihr wurde „die BKM“ vom anfänglich ungeliebten Kind der deutschen Kulturpolitik zum Star der Familie. Das bleibt ihr Verdienst, auch wenn es manch berechtigte Kritik gibt. So wird es hoffentlich ein einmaliger Vorgang bleiben, dass eine faktische Staatssekretärin – zu allem Überfluss noch eine parlamentarische – Entscheidungen des Bundestages mit Gesetzeskraft ignoriert beziehungsweise bewusst unterläuft. Das Nationale Fotoinstitut, vom Parlament mit dem Haushaltsgesetz 2019 explizit am Standort Düsseldorf beschlossen, hat sie bislang erfolgreich verhindert; übrigens mit tatkräftiger Unterstützung einiger prominenter Kulturjournalist*innen, die wie Grütters selbst die Wahrheit in ihren Darstellungen der Vorgänge mindestens kräftig beugen. Wenn der Begriff nicht anderweitig besetzt wäre, müsste man dieses Vorgehen „außerparlamentarische Opposition“ nennen.

Mit Claudia Roth kommt nun eine langjährige Bundesparteivorsitzende und damit noch mal hoichrangiger erfahrene Politikerin ins Amt, das im kulturellen wie politischen Alltag „Kulturstaatsministerin“ heißt. Dieser Titel provoziert stets Missverständnisse, denn wie all ihre Vorgänger*innen wird auch Roth eben keine reguläre Ministerin mit Stimmrecht am Kabinettstisch sein (was Grütters‘ Leistungen umso bemerkenswerter macht). Deshalb steht sie auch keinem „richtigen“ Ministerium vor, sondern „nur“ einer Abteilung des Kanzleramtes, wenn auch mit fast 400 Mitarbeiter*innen.

Von Null auf 100: Die Pandemie erlaubt keine Schonfrist

Die üblichen 100 Tage Einarbeitung wird es für Roth allerdings nicht geben: Wieder muss die von der Pandemie schwer angeschlagene Kultur durch einen dunklen Winter gebracht werden. Grütters (CDU) war es mit den zwei NEUSTART-Milliarden gelungen, die einzigen(!) branchenspezifischen Coronahilfen des Bundes beim bisherigen Finanzminister Olaf Scholz (SPD) durchzusetzen. Eine Leistung, deren Tragweite den allermeisten Akteur*innen des Sektors nicht mal ansatzweise bewusst ist. Wird Roth Ähnliches zuwege bringen können? Der Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP sieht explizit die Fortführung der Hilfen vor. Größenordnung und Ausprägung jedoch sind offen und werden vermutlich die erste Bewährungsprobe des neuen Doppels im Kanzleramt. Der noch viele folgen werden, denn die sechs Seiten zur Kultur in der Vereinbarung der Ampelpartner strotzen vor ambitionierten Projekten: Von Mindestvergütungen für Künstler*innen und einem nationalen „Kulturplenum“ über eine zentrale Anlaufstelle „Green Culture“ und eine Bundesstiftung Industrielles Welterbe bis zu Dokumentations- und Erinnerungsorten für den Zweiten Weltkrieg und den Kolonialismus.

Doch es gibt auch Leerstellen: Das vereinbarte „Staatsziel Kultur im Grundgesetz“ wird sich im kulturpolitischen Alltag als wirkungslose Phrase erweisen (bei der Gelegenheit ein Hoch auf 20 Jahre Tierschutz im GG, mit Kastenhaltung Kükenschreddern). Zudem scheinen die Kultur und ihre Förderung für die Neukoalitionäre nur ein entweder gesellschafts-, wirtschafts- oder sozialpolitisches Projekt zu sein – zu künstlerischer Leistung, Innovation oder gar Exzellenz findet sich kein einziges Wort in dem Papier, das ja die Arbeitsgrundlage für die nächsten vier Jahre sein soll. Schließlich fehlt weiterhin das längst überfällige (Förder-)Konzept für die mittlerweile mehr als 40 deutschen Welterbestätten. Wenn das aber keine „Aufgabe von nationaler Bedeutung“ (das definiert die wenigen Zuständigkeiten des Bundes in der Kultur verfassungsrechtlich) ist, was dann?

Roth und Scholz: Kreativer Funke oder Brandgefahr?

Das entscheidende Kriterium für Roths eigenen und den kulturpolitischen Erfolg der Ampel insgesamt wird am Ende aber keine einzelne Sachfrage sein, sondern die persönliche Chemie: „Für eine erfolgreiche Kulturpolitik ist eine gute Zusammenarbeit zwischen Scholz und Roth essenziell“, sagte der Kulturrats-Geschäftsführer Olaf Zimmermann in seiner ersten Reaktion. Denn erstmals seit der Schaffung des Amtes 1998 wird die Kulturstaatsministerin ein anderes Parteibuch haben als der Regierungschef (Weiss war parteilos). Scholz hätte nur zu gern seinem langjährigen Hamburger Intimus Carsten Brosda den Job gegeben, aber die Koalitionsarithmetik und – dem Vernehmen nach – ein paar andere Faktoren bescherten dem bedächtigen Sozialdemokraten aus dem hohen Norden stattdessen das grüne Temperamentsbündel Claudia Roth aus Bayern. Ob diese brandheiße Liaison inspirative Funken sprüht oder eher für Feuer unterm Dach sorgt, werden die nächsten vier Jahre zeigen. Im Moment läuten jedenfalls noch die Jubel- und nicht die Alarm-Glocken: Habemus BKM!

… und sonst:

IN EIGENER SACHE: Am 19. November gab es auf der Art Cologne wieder ein Kölner Kunstversicherungsgespräch, das ich moderiert habe (ab Minute ’27). Nachzuschauen hier!

Foto Claudia Roth: (c) Kristian Schuller

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Zur Kenntnis: Berliner To Do-Liste, kurz

Drei Farben: Grün-Gelb! So kann das gestrige Wahlergebnis – in Anlehnung an Krzysztof Kieślowskis große Film-Trilogie aus den frühen 90ern – zusammengefasst werden. Ob der Kanzler Olaf Scholz oder Armin Laschet heißt, wird nämlich davon abhängen, auf welches politische Projekt sich Bündnis90/Die Grünen und die FDP einigen können. Erst daraus ergibt sich, paradoxerweise, welche der beiden großen Parteien die Regierung führen darf. Die steht dann vor riesigen Herausforderungen, von denen die kulturpolitischen sicher nicht zu den größten zählen. Dennoch: Drei komplexe Aufgaben müssen in den nächsten vier Jahren auf der Bundesebene gelöst werden – und die Konflikte sind bereits vorprogrammiert.

  1. »Die Kultur« muss nachhaltig werden: Das betrifft die Kunstproduktion, den Bau und Betrieb der Einrichtungen, die Organisation und Abwicklung von Festivals, Einzelveranstaltungen und Projekten. Es geht auch um die Mobilität von Kunst und Künstler*innen, Kurator*innen und Dramaturg*innen im internationalen Austausch. Die Emissionen müssen laut Klimaschutzgesetz bis 2030 um 65 Prozent oder zwei Drittel zurückgehen, gemessen am Stand von 1990. Doch auch »die Kultur« in Deutschland hat in den drei Jahrzehnten danach sogar noch mal zugelegt. Ihre Bauten sind zudem oft echte Dreckschleudern, und der globale Reisebetrieb von Akteur*innen wie Nutzer*innen verursacht massenhaft Treibhausgase. Diese Entwicklung muss sich umkehren, die Hälfte der nötigen Reduzierung schon in der kommenden Legislaturperiode geschafft werden. Das ist nur auf zweierlei Art möglich: Erstens, indem alles auf Ressourcenschonung umgestellt bzw. -gerüstet wird und bloß da, wo es gar nicht anders geht, Kompensationszahlungen als Ausgleich geleistet werden (Reisen!). Das wird Geld kosten, viel Geld, signifikant mehr Geld als heute und es kann nach Lage der Dinge nur aus der Kasse des Bundes kommen. Zweite Möglichkeit: Wir machen weniger! Weniger Aufführungen, weniger Konzerte, weniger Ausstellungen, weniger reisen, weniger bauen. Das verbraucht weniger Ressourcen und finanzielle Mittel – wird allerdings zwangsläufig Angebot und Vielfalt reduzieren und damit Zugänge, also Teilhabe erschweren. So oder werden also die Kosten pro Kunstwerk oder Kulturveranstaltung steigen! Und das nicht nur wegen des Klimas, denn …

  2. Künstler*innen müssen wirtschaftlich besser abgesichert werden. Es geht dabei nicht »nur« um Sozialversicherungsfragen, sondern um das längst überfällige Ende der Normalität prekärer Beschäftigungsverhältnisse im Kulturbereich, erst recht im staatlich finanzierten getragenen oder geförderten. Dazu braucht es verbindliche Mindesthonorare für zeitbasierte Arbeit sowie Ausstellungsvergütungen für Einzelkünstler*innen in allen öffentlichen Einrichtungen von Bund, Ländern und Kommunen. Aber natürlich müssen Künstler*innen wie alle Soloselbstständigen in den Gewerken drumherum auch endlich (besser) sozialversichert werden. Das meint sowohl eine auskömmliche Rente wie auch eine Absicherung gegen unverschuldete Zwangspausen – und nicht gegen »Arbeitslosigkeit«. Denn wann sind Selbstständige »arbeitslos«: Wenn sie keine Aufträge haben – oder nicht mehr so viele wie zuletzt? Wenn sie Aufträge hatten, deren Erfüllung aber unmöglich wurde – oder schon, wenn sie vermutlich/angeblich Aufträge hätten haben können? Bei der Regelung spielen komplexe juristische Aspekte bis hin zum Europäischen Kartellrecht(!) eine Rolle, deren Erörterung hier zu weit führt. Wie auch immer: Höhere Vergütung wie bessere soziale Sicherung für (Solo-)Selbstständige in der Kulturwirtschaft kostet ebenfalls zusätzliches Geld – viel Geld.
    Doch erst mit …

  3.  … wird es richtig teuer: Wir brauchen eine umfassende föderale Finanzreform! Bis heute sind die Hauptträger der Kulturausgaben in Deutschland die Kommunen. In Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Bundesland mit mehr Einwohner*innen als alle sechs ostdeutschen Länder zusammen, liegt der sogenannte Kommunalisierungsgrad, also der Anteil der Städte und Gemeinden an den gesamten staatlichen Kulturausgaben, bei über 70 Prozent; in den Großstädten zwischen Aachen und Bielefeld mit allein neun Millionen Menschen sogar noch mal darüber. Sie leiden – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – bis heute und weiter zunehmend unter den Folgen des industriellen wie demografischen Strukturwandels, sind oft überschuldet, weil strukturell unterfinanziert. Viele Aufgaben der Allgemeine Daseinsvorsorge, also dem zentralen Element des Gesellschaftsvertrages in der spätmodernen Gesellschaft, können nur unter größten Mühen oder schon nicht mehr erfüllt werden. Die Folgen der Pandemie werden diesen Zustand in den nächsten Jahren verschärfen.
    Damit die Menschen im Land nicht weiter das Vertrauen in die Strukturen vor Ort und damit die Demokratie verlieren, muss es einen Altschuldenfonds und eine systematische Stärkung der Kommunalfinanzen für die Zukunft geben. Bund und Länder müssen dazu größere Stücke von ihrem Teil des Steuerkuchens an die Städte und Gemeinden abgeben. Das aber wird zwangsläufig ihre eigenen finanziellen Spielräume und damit Einflussmöglichkeiten schmälern – auch im Bereich der Kultur. Doch nur so kann die in der Verfassung festgeschriebene Aufgabenverteilung auch wieder von allen staatlichen Ebenen erfüllt werden: »Kultur« ist Ländersache (und ist übrigens in allen längst »Staatsziel« – außer in Hamburg, ausgerechnet), und die Kommunen erfüllen diese Aufgabe vor Ort. Der Bund selbst ist laut Grundgesetz bzw. Einigungsvertrag eben nur für Kulturgutschutz, Auswärtige Kulturpolitik und Aufgaben von nationaler Bedeutung zuständig. Auf diesen Feldern gäbe es auch für eine*n künftige*n Kulturstaatsminister*in schon mehr als genug zu tun – zum Beispiel endlich ein schlüssiges Förderkonzept für die bald 50 deutschen Welterbestätten auf die Reihe zu bringen. Wenn das keine kulturpolitische Aufgabe von nationaler Bedeutung ist, was dann?

Diese drei großen Herausforderungen – Klimaneutralität, materielle Situation der Künstler*innen, Kommunalfinanzen – werden die Bundeskulturpolitik bis zur nächsten Wahl 2025 gut beschäftigen. Über die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, denen Deutschland wie die EU sich sogar völkerrechtlich verpflichtet haben, sowie die längst überfällige Verbindlichkeit von Geschlechtergerechtigkeit, Diversität, Digitalität, Inklusion und Teilhabe-Kriterien für Empfänger von Bundesförderungen haben wir da noch gar nicht gesprochen. Und für all das braucht es nur Disziplin, intellektuelle Kraft und Kreativität – aber keine Kulturministertitel oder Grundgesetzänderungen. Wieder Zeit und Kraft für das Wesentliche gespart. Toll, oder?

Dieser Text ist eine aktualisierte Version meiner Kolumne „kupores Quartal“ in der kommenden Ausgabe der Kulturpolitischen Mitteilungen, der vierteljährlich erscheinenden Publikation der Kulturpolitischen Gesellschaft. Den aufmerksamen Leser*innen dieses Blogs ist natürlich aufgefallen, dass es sich heute um den ersten Eintrag nach einem halben Jahr Pause handelt. Wie immer und überall gab es: Gründe.

Das nächste reguläre „Zur Kenntnis …“ mit mir wichtig erscheinenden Informationen zur Kulturpolitik folgt Anfang Oktober.

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Zur Kenntnis: Lockup … oder so

Erst macht der Buchhandel auf, dann die Museen und sogar einige Bühnen sollen noch vor Ostern Publikum haben. Der gestrige Beschluss von Bund und Ländern klingt nach dem lange geforderten Lockup für die Kultur. Faktisch ist er aber nur ein ungedeckter Wechsel auf das Infektionsgeschehen. Die geforderte Planungssicherheit gibt es weiterhin nicht – tatsächlich sogar weniger als bisher.

Bislang hieß es: Alles bleibt zu, bis die Inzidenzen stabil unter 50 sind, ab da könne es langsam wieder los gehen. In den letzten zwei Wochen wurden dann sogar namhafte Stimmen lauter, die dauerhafte Werte unter 35 oder sogar 10 zur Mindestbedingung für das Wiederanfahren des öffentlichen Lebens machen wollten. Davon war in der Ministerpräsident*innen-Konferenz (MPK) gestern keine Rede mehr; selbst die 50 sind jetzt plötzlich irgendwie teilegal. Das ist allem Anschein nach nicht rationalen Erwägungen in der Sache, sondern Landtagswahlen und vor allem ost- wie norddeutscher Kleinstaaterei geschuldet.

Nun werden die Buchläden am Montag republikweit öffnen dürfen, Museen und Galerien überall dort, wo die Inzidenz unter 50 liegt; zwischen 50 und 100 nur mit Termin und Dokumentation. In der Woche vor Ostern können dann auch Theater, Konzerthäuser und Kinos erstmals wieder Publikum vor Ort begrüßen. Liegen die Werte unter 50, geht das ohne aktuellen Testnachweis; zwischen 50 und 100 wird der Pflicht. Wie das in der Praxis genau aussieht – von Mindestabständen, also Platzbeschränkungen, Masken-Usancen bis zur Einlasskontrolle und Impfnachweisen – werden die Bundesländer in immer neuen Schutzverordnungen regional unterschiedlich allem Anschein nach zweiwöchentlich festlegen. Vor allem für die Kinos ist das keine gute Nachricht. Ohne flächendeckende Öffnung gibt es keine deutschlandweiten Starts neuer Filme, geschweige denn der dringend benötigten Blockbuster, für die sich der Werbeaufwand in einem Flickenteppich von hier offen und dort zu nicht rechnet.

Rin inne Kartoffeln, raus ausse Kartoffeln

Nüchtern betrachtet hat die Politik gestern eine 180-Grad-Wende vollzogen und das Gegenteil von dem beschlossen, was sie über Monate angekündigt und als Grundsatz vertreten hat: Das gesellschaftliche und auch kulturelle Leben wird jetzt gegen den Rat der allermeisten Expert*innen in einer Phase steigenden Infektionsgeschehens mit ansteckenderen Virusvarianten wieder losgehen. Um pauschalen Missverständnissen vorzubeugen: Im Kampf gegen ein Virus, das blöderweise nicht mit sich verhandeln lässt, können Fehler passieren. Einige sind erklär-, andere waren aber mindestens vermeidbar: Von der angeblichen Unwirksamkeit der Masken über die teils(!) unnötig langsame Auszahlung finanzieller Hilfen bis hin zum irrationalen Glauben an die Mündigkeit vergnügungssüchtiger Bürger*innen in einem kälter und nasser werdenden Herbst. Die USA, Großbritannien oder Brasilien belegen zudem: Man kann sogar viel schlechter regiert werden, wenn die Verantwortlichen wirklich bekloppt sind.

Rein kommunikationspsychologisch aber ist das Handeln von Bund und Ländern eine nahezu durchgängige Bankrotterklärung. Die Einzige, die bei Verstand zu sein scheint, ist die Naturwissenschaftlerin an der Spitze der Bundesregierung (wer hätte geahnt, dass ausgerechnet ich das jemals schreiben oder sagen würde). Beinahe alle anderen Amtsträger*innen dagegen reden heute dies und morgen jenes und wundern sich anschließend, wenn die Menschen im Land dann auch heute dies und morgen jenes von ihnen erwarten. Wer so bescheuert agiert, hätte schon deshalb verdient, bei der nächsten Wahl aussortiert zu werden – gewogen und für zu leicht befunden. Leider machen die politischen Mitbewerber*innen nicht den Eindruck, klarer im Kopf zu sein. Und die buchstäblich selbsternannte Alternative gilt seit gestern endlich auch offiziell als rechtsextremistischer Verdachtsfall.

Was hat euch nur so ruiniert?

Fehlleistungen ganz anderer Art nicht nur verdächtig sind Kulturvertreter*innen, die angesichts der Tatsache, dass es mal ein paar Monate lang kein Ballett und keine Oper vor Saalpublikum gibt, allen Ernstes von einer „kulturellen Klimakatastrophe“ sprechen (Link wurde korrigiert). Nun fragt man sich beim Bayerischen Staatsopernintendanten und dessen Gleichgesinnten ja schon länger nicht mehr (in Anlehnung an Die Sterne), was sie nur so ruiniert hat. Aber dass bis auf Amelie Deuflhard, ein paar Intendant*innen im Osten und vereinzelte Verbandsvertreter*innen offenbar niemand den Arsch in der Hose hat, sich von derlei milieuspezifischer Hybris entschieden zu distanzieren, das wundert dann doch.

Vielleicht ist es aber nur ein weiterer Beweis für den ebenfalls sehr alten Verdacht, dass so mancher Führungskraft in der Kultur schlicht Realitätssinn und Bodenkontakt fehlen. Da es gleichzeitig hochklassige Künstler*innen und Kulturmanager*innen aller Sparten gibt, die anders ticken, handelt es sich aber vielleicht doch nicht um eine allgemeine déformation professionelle. Die würde zwar so Einiges erklären, aber das wäre wohl zu einfach. Und einfach ist gerade ja eigentlich gar nichts – auch wenn wir uns das alle wirklich sehr wünschen.

… und sonst:

Terminhinweis 1: Am 26. März findet der „2. Bibliothekspolitische Bundeskongress“ im Netz statt. Die Themen klingen leider ein bisschen sehr erwartbar – Digitalisierung, Demokratie, Teilhabe -, die meisten Referent*innen rekrutieren sich aus den üblichen Verdächtigen. Das muss aber nichts heißen.

Terminhinweis 2: Ebenfalls Ende März findet (in Kyoto, trotzdem digital) der bereits für 2020 geplante Internationale Kongress der Kulturpolitikforschung statt. Aus Deutschland dabei: Gesa Birnkraut (Osnabrück), Johannes Crückeberg (Münster, mit einer Fallstudie zu Pina Bausch) und Annika Hampel (Freiburg) sowie eine neunköpfige Gruppe der Uni Hildesheim. Aus Österreich Michael Wimmer und Aron Weigl von EDUCULT sowie Martin Piber aus Innsbruck

Guckempfehlung: Das K21 zeigt die Jahresschau der Düsseldorfer Kunstakademie-Absolvent*innen als Film im Netz

long read for a weekend: art critic Ben Davies on whether President Roosevelt’s New Deal Arts Programs in the 1930’s could be a model for present bailout concepts or not

Ceterum Censeo: Viele freie Künstler*innen kämpfen und fürchten in dieser Krise unverschuldet um die berufliche, manche sogar um die nackte Existenz. Dagegen sind viele andere Themen in diesem Newsletter nicht nur aus deren, sondern auch aus meiner Sicht bestenfalls zweitrangig. Bleiben Sie solidarisch und helfen Sie, wo Sie können. Danke!

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Foto: (c) Peter Grabowski / der kulturpolitische reporter

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