Milchmädchenrechnung an der Museumskasse

In Nordrhein-Westfalen grassiert zurzeit ein Virus: „Freier Eintritt“. Das Fieber hat kulturpolitische Akteure auf allen Ebenen und in vielen Ecken des Landes gleichzeitig erfasst. Vor allem die Sozialdemokraten scheinen nur noch ein Ziel zu kennen: Der Museumsbesuch für junge und arme Menschen soll flächendeckend umsonst sein. Das nutzt zwar nichts, klingt aber so schön nach Gerechtigkeit und Teilhabe.

Doch so einfach, wie die (Kultur-)Politik sich das macht, ist die Sache nicht. Längst können Menschen aller Milieus und Einkommensschichten in Konzerte, Aufführungen und Ausstellungen gehen, ohne dass allzu große Hürden finanzieller oder sozialer Art im Weg wären. Viele Theater bieten eine – begrenzte – Zahl von Tickets zu Preisen im einstelligen Eurobereich, Museen kostenlosen Zugang zu ihren Sammlungen, entweder für bestimmte Tage oder Altersgruppen. Empfänger von Transferleistungen erhalten oft stark ermäßigte Karten, Kulturlogen und-listen mit ihren karitativen Kontingenten und Restkartenverteilern tun ein Übriges.

Allein: Die Umworbenen gehen auch weiterhin mehrheitlich nicht hin. Woran liegt das? Kurz gesagt daran, dass der Preis oft gar nicht die Hürde ist. Viele sogenannte Nichtbesucher-Studien belegen zwar scheinbar das Gegenteil, aber das hat einen einfachen Grund: Es ist sehr bequem, auf einem standardisierten Fragebogen „zu teuer“ oder „keine Zeit“ als Grund für das eigene Fernbleiben anzukreuzen. Werden allerdings qualitative Interviews mit den „kulturfernen“ Probanden geführt, kommen bald die wahren Gründe ans Licht: Viele kennen die Angebote der Opernhäuser, Theater und Museen gar nicht und/oder äußern – zugespitzt formuliert – die Ansicht: „Das ist nichts für mich!“

Die Hälfte der Bevölkerung bleibt konsequent weg

Kunst aller Sparten gilt ihnen als ein Vergnügen reicher und gebildeter Kreise, zu denen sich die Mehrheit der Menschen in Deutschland nicht zählt. Entsprechend liegt der Anteil der Nichtnutzer von öffentlich geförderten Kultureinrichtungen bei insgesamt rund 50 Prozent der Gesamtbevölkerung, Tendenz steigend. Und dabei überdeckt das gut genutzte Angebot der Bibliotheken noch die deutlich schlechteren Zahlen in anderen Bereichen: In einer Untersuchung für den aktuellen Landeskulturbericht Nordrhein-Westfalen gaben drei Viertel aller Befragten an, noch nie in der Oper gewesen zu sein; 78 Prozent sagten, sie gingen seltener als einmal im Jahr in ein Kunstmuseum, der größere Teil davon nie.

Mit den Kosten hat das wenig zu tun, wie man gut an den Museen beobachten kann, die bereits ganz oder teilweise gratis sind. Zwar steigt die Zahl der Besucher nach der Ein-führung, was stets als großer Erfolg gefeiert wird. In den meisten Fällen allerdings geht sie anschließend auch wieder deutlich zurück; darüber wird öffentlich nicht gern gesprochen. Am Ende pendelt sie sich üblicherweise knapp oberhalb des Ausgangsniveaus ein.

Qualitative Forschungen in ganz Europa zeigen zudem: Selbst der verbleibende minimale Zuwachs beruht weitgehend auf höherer Besuchsfrequenz jener Museumsgänger, die schon vor der neuen Preispolitik da waren; sie kommen dann öfter, dafür werden die Besuche kürzer. Ja, das belebt das Museum natürlich trotzdem. Aber: Nein, das war nicht das Ziel des kostenlosen Eintritts.

Kannibalisierungseffekte statt mehr Teilhabe

Und selbst dort, wo das Besucherplus dauerhaft aus Bevölkerungsgruppen stammt, die man in der Regel nur schlecht erreicht – Kinder und Jugendliche, Familien, wirtschaftlich schwache Milieus und Migranten der großen Zuwanderergruppen – ist dieser Erfolg bei eingehender Überprüfung oft nur einer Verlagerung geschuldet: Bei Schulausflügen, aber auch bei Stadtrundfahrten oder -gängen für Touristen, fällt die Entscheidung zwischen verschiedenen kulturellen Zielen unter dem Kostenaspekt. Kein Wunder also, dass ein Spitzenmuseum wie das Essener Folkwang seit dem Freiem Eintritt – ermöglicht durch die Krupp-Stiftung – enorme Nutzerzuwächse gerade bei Schülergruppen verzeichnet. Genauer betrachtet sind das aber nur jene, die jetzt in anderen kostenpflichtigen Häusern des Ruhrgebiets zwischen Duisburg und Dortmund fehlen.

In Berlin erleben wir gerade eine heftige Debatte um den Freien Eintritt für das im kommenden Jahr zu eröffnende Humboldt Forum. Nicht nur die umliegenden Museen befürchten Kannibalisierungseffekte, auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters sieht die Gefahren. Die Frage spaltet sogar die Führungsmannschaft der Stiftung Preußischer Kulturbesitz selbst, die das neue wie die alten Häuser maßgeblich verantwortet.

Doch besonders die SPD in NRW hält es vielerorts trotzdem für eine gute Idee, auf den Eintritt zu verzichten, jedenfalls für Unter-21-Jährige, die Sammlungen und Dauerausstellungen besuchen. Dass keine seriöse Untersuchung – eine davon hatte die sozialdemokratische Landtagsfraktion in der vorigen Wahlperiode sogar mit in Auftrag gegeben – dafür nennenswerte Erfolge im Sinne eines „Kultur für Alle“-Gedankens belegen kann, wird konsequent ignoriert.

Sozialromantik statt wirksamer Kulturpolitik

Von Tübingen über Düsseldorf bis Leipzig, von Mailand bis London, von New York bis L.A. wissen Kulturforscherinnen und -manager: Menschen, die nicht in Museen gehen – das gilt so ähnlich für alle „klassischen“ Kulturinstitutionen -, müssen mit speziell zugeschnittenen Vermittlungsangeboten angesprochen und betreut werden. Dann sind nachhaltige Erfolge durchaus erreichbar … und erst danach macht es Sinn, die neugewonnenen Museumsfreunde durch eine andere Preispolitik auch regelmäßig ins Haus locken zu wollen.

Solche substanziellen Programme kosten allerdings, weil man qualifiziertes Personal für Pädagogik und Marketing beschäftigen muss. Im Vergleich dazu nehmen sich die Einnahmeausfälle durch Freien Eintritt in Dauerausstellungen ziemlich bescheiden aus. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), der ebenfalls gerade in 18 Museen ein Gratisticket für Kinder und Jugendliche einführen möchte, rechnet mit rund 630.000 Euro entgangener Ticketumsätze pro Jahr. Das Geld soll durch eine moderate Preiserhöhung für Erwachsene und weniger kostenlose Tage für alle Museumsbesucher wieder reinkommen. Die nicht besonders hoch wirkende Summe ist für den Betrieb der Häuser nämlich erklärtermaßen unverzichtbar.

Auch LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger räumt in der Pressemitteilung zu ihren Plänen ein, dass der Freie Eintritt allein nichts bewirkt. Sie will das Gratisticket aber nicht mit mehr Vermittlungsarbeit, sondern besseren Mobilitätsangeboten ergänzen. Die sind in Ländlichen Räumen wie dem Sauer-, Münster- oder auch Lipperland tatsächlich ein Problem. Dass bislang fehlende Publika deshalb künftig in nennenswerter Zahl die Museen stürmen, wird trotzdem eher ein frommer Wunsch bleiben als eine realistische Hoffnung.

Letzte Ausfahrt: Gerechtigkeit

Was die SPD in Nordrhein-Westfalen beim Freien Eintritt zurzeit so vehement umtreibt, bleibt Kennern der Materie erst recht ein Rätsel. Auch in den Stadträten von Dortmund und Düsseldorf will man auf Teufel komm raus den Freien Eintritt beschließen, ohne fundiert sagen zu können, wofür das gut sein soll. Die Genossen im Landtag haben ihr Ansinnen zuletzt sogar mit einer besonders originellen neuen Begründung versehen: Das Gratisticket stelle bloß Gerechtigkeit her, schließlich hätten die Steuerzahler die Museen sowie die Kunst und das Personal darin ja bereits bezahlt. Nach dieser Logik müssten dort allerdings Jahr für Jahr Gewinne in Höhe der Eintrittserlöse gemacht werden – die Kosten wären ja bereits durch die öffentlichen Kassen gedeckt …

Haben Sie das gerade gehört? Das war das schallende Gelächter der rund 6300 Museums-Direktor*innen zwischen Flensburg und Passau. Es muss Galgenhumor sein, denn die SPD ist aktuell immer noch an elf Landesregierungen beteiligt. Wer aber solche Milchmädchenrechnungen aufstellt, sollte in der Kulturpolitik besser nichts zu sagen haben. Andererseits kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Partei auch an diesem Ziel gerade fieberhaft arbeitet. Vielleicht doch ein Virus?

Foto: (c) Peter Grabowski

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Zur Kenntnis … am 20. September

IFACCA ist eine zunächst nicht ganz jugendfrei wirkende Abkürzung, wenn man sie einfach so als Wort ausspricht. Dahinter versteckt sich allerdings nicht etwa eine prahlerische Porno-Plattform, sondern ausgerechnet der Weltverband der nationalen Kulturförderinstitute (International Federation of Arts Councils and Culture Agencies).

Deren Newsletter ist ein steter Quell der Horizonterweiterung, wenn man das denn will. Aktuell verweist er auf Präsentationen und Videos vom ersten Kulturgipfel für das südliche Afrika, der Ende August in Windhoek stattfand. Ich empfehle den Mitschnitt des Podiums „Das richtige Umfeld zur Förderung der Kulturwirtschaft“.

Seit dem letzten IFACCA World Summit of Arts and Culture auf Malta im Oktober 2016 kann ich sagen: Es gibt kaum Lehrreicheres und Inspirierenderes als die Begegnungen mit den vielen höchst engagierten und maximal kundigen Kulturförderern – und Künstler*innen – aus aller Welt. Immer, wenn ich bei solchen Veranstaltungen bin, muss ich an ein legendäres Bonmot von Mark Twain denken: „Reisen ist tödlich für die eigenen Vorurteile“.

Ich will deshalb versuchen, auch beim nächsten Gipfel dabei zu sein, der im März 2019 in Kuala Lumpur stattfindet. Leider ist noch nicht ganz klar, ob es wirklich klappt – but I’m lookin‘ forward!

… und sonst:

Kurzfristiger Veranstaltungshinweis: „Neue Relevanz“ heißt ein erstklassig besetztes Symposium zur Zukunft kleiner Stadtmuseen. Es findet morgen in Werne statt (ja, ja, googlet mal schön, wo das eigentlich liegt) und wird vom dortigen Stadtmuseum zusammen mit der Zukunftsakademie NRW (ZAK) veranstaltet, unterstützt vom Fonds Stadtgefährten der Bundeskulturstiftung und StadtBauKultur NRW. Spitzenthema, eigentlich auch ein Fall fürs Heimatministerium.

Mittelfristiger Veranstaltungshinweis: Der jährliche Theatermarkt der Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen (INTHEGA) findet am 15. und 16. Oktober in Bielefeld statt. Noch nie von gehört (also ich mein jetzt die INTHEGA, nicht Bielefeld)? Seltsam eigentlich, da sind nämlich immerhin 400 Kommunen Mitglied. Fast 60 % der Menschen in Deutschland leben im „Ländlichen Raum“: Vermutlich sind die bei der INTHEGA gehandelten Inszenierungen tatsächlich viel wichtiger für das kulturelle Leben der Republik als all die Volksbühnen, Thalias und Kammerspiele von Berlin bis München.

Langfristiger Terminhinweis: Ende November jährt sich die Unterzeichnung des Washingtoner Abkommens für den Umgang mit NS-Raubkunst zum 20. Mal. Dazu gibt es dann ein großes Symposium in Berlin. Titel: „Wege in die Zukunft“, organisiert vom Magdeburger Zentrum für Kulturgutverluste. ANMELDESCHLUSS dafür ist bereits der 12. Oktober. Don’t miss!

Foto: (c) Peter Grabowski
Das ist der Blick von der Terrasse, auf der ich die nächsten
drei Wochen keine Newsletter und Mails lesen werde.
Bis dahin!

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Zur Kenntnis …. nach der Sommerpause

„Seid ihr alle da? Jaaaaa!“ Na, dann los. „Summer moves on“, wie die 80er-Jahre-Pop-Heroen von A-ha sangen, und so nimmt auch der Kultur(politische) Betrieb wieder die Arbeit auf. Deshalb werde ich Sie heute mal kurz „auf Stand“ bei zumindest all jenen Nachrichten aus der Hochtemperaturphase bringen, die aus meiner Sicht so wichtig waren, dass sie auch über Tag und Ort hinaus von Bedeutung sind.

Die absolute Top-Meldung stammt eigentlich schon von Mitte Juni, aber offenbar hat sie da fast keiner mitbekommen: Unter dem Dach der altehrwürdigen Kultusministerkonferenz (KMK) soll ein „Kulturministerrat der Länder“ (KMR) eingerichtet werden. Eine gerade erst eingesetzte Arbeitsgruppe bereitet für Oktober (spätestens aber Dezember) offizielle Beschlüsse dazu vor. Treiber des Verfahrens sind der rheinland-pfälzische Kulturminister Konrad Wolf, sein thüringischer Amtskollege Benjamin Hoff sowie die sächsische Kunststaatsministerin Eva-Maria Stange.

Die hat in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „politik und kultur“ des Deutschen Kulturrates auch einen längeren Beitrag dazu verfasst. Nach ihren Worten ist die Neuorganisation der Zusammenarbeit nicht nur nötig geworden, weil die Kultur mittlerweile in jedem Bundesland anders ressortiere: Nach mittlerweile 70 Jahren des Bestehens der KMK sei wegen deren Fokus auf Schule und Hochschule die Kultur trotz der Länderhoheit immer mehr zum Randthema geworden. Etwas später formuliert Stange dann allerdings freimütig, was sie und ihre Kolleg*innen noch, vielleicht sogar vor allem umtreibt: „Wenn Kulturpolitik öffentlich nur noch über die BKM wahrgenommen wird, dann verschieben sich die Kompetenzen.“

Das passt gut zum anstehenden Jubiläum der Weimarer Verfassung: 2019 jährt sich die Gründung der ersten deutschen Demokratie samt ihrer – bereits da mittelbaren – Festschreibung der Länderkulturhoheit zum 100. Mal. Es wird spannend zu beobachten, ob dies der Ausgangspunkt einer Neuordnung und –aufteilung von Aufgaben und Verantwortungen für die Kultur innerhalb des föderalen Gefüges wird. Überfällig ist das allemal.

Mit der Wendung „Und sonst … “ geht es üblicherweise an dieser Stelle weiter. Aber weil ich heute wie angekündigt nur weitreichendere Themen anspreche, heißt es dieses Mal „Was noch im Sommer wichtig war“:

Ein Terminhinweis: Die Kulturstiftung des Bundes sucht beim großen TRAFO-Kongress in Halle nach Ideen fürs Ländliche

Noch ein Terminhinweis: Das Institut für Urbanistik in Berlin bietet einen Baukultur-Workshop an, der sich auch explizit an Mitglieder von Stadträten wendet. Ich würde mir wünschen, das gäbe es jährlich verpflichtend für die Mitglieder von Planungs- und Bauausschüssen in allen deutschen Kommunalparlamenten (für das Berliner Abgeordnetenhaus allerdings am besten monatlich)

Foto „Landeskulturbehörden in Preußen“ (c) peg; von Olaf Zimmermanns neuestem Büroausstattungselement: Eine Rolltafel mit dem Staatsaufbau der Weimarer Republik

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Er kann es nicht mehr richtig machen

Gestern hat die Ruhrtriennale 2018 begonnen, mit William Kentridges „The Head and the Load“ im Duisburger Landschaftspark Nord. Die 2018er Ausgabe des international bedeutendsten nordrhein-westfälischen Kulturfestivals ist bereits seit Wochen ein großes Medienthema. Allerdings nicht wegen des ganz vorzüglichen künstlerischen Programms: Die öffentliche Debatte entzündete sich am geplanten Konzert der Young Fathers, weil das schottische Hiphop-Trio zu den erklärten Unterstützern der israelkritischen BDS-Bewegung gehört. Das klingt zunächst eher nach einer Randerscheinung der aktuell grassierenden Empfindlichkeitsdebatten. Es geht aber um viel mehr und ist sehr komplex.

BDS steht – in der deutschen Übersetzung – für „Boykott, Desinvestition, Sanktionen“. Es handelt sich dabei um eine von mehr als 170 palästinensischen Nichtregierungsorganisationen ins Leben gerufene Kampagne. Im Gründungsaufruf vom Juli 2005 werden drei Kernziele formuliert: Das Ende der Besetzung und Besiedelung „allen arabischen Landes“ durch Israel und der Abriss der Grenzmauer, die Durchsetzung der (in demokratischen Rechtsstaaten eigentlich obligatorischen) rechtlichen Gleichstellung aller Bürger – also auch der Palästinenser mit israelischem Pass – und das volle Rückkehrrecht für alle seit 1948 vom heutigen Staatsgebiet Israels vertriebenen Palästinenser.

Diese Forderungen von BDS stehen in weitest gehendem Einklang mit dem gültigen Völkerrecht und einigen Resolutionen, die die Generalversammlung der Vereinten Nationen seit 1948 zur Palästinafrage verabschiedete. Allerdings hat sich die Kampagne im Laufe der 13 Jahre seit ihrer Gründung hochgradig ausdifferenziert. Einige regionale Gruppierungen und namhafte Aktivisten streben erklärtermaßen das mittel- oder unmittelbare Ende des Staates Israel an. Dessen Existenz als „jüdischer Staat“ ist aber ebenfalls völkerrechtlich abgesichert. Aus naheliegenden Gründen ist Deutschland ein besonders entschiedener Verfechter der israelischen Staatlichkeit.

Zur Boykott-Inititive von BDS gehören mittlerweile sogenannte „Don’t Buy“-Aufkleber, die von Aktivisten auf israelischen Waren und Geschäften angebracht werden. Das erinnert in gleich mehrfacher Hinsicht fatal an die „Kauft nicht bei Juden“-Kampagne im „Dritten Reich“. Auch deshalb hat der Deutsche Bundestag im Januar 2018 den BDS nahezu einstimmig verurteilt (bei Enthaltung der Linken). Der Antisemitismus-Beauftrage der Bundesregierung, Felix Klein, nennt die Bewegung „in ihren Methoden und Zielen antisemitisch“.

Finale Absage der Young Fathers: Ein Fest für den BDS

Vor diesem Hintergrund kam es zu erheblichem öffentlichen Widerstand gegen die Einladung der Young Fathers zur Ruhrtriennale – einem Kulturfestival, das immerhin ganz maßgeblich aus deutschen Steuergeldern finanziert wird. In der Folge hatte Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp die Band deshalb vom Festival erst aus-, nach ein paar Tagen der Überlegung aber wieder eingeladen. Begründung: Sie halte nichts von Zensur und Boykotten. Die Young Fathers haben danach selbst auf ihre Teilnahme verzichtet. In BDS-Kreisen wird diese Absage als widerständiger Akt gegen die Zensur israelkritischer Künstler*innen gefeiert. Bis zum heutigen Tag nennt Carp die Ausladung des Trios „ihren einzigen Fehler“ in der Angelegenheit.

Zu Zeitpunkt und aus Anlass des abgesagten Konzerts soll nun am Nachmittag des 18. August eine Diskussion stattfinden. Titel: „Freiheit der Künste/Freedom of Speech“. Dieses Motto ist etwas mysteriös, denn um die Freiheit der Künste geht es in der Auseinandersetzung eigentlich gar nicht. Moderiert wird die Debatte vom früheren Bundestagspräsidenten Norbert Lammert, der – als Abgeordneter aus Bochum und ausgewiesener Kulturpolitiker – auch zu den Gründungsvätern der Ruhrtriennale zählt. Auf dem Podium sitzen neben Carp sowohl die aktuelle Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen (parteilos) als auch ihr Vor-Vor-Vorgänger im Amt, Michael Vesper, in seiner heutigen Funktion als Vorsitzender des Ruhrtriennale-Freundeskreises.

Mit ihnen sollen zwei Künstler der aktuellen Ruhrtriennale-Spielzeit diskutieren: Der belgische Star-Choreograph Alain Platel und der US-Komponist Elliot Sharp. Letzterer ist der Sohn einer Holocaust-Überlebenden und selbst Jude, zählt aber wie auch Platel aber zu den Unterstützern von BDS.

Zentralrat und Botschaft fühlen sich trotz Einladung unerwünscht

Das verkompliziert die Angelegenheit erneut: Es ist nämlich kein jüdischer oder israelischer Vertreter der BDS-kritischen Seite auf dem Podium vertreten. Die jüdischen Landesverbände in Nordrhein-Westfalen wurden nach eigenen Angaben nicht angefragt, mehr noch habe die Ruhrtriennale sogar auf ihr Gesprächsangebot nicht reagiert. Stattdessen hatte Carp die israelische Botschaft in Berlin kontaktiert. Von dort gab es allerdings Absagen: Die Botschaft ließ wissen, man werde nicht das Existenzrecht Israels diskutieren. Außerdem beklagen viele jüdische Vertreter, dass die Debatte an einem Samstag stattfinde, also am jüdischen Ruhetag Sabbat. Allerdings ist mindestens unklar, ob es Menschen jüdischen Glaubens verboten ist, am Sabbat an Diskussionen teilzunehmen; außerhalb streng orthodoxer Kreise gilt eigentlich nur ein Verbot der Erwerbsarbeit, das aber auch nicht enger gefasst als beim christlichen Sonntag.

Der ganze Vorgang brachte Carp nicht nur massive Kritik aus Politik und Medien ein, sondern bereits zwei öffentliche Distanzierungen von NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen (parteilos), die auch dem Aufsichtsrat der Ruhrtriennale vorsitzt. In einer Sitzung des Kultur- und Medienausschusses im nordrhein-westfälischen Landtag Anfang Juli sollte Carp – wie eigentlich alle Intendanten vor ihr – das Programm des Festivals präsentieren. Die öffentliche Debatte um die „Young Fathers“-Ein-, Aus- und Wiedereinladung lief zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Wochen, doch Carp äußerte sich dazu in ihrem Eingangsstatement mit keinem Wort.

Dieses Verhalten sorgte für großen Unmut und kritische Nachfragen der Abgeordneten aller Fraktionen. Die Intendantin eierte anschließend – erkennbar schlecht vorbereitet – ziemlich herum und wollte sich unter anderem nicht explizit zum Existenzrecht Israels bekennen (hier das Protokoll der Sitzung als PDF). Anschließend äußerten sich die Kulturpolitiker des Landtages, ob in Regierung oder Opposition, durch die Bank „fassungslos“. Erst auf erkennbar deutlichen Druck der Kulturministerin hin reichte Carp ein solches Bekenntnis Tage später schriftlich nach, knapp formuliert und äußerlich formlos ohne offiziellen Briefkopf.

„Verweigere mich“: Carp sieht Intendanz nicht politisch

Bis heute lässt Carp in ihren öffentlichen Äußerungen keinen Zweifel daran, dass sie die Fragen und Kritik der Politik für Petitessen hält. In einem Interview mit meinem WDR-Kollegen Stefan Keim von dieser Woche erklärte sie mit Blick auf die politische Verantwortung ihrer Leitungsposition: „Teile dieser Rolle weigere ich mich auch auszufüllen“ (ab ca. 3’00). Der Ministerpräsident des Landes, Armin Laschet (CDU), hatte vor diesem Hintergrund offenbar bereits Ende Juni oder Anfang Juli entschieden, nicht nur der offiziellen Eröffnungspremiere der Ruhrtriennale am Freitag kommender Woche fernzubleiben. Er wird auch den anschließenden Empfang nicht mitausrichten, zu dem Intendanz und Landesregierung sonst traditionell gemeinsam einladen. Sein Entschluss wurde erst im Laufe dieser Woche öffentlich; in vielen Meldungen und Reaktionen ist seitdem ebenfalls von einem „Boykott“ seinerseits die Rede.

Von dieser Aktualität ausgehend möchte ich im Folgenden ein paar erläuternde Beobachtungen und Ansichten in zehn Punkten zusammenfassen. Das fällt nicht leicht, denn die Sache ist – wie der dahinter liegende Nahostkonflikt insgesamt – sehr komplex und kompliziert. Dennoch:

1. Armin Laschet „boykottiert“ die Ruhrtriennale nicht, er geht bloß nicht hin. Manchmal möchte man einfach nicht auf Menschen treffen, die man nicht mag oder auch Situationen meiden, die einen andernorts absehbar in Schwierigkeiten bringen werden. Wenn jede Geburtstags- oder auch Premiereneinladung, die man aus anderen als Zeitgründen nicht annimmt, als „Boykott“ ausgelegt würde, wären wir alle längst sehr allein.

Darüber hinaus richtet die Landesregierung wie beschrieben auch den traditionellen Empfang nicht mit aus, den es seit langem stets am offiziellen Eröffnungsabend nach der Vorstellung gab. Das ist zwar ein überdeutliches Zeichen der aktuellen Distanzierung, mehr aber nicht: Die Ruhrtriennale wird in diesem Jahr und weiterhin zum ganz überwiegenden Teil aus Mitteln des Landes NRW finanziert; meines Wissens gibt es sogar hinter den Kulissen der Kulissen keinerlei Überlegungen, daran etwas zu ändern.

2. Die Kernziele der initialen BDS-Erklärung von 2005 sind weitestgehend durch die internationale Staatengemeinschaft legitimiert und nicht etwa ein Forderungskatalog palästinensischer Extremisten oder antizionistischer Kräfte. Das darf nicht unter den Tisch fallen.

3. Zu den Aktivitäten des BDS gehört, über den Boykott von Kunst und Kultur, die explizit vom Staat Israel (mit)finanziert wird, mittelbaren Druck auf die dortige Regierung auszuüben. Unter anderem deshalb bekennen sich auch viele jüdische Künstler*innen mit und ohne israelischen Pass weiter zu BDS. Grundsätzlich sind „Boykotte“ ein völlig gebräuchliches Mittel der Politik, national wie international, im staatlichen wie im nicht-staatlichen Handeln. Im diplomatischen Sprachgebrauch heißt das meist „Wirtschaftliche Sanktionen“. Daran ist also erst mal nichts verwerflich. Das ändert sich in diesem speziellen Zusammenhang aber natürlich spätestens dann, wenn es zu den oben beschriebenen Formen kommt („Don’t buy …“). Auch die Drangsalierung oder sogar mehr von Künstlern, die aus freien Stücken in Israel auftreten wollen, ist in einer pluralen, liberalen Gesellschaft nicht hinnehmbar.

4. Das eigentliche Problem beginnt aber danach bzw. liegt dahinter: Die völkerrechtlich maßgeblichen Grundlagen des Staates Israel sind die Balfour-Erklärung von 1917 („zur Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“), das nachfolgende Völkerbundmandat von 1922 (infolge des Zusammenbruchs des Osmanischen Reiches nach dem 1. Weltkrieg) und schließlich der UN-Teilungsplan für Palästina von 1947, der kurz gefasst eine Zweistaatenlösung für Juden und Palästinenser vorsah; Jerusalem sollte inkl. Bethlehem unter internationale Kontrolle gestellt werden. Der Plan wurde nie vollständig realisiert, es gibt tatsächlich seit dem ersten Tag nach dem Ende des ursprünglich britischen Mandats für die Region im Mai 1948 mehr oder minder heftig Krieg zwischen Juden und Palästinensern um die territoriale Ausdehnung der Gebiete sowie die rechtliche Ausgestaltung des Zusammen- oder Nebeneinanderlebens.

5. Bereits diese drei Vereinbarungen/Dokumente enthalten zum Teil widersprüchliche oder sogar paradoxe Elemente. Eines der Kernprobleme besteht im Rechtsanspruch der seit 1948 vertriebenen Palästinenser auf ihren (Land-)Besitz und die israelische Staatsbürgerschaft. Das ist deshalb heikel, weil die vollumfängliche Rückkehr dieser Palästinenser und ihrer bis heute geborenen Nachkommen im per (international anerkannter) Definition „jüdischen Staat“ Israel für eine palästinensische, also in jedem Falle nicht-jüdische Bevölkerungsmehrheit sorgen würde. Das widerspräche jedoch ganz eklatant dem nationalen Grundkonstrukt wie Selbstverständnis und würde die Existenz Israels in seiner bisherigen staatlichen Form absehbar beenden (vgl. dazu die aktuelle Debatte um das israelische Nationalitätengesetz).

6. Deshalb ist für viele Juden bereits die Forderung nach uneingeschränktem Rückkehrrecht „antisemitisch“, weil sie damit implizit ihr Recht auf den eigenen Staat Israel bestritten sehen. An diesem Beispiel wird klar, wie schmal der argumentative Grat ist. Man muss das wissen, um zu verstehen, warum uns ganz sachlich scheinende Kritik an der israelischen Staatsräson einer palästinensischen Minderheit in den Augen vieler Juden viel mehr ist als das. Das Rückkehrrecht ist nur eine der vielen großen Schwierigkeiten, die in der verworrenen Geschichte des Nahen Ostens und Israels im Besonderen liegen. Alle sind ähnlich vertrackt.

7. Wer sich der universellen Gültigkeit von Menschenrechten, den rechtsstaatlichen Prinzipien und der Gleichheit aller Bürger*innen vor dem Gesetz verpflichtet sieht, kann nur eine mindestens kritische Haltung zur Politik Israels in den vergangenen Jahrzehnten haben. Und da die genauso lang existierende öffentliche Kritik bislang zu keiner Verbesserung der Lage vor allem der Palästinenser geführt hat, sind auch nach den Usancen der internationalen Politik weitreichendere Widerstandsmaßnahmen legitim. Deren konkrete Ausgestaltung ist wegen der oben erwähnten besonderen Konstruktion des israelischen Existenzrechtes allerdings eine hochsensible Angelegenheit. Deshalb lassen sie sich nicht nach Schwarz-Weiß-Mustern zu beurteilen – damit kann man nur scheitern. Für uns Deutsche ist dieser Themenkomplex besonders heikel, weil die Existenz Israels untrennbar mit unserer eigenen Geschichte verbunden ist.

8. Weil die BDS-Bewegung ausweislich ihrer wortführenden Protagonisten, den verschiedenen Ländergruppen und Tausender Einzelakteure nicht nur im kulturellen Bereich mittlerweile höchst heterogene Strategien und Ziele verfolgt, muss man also ganz genau hinsehen: Wird – auch durch Boykotte – auf legitimem Wege politischer Druck auf Israel ausgeübt, um die Einhaltung internationaler Vereinbarungen zu erreichen? Wo genau verläuft die Grenze zwischen politischem Aktivismus und rassistischem Ressentiment bis hin zu unbestreitbarem Antisemitismus?
Die ist ganz sicher überschritten, wenn der frühere Pink-Floyd-Mann Roger Waters in seinen Konzerten fliegende Schweine mit Davidsternen beklebt und sie anschließend mit einem Maschinengewehr abschießt (das berührt übrigens tatsächlich Fragen der Kunstfreiheit, die ich hier jetzt aber nicht auch noch erörtern will).

9. Stefanie Carp hatte mit den Young Fathers eine Band zur Ruhrtriennale eingeladen, deren Kunst selbst bislang keine antisemitischen Zeichen enthält, die sich aber öffentlich mit mindestens zweifelhaften BDS-Forderungen und –Akteuren solidarisiert. Das hätte nicht passieren dürfen.
In der Folge hat Carp nicht die Kraft und Balance gefunden zwischen dem völlig legitimen Bestreben, die weiter oben dargestellten Fragenkomplexe angemessen diskutieren zu wollen und gleichzeitig als Leiterin eines staatlich finanzierten Kunst-Festivals in Deutschland eine unzweideutige Haltung gegenüber Israel und den Juden einzunehmen. Das hätte auch nicht passieren dürfen. Spätestens mit ihrer Wiedereinladung der Young Fathers war da allerdings nichts mehr zu retten.

10. Gerade in diesem Jahr bietet die Ruhrtriennale ein künstlerisches Programm von enormer Qualität und Strahlkraft – vor allem dank der Kompetenzen und Kontakte der Intendantin Stefanie Carp. Weil aber auch viele der auftretenden Künstler*innen zum über Jahrzehnte aufgebauten internationalen Netzwerk der Intendantin gehören, würde eine Entlassung Carps in diesen Kreisen zu einer Solidarisierungswelle und schließlich Absage bedeutender Teile der diesjährigen Spielzeit führen. Das wäre ein kulturpolitisches Desaster für die Landesregierung, bei dem auch nicht mehr nach ehrenwerten Absichten oder politischen Zwängen gefragt würde. Deshalb lautet die Frage nun: Wie löst die Landesregierung das Dilemma an der Spitze ihres kulturellen Aushängeschildes, ohne dass der ganze Laden auseinanderfliegt? Carps Vertrag läuft immerhin noch bis 2020.

Diese Gemengelage macht den Umgang mit der vom Land finanzierten Ruhrtriennale und ihrer aktuellen Intendantin Stefanie Carp für den Ministerpräsidenten zu einer enorm diffizilen Angelegenheit – zumal Anfang September ein lang geplanter Israel-Besuch Armin Laschets ansteht. Wer in dieser Situation nach Lösungen in „Man müsste einfach nur …“-Manier ruft, hat von den verantwortungsethischen Notwendigkeiten demokratischer Regierungspolitik nichts verstanden.

Ich jedenfalls möchte nicht in seiner Haut stecken: Er kann es so oder so nicht mehr richtig machen!

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„Diskurs darf nicht bedeuten, Recht haben zu wollen, sondern Einsichten zu gewinnen und zu vermitteln.“

Ausgangspunkt dieses Textes sind Beiträge und einzelne Einlassungen meinerseits aus den vergangenen Wochen, die ich im Verlaufe sehr ernsthafter Debatten (ja, die gibt es da durchaus) auf Facebook formulierte. Mein Dank gilt u.a. Agnes Rottland, Klaus Dilger und Meinhard Zanger, außerdem den Kolleg*innen Mathea Schülke, Annette Hager, Stefan Keim, Jörg Biesler, Christoph Ullrich und Wolfgang Meyer für Aufmerksamkeit, Anregung und Widerspruch.

 

Foto aus „The Head and the Load“: (c) Ursula Kaufmann/Ruhrtriennale

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Zur Kenntnis … am 19. Juni

Die Wahl der langjährigen Staatsministerin Maria Böhmer (CDU) zur Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission (DUK) vor zehn Tagen war hochumstritten. Sieben namhafte Mitglieder des Gremiums – unter anderem zwei frühere Vorsitzende – sprachen in einem Brief sogar von „regierungsamtlicher Übernahme“ der zivilgesellschaftlichen Organisation. Dem Auswärtigen Amt warfen sie vor, die DUK in einen „Granatenkonflikt“ zu stürzen. Es handelt sich bei der hiesigen um eine der wenigen nicht-staatlichen nationalen UNESCO-Kommissionen, auch wenn sie maßgeblich vom Außenamt finanziert wird.

Zum Hintergrund der aktuellen Auseinandersetzungen gehört, dass Böhmer 2017 in ihrer vorherigen Funktion als Staatsministerin im Außenamt nicht die Wiederwahl Deutschlands in den Exekutivrat der UNESCO organisieren konnte. Besonders peinlich: In der entscheidenden Generalversammlung hatte neben Finnland und Portugal sogar die nicht gerade für ihre Achtung der Kunstfreiheit bekannte Türkei deutlich mehr Stimmen erhalten als die Bundesrepublik und war so in das wichtigste operative UNESCO-Gremium eingezogen. Trotzdem entschied sich das Nominierungskomitee der DUK bereits unmittelbar nach dieser kulturpolitischen Pleite für Böhmer als nächste DUK-Präsidentin. Seltsam, eigentlich: Die bisherige Amtsinhaberin Verena Metze-Mangold gilt zwar als mitunter kapriziös, aber nach mehr als zwei Jahrzehnten in UNESCO-Ämtern auch als national wie international bestens vernetzte und einflussreiche Funktionärin …

… und sonst:

Zum traurigen Schluss soll noch das Ableben von Hermann Glaser (1928 – 2018) erwähnt werden. Innerhalb von nur zwei Wochen sind mit ihm und Hilmar Hoffmann zwei zentrale Figuren der Neuen Kulturpolitik verstorben. Die Bundesrepublik verdankt beiden ganz wesentlich ihre kulturelle Vielfalt und Offenheit der Gegenwart. Dafür haben Hoffmann und Glaser – zusammen, manchmal sogar zeitgleich mit Leuten wie Alfons Spielhoff oder Olaf Schwencke – vor über 60 Jahren die Fundamente zu legen begonnen. Wir alle stehen auf ihren Schultern. Ich verneige mich!

 

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Zur Kenntnis … am 4. Juni

Bald vergeht kein einziger Tag mehr ohne eine neue Scheibe von der üppigen PR-Wurst aus dem Düsseldorfer Kulturministerium. Selbstverständlich stets frisch geschnitten und serviert von einer ebenso tatkräftigen wie großzügigen Ministerin. Nur ein dystopisches Szenario?

Isabel Pfeiffer-Poensgen hat bekanntermaßen eine satte Etatsteigerung zu verteilen und deshalb noch im Sommer 2017 angekündigt, die insgesamt 50-prozentige Aufstockung bis 2022 nicht mit der Gießkanne auszubringen, sondern mit einem neujustierten Konzept für viele Fördersegmente des Landeskulturetats. Das sei aber viel Arbeit und werde deshalb etwas dauern.

Vor drei Monaten dann wurde die erste konkrete Summe bekannt: 30 Millionen Euro mehr für die städtischen Theater und Orchester. Großer Jubel allerorten, Freudentänze auf den Straßen und Plätzen vor allen Schauspiel- und Opernhäusern des Landes, also im übertragenen Sinne jetzt. Und die gleichen Szenen spielten sich in der vergangenen Woche dann gleich noch mal ab, als endlich bekannt wurde, wer denn jetzt eigentlich genau wie viel bekommt. Mehr als 120 Prozent Steigerung verzeichnen dabei sogar die Dickschiffe in Köln, Düsseldorf, Essen und Aachen. Die Folge: Kollektives Juchhe, zum zweiten.

In dieser Woche nun wird die Ministerin den Kulturausschuss des Landtages darüber informieren, mit wie vielen Millionen mehr die Freie Theaterszene in NRW künftig rechnen darf. Sehr erwartbar wird auch das wieder für viel positive Resonanz bei den Akteuren und in den Medien sorgen. Damit diese frohe Botschaft aber nicht einfach nach ein, zwei Tagen verhallt, erscheint sie erneut zweigeteilt: Erst wird den Parlamentariern – deren erstes und größtes Recht gegenüber der Regierung ja das Haushaltsrecht ist – in ihrem Fachgremium die voraussichtliche Gesamtsumme der Steigerung kundgetan. Dann folgen, mit ein paar Wochen Abstand, die Details zur künftigen Förderung in einer großen Pressekonferenz Ende Juni.

Vielleicht ist aber gar nicht die aufwändige konzeptionelle Arbeit im Hintergrund für diese Informationen in homöopathischen Dosen verantwortlich, sondern eine ganz neue Kommunikations-Strategie: Die erste Endlos-Kette regierungsamtlicher Wohltaten. Ob bei den jetzt absehbaren Mittelsteigerungen für Musik und Bildende Kunst, Literatur und Museen, die Bibliotheken, die Kunst am Bau und und und: Erst nennt man dem Parlament die nackte Zahl und lässt die stets beeindruckend hoch klingende Millionensumme öffentlich abfeiern. Etwas später dann werden – mit nicht zu großem, aber auch nicht zu geringem zeitlichen Abstand – die einzelnen Empfänger in ganz NRW verkündet, auf dass alle Regional- und Lokalmedien des Landes noch mal einen zweiten und immer ganz eigenen Grund für Berichte und natürlich auch erfreute Kommentare haben.

Rein vom Volumen und der Zahl der zu erhöhenden Haushaltstitel ausgehend, könnte man so ganz locker ein Jahr oder mehr Dauer-PR bestreiten, vielleicht sogar die ganze verbleibende Legislaturperiode. Und möglicherweise wird eines Tages, ohne dass uns die schleichende Anverwandlung des kulturpolitischen Alltags an Rhein, Ruhr und Lippe wirklich gewahr geworden ist, die Kulturministerin des Landes auf mittlerweile täglichen Pressekonferenzen mit fröhlicher Stimme „I got you babe“ singen. Auf ihrem Arm sitzt dabei – so wie sie selbst oft verschmitzt lächelnd – ein Murmeltier!

… und sonst:

Nachtigall, ick hör‘ dir … Die Unionsfraktion im Bundestag mahnt mal wieder die Wippe an – vermutlich bei Monika Grütters, ohne sie direkt anzusprechen

Kultur stärken! Die EU-Kommission will (ein bisschen) mehr Mittel für ihr Förderprogramm „Kreatives Europa“

Amazon stärken? Die Monopolkommission will Buchpreisbindung abschaffen, der Kulturrat wird deshalb zynisch und Grütters ist sauer

Große Füße für große Fußstapfen: Die international renommierte Journalistin Antje Deistler übernimmt die Leitung des Literaturbüros Ruhr

„Straight, middle-aged, white, cosmopolitan male“-Drop-Off: Der Belgische Kunstpreis 2019 steht plötzlich ohne Nominierte da

Wie weiter? Die EU-Kulturminister beraten über die Rolle der Kultur in der Union nach 2020, auch die deutsche Kulturstaatsministerin spricht zu ihren Kollegen

Ergebnisse mit Fragezeichen: Die Rheinische Fachhochschule präsentiert eine „Fast-Besucher-Studie“ zur Freien Szene in Köln

„16 Tons, what do you get?“ (ein Ernie-Ford-Classic): Der NRW-Kulturrat bezieht 16 Positionen zur Kulturpolitik des Landes

Krumme Tour: Der Gewerkschaftsprotest in Halle argumentiert mit einer – nicht existierenden – Verdoppelung des Kulturetats in NRW (siehe oben)

Oha! Mark Coetzee hat die Leitung des neueröffneten „Zeitz MOCAA“ in Johannesburg aufgegeben, der Aufsichtsrat nicht näher spezifizierte Untersuchungen seiner Arbeit eingeleitet

Masterplan Kulturbauten, scheibchenweise (pt. 1): Düsseldorf baut sich ein neues Kulturzentrum für Bibliothek, Theater, Museum

Masterplan Kulturbauten, scheibchenweise (pt. 2): Auch das Düsseldorfer Museum Kunstpalast legt Umbaupläne vor, für 17 Millionen Euro, mit spektakulärer Gastronomie

Kultur-Bau-Gau: Düsseldorf hat Geld für eine Opernsanierung, findet aber keinen Auftragnehmer

Kulturelle Vielfalt ist möglich und bereichert: Eine Studie von Bertelsmann und Deutscher UNESCO-Kommission nennt 12 Best-Practice-Beispiele

Notizen aus der kulturpolitischen Provinz: Bielefelds Kunsthallen-Direktor Meschede muss gehen

Wer streamen will, muss fördern: Der Europäische Gerichtshof weist die Klage von Netflix gegen die Heranziehung zur Filmförderabgabe in Deutschland ab

Erfolgsberater für „Vorwärts“ statt „Nichts„: Oes Westerhof soll nach Leeuwarden (in diesem Jahr) auch Hannover zur Europäischen Kulturhauptstadt machen (in 2025)

Von wegen Hinterzimmer: Selbst der Kulturausschuss des EU-Parlaments tagt mittlerweile öffentlich und sogar via Mediathek nachschaubar (der Bundestag mauert in Person von Volker Kauder weiter)

 

Foto Isabel Pfeiffer-Poensgen (c) Fraunhofer ISST

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Mobbing, vom Hörensagen

Tja, was macht man damit? Der Spiegel berichtet über eine „Atmosphäre der Angst“ am Kölner Schauspielhaus und schildert Vorkommnisse, die von prominenten Namen bestätigt werden. Intendant Stefan Bachmann und mehr noch seine am Haus als Schauspielerin und Regisseurin wirkende Ehefrau Melanie Kretschmann werden des Mobbings beschuldigt, was beide wiederum selbst offenbar als Mobbing empfinden.

So jedenfalls lassen sich nicht nur die Äußerungen ihrer Anwälte gegenüber verschiedenen Medien interpretieren, sondern auch Bachmanns eigene knappe Einlassungen auf der Spielplan-Konferenz des Kölner Stadt-Theaters am vergangenen Montag. Zu der waren allerdings auch auffallend viele Ensemblemitglieder und weitere Bühnenangehörige erschienen, ganz offensichtlich und erklärtermaßen zur moralischen Rückenstärkung ihres Chefs.

Nun könnte man das alles als nicht ganz branchenunübliches Gerangel ebenso sensibler wie mitunter überbordender Künstler-Egos einsortieren, aber so einfach ist es vermutlich nicht. Zwar geht’s schon mal hoch her auf jenen berühmten Brettern, die immerhin nicht weniger als gleich die Welt bedeuten sollen, aber es gibt sogar da Grenzen. Die werden zurzeit noch mal ganz neu vermessen und markiert. Nicht nur wegen #metoo und #decolonize, sondern weil der Umgang mit #Macht ein Thema auf der Bühne, aber auch hinter, vor und neben ihr sein sollte.

Wir alle sind in diesen Zeiten zugleich Zeugen und Akteure einer sehr lang andauernden Phase der Dekonstruktion von tradierten Strukturen und Abhängigkeitsmechanismen, überall in der Gesellschaft. Seit dem „Muff von Tausend Jahren“ sind jetzt zwar auch schon wieder fünfzig weitere vergangen, nach denen sich aber immer noch zeigt, wie hartnäckig Rollenstereotype sind und sogar von vielen erklärten Gegner*innen ihrer autoritären Väter (und gelegentlich Mütter) trotzdem übernommen wurden, wohl eher unbewusst.

Dabei geht es nicht nur um das Verhältnis von Männern und Frauen oder Männern und Männern oder Frauen und Frauen zueinander in mehr oder minder erotisch aufgeladenen Beziehungen, sondern ebenso um Hierarchien im Betrieb – der immer auch ein Kultur-Betrieb sein kann.

Ich kenne Bachmann/Kretschmann nicht persönlich, ein paar der übrigen Akteure sind mir in den letzten Jahren höchstens gelegentlich begegnet. Manche schienen mir sehr reflektierte, empathische Personen ohne Dominanzgehabe zu sein, andere wirkten eher ein bisschen … kapriziös, selbst in Banalitäten. Wer da wem was angetan hat oder vielleicht bloß ans Zeug flicken will … ich weiß es nicht nur nicht, ich habe sogar – im wahren Sinne des Wortes – noch nicht mal eine Ahnung.

Ziemlich sicher bin ich hingegen, dass genau das bei näherem Hinsehen auch für die allermeisten von denen gilt, die im Moment nahezu täglich darüber schreiben oder senden. Und gleich sowieso gilt es für die Heerscharen szenefremder Kommentatoren allerorten im Netz. Deshalb hoffe ich inständig, es wird sich irgendwann einigermaßen nachvollziehbar erweisen, was wem wie geschehen ist.

Möge das dann dazu beitragen, entweder mehr öffentliche Gelassenheit gegenüber dem sehr speziellen Umgang nicht unbedingt alltäglicher Persönlichkeiten miteinander zu entwickeln – oder eben gerade mehr Sensibilität für Grenzüberschreitungen, die bei allem Verständnis für künstlerische Egozentrik wirklich nicht akzeptabel sind. Vielleicht sogar beides. Bis es soweit ist, halte ich in dieser Angelegenheit auf jeden Fall meine Klappe/Tastatur.

 

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