Zur Kenntnis … am 19. Juni

Die Wahl der langjährigen Staatsministerin Maria Böhmer (CDU) zur Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission (DUK) vor zehn Tagen war hochumstritten. Sieben namhafte Mitglieder des Gremiums – unter anderem zwei frühere Vorsitzende – sprachen in einem Brief sogar von „regierungsamtlicher Übernahme“ der zivilgesellschaftlichen Organisation. Dem Auswärtigen Amt warfen sie vor, die DUK in einen „Granatenkonflikt“ zu stürzen. Es handelt sich bei der hiesigen um eine der wenigen nicht-staatlichen nationalen UNESCO-Kommissionen, auch wenn sie maßgeblich vom Außenamt finanziert wird.

Zum Hintergrund der aktuellen Auseinandersetzungen gehört, dass Böhmer 2017 in ihrer vorherigen Funktion als Staatsministerin im Außenamt nicht die Wiederwahl Deutschlands in den Exekutivrat der UNESCO organisieren konnte. Besonders peinlich: In der entscheidenden Generalversammlung hatte neben Finnland und Portugal sogar die nicht gerade für ihre Achtung der Kunstfreiheit bekannte Türkei deutlich mehr Stimmen erhalten als die Bundesrepublik und war so in das wichtigste operative UNESCO-Gremium eingezogen. Trotzdem entschied sich das Nominierungskomitee der DUK bereits unmittelbar nach dieser kulturpolitischen Pleite für Böhmer als nächste DUK-Präsidentin. Seltsam, eigentlich: Die bisherige Amtsinhaberin Verena Metze-Mangold gilt zwar als mitunter kapriziös, aber nach mehr als zwei Jahrzehnten in UNESCO-Ämtern auch als national wie international bestens vernetzte und einflussreiche Funktionärin …

… und sonst:

Zum traurigen Schluss soll noch das Ableben von Hermann Glaser (1928 – 2018) erwähnt werden. Innerhalb von nur zwei Wochen sind mit ihm und Hilmar Hoffmann zwei zentrale Figuren der Neuen Kulturpolitik verstorben. Die Bundesrepublik verdankt beiden ganz wesentlich ihre kulturelle Vielfalt und Offenheit der Gegenwart. Dafür haben Hoffmann und Glaser – zusammen, manchmal sogar zeitgleich mit Leuten wie Alfons Spielhoff oder Olaf Schwencke – vor über 60 Jahren die Fundamente zu legen begonnen. Wir alle stehen auf ihren Schultern. Ich verneige mich!

 

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Zur Kenntnis … am 4. Juni

Bald vergeht kein einziger Tag mehr ohne eine neue Scheibe von der üppigen PR-Wurst aus dem Düsseldorfer Kulturministerium. Selbstverständlich stets frisch geschnitten und serviert von einer ebenso tatkräftigen wie großzügigen Ministerin. Nur ein dystopisches Szenario?

Isabel Pfeiffer-Poensgen hat bekanntermaßen eine satte Etatsteigerung zu verteilen und deshalb noch im Sommer 2017 angekündigt, die insgesamt 50-prozentige Aufstockung bis 2022 nicht mit der Gießkanne auszubringen, sondern mit einem neujustierten Konzept für viele Fördersegmente des Landeskulturetats. Das sei aber viel Arbeit und werde deshalb etwas dauern.

Vor drei Monaten dann wurde die erste konkrete Summe bekannt: 30 Millionen Euro mehr für die städtischen Theater und Orchester. Großer Jubel allerorten, Freudentänze auf den Straßen und Plätzen vor allen Schauspiel- und Opernhäusern des Landes, also im übertragenen Sinne jetzt. Und die gleichen Szenen spielten sich in der vergangenen Woche dann gleich noch mal ab, als endlich bekannt wurde, wer denn jetzt eigentlich genau wie viel bekommt. Mehr als 120 Prozent Steigerung verzeichnen dabei sogar die Dickschiffe in Köln, Düsseldorf, Essen und Aachen. Die Folge: Kollektives Juchhe, zum zweiten.

In dieser Woche nun wird die Ministerin den Kulturausschuss des Landtages darüber informieren, mit wie vielen Millionen mehr die Freie Theaterszene in NRW künftig rechnen darf. Sehr erwartbar wird auch das wieder für viel positive Resonanz bei den Akteuren und in den Medien sorgen. Damit diese frohe Botschaft aber nicht einfach nach ein, zwei Tagen verhallt, erscheint sie erneut zweigeteilt: Erst wird den Parlamentariern – deren erstes und größtes Recht gegenüber der Regierung ja das Haushaltsrecht ist – in ihrem Fachgremium die voraussichtliche Gesamtsumme der Steigerung kundgetan. Dann folgen, mit ein paar Wochen Abstand, die Details zur künftigen Förderung in einer großen Pressekonferenz Ende Juni.

Vielleicht ist aber gar nicht die aufwändige konzeptionelle Arbeit im Hintergrund für diese Informationen in homöopathischen Dosen verantwortlich, sondern eine ganz neue Kommunikations-Strategie: Die erste Endlos-Kette regierungsamtlicher Wohltaten. Ob bei den jetzt absehbaren Mittelsteigerungen für Musik und Bildende Kunst, Literatur und Museen, die Bibliotheken, die Kunst am Bau und und und: Erst nennt man dem Parlament die nackte Zahl und lässt die stets beeindruckend hoch klingende Millionensumme öffentlich abfeiern. Etwas später dann werden – mit nicht zu großem, aber auch nicht zu geringem zeitlichen Abstand – die einzelnen Empfänger in ganz NRW verkündet, auf dass alle Regional- und Lokalmedien des Landes noch mal einen zweiten und immer ganz eigenen Grund für Berichte und natürlich auch erfreute Kommentare haben.

Rein vom Volumen und der Zahl der zu erhöhenden Haushaltstitel ausgehend, könnte man so ganz locker ein Jahr oder mehr Dauer-PR bestreiten, vielleicht sogar die ganze verbleibende Legislaturperiode. Und möglicherweise wird eines Tages, ohne dass uns die schleichende Anverwandlung des kulturpolitischen Alltags an Rhein, Ruhr und Lippe wirklich gewahr geworden ist, die Kulturministerin des Landes auf mittlerweile täglichen Pressekonferenzen mit fröhlicher Stimme „I got you babe“ singen. Auf ihrem Arm sitzt dabei – so wie sie selbst oft verschmitzt lächelnd – ein Murmeltier!

… und sonst:

Nachtigall, ick hör‘ dir … Die Unionsfraktion im Bundestag mahnt mal wieder die Wippe an – vermutlich bei Monika Grütters, ohne sie direkt anzusprechen

Kultur stärken! Die EU-Kommission will (ein bisschen) mehr Mittel für ihr Förderprogramm „Kreatives Europa“

Amazon stärken? Die Monopolkommission will Buchpreisbindung abschaffen, der Kulturrat wird deshalb zynisch und Grütters ist sauer

Große Füße für große Fußstapfen: Die international renommierte Journalistin Antje Deistler übernimmt die Leitung des Literaturbüros Ruhr

„Straight, middle-aged, white, cosmopolitan male“-Drop-Off: Der Belgische Kunstpreis 2019 steht plötzlich ohne Nominierte da

Wie weiter? Die EU-Kulturminister beraten über die Rolle der Kultur in der Union nach 2020, auch die deutsche Kulturstaatsministerin spricht zu ihren Kollegen

Ergebnisse mit Fragezeichen: Die Rheinische Fachhochschule präsentiert eine „Fast-Besucher-Studie“ zur Freien Szene in Köln

„16 Tons, what do you get?“ (ein Ernie-Ford-Classic): Der NRW-Kulturrat bezieht 16 Positionen zur Kulturpolitik des Landes

Krumme Tour: Der Gewerkschaftsprotest in Halle argumentiert mit einer – nicht existierenden – Verdoppelung des Kulturetats in NRW (siehe oben)

Oha! Mark Coetzee hat die Leitung des neueröffneten „Zeitz MOCAA“ in Johannesburg aufgegeben, der Aufsichtsrat nicht näher spezifizierte Untersuchungen seiner Arbeit eingeleitet

Masterplan Kulturbauten, scheibchenweise (pt. 1): Düsseldorf baut sich ein neues Kulturzentrum für Bibliothek, Theater, Museum

Masterplan Kulturbauten, scheibchenweise (pt. 2): Auch das Düsseldorfer Museum Kunstpalast legt Umbaupläne vor, für 17 Millionen Euro, mit spektakulärer Gastronomie

Kultur-Bau-Gau: Düsseldorf hat Geld für eine Opernsanierung, findet aber keinen Auftragnehmer

Kulturelle Vielfalt ist möglich und bereichert: Eine Studie von Bertelsmann und Deutscher UNESCO-Kommission nennt 12 Best-Practice-Beispiele

Notizen aus der kulturpolitischen Provinz: Bielefelds Kunsthallen-Direktor Meschede muss gehen

Wer streamen will, muss fördern: Der Europäische Gerichtshof weist die Klage von Netflix gegen die Heranziehung zur Filmförderabgabe in Deutschland ab

Erfolgsberater für „Vorwärts“ statt „Nichts„: Oes Westerhof soll nach Leeuwarden (in diesem Jahr) auch Hannover zur Europäischen Kulturhauptstadt machen (in 2025)

Von wegen Hinterzimmer: Selbst der Kulturausschuss des EU-Parlaments tagt mittlerweile öffentlich und sogar via Mediathek nachschaubar (der Bundestag mauert in Person von Volker Kauder weiter)

 

Foto Isabel Pfeiffer-Poensgen (c) Fraunhofer ISST

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Mobbing, vom Hörensagen

Tja, was macht man damit? Der Spiegel berichtet über eine „Atmosphäre der Angst“ am Kölner Schauspielhaus und schildert Vorkommnisse, die von prominenten Namen bestätigt werden. Intendant Stefan Bachmann und mehr noch seine am Haus als Schauspielerin und Regisseurin wirkende Ehefrau Melanie Kretschmann werden des Mobbings beschuldigt, was beide wiederum selbst offenbar als Mobbing empfinden.

So jedenfalls lassen sich nicht nur die Äußerungen ihrer Anwälte gegenüber verschiedenen Medien interpretieren, sondern auch Bachmanns eigene knappe Einlassungen auf der Spielplan-Konferenz des Kölner Stadt-Theaters am vergangenen Montag. Zu der waren allerdings auch auffallend viele Ensemblemitglieder und weitere Bühnenangehörige erschienen, ganz offensichtlich und erklärtermaßen zur moralischen Rückenstärkung ihres Chefs.

Nun könnte man das alles als nicht ganz branchenunübliches Gerangel ebenso sensibler wie mitunter überbordender Künstler-Egos einsortieren, aber so einfach ist es vermutlich nicht. Zwar geht’s schon mal hoch her auf jenen berühmten Brettern, die immerhin nicht weniger als gleich die Welt bedeuten sollen, aber es gibt sogar da Grenzen. Die werden zurzeit noch mal ganz neu vermessen und markiert. Nicht nur wegen #metoo und #decolonize, sondern weil der Umgang mit #Macht ein Thema auf der Bühne, aber auch hinter, vor und neben ihr sein sollte.

Wir alle sind in diesen Zeiten zugleich Zeugen und Akteure einer sehr lang andauernden Phase der Dekonstruktion von tradierten Strukturen und Abhängigkeitsmechanismen, überall in der Gesellschaft. Seit dem „Muff von Tausend Jahren“ sind jetzt zwar auch schon wieder fünfzig weitere vergangen, nach denen sich aber immer noch zeigt, wie hartnäckig Rollenstereotype sind und sogar von vielen erklärten Gegner*innen ihrer autoritären Väter (und gelegentlich Mütter) trotzdem übernommen wurden, wohl eher unbewusst.

Dabei geht es nicht nur um das Verhältnis von Männern und Frauen oder Männern und Männern oder Frauen und Frauen zueinander in mehr oder minder erotisch aufgeladenen Beziehungen, sondern ebenso um Hierarchien im Betrieb – der immer auch ein Kultur-Betrieb sein kann.

Ich kenne Bachmann/Kretschmann nicht persönlich, ein paar der übrigen Akteure sind mir in den letzten Jahren höchstens gelegentlich begegnet. Manche schienen mir sehr reflektierte, empathische Personen ohne Dominanzgehabe zu sein, andere wirkten eher ein bisschen … kapriziös, selbst in Banalitäten. Wer da wem was angetan hat oder vielleicht bloß ans Zeug flicken will … ich weiß es nicht nur nicht, ich habe sogar – im wahren Sinne des Wortes – noch nicht mal eine Ahnung.

Ziemlich sicher bin ich hingegen, dass genau das bei näherem Hinsehen auch für die allermeisten von denen gilt, die im Moment nahezu täglich darüber schreiben oder senden. Und gleich sowieso gilt es für die Heerscharen szenefremder Kommentatoren allerorten im Netz. Deshalb hoffe ich inständig, es wird sich irgendwann einigermaßen nachvollziehbar erweisen, was wem wie geschehen ist.

Möge das dann dazu beitragen, entweder mehr öffentliche Gelassenheit gegenüber dem sehr speziellen Umgang nicht unbedingt alltäglicher Persönlichkeiten miteinander zu entwickeln – oder eben gerade mehr Sensibilität für Grenzüberschreitungen, die bei allem Verständnis für künstlerische Egozentrik wirklich nicht akzeptabel sind. Vielleicht sogar beides. Bis es soweit ist, halte ich in dieser Angelegenheit auf jeden Fall meine Klappe/Tastatur.

 

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Zur Kenntnis … am 17. Mai

„Mehr, Mehr, Mehr“ lautet das Mantra der Bundeskulturpolitik in den letzten 13 Jahren unter Kanzlerin Merkel. Das bedeutete vor allem: Mehr Geld – allerdings meist für das immer Gleiche. So wurde ganz nebenbei der recht ähnlich lautende Untertitel des letzten echten Aufregerbuchs unserer Branche („Der Kulturinfarkt“ von 2012) nicht nur zur treffenden Diagnose, sondern gleich auch noch zur richtigen Prognose.

Nun hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters eine neuerliche, satte Steigerung ihres Etats verkündet: 1,67 Milliarden soll er laut Haushaltsentwurf der Regierung in diesem Jahr betragen, das sind 300 Millionen mehr als … nein, nicht im vergangenen Jahr, sondern im ENTWURF für das vergangene Jahr. Anschließend stockte nämlich der Bundestag Grütters‘ Kasse noch mal kräftig auf, so dass schließlich 1,63 Milliarden Euro drin lagen, also nur 40 Millionen weniger als der aktuelle Vorschlag für 2018 umfasst.

Allerdings ist damit zu rechnen, dass die Summe auch dieses Jahr wieder wächst – vielleicht sogar recht erklecklich -, wie stets in der sogenannten finalen Bereinigungssitzung des Haushaltsausschusses, am 27. Juni. Deshalb macht es wenig Sinn, den Etat jetzt schon genauer zu kommentieren, denn man weiß gar nicht, was da noch an möglichen „Leuchttürmen“ draufgeschraubt wird und wie viel „Mehr“ es am Ende wirklich wird.

Auch sonst ist in der letzten Woche alles immer mehr geworden oder soll es zumindest – nur eines möchte die Bundesregierung gern reduzieren: Die Mehrwertsteuer auf Kunstwerke. Jedenfalls macht sie sich beim anstehenden Rat der Kulturminister mit einer eigenen Initiative dafür stark, Kunstverkäufe wieder vom vollen Mehrwertsteuersatz ausnehmen zu dürfen (PDF, englisch). Das müsste den hiesigen Kunsthandel eigentlich freuen, der sich seit Jahren über die deutsche Besteuerungspraxis ärgert (die von den Bundesländern zusätzlich – zu vermeintlich eigenen Gunsten – verkompliziert wird). Blöd bloß, dass sich mit Monika Grütters ausgerechnet die Lieblingsgegnerin der Branche jetzt für sie in Europa einsetzt. Aber so ist die Welt derzeit: Auch die Irritationen werden ständig mehr …

… und sonst:

 

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Zur Kenntnis … am 11. April

Ein Stadttheater voller junger Menschen? Ja, letzten Freitag, in Bochum, und zwar beim Monty-Python-Musical „Spamalot“. Ich hätte ja nicht mal gedacht, dass junge Leute das überhaupt kennen (also Monty Python, nicht das Theater). Aber der 21-jährige Patensohn hat den Besuch nicht nur höchstpersönlich vorgeschlagen, sondern reagiert seinerseits erstaunt auf mein erstauntes Gesicht über den mehrheitlich mit U30-Jährigen vollbesetzen Saal: „Wir haben doch alle in der Schule ‚Das Leben des Brian‘ gesehen“.

Kann ja sein, denke ich, aber das muss doch vier Dekaden nach dessen Entstehung nicht auch zum Besuch eines adaptierten Musicals führen. Dazu noch am ersten warmen Freitagabend des Jahres, in einer Studentenstadt. Anscheinend aber doch. Und es riss die jungen Leute sogar zu regelrechten Begeisterungsstürmen hin, inklusive Standing Ovations am Schluss. Das ist erfreulich.

Schöner wäre noch gewesen, wenn der Dramaturg nicht einen dramatischen Fehler begangen hätte, als er seinen Artus-Darsteller mitten im Stück behaupten ließ, man befinde sich in einem subventionierten Theater. Herrjeh: NEIN! Das Bochumer Schauspielhaus ist wie ALLE Stadttheater Deutschlands nicht subventioniert, sondern eine Einrichtung der Öffentlichen Hand, und die kann sich ja schlecht selbst subventionieren. Schulen und Polizeien werden auch nicht subventioniert. Man nennt das Daseinsvorsorge.

Immer wieder bedenklich, wenn akademisch gebildete Textarbeiter ihre flammende Klage über den ruchlosen Staat nicht in die richtigen Worte kleiden können, sondern sogar die (zur Abwechslung tatsächlich: neoliberale) Terminologie des Gegners übernehmen. Da hilft dann wirklich nur noch Singen: „Always look on the bright side of life!“

… und sonst:

Und als Schmankerl zum Schluss noch ein Spitzen-Textbaustein aus dem Werkzeugkasten der Kultur-PR:
„XX möchte das Profil des international agierenden Hauses schärfen und gleichzeitig stärker auf die Stadt und die Region zugehen. Neben sparten- und epochenübergreifenden Formaten stünden bei der Programmplanung der Dialog mit der Stadtgesellschaft, die Herausforderungen der Digitalisierung sowie regionale und internationale Kooperationen mit anderen Institutionen auf der Agenda.“
In Anlehnung an eine Original-Pressemitteilung von gestern. Eignet sich für fast jede Neubesetzung einer Leitungsposition bis mindestens 2025.

 

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Zur Kennntnis … am 21. März

Große Überraschung auf dem Kulturtransfermarkt: Mit Hartmut Dorgerloh und Matthias Lilienthal wechseln zwei absolute Top-Player ihrer Sparten den Job. Lilienthal wird die Münchner Kammerspiele bereits 2020 wieder verlassen, nachdem die CSU-Fraktion im Münchner Stadtrat der Grundhaltung aller Konservativen in Gesellschaft und Politik mal wieder alle Ehre gemacht hat: Sich dem Wandel sogar dann noch bockig verweigern, wenn er längst mehr als nur überfällig ist. Die Christsozialen von der Isar mochten Lilienthals Vertrag nämlich nicht verlängern – da mochte Lilienthal dann auch nicht mehr. Aber was soll’s: Lebbe geht weiter!

Hartmut Dorgerloh hingegen zieht von der Berliner Peripherie (sorry, Potsdam) und der Führungsposition in der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten ins Zentrum des Geschehens – und zwar mittenrein: Er soll das Humboldtforum nächstes Jahr in die Eröffnung führen (aus heutiger Sicht liest sich ein Artikel von ihm aus dem Januar 2017 fast wie ein Bewerbungsschreiben). Alle sind offiziell ziemlich froh, denn der Mann hat was auf dem Kasten, ist international angesehen wie vernetzt und kennt nicht zuletzt die Fallstricke der Politik in Bund und Ländern.

Allerdings ist Dorgerloh nicht gerade das personifizierte Identifikationssubjekt für ein diverses, inklusives Weltmuseum, sondern ein weißer, männlicher, deutscher Protestant. Nebenbei wird diese – ich nenn’s mal ebenfalls „konservative“ – Personalpolitik für die angebliche Vorzeigeinstitution deutscher Weltoffenheit im 21. Jahrhundert schlüssig komplettiert durch die nahezu zeitgleich berufene zweite Spitzenkraft: Der Musikethnologe Lars-Christian Koch übernimmt die Sammlungen im Humboldtforum . Eine Inhouse-Lösung, auch er ein ausgewiesener Experte, doch auch er weiß, männlich, deutsch …

Vermutlich weiß die Stuttgarter Museums-Koryphäin mit Migrationshintergrund, Inés de Castro, nur zu gut, warum sie den Job doch nicht angenommen hat. Ich bin gespannt, ob es Monika Grütters im Laufe der Legislaturperiode gelingt, zu schlechter Letzt auch die Führung der Kulturstiftung des Bundes noch mit einem Mann zu besetzen. Wie hieß gleich der Claim zu ihrer Kampagne in Sachen Frauen im Kulturbetrieb? Genau: „Weil es 2017 ist“. Vielleicht hat die Kulturstaatsministerin ja das – rein sprachlich betrachtet auch gar nicht so falsche – Gefühl, der Satz sei schon wieder von gestern …

… und sonst:

 

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Zur Kenntnis … am 2. März

Das Geschrei schwillt zur Kakophonie an. Auf der Art Karlsruhe, der ARCO Madrid und rund um die Alice-Salomon-Hochschule sowieso: Wo immer vermeintlicher oder tatsächlicher Druck von zivilen Akteuren provokative Kunst der Sichtbarkeit entzieht, schreit es „ZENSUR“ übers Land, nicht nur auf den Zeitungs- und Webseiten. Leider ist das in all diesen Fällen: falsch!

Zensur ist per Definition ein hoheitlicher Eingriff in die Meinungs- sowie die daraus abgeleitete Presse- oder eben auch Kunstfreiheit. Doch in keinem der Fälle handelt es sich um einen solchen hoheitlichen, sprich staatlichen Eingriff. Im Gegenteil: In Berlin hat eine – interessanterweise von der gleichen Rechtsfigur in ihrer Autonomie geschützte – Lehr- und Wissenschaftseinrichtung die Entfernung von Gomringers angeblich sexistischem Gedicht sogar im Rahmen ihrer ureigensten Selbstverwaltung beschlossen. Diese Entscheidung haben sowohl die Kulturstaatsministerin in der Bundesregierung als auch der Senat des Landes Berlin – also „der Staat“ – anschließend sogar deutlich kritisiert. Verhindern konnten sie es allerdings nicht –  andernfalls hätten sie nämlich eine demokratisch legitimierte Entscheidung der Hochschule nämlich … genau: tatsächlich zensiert (die ich persönlich übrigens für völlig verkehrt und sogar verwerflich halte, aber das steht auf einem ganz anderen Blatt).

In Karlsruhe wiederum war es der Galerist des Künstlers Thomas Baumgärtel selbst, der das Erdogan-Porträt mit der Banane im Arsch abnehmen ließ. Und in Madrid war der Messechef der ARCO verantwortlich für die Entfernung der Fotoserie von Inhaftierten der katalonischen Separationsbewegung; er handelte dabei erklärtermaßen gegen den Willen der Madrider Stadtverwaltung, die immerhin Hauptanteileigner der Messegesellschaft IFEMA ist. Hier wie da wie dort: Keine Zensur, nirgends!

Es ist wirklich bemerkenswert, wie ahnungslos viele Politiker, Künstler und nicht zuletzt Kulturjournalisten in so einer zentralen Frage demokratischer Rechte offenbar sind. Und noch bemerkenswerter ist, dass sich dieselben Leute bei jeder Gelegenheit lautstark darüber echauffieren, dass die Autokraten dieser Welt die Sprache und das Recht beugen, Stichwort „alternative Fakten“. Doch sobald es nicht mehr Migration, Kriminalität oder Nationalismus geht, sondern der eigene Sprengel betroffen ist, verhalten sie sich keinen Deut sorgfältiger, klüger oder verantwortungsvoller. Es ist nämlich extrem schädlich, einen freiheitlichen Rechtsstaat wider besseres Wissen öffentlich zu diskreditieren, nur weil man seine Verfassungsgrundlagen nicht versteht oder eigenen Gefühle nicht im Zaum hat – also agiert wie Trump, Erdogan oder Maduro.

Der Begriff „Zensur“ hätte in einer besseren Welt 2018 gute Chancen, zum „Unwort des Jahres“ gekürt zu werden; so wie es übrigens die „Subvention“ im Zusammenhang mit der Finanzierung staatlicher Kulturinstitutionen eigentlich schon seit Jahrzehnten verdient hätte. Aber herrjeh, eine bessere Welt … die war ja früher mal der Gegenstand sogenannter Visionen. Auch so ein Wort.

… und sonst

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