Zur Kenntnis … am 12. Dezember

Haubergswirtschaft und Schäferlauf, Drechslerhandwerk und Zoiglkultur – nein, das sind nicht etwa die „Kulturverluste des Jahres“, sondern vier von insgesamt 18 Neueintragungen in die Liste des Immateriellen Kulturerbes hierzulande. Die Deutsche UNESCO-Kommission hatte sie empfohlen, die Kultusministerkonferenz der Länder und die Beauftragte für Kultur und Medien der Bundesregierung, Monika Grütters, sind ihr darin gefolgt.

Das ist eine gute Nachricht, nicht nur für Traditionalisten und engagierte Denkmals- oder Handwerkspfleger, sondern vor allem für Tausende von Ehrenamtlern zwischen Passau und Flensburg (das dortige Zusammenleben der Minderheiten und Mehrheiten im deutsch-dänischen Grenzgebiet wurde übrigens zu einem von neun „Guten Praxisbeispielen“ der Erbeliste erklärt).

Keine gute Nachrichten für ein paar ähnliche Aktive in Nordrhein-Westfalen ist, dass die schwarz-gelben Koalitionäre im Düsseldorfer Landtag das Kulturerbe an Rhein, Ruhr und Lippe jetzt in ideologisch erwünscht und unerwünscht unterteilen. Es geht dabei um das „Archiv für alternatives Schrifttum“ (Afas) in Duisburg. Dort wird seit den 80er Jahren unter großem persönlichen Einsatz all das gesammelt, was die Alternative oder auch Gegen-Kultur der Bundesrepublik sowie die sogenannten Neuen Sozialen Bewegungen seit den 60er Jahren dokumentiert: Protestplakate und Protokolle, Flugblätter und Thesenpapiere, Aufkleber und Audiokassetten (Zur Geschichte Afas-Leiter Jürgen Bacia hier bei WDR3).

Institutionelle Förderung ad absurdum: Erst gewähren, dann entziehen

Das Afas war vor zwei Jahren in den Kreis der institutionell, also verlässlich dauerhaft geförderten Einrichtungen im Land aufgestiegen. Dafür hatten sich nicht nur die Kulturpolitiker der damaligen rot-grünen Koalition jahrelang eingesetzt, sondern auch ihr Pendant in der Union, Prof. Dr. Dr. Thomas Sternberg. Nach der Zusage der jährlichen 250.000 Euro hat das Archiv Mitte 2017 endlich den längst überfälligen Umzug in neue Räumlichkeiten vollzogen, die nun auch den konservatorischen Ansprüchen genügen. Der weltoffene und intellektuell vielseitige kulturpolitische Vordenker Sternberg sitzt seit der letzten Wahl nicht mehr im Landtag (er ist „nur“ noch Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken); seine Nachfolger wollen dem Afas die 250.000 Euro jetzt wieder streichen, obwohl Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen (parteilos) das Geld regulär im Haushalt 2019 eingeplant hatte.

Der Kulturetat des Landes wird bis 2023 um mindestens 100 Millionen Euro erhöht – finanzielle Zwänge können also kaum der Grund für die Totalkürzung sein. Eine substantielle Erklärung für die existenzgefährdende Attacke auf das Archiv blieben die kulturpolitischen Sprecher von Union und FDP bislang schuldig. Doch sie lieferten Hinweise: Der Klever CDU-Abgeordnete Günther Bergmann sagte in der November-Sitzung des Kulturausschusses, er selbst habe zum Beispiel noch manches Dokument aus der Streit-Zeit um die Atomkraft. Die würden sicher gut in die Sammlung des Afas passen, aber DA werde er sie bestimmt nicht hingeben – dann blieben sie besser bei ihm zuhause. Die Aggressivität in der Stimme und der spöttische Gesichtsausdruck vermittelten bereits eine Ahnung davon, dass es hier nicht um Sachfragen geht.

Eingliederung ins Landesarchiv? Nicht mit uns, sagt dessen Präsident

Dazu passt eine weitere Ungereimtheit: Bergmann brachte den Gedanken ins Spiel, dass die Bestände der Einrichtung auch im Landesarchiv NRW untergebracht werden könnten, das sich ebenfalls in Duisburg befindet. Dessen Chef lehnt die Idee allerdings strikt ab. Solche Archivalien zählten nicht zu den Aufgaben seines Hauses, sagte Landesarchiv-Präsident Frank Bischoff im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Außerdem würden die Afas-Leute gute und wichtige Arbeit leisten. „Es ist“, so Bischoff wörtlich, „mein Interesse, dass das Afas seine Arbeit fortsetzen kann“.

Diese Einschätzung des wichtigsten Fachmannes im Landesdienst hatte man in den Regierungsfraktionen offenbar vorher nicht eingeholt. Oder sie war einfach egal, weil es – siehe oben – eben gar nicht um die Sache geht. Lauter hätte die Ohrfeige jedenfalls kaum schallen können. Auch der Landesverband der Archivarinnnen und Archivare in NRW Verband deutscher Archivarinnen und Archivare protestierte gegen die Kürzungen; SPD und Grüne im Düsseldorfer Landtag sowieso, aber die sind halt in der Opposition.

Entfesselung als Freiheit von lästigen Begründungen

Vielleicht weist der Vorgang aber bloß darauf hin, was mancher Kulturpolitiker der Union unter jener „Entfesselung“ versteht, die sich CDU und FDP auf die Fahnen ihrer „NRW-Koalition“ geschrieben haben: Das Ende sachlicher Begründungen für die Kulturförderung und die Rückkehr zur Mittelvergabe nach Gusto, sprich: nach Gutsherrenart. Die Causa Afas jedenfalls offenbart ein fragwürdiges Verständnis von Pluralität – und lässt nichts Gutes erahnen für das geplante „Haus der Geschichte NRW“.

Auf dessen Einrichtung am prestigeträchtigen Düsseldorfer Rheinufer drängt die CDU ja gerade ebenfalls mit aller Macht. Offenbar wollen die überwiegend älteren weißen Herren nicht nur aus dem Parlament dort künftig ein Bild von Nordrhein-Westfalen vermitteln, das sie durch andere Perspektiven auf die Geschichte unseres Landes gefährdet sehen. Von einem auch nur annähernd zeitgemäßen „Kulturerbe“-Begriff ist das allerdings so weit entfernt wie Bielefeld von Bonn. Zu dem würden die Haubergswirtschaft und der Schäferlauf nämlich genauso gehören wie die Friedensbewegung und der Hambacher Forst. Man muss historische Tatsachen ja nicht gut finden – aber man muss sie überhaupt erst mal kennenlernen können, um sich anschließend ein Urteil darüber zu erlauben.

(Aktueller Nachtrag: Heute sollte die Kürzung im Parlament beschlossen werden. Gestern Abend haben die Regierungsfraktionen auf den letzten Drücker einen Änderungsantrag veröffentlicht, der nun die „letztmalige“ Gewährung des Zuschusses für 2019 vorsieht. Damit werde das Afas „in die Lage versetzt, die Planungen der kommenden Jahre so anzupassen, dass der Wegfall der freiwilligen Förderung des Landes kompensiert werden kann“. Diese Formulierung könnte auch vom einstigen Chefsatiriker des deutschen Fernsehens Harald Schmidt stammen; aus der Feder von Regierungspolitikern ist sie allerdings nur zynisch. Manchmal kann man gar nicht so rot werden, wie man sich fremdschämen muss!)

… und sonst:

Foto: (c) Afas „Fundstück des Monats“

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Zur Kenntnis … am 21. November

„Wollt ihr die totale Rückgabe? Ja!“ Diese historisch etwas aufgeladene Formulierung fasst ganz gut den Bericht zusammen, der am Freitag dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron übergeben wird – auf sein eigenes Betreiben hin: Er hatte die in Berlin lehrende Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy gebeten, zusammen mit dem senegalesischen Autor und Ökonom Felwine Sarr die Bedingungen für eine Rückgabe der in Kolonialzeit geraubten afrikanischen Objekte in französischem Besitz zu klären. Die beiden fordern nun einigermaßen erwartbar, eigentlich alles umstandslos wieder den Herkunftsländern zu übereignen – ohne Wenn und Aber.

Die „180-Grad-Wende“ hat seit der berüchtigten Rede des AfD-Extremisten Björn Höcke einen schlechten Ruf. Das könnte sich durch den Savoy-Sarr-Report bald wieder ändern (ich nenne ihn mal so; vor 30 Jahren hätte das Papier nach dem Auftraggeber „Macron-Report“ geheißen, weil die eine Autor*in des Berichts eine Frau und der andere zwar männlich, aber eben doch halt … schwarz ist): Es ist nämlich völlig richtig einzusehen, dass man auf einem Holzweg in der Sackgasse bis schließlich vor die Wand zu rennen im Begriff ist und deshalb zwar viel zu spät, aber dennoch umkehrt. Den dabei entstandenen Schaden wiedergutzumachen ist nur das Mindeste, was man für die Geschädigten selbst wie für die Allgemeinheit leisten kann.

Das wollen Savoy und Sarr für die rund 90.000 Objekte afrikanischer Herkunft, die einst in aller Regel widerrechtlich, oft unter Anwendung von Gewalt und in eigentlich jedem Falle auf moralisch höchst fragwürdiger Basis in Frankreichs Museen und Depots gelandet sind. Nun wird es ein schönes Geschrei geben, bei dem alle leidlich bekannten Argumente der Abwehr solchen Ansinnens noch mal wiederholt werden: Einiges wurde doch auch rechtmäßig erworben, heißt es dann immer, und außerdem liegt es doch gut und sicher bei uns. Und sowieso sind wir – die kolonialgeschichtlich zwar belasteten, aber wirtschaftlich potenteren und, mal ehrlich, auch sonst total überlegenen Europäer – aus der heute total angesagten One-World-Perspektive die einzig echten Garanten für die Bewahrung dieser oft einmaligen Schätze im Range eines Weltkulturerbes.

Der Kolonialismus ist Basis der Museen – Punkt!

Man könnte, in Anlehnung an ein berühmtes Zitat Max Liebermanns, kotzen angesichts all der Hybris und Respektlosigkeit, eigentlich sogar Menschenverachtung, die hinter dieser Haltung steckt. Fakt ist nämlich: Wären Briten und Franzosen, Deutsche, Holländer und Belgier, Portugiesen, Spanier und Italiener nach 1492 nicht wie die Berserker durch andere Kontinente gezogen, läge höchstens ein Bruchteil der Kultur- und Kunstwerke dieser Welt heute in unseren Händen.

Hat schon mal jemand eine Sammlung geraubter deutscher oder französischer Kunst des 16. Jahrhunderts in einem Indianerreservat oder einem Museum auf Sri Lanka gesehen? Nein! Und wenn doch, dann würden wir genauso darauf  bestehen, sie zurück zu bekommen wie gegenüber den Russen in allen Fällen der am und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus Deutschland geraubten Stücke. Zu Recht – und dieses Recht sollen Nigerianer, Mexikaner und Vietnamesen nicht haben, weil das doch ein paar Jahrzehnte früher war? Das ist infam!

Die Kolonialopfer müssen entscheiden

Selbst wenn sie’s anschließend verbrennen, verschenken, verhökern oder ins Meer schmeißen: Es ist erst mal ganz allein ihre Sache, was sie nach der Rückgabe mit Dingen machen, die unsere Vorfahren zuvor ihren Vorfahren geklaut haben. Und wenn diese legitimen Eigentümer dann trotzdem und tatsächlich mit uns zusammen dafür Sorge tragen wollen, dass es als Erbe der Menschheit sorgfältig bewahrt und möglichst breit gezeigt wird, dann sollten wir alles uns Mögliche tun, um unseren Beitrag dafür zu leisten.

Wer jemals im Ghetto von Warschau oder in Auschwitz war und seither Demut für die Tatsache empfindet, dass Polen und Juden überhaupt nur ein einziges Wort mit uns Deutschen reden, der oder die sollte doch in der Lage sein, das gleiche Gefühl gegenüber Teilen der Welt zu haben, die 50, 100 oder auch 400 Jahre früher von uns und unseren Miteuropäern derart tiefgreifend misshandelt wurden, dass die Folgen heute noch unübersehbar sind: Nicht nur die wider alle Kulturgeschichte willkürlich mit dem Lineal gezogenen Grenzen auf den Landkarten Afrikas und des Nahen Ostens zeugen davon, sondern eben auch „ethnologische“ Museen nicht nur voller prächtigster Kunstwerke, sondern auch ritueller Gegenstände und sogar menschlicher Überreste aus diesen Regionen.

Vorbei, vorbei, endlich vorbei, das deutsche Wegducken

Nun wird sich zeigen, wie ernst Emmanuel Macron es mit seiner Rückgabe-Ankündigung während der Afrikareise vor ziemlich genau einem Jahr war. Folgt er dem Savoy-Sarr-Report und leitet die weitestgehende Restitution auch mit Hilfe von dazu zwingend notwendigen Gesetzesänderungen ein, wird der Druck auf die übrigen früheren Kolonialstaaten enorm anwachsen. Dazu zählt auch Deutschland, das sich zumindest während seiner Existenz als Bundesrepublik im langen Schatten des  „Dritten Reichs“ bei diesem Thema immer schön weggeduckt hat. Vorbei, vorbei … endlich!

Das wird Konsequenzen haben für alle außereuropäischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Und vielleicht muss man in Berlin schon bald noch mal ganz neu überlegen, wie das wiederaufgebaute Stadtschloss konkret zu füllen ist: Allein für die Originalausgaben der, wenn auch zahl- wie umfangreichen Reiseberichte seines Namensgebers dürfte das Humboldt Forum nämlich ein bisschen zu groß sein.

… und sonst:

Foto Humboldt Forum: (c) Stephan Falk

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Zur Kenntnis … Extra: Der Freie Eintritt, die AfD und ich

Heute nachmittag nehme ich zum ersten Mal als Experte an einem Fachgespräch im Kulturausschuss des Deutschen Bundestages teil. Es geht um den kostenlosen Eintritt in Kulturinstitutionen, vor allem in Museen. Hintergrund ist die für 2019 geplante Eröffnung des Humboldt Forums im wiederaufgebauten Stadtschloss in der Mitte Berlins.

Die Bundesregierung möchte dort als Modellprojekt für alle vom Bund geförderten Kultureinrichtungen auf Eintrittsgelder für die Dauerausstellung verzichten. Das hatten Union und SPD im aktuellen Koalitionsvertrag vereinbart. Mit dem Humboldt Forum wäre die voraussichtlich größte Kultureinrichtung in der Hauptstadt für die meisten Besucher kostenlos. Die Initiative dazu wird von der Fraktion Die Linke im Bundestag unterstützt; ihre Kulturpolitiker*innen haben die heutige Anhörung angeregt. Die Partei hatte in ihrem Wahlprogramm 2017 den Freien Eintritt für alle vom Bund geförderten Museen gefordert.

Das klingt natürlich erst mal super, voll gerecht, nach „Kultur für alle“ und so weiter. Kulturelle Teilhabe breiter Bevölkerungsschichten ist ein wichtiges Ziel für den modernen Kulturstaat, aber auch eine komplexe Herausforderung: Tatsächlich sorgt Freier Eintritt sogar oft für mehr Besucher – allerdings leider kaum aus dem Kreis der bisherigen Nichtnutzer. Trotz weit gefächerter Preisnach- und -erlässe lag die Zahl der (erfassten) Museumsbesucher*innen in Deutschland zuletzt recht konstant zwischen 110 und 115 Millionen. In mehr als einem Drittel der Museen in Deutschland ist der Besuch bereits kostenlos, wenn auch meist in den kleineren und so gut wie nie in Kunstmuseen.

Die Millionen mit Verstand einsetzen

Wissenschaftliche Studien – auch internationale – belegen jedoch: Gratisangebote (allein) bringen nicht viel. Zielgruppenspezifische Vermittlungskonzepte zum Beispiel gelten als deutlich wirksamer als kostenlose Angebote. Es wäre also viel sinnvoller, die geplanten Extramittel dafür auszugeben (und so nebenbei mehr hochqualifizierte Museumspädagog*innen in Lohn und Brot zu bringen).

Die fehlenden Ticketerlöse im Budget des Humboldt Forums will die Regierung nämlich durch Millionenzuschüsse aus dem Bundeshaushalt ausgleichen. Das wirft weitere Fragen auf, zum Beispiel diese: Was ist mit den Museen drumherum? Die sind ja weiterhin kostenpflichtig und werden so absehbar Besucher an das kostenlose Stadtschloss verlieren – und damit Einnahmen. Kriegen die ebenfalls mehr Geld vom Staat? Über dies und mehr werden wir heute Nachmittag im Bundestag sprechen, vielleicht auch streiten.

Eine seltsame Einladung

Dass ich zu den neun eingeladenen Fachleuten gehöre, verdanke ich allerdings einem, sagen wir mal ungewöhnlichen Umstand: Jede Fraktion im Parlament darf mindestens einen Experten vorschlagen. Meinen Namen hat – ausgerechnet – die AfD auf den gemeinsamen Einladungszettel des Ausschusses geschrieben. Das hat mich doch etwas … überrascht, in mehrfacher Hinsicht.

Wer mich, meine Arbeit und meine grundsätzlichen Positionen nicht nur in der Kultur- und Medienpolitik kennt, käme wohl kaum auf die Idee, dass irgendeine Partei rechts der Mitte mich für sich entdecken könnte – um es mal vorsichtig zu formulieren. Ich trete seit über drei Jahrzehnten aktiv für eine weltoffene und liberale Gesellschaft ein, in der jede*r seine Meinung sagen und nach seiner oder ihrer Fasson leben kann. Freiheit des Wortes, der Kunst und der Wissenschaft, Solidarität mit den Schwachen und respektvolle Verantwortung für uns, unsere Nachbarn und die Welt als Ganzes sind schon bei meinen politischen Engagements in Jugend- und Studententagen zentrale Werte gewesen. Das gilt bis heute für meine publizistische Tätigkeit, jedenfalls da, wo Meinung statt Bericht gefragt ist.

Überlegung gegen Reflexe

Ich habe also nicht nur kurz gezögert, ob ich dieser Einladung zur heutigen Anhörung folgen soll, sondern recht lange darüber nachgedacht: Darf ich meine in vielen Jahren als Fachjournalist gereiften und begründeten Ansichten zum Thema – Freier Eintritt in Kultureinrichtungen – nicht in den politischen Willensbildungsprozess des höchsten deutschen Parlaments einbringen, weil mich nichts mit der Partei verbindet, die mich vorschlägt? Ich würde am selben Ort immer das Gleiche sagen und auch nicht sagen.

Zweitens halte ich es als Befürworter der liberalen Demokratie, freiheitlichen Grundordnung und diversen Gesellschaft für ein Gebot der Stunde, noch mehr als bisher jede sich bietende Gelegenheit nutzen, um für dieses Anliegen einzutreten. Das ist für Journalisten meist „nur“ im Rahmen beruflicher Tätigkeit möglich. Andere Bühnen der Politik sind uns schon aus berufsethischen Gründen in der Regel verwehrt.

Drittens und vor allem aber würde eine Absage aus Prinzip auch einen gefährlichen Umkehrschluss ermöglichen: Die AfD müsste künftig immer nur als erstes solche Leute wie mich vorschlagen, die ihr politisch nicht nahe stehen, um auf dem Wege unserer reflexhaften Ablehnung schließlich mittelbar dafür zu sorgen, dass unsere Ansichten zumindest in derartigen Parlaments-Anhörungen seltener vertreten werden. Das wäre aus deren Sicht clever – unsererseits aber ganz schön blöd.

Die Kultur braucht mehr Frauen, Zuwanderer, Menschen mit Behinderungen

Man kann die Dinge wie so oft vermutlich auch anders sehen, ich sehe sie so wie geschildert. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, heute Nachmittag im Kulturausschuss des Deutschen Bundestages – von dem wir Experten ganz offiziell zu diesem Termin eingeladen wurden, nicht von einer einzelnen Partei – meine Positionen zu vertreten.

Dazu wird die zentrale Forderung gehören, dass dringend mehr Frauen und Menschen mit Zuwanderungsgeschichte oder mit Behinderungen in den Kulturinstitutionen tätig sein müssen. Und zwar nicht nur im Depot oder in der Buchhaltung, sondern vor allem als Dramaturg*innen, Kurator*innen, Intendant*innen und Direktor*innen. Das würde über kurz oder lang auch für eine erkennbar andere Zusammensetzung des Publikums sorgen – und zwar eine, die jedenfalls besser als bisher die Bevölkerung dieses Landes abbildet. Ich werde bald an dieser Stelle darüber berichten, wie das so ankam …

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Zur Kenntnis … am 31. Oktober

20 Jahre Beauftragte*r der Bundesregierung für Kultur und Medien: Die Feier im noch nicht eröffneten Humboldt Forum haben unter anderem Jens Bisky und Christiane Habermalz treffend beschrieben und bewertet. Ein großes Thema des Abends war auch Jörg Häntzschels Porträt der aktuellen Amtsinhaberin Monika Grütters, das am vergangenen Wochenende in der SZ zu lesen war. Die Reaktion darauf war landauf, landab weitgehend ähnlich: Natürlich hätte er noch dieses oder jenes Gute wie Kritische mehr schreiben können, aber insgesamt hat Häntzschel mit seiner Analyse der Machtausübung durch Abhängigkeiten schon Recht.

Während der Berliner Koalitionsverhandlungen zu Beginn dieses Jahres hatte ich selbst bereits eine inhaltliche Ambitionslosigkeit der Bundeskulturpolitik beklagt. Die stetig wachsenden Mittel werden verwaltet, und bei Themen wie Provenienzforschung (NS-Raubkunst, Kolonialismus), Geschlechtergerechtigkeit oder Integration geht es vor allem um die Korrektur historischer Fehler. Echter Gestaltungswille ist jenseits der Durchsetzung von Grütters‘ konservativer Grundhaltung – Christentum schützen, Kunstfreiheit hochhalten, Kultur als sozialen Schmierstoff legitimieren – nicht zu erkennen.

Das ist allerdings auch eine sensible Angelegenheit, eben wegen jener Kunstfreiheit: Die Kulturpolitik hat nicht in die Ästhetik der Kunst reinzuregieren, für die sie öffentliche Mittel beschafft. Vielleicht deshalb scheint ihr heute mehr an Repräsentations-Orten dieser Kunst gelegen zu sein als an der Förderung von Künstlerinnen und Künstlern.

Repräsentation UND Produktion fördern

Dabei wäre nichts einzuwenden gegen immer größere, schönere, strahlendere Theaterbauten, Museen und Bibliotheken – wenn die gegenwärtigen Produzenten der dort und überall sonst in öffentlichen Gebäuden und Räumen gezeigten Kunst endlich auch mehrheitlich von dieser Arbeit leben könnten. Tatsächlich aber sind die Gagen an deutschen Bühnen oder die tatsächlichen Stundenlöhne in Projekten der Freien Szene eine Frechheit. Die von den Künstlerverbänden geforderte obligatorische Ausstellungsvergütung für Schauen in staatlichen Häusern kommt in der kulturpolitischen Debatte de facto nicht vor und bleibt bis auf Weiteres eine Utopie.

Bei Lichte betrachtet müsste diese Situation übrigens ein sozial- und dadurch auch kulturpolitischer Elfmeter für die SPD sein. Doch deren aktueller Spielführerin fehlt unübersehbar das Format für die Kapitänsbinde. Als Arbeitsministerin hat sie sich zwar um die Stabilisierung der Künstlersozialkasse verdient gemacht, wie die meisten Spitzengenossen versteht allerdings auch die Parteichefin nicht, dass die Problematik dahinter jene Soziale Frage ist, die sich heute in der Mitte der Gesellschaft stellt: Wie können Kreative – nicht nur, aber oft Freiberufler – mit ihrer Arbeit Einkünfte erzielen, die zur Finanzierung von Wohnen, Familie und Alterssicherung reichen? Diese Kopfarbeiter bilden zusammen mit den Paketbotinnen, Krankenpflegern und Erzieherinnen die  „Arbeiterschaft“ des 21. Jahrhunderts. Sie wären die natürliche Zielgruppe einer „Partei der sozialen Gerechtigkeit“, nicht zuletzt dann auch wieder kulturpolitisch.

Kulturpolitik für die Zukunft? Fehlanzeige

Da Grüne wie FDP im Bund ebenfalls wenig Substanzielles anzubieten haben, sind die Aussichten angesichts der absehbar möglichen Machtkonstellationen für die kommenden Jahre allenfalls so mittel. Bei den Feiern zum 25. und 30. BKM-Jubiläum werden deshalb wohl auch wieder vor allem steigende Etats belobigt werden – allerdings nur für den Fall, dass es bis dain richtig gut läuft. Viel wahrscheinlicher ist, das sich 2023 oder 2028 alle überglücklich schätzen werden, wenn der finanzielle Status Quo überhaupt irgendwie bewahrt bleibt. Eine Konjunkturflaute (mindestens) ist ja längst überfällig; mit ihr wird nach den fetten Jahren wieder deutlich weniger Geld in den öffentlichen Kassen sein als heute. Nach großen Ideen fragt dann sowieso keiner mehr.

Der Bund ist dank der Schaffung des Kulturstaatsministeriums durch Gerhard Schröder vom Ergänzungsspieler zu einem zentralen Player der deutschen Kulturpolitik geworden. Daran waren die bisherigen Amtsinaber*innen unterschiedlich stark beteiligt; Monika Grütters hat diese Entwicklung jedenfalls monetär weit vorangetrieben. Doch wie auf anderen politischen Feldern gilt auch hier: Über die Sicherung von Macht, Einfluss und den Wohlstand der Besitzenden hinaus ist keine inhaltliche, gar eine neue Idee erkennbar, die in der Gesellschaft insgesamt eine überzeugende Kraft entfalten könnte. Für den Kulturstaat Deutschland ist das leider kein Grund zum Feiern!

… und sonst:

Foto : © Bundesregierung/Bergmann

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Zur Kenntnis … am 24. Oktober

Mir fehlen zwar nicht wirklich die Worte, aber in diesen Tagen ringe ich noch mehr als sonst um die richtigen. Vergangene Woche hat die amtierende Direktorin des Dessauer Bauhauses, Claudia Perren, ihr Einknicken vor ein paar rechten Krawallbrüdern allen Ernstes mit der Tradition des Hauses begründet. Beim Lesen der zugehörigen Pressemitteilung (nur als PDF) ist mir erst mal die Luft weggeblieben. Ich bin den Text dann noch mal Zeile für Zeile durchgegangen, um mich zu vergewissern und im wahren Sinne des Wortes zu begreifen: Das hat sie wirklich gesagt!

Jeder Mensch mit Führungsverantwortung macht mal einen kommunikativen Fehler, das passiert sogar den größten Koryphäen. Man kann in der Wortwahl daneben liegen oder im Ton, übereilt reagieren oder zu spät. Mancher meint, auch gegen jeden guten Rat einer angeblich kurzlebigen Mode trotzen zu müssen, während sich tatsächlich gerade ein Zeitenwandel vollzieht; andere wiederum springen ganz unvermittelt auf den Schnellzug des Zeitgeistes auf, obwohl der sie vermeintlich anwehende Fahrtwind nur ein Lufthauch vom offenen Fenster im Herbst war. Alles nicht schön, aber – meistens – verzeihlich.

Wer jedoch so grundstürzend und fundamental wie Claudia Perren nicht verstanden hat, was der Geist gerade jener Institution ist, der sie vorsteht; wer diesen im Gegenteil sogar öffentlich in sein Gegenteil zu verkehren sucht und dann noch als Entschuldigung dafür missbraucht, sich widerstandslos genau jener Art von Druck zu ergeben, der dem eigenen Haus schon einmal ein schändliches Ende bereitet hat, die kann das auch mit einer zwar wohl überlegten, aber neuerlich wachsweichen Antwortstrategie wie im ZEIT-Interview von heute nicht mehr zurückholen.

In einer besseren Welt würde man nun umgehend verlangen, dass Perren ohne weiteres Federlesens ihr Amt und damit jenen Sessel räumt, auf dem – jedenfalls mittelbar – einst Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe saßen. Das Bauhaus in Dessau braucht gerade zu seinem 100-jährigen Jubiläum im kommenden Jahr eine Leitung, die ohne Wenn und Aber und nicht erst auf Nachfrage zu den Werten steht, die es weit über seine Architektur hinaus zu einem geistigen Weltkulturerbe werden ließen: Offenheit, Vielfalt und Gleichberechtigung, vor allem aber die Freiheit des Geistes und der Kunst.

Mit dieser Aufgabe ist die aktuelle Direktorin ganz unübersehbar überfordert, sie wird aber trotzdem bleiben. Denn: Die Kulturstaatsministerin in Berlin ist zwar angefressen, will aber kein Führungschaos zum Jubiläumsjahr. Und der Stiftungsratsvorsitzende, Sachsen-Anhalts Kulturminister Rainer Robra, saß bei Perrens moralischer Geisterfahrt sogar auf dem Beifahrersitz. Wer sollte Sie also jetzt gehen?

… und sonst:

Veranstaltungshinweis 1: „Wonderlands – Führungspositionen in den Performing Arts“ lautet der elegant camouflierende Titel eines zweitägigen Symposiums des Frauenkulturbüros NRW Ende kommender Woche zur Geschlechterdiversität bei den Top Jobs

Veranstaltungshinweis 2: „Wie neutral sind Museen?“fragen Studierende der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Technik am 8. November auf der Internationalen Fachmesse für Museums- und Ausstellungstechnik in Leipzig. Kluger Ansatz, interessantes Programm  

Last but not least: Der international bekannteste Fotograf Pakistans und aktive Menschenrechtler Shahidul Alam ist seit bald 80 Tagen in Haft. Er hatte zuvor Studentenproteste gefilmt und Al-Jazeera dazu ein Interview gegeben. Wir haben zuletzt in Istanbul wieder erlebt, was selbst prominentesten Regimekritikern passieren kann. Unsere stärkste Waffe ist öffentliche Solidarität! Deshalb: #freeshahidul

Foto: Bauhaus-Treppenhaus:(c) Peter Grabowski

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Milchmädchenrechnung an der Museumskasse

In Nordrhein-Westfalen grassiert zurzeit ein Virus: „Freier Eintritt“. Das Fieber hat kulturpolitische Akteure auf allen Ebenen und in vielen Ecken des Landes gleichzeitig erfasst. Vor allem die Sozialdemokraten scheinen nur noch ein Ziel zu kennen: Der Museumsbesuch für junge und arme Menschen soll flächendeckend umsonst sein. Das nutzt zwar nichts, klingt aber so schön nach Gerechtigkeit und Teilhabe.

Doch so einfach, wie die (Kultur-)Politik sich das macht, ist die Sache nicht. Längst können Menschen aller Milieus und Einkommensschichten in Konzerte, Aufführungen und Ausstellungen gehen, ohne dass allzu große Hürden finanzieller oder sozialer Art im Weg wären. Viele Theater bieten eine – begrenzte – Zahl von Tickets zu Preisen im einstelligen Eurobereich, Museen kostenlosen Zugang zu ihren Sammlungen, entweder für bestimmte Tage oder Altersgruppen. Empfänger von Transferleistungen erhalten oft stark ermäßigte Karten, Kulturlogen und-listen mit ihren karitativen Kontingenten und Restkartenverteilern tun ein Übriges.

Allein: Die Umworbenen gehen auch weiterhin mehrheitlich nicht hin. Woran liegt das? Kurz gesagt daran, dass der Preis oft gar nicht die Hürde ist. Viele sogenannte Nichtbesucher-Studien belegen zwar scheinbar das Gegenteil, aber das hat einen einfachen Grund: Es ist sehr bequem, auf einem standardisierten Fragebogen „zu teuer“ oder „keine Zeit“ als Grund für das eigene Fernbleiben anzukreuzen. Werden allerdings qualitative Interviews mit den „kulturfernen“ Probanden geführt, kommen bald die wahren Gründe ans Licht: Viele kennen die Angebote der Opernhäuser, Theater und Museen gar nicht und/oder äußern – zugespitzt formuliert – die Ansicht: „Das ist nichts für mich!“

Die Hälfte der Bevölkerung bleibt konsequent weg

Kunst aller Sparten gilt ihnen als ein Vergnügen reicher und gebildeter Kreise, zu denen sich die Mehrheit der Menschen in Deutschland nicht zählt. Entsprechend liegt der Anteil der Nichtnutzer von öffentlich geförderten Kultureinrichtungen bei insgesamt rund 50 Prozent der Gesamtbevölkerung, Tendenz steigend. Und dabei überdeckt das gut genutzte Angebot der Bibliotheken noch die deutlich schlechteren Zahlen in anderen Bereichen: In einer Untersuchung für den aktuellen Landeskulturbericht Nordrhein-Westfalen gaben drei Viertel aller Befragten an, noch nie in der Oper gewesen zu sein; 78 Prozent sagten, sie gingen seltener als einmal im Jahr in ein Kunstmuseum, der größere Teil davon nie.

Mit den Kosten hat das wenig zu tun, wie man gut an den Museen beobachten kann, die bereits ganz oder teilweise gratis sind. Zwar steigt die Zahl der Besucher nach der Ein-führung, was stets als großer Erfolg gefeiert wird. In den meisten Fällen allerdings geht sie anschließend auch wieder deutlich zurück; darüber wird öffentlich nicht gern gesprochen. Am Ende pendelt sie sich üblicherweise knapp oberhalb des Ausgangsniveaus ein.

Qualitative Forschungen in ganz Europa zeigen zudem: Selbst der verbleibende minimale Zuwachs beruht weitgehend auf höherer Besuchsfrequenz jener Museumsgänger, die schon vor der neuen Preispolitik da waren; sie kommen dann öfter, dafür werden die Besuche kürzer. Ja, das belebt das Museum natürlich trotzdem. Aber: Nein, das war nicht das Ziel des kostenlosen Eintritts.

Kannibalisierungseffekte statt mehr Teilhabe

Und selbst dort, wo das Besucherplus dauerhaft aus Bevölkerungsgruppen stammt, die man in der Regel nur schlecht erreicht – Kinder und Jugendliche, Familien, wirtschaftlich schwache Milieus und Migranten der großen Zuwanderergruppen – ist dieser Erfolg bei eingehender Überprüfung oft nur einer Verlagerung geschuldet: Bei Schulausflügen, aber auch bei Stadtrundfahrten oder -gängen für Touristen, fällt die Entscheidung zwischen verschiedenen kulturellen Zielen unter dem Kostenaspekt. Kein Wunder also, dass ein Spitzenmuseum wie das Essener Folkwang seit dem Freiem Eintritt – ermöglicht durch die Krupp-Stiftung – enorme Nutzerzuwächse gerade bei Schülergruppen verzeichnet. Genauer betrachtet sind das aber nur jene, die jetzt in anderen kostenpflichtigen Häusern des Ruhrgebiets zwischen Duisburg und Dortmund fehlen.

In Berlin erleben wir gerade eine heftige Debatte um den Freien Eintritt für das im kommenden Jahr zu eröffnende Humboldt Forum. Nicht nur die umliegenden Museen befürchten Kannibalisierungseffekte, auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters sieht die Gefahren. Die Frage spaltet sogar die Führungsmannschaft der Stiftung Preußischer Kulturbesitz selbst, die das neue wie die alten Häuser maßgeblich verantwortet.

Doch besonders die SPD in NRW hält es vielerorts trotzdem für eine gute Idee, auf den Eintritt zu verzichten, jedenfalls für Unter-21-Jährige, die Sammlungen und Dauerausstellungen besuchen. Dass keine seriöse Untersuchung – eine davon hatte die sozialdemokratische Landtagsfraktion in der vorigen Wahlperiode sogar mit in Auftrag gegeben – dafür nennenswerte Erfolge im Sinne eines „Kultur für Alle“-Gedankens belegen kann, wird konsequent ignoriert.

Sozialromantik statt wirksamer Kulturpolitik

Von Tübingen über Düsseldorf bis Leipzig, von Mailand bis London, von New York bis L.A. wissen Kulturforscherinnen und -manager: Menschen, die nicht in Museen gehen – das gilt so ähnlich für alle „klassischen“ Kulturinstitutionen -, müssen mit speziell zugeschnittenen Vermittlungsangeboten angesprochen und betreut werden. Dann sind nachhaltige Erfolge durchaus erreichbar … und erst danach macht es Sinn, die neugewonnenen Museumsfreunde durch eine andere Preispolitik auch regelmäßig ins Haus locken zu wollen.

Solche substanziellen Programme kosten allerdings, weil man qualifiziertes Personal für Pädagogik und Marketing beschäftigen muss. Im Vergleich dazu nehmen sich die Einnahmeausfälle durch Freien Eintritt in Dauerausstellungen ziemlich bescheiden aus. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), der ebenfalls gerade in 18 Museen ein Gratisticket für Kinder und Jugendliche einführen möchte, rechnet mit rund 630.000 Euro entgangener Ticketumsätze pro Jahr. Das Geld soll durch eine moderate Preiserhöhung für Erwachsene und weniger kostenlose Tage für alle Museumsbesucher wieder reinkommen. Die nicht besonders hoch wirkende Summe ist für den Betrieb der Häuser nämlich erklärtermaßen unverzichtbar.

Auch LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger räumt in der Pressemitteilung zu ihren Plänen ein, dass der Freie Eintritt allein nichts bewirkt. Sie will das Gratisticket aber nicht mit mehr Vermittlungsarbeit, sondern besseren Mobilitätsangeboten ergänzen. Die sind in Ländlichen Räumen wie dem Sauer-, Münster- oder auch Lipperland tatsächlich ein Problem. Dass bislang fehlende Publika deshalb künftig in nennenswerter Zahl die Museen stürmen, wird trotzdem eher ein frommer Wunsch bleiben als eine realistische Hoffnung.

Letzte Ausfahrt: Gerechtigkeit

Was die SPD in Nordrhein-Westfalen beim Freien Eintritt zurzeit so vehement umtreibt, bleibt Kennern der Materie erst recht ein Rätsel. Auch in den Stadträten von Dortmund und Düsseldorf will man auf Teufel komm raus den Freien Eintritt beschließen, ohne fundiert sagen zu können, wofür das gut sein soll. Die Genossen im Landtag haben ihr Ansinnen zuletzt sogar mit einer besonders originellen neuen Begründung versehen: Das Gratisticket stelle bloß Gerechtigkeit her, schließlich hätten die Steuerzahler die Museen sowie die Kunst und das Personal darin ja bereits bezahlt. Nach dieser Logik müssten dort allerdings Jahr für Jahr Gewinne in Höhe der Eintrittserlöse gemacht werden – die Kosten wären ja bereits durch die öffentlichen Kassen gedeckt …

Haben Sie das gerade gehört? Das war das schallende Gelächter der rund 6300 Museums-Direktor*innen zwischen Flensburg und Passau. Es muss Galgenhumor sein, denn die SPD ist aktuell immer noch an elf Landesregierungen beteiligt. Wer aber solche Milchmädchenrechnungen aufstellt, sollte in der Kulturpolitik besser nichts zu sagen haben. Andererseits kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Partei auch an diesem Ziel gerade fieberhaft arbeitet. Vielleicht doch ein Virus?

Foto: (c) Peter Grabowski

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Zur Kenntnis … am 20. September

IFACCA ist eine zunächst nicht ganz jugendfrei wirkende Abkürzung, wenn man sie einfach so als Wort ausspricht. Dahinter versteckt sich allerdings nicht etwa eine prahlerische Porno-Plattform, sondern ausgerechnet der Weltverband der nationalen Kulturförderinstitute (International Federation of Arts Councils and Culture Agencies).

Deren Newsletter ist ein steter Quell der Horizonterweiterung, wenn man das denn will. Aktuell verweist er auf Präsentationen und Videos vom ersten Kulturgipfel für das südliche Afrika, der Ende August in Windhoek stattfand. Ich empfehle den Mitschnitt des Podiums „Das richtige Umfeld zur Förderung der Kulturwirtschaft“.

Seit dem letzten IFACCA World Summit of Arts and Culture auf Malta im Oktober 2016 kann ich sagen: Es gibt kaum Lehrreicheres und Inspirierenderes als die Begegnungen mit den vielen höchst engagierten und maximal kundigen Kulturförderern – und Künstler*innen – aus aller Welt. Immer, wenn ich bei solchen Veranstaltungen bin, muss ich an ein legendäres Bonmot von Mark Twain denken: „Reisen ist tödlich für die eigenen Vorurteile“.

Ich will deshalb versuchen, auch beim nächsten Gipfel dabei zu sein, der im März 2019 in Kuala Lumpur stattfindet. Leider ist noch nicht ganz klar, ob es wirklich klappt – but I’m lookin‘ forward!

… und sonst:

Kurzfristiger Veranstaltungshinweis: „Neue Relevanz“ heißt ein erstklassig besetztes Symposium zur Zukunft kleiner Stadtmuseen. Es findet morgen in Werne statt (ja, ja, googlet mal schön, wo das eigentlich liegt) und wird vom dortigen Stadtmuseum zusammen mit der Zukunftsakademie NRW (ZAK) veranstaltet, unterstützt vom Fonds Stadtgefährten der Bundeskulturstiftung und StadtBauKultur NRW. Spitzenthema, eigentlich auch ein Fall fürs Heimatministerium.

Mittelfristiger Veranstaltungshinweis: Der jährliche Theatermarkt der Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen (INTHEGA) findet am 15. und 16. Oktober in Bielefeld statt. Noch nie von gehört (also ich mein jetzt die INTHEGA, nicht Bielefeld)? Seltsam eigentlich, da sind nämlich immerhin 400 Kommunen Mitglied. Fast 60 % der Menschen in Deutschland leben im „Ländlichen Raum“: Vermutlich sind die bei der INTHEGA gehandelten Inszenierungen tatsächlich viel wichtiger für das kulturelle Leben der Republik als all die Volksbühnen, Thalias und Kammerspiele von Berlin bis München.

Langfristiger Terminhinweis: Ende November jährt sich die Unterzeichnung des Washingtoner Abkommens für den Umgang mit NS-Raubkunst zum 20. Mal. Dazu gibt es dann ein großes Symposium in Berlin. Titel: „Wege in die Zukunft“, organisiert vom Magdeburger Zentrum für Kulturgutverluste. ANMELDESCHLUSS dafür ist bereits der 12. Oktober. Don’t miss!

Foto: (c) Peter Grabowski
Das ist der Blick von der Terrasse, auf der ich die nächsten
drei Wochen keine Newsletter und Mails lesen werde.
Bis dahin!

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