Zur Kenntnis … mit scheinheiligem Katzenjammer

„Flinten-Uschi killt Kultur“ – so würde die BILD vermutlich heute titeln, wenn ihr Chefredakteur Julian Reichelt sich für Kulturpolitik interessierte. Ein Glück, dass er’s nicht tut, denn so befeuert das populistische Kampfblatt aus dem Springer’schen Postillen-Arsenal nicht auch noch auf diesem Gebiet die nationale Legendenbildung.

Tatsächlich hat Ursula von der Leyen, die designierte Präsidentin der EU-Kommission, gestern einen Entwurf für den Zuschnitt der künftigen Kommissariate vorgelegt, in dem „Kultur und Bildung“ anders als bisher nicht mehr als eigenes Ressort vorkommt. So umgehend wie unumgänglich setzte hierzulande ein großes Weinen und Wehklagen ein, das der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, aber ebenso schnell als das diagnostizierte, was es leider ist: Krokodilstränen.

Die Kulturpolitik spielt in Brüssel seit jeher keine Geige, auch wenn die beiden letzten Kommissionschefs Juncker und vor allem Barroso öffentlich große Stücke auf sie hielten. Der eine nannte Künster und Kulturschaffende „unsere Kronjuwelen“, der andere erhoffte sich von ihnen sogar ein neues Narrativ für Europa. Tatsächlich liegt die Kulturhoheit in der Europäischen Union aber vertraglich festgelegt bei den Nationalstaaten. In der föderalen Bundesrepublik heißt das: Bei den Ländern, also noch eine staatliche Ebene tiefer.

Auch das aktuelle Förderprogramm „Kreatives Europa“ mit seinem Gesamtetat von nicht ganz zwei Milliarden Euro entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Mogelpackung: Der Löwenanteil geht in Medien- und vor allem Filmprojekte, für originär kulturelle Zwecke stehen den 27 (28?) Mitgliedsstaaten im kommenden Jahr schlappe 78,8 Millionen Euro zur Verfügung. Kurz und gut: Die EU fördert in der Kultur mit – im Vergleich zu anderen Bereichen – homöopathischen Summen für ein paar Dutzend multilaterale Kooperationen ausschließlich den „europäischen Gedanken“. That’s it – und das war von den 28 demokratisch gewählten Regierungen bei der Verabschiedung genauso politisch gewollt.

Der noch nicht sooo lang amtierende Vorsitzende der Unionsfraktion im Deutschen Bundestag, Ralph Brinkhaus, hat zufällig just dieser Tage in einem Beitrag für die Monatszeitung „Politik & Kultur“ des Kulturrates aktuelle Ziele für die Kulturpolitik formuliert. Er stellt dabei die Zukunft der deutschen „Kulturnation“ in den Mittelpunkt – ein Konstrukt, dem die Kulturwissenschaftlerin Sigrid Weigel in einer Studie für das vom Auswärtigen Amt finanzierte ifa gerade erst eine sehr stichhaltig begründete Absage erteilt hat. Brinkhaus redet zudem von der Notwendigkeit „deutscher Erzählungen und Stoffe“, was immer das in einer sich ständig stärker globalisierenden Popkultur sein mag. Offenbar ist ihm die böse, böse US-Kulturindustrie nicht ganz geheuer … da verrät sich dann doch einige Hilf- wie Orientierungslosigkeit. Vielleicht ganz gut, dass es die Kulturnation, die er bewahren und auch ein bisschen führen will, so gar nicht gibt. Flinten-Uschi, bitte übernehmen Sie!

… und sonst:

Terminhinweis: Am kommenden Freitag diskutiert die Kulturkonferenz Ruhr kulturelle Potenziale digitaler Technologie, u.a. mit Francesca Bria aus Barcelona und dem Digitalvordenker der Süddeutschen Zeitung, Dirk von Gehlen.

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Zur Kenntnis … nach der Sommerpause!

Düsseldorf sehnt sich weiter nach einer neuen Oper, das Humboldtforum macht auch erst mal nicht auf und jetzt verlässt sogar Udo Kittelmann die Nationalgalerie: Quo vadis, Kulturnation Deutschland?

„Reden Sie kein dummes Zeug, Grabowski“, würde die Kulturwissenschaftlerin Sigrid Weigel mir auf diese Frage vermutlich antworten. Sie hat sich zuletzt nämlich in einer 180 Seiten starken Studie für das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) mit der Auswärtigen Kulturpolitik beschäftigt und räumt darin mit bestechender Logik den zugehörigen Begriffskanon ab: Eine kulturelle Identität, die Kulturnation und auch „das Deutsche“ selbst gibt es nicht, konstatiert die frühere Direktorin des Einstein Forums und Professorin in Princeton.

Das kann eigentlich jeder bestätigen, der sehenden Auges durch die Bundesrepublik reist oder auch bloß eine leise Ahnung von den zutiefst verschiedenen künstlerischen, wissenschaftlichen und philosophischen Ideen hat, die unser Land seit Jahrhunderten (vor-)prägen. EINE Identität? Bereits der Gedanke, hier wie irgendwo anders auf der Welt seien die Menschen alle gleich – und genau das meint ja das Wort „identisch“ – ist schon absurd. Das gilt für jede*n Einzelne*n wie für Gruppen. Wie identisch sind die Mitglieder auch nur einer Familie? Genau!

Nicht alles, was die langjährige Chefin des Berliner Zentrums für Literatur- und Kulturforschung daraus schließt, muss man teilen. Ihr argumentatives Fundament ist allerdings blitzsauber verfugt und wasserdicht. Das sollten sich die Politiker*innen aller demokratischen Parteien am besten sofort aneignen. Damit könnten sie den Populist*innen in den heiklen Debatten über unsere Gesellschaft und eben auch die Kulturen dieses Landes nämlich nicht nur rhetorisch, sondern sogar inhaltlich offensiv begegnen. Und das anstehende Jubiläum des Mauerfalls wäre ja sowieso ein guter, wenn nicht der perfekte Anlass, um über unser Verständnis von Gesellschaft, Staat und Kultur samt ihrer inneren Zusammenhänge grundsätzlich nachzudenken.

Im Auswärtigen Amt allerdings, zu dem der Studienauftraggeber ifa organisatorisch gehört, hat man Sigrid Weigels Bericht offenbar nicht gelesen, wie die Süddeutsche Zeitung auf Nachfrage mitgeteilt bekam. Dabei habe Berlin doch so dringend darauf gewartet, erzählte die Autorin selbst im Deutschlandfunk Kultur. Bemerkenswert ist das, sehr bemerkenswert. Und im ersten Moment möchte man gern wissen, was die zuständige Staatsministerin Michelle Müntefering eigentlich dazu sagt – aber schon im nächsten dann nicht mehr.

… und sonst:

Terminhinweis 1: Die Landesmusikakademie NRW in Heek und das (mittelbar) benachbarte Künstlerdorf Schöppingen feiern Ende kommender Woche im Doppelpack ihre 30-jährigen Bestehen. Große Sause, dringend hin!

Terminhinweis 2: Die Interessengemeinschaft Deutscher Kunsthandel veranstaltet am 14. Oktober eine Fachtagung zum Thema Raubkunst. Titel: „Fair und gerecht? Restitution und Provenienz im Kunstmarkt“

In eigener Sache, zum zweiten: Damit sich niemand meiner Leser*innen wundert, weise ich aus den aktuellen Anlässen Pina-Bausch-Intendanz und gescheiterte Direktoren-Besetzung im von-der-Heydt-Museum noch mal darauf hin, dass ich grundsätzlich nicht über Vorgänge in meiner Heimatstadt Wuppertal berichte. Aus Gründen (Seelenfrieden, körperliche Unversehrtheit usw.)!

 

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Zur Kenntnis … das letzte Gefecht?!

Diese kleine Informationsschrift hat ganz gegen ihre – und meine – Gewohnheit seit Mitte Januar geschwiegen. Das hatte mit viel Arbeit einerseits und einer leider ständig ab- und wieder auftauchenden schweren Erkältung zu tun. Aber das nur am Rande, denn heute soll’s ums große Ganze in der Mitte gehen!

In den vergangenen zehn Wochen sind so einige Themen über den kulturpolitischen Marktplatz gejagt (worden): Mehr oder minder klein angefangen bei den aktuellen „Münchner G’schichten“ um neuerliche Kostensteigerung beim Deutschen Museum und die in jeder Hinsicht bewegten Zeiten fürs Haus der Kunst über den möglichen Opernneu-bau in Düsseldorf und den eigentlich spektakulären Deal zwischen DEAL und dem Wissenschaftsverlag Wiley bis hin zur ersten Sitzung der neuen Kulturminister-Konferenz (Kultur-MK), die mit ihren „Eckpunkten“ einen ebenfalls ersten, sozusagen Grund-Stein für kollektives staatliches Handeln Deutschlands in Sachen Kolonialismus gelegt hat.

Inkarnation des Bösen: Der Uploadfilter!

Das alles wird jedoch in den langen, breiten und tiefen Schatten gestellt, den die Auseinandersetzung um die EU-Urheberrechts-Richtlinie wirft. Es geht in dieser Debatte allerdings gar nicht um das Für und Wider der insgesamt 24 Artikel und ihre Regelungen im Einzelnen. Es geht auch längst nicht mehr um die besonders umstrittenen Artikel 9, 11 und 13 – selbst letzterer ist entgegen des äußeren Anscheins nicht der tatsächliche Streitgegenstand. Es dreht sich stattdessen einzig und allein um einen Begriff, der zwar nicht im Text selber steht, aber zwischen seinen Zeilen im Laufe der Zeit zu einem mythisch aufgeladenen Gottseibeiuns des Web herangewachsen ist, irgendwo zwischen Beelzebub und Fegefeuer, jedenfalls das ultimative Folterinstrument in der ewigen Netzhölle: Der Uploadfilter! Seinen (vermeintlichen) Gegnern ist es gelungen, das Wort an sich zum Gegenstand eines regelrechten Glaubenskampfes zu machen.

Nüchtern betrachtet sind Uploadfilter eine Sonderform der im Alltag aller großen Plattformen zentralen Technik, die ihnen ihr Geschäftsmodell überhaupt erst ermöglicht: Sie filtern die von den Usern eingegebenen Informationen nach ihrer Verwertbarkeit für Werbetreibende – ALLE! Jeder einzelne Datenfitzel wird bei Google (samt Youtube) oder Facebook (samt WhatsApp und Instagram) und ALLEN ähnlichen Angeboten im Netz selbstverständlich automatisiert durchgecheckt. Das ist keine lässliche Randerscheinung oder ungewollter Nebeneffekt, sondern die Kernfunktion des schon sprachlich verklärten „Algorithmus“ (der so schön nach alchemistischer Mischung aus musikalischem Takt und Zauberformel klingt): Es handelt sich um Filterprogramme. Auch Uploadfilter – also Mechanismen zur Vorsortierung und ggf. zum Blockieren von Inhalten bereits beim Hochladen – setzt Youtube zum Beispiel seit Jahren ein („Content ID“). Es ist eine Frage des Wann, nicht des Instruments selbst.

Diese Basisfunktion des Social-Media-Alltags – jedenfalls für die Betreiber – soll nach dem erklärten Willen der Europäischen Kommission künftig auch für die bislang fehlende Vergütung von Kreativen genutzt werden. Deren Songs und Texte, Fotos und Filme kursieren nämlich milliardenfach über diese Plattformen, die mit zielgenau drumrum platzierter Werbung auch Milliarden verdienen. An diesen Gewinnen sind die Schöpfer der für die Werbung interessanten Inhalte bislang aber nicht beteiligt. Das soll sich jetzt ändern: Artikel 13 der EU-Richtlinie schreibt den Plattformen vor, von den Rechteinhabern, also den Künstler*innen und Kreativen – die in sogenannten Verwertungsgesellschaften in Vereinsform wie GEMA, VG Wort oder VG Bild-Kunst zusammengeschlossen sind – Lizenzen für die Verbreitung zu erwerben. Wofür man keine Lizenz hat, das darf man nicht mehr verbreiten. Software würde es bereits beim Hochladen blockieren:
Der Uploadfilter.

Eigentlich normal: Wer etwas nutzt, der zahlt dafür

Mal angenommen, ich würde Ihnen und 100 anderen Leuten das Fahrrad klauen und damit einen Fahrradverleih aufmachen. Irgendwann finden Sie ihr Rad bei mir und wollen es zurück. Ich antworte: „Das geht nicht, dann geht ja mein Geschäft pleite, und was sollen überhaupt die vielen Leute machen, die sich kein eigenes Fahrrad leisten können oder wollen und es deshalb bei mir leihen (gegen Geld, höhö)?“ Sie würden mir juristisch wie moralisch völlig zu Recht antworten, dass das mein Problem sei und das meiner Kunden, denn es handele sich immer noch um IHR Fahrrad. Dann nähmen Sie das Rad wieder mit, zur Not mit Hilfe der Polizei.

Google, Facebook und Co. sind vor allem mit der Verbreitung künstlerischer Inhalte groß und reich geworden, an denen sie weder eigene Rechte haben noch die tatsächlichen Urheber*innen dafür bezahlen – und das soll nach ihrem Willen auch so bleiben. Es geht ihnen dabei also ums (viele) Geld, und deshalb haben sie die Auseinandersetzung, die eigentlich nur eine Tarifverhandlung wäre, zu einer Prinzipfrage um angeblich nicht materielle, höhere Werte gemacht. Die Losung lautet: „Finger weg von der endlosen Freiheit des Internets“.

Dazu haben die Propagandisten der globalen Netzkapitalismus in einer viele Millionen schweren Kampagne nicht nur auf den eigenen Kanälen Artikel 13 zu einer Geißel des digitalen Abendlands stilisiert. Selbst in seriösen Tageszeitungen wie der Süddeutschen durften namhafte Leute wie Reto Hilty oder Cory Doctorow absurdeste Behauptungen aufstellen. Ersterer erklärte allen Ernstes, dass die Verwertungsgesellschaften – also GEMA, VG Wort und VG Bild-Kunst etc. – „Gewerbetreibende“ seien, „die das Geld investieren, um damit zu verdienen“ (es handelt sich tatsächlich um eingetragene Vereine von Künstler*innen der jeweiligen Sparte zur Vertretung ihrer Rechte). Letzterer tönte mit scheinbar großer Detailkenntnis, die GEMA sei „von großen Playern gekapert“ (im Aufsichtsrat dieses Vereins sitzen mittel bis wenig bekannte Musiker*innen, im Vorstand Fachjuristen ohne frühere Konzernjobs). Keiner der beiden Interviewer widerspricht diesem Unsinn. Ist es Ahnungslosigkeit, politisches Kalkül oder ideologische Kampfgenossenschaft? Man mag lieber nicht spekulieren.

Gemeinwohl ist keine Stimmungsfrage

Jedenfalls ist es nun wirklich so weit gekommen, dass ausgerechnet ich dem Europa-Parlamentarier Axel Voss von der CDU – der in der Verteidigung der von ihm über Jahre zäh und gewiss nicht perfekt ausgehandelten Richtlinie die wirklich denkbar schlechteste Figur abgibt, die man sich neben Annegret Kramp-Karrenbauers Karnevalsperformance nur vorstellen kann – von ganzem Herzen wünsche, es möge ihm und seinen Kolleg*innen gelingen, dem grassierenden Wahnsinn dieses Libertarismus (und genau darum geht es den Brins, Zuckerbergs und Dorseys dieser Welt: Frei zu bleiben von Regeln und Regulierung) zu widerstehen und nach 20 Jahren folgenloser Ausbeutung von Künstler*innen die überfällige Richtlinie wie geplant am Mittwoch zu verabschieden.

Damit würden die Parlamentarier der vornehmsten Aufgabe nachkommen, die es für sie in der repräsentativen Demokratie gibt: Gesetze zu beschließen, die dem Allgemeinwohl dienen, auch wenn eine angebliche oder sogar tatsächliche Mehrheit der Wähler*innen das zum gleichen Zeitpunkt anders sieht. Deswegen haben wir nämlich in Deutschland unter anderem keine Todesstrafe mehr und immer noch ein Asylrecht. Große Errungenschaften der Zivilisation wurden von klugen Frauen und Männern gegen eine gefühlte oder echte Stimmung in der Bevölkerung gesetzlich verankert. Zu diesen Errungenschaften zählt auch das Urheberrecht: Der staatlich garantierte Schutz des geistigen Eigentums gehört als Teil des Rechts auf Privateigentum de facto zu den zwei oder vielleicht drei Grundpfeilern des allgemeinen Wohlstands in den westlichen Industrienationen. Weder die Patente von industriellen Weltmarktführern noch die weltweit bewunderte Musik- und Literaturgeschichte Deutschlands gäbe es ohne Urheberrecht – und der Kulturstaat ist das Fundament des wirtschaftlichen Erfolgs.

Das Ende ist … nicht nah

Das ist den meisten Menschen in dieser Wohlstandsgesellschaft nicht bewusst. Sie haben auch kaum den Artikel 13 wirklich gelesen und wissen deshalb nicht, dass Fotografinnen und Komponisten, Designerinnen und Regisseure damit erstmals ihre Beteiligung an den Milliarden-Gewinnen der globalen Netzkonzerne einklagen können, die vor allem mit ihren Ideen und Kreationen seit Jahren ohne jede Vergütung gemacht werden. Stattdessen sind viele nach dem PR-Dauerfeuer der Netzlobbyisten überzeugt, dass antimoderne Kunstspinner von gestern mit Hilfe der bösen Uploadfilter das angeblich „freie“ Internet und damit sogar die Demokratie kaputtmachen wollen. Es ist so weit: Die öffentliche Meinung hält die Umkehrung der Realitäten für die Realität – Fake News in Vollendung.

An dieser propagandistischen Meisterleistung würde Joseph Goebbels seine helle Freude haben. Sie ist ein Paradebeispiel dafür, wie es Populisten (zur Erinnerung: das sind Leute, die behaupten, als einzige tatsächlich im Namen des Volkes zu sprechen) mit den in der Demokratie legalen Mitteln gelingt, die Demokratie erst auszuhöhlen und irgendwann auch abzuschaffen. Mark Zuckerberg weiß nur zu gut, warum er Facebook zuletzt einen strategischen Schwenk ins „mehr Private“ verordnet hat. Der ist ja nicht blöd: Er interessiert sich für Öffentlichkeit und Allgemeinheit nur, wenn sie seine Gewinne nicht anrührt (Vergütung? Gar Steuern zahlen? Iiih!).

Diese sehr grundsätzliche Auseinandersetzung wird in der kommenden Woche so oder so nur einen vorläufigen Höhepunkt erleben. Selbst wenn die Richtlinie beschlossen wird, muss sie in den zwei Jahren danach von allen Mitgliedsstaaten der EU (da waren’s nur noch 27) in ein jeweils nationales Gesetz gegossen werden. Wir werden deshalb schon bald wieder vom drohenden Ende des freien Internets hören, vermutlich aber sogar vom „Ende der Freien Welt“. Mindestens.

… und sonst:

Literaturempfehlung: Kölns einstiger Kulturdezernent Georg Quander hat ein Standardwerk über die Opernhäuser in Nordrhein-Westfalen verfasst

Zum Nachhören: Ein WDR-3-Forum über die in der kulturpolitischen Debatte stets unterbelichteten Bespieltheater

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Zur Kenntnis … vom Nutzen der Zahlen

Jahresende und -anfang, das ist die Zeit der Bilanzen. Dann werden jede Menge Statistiken veröffentlicht und es zeigt sich, wie viel Journalismus standardmäßig im Feuilleton steckt. Antwort: Geht so!

Die größte Freude bereitet dem kritischen Geist stets das jährliche Zahlenwerk des Staatlichen Instituts für Museumsforschung zu Berlin: Alle Jahre wieder kurz vor Weihnachten hauen die Erbsenzähler*innen rund um Chef-Museumsforscherin Monika Hagedorn-Saupe ihren Jahresbericht raus – und alle Jahre wieder fällt der seriöse Kulturjournalismus dem Umstand zum Opfer, dass man an humanistischen Gymnasien schon immer zu früh Mathe abwählen durfte.

Auch jüngst wurde wieder fröhlich vor sich hin fabuliert, als es darum ging, der geneigten Leser*innenschar den Bericht für 2017 zu vermitteln. „Die letzten Kathedralen“ überschrieb Catrin Lorch, ansonsten hoch geschätzte Kunstexpertin in der SZ-Redaktion, ihren Jubel-Artikel über die hiesige Museumslandschaft. Mehr als 6000 Häuser gebe es in Deutschland, und die seien von mehr als 114 Millionen Menschen besucht worden, begründete sie ihre Begeisterung. Die Zahlen würden sogar seit Jahren wachsen.

Wie viel ist 4831 von 6771? Genau!

Allein: Das ist mindestens unscharf, aber eher … falsch! Wir wissen tatsächlich gar nicht, wie viele Menschen in die exakt 6771 Museen gegangen sind, die das Institut für seine jüngste Erhebung über das Jahr 2017 angeschrieben hat. Es haben jedenfalls nur 4831 ihre Besucherzahlen gemeldet, das sind nicht mal drei Viertel aller Häuser. Diese recht wesentliche Information zur Einordnung des Datenmaterials findet sich nicht etwa versteckt in den Fußnoten des 106 Seiten dicken Jahresberichts, sondern bereits in der einleitenden Vorbemerkung des Institutsleiters Bernhard Graf – und zwar unmittelbar neben den von Lorch vermeldeten 114 Millionen.

Die bedeuten übrigens in der Tat einen Zuwachs von 2,2 Prozent im Vergleich zu 2016 – allerdings nur, wenn man nicht einrechnet, dass auch die Zahl der Museen, die ihre Besuche in Berlin angaben, gegenüber dem Vorjahr um 1,4 Prozent gestiegen ist. Zu allem Überfluss wurde mit diesen 114.375.732 Millionen Besuchen selbst das Niveau von 2015 noch nicht ganz wieder erreicht. Da waren es runde 50.000 mehr. Wohlgemerkt: Besuche – nicht Besucher bzw. Besucher*innen. Denn gezählt wird nur jeder einzelne Eintritt und nicht, welche konkrete Person ins Museum gekommen ist und wie oft sie oder er in diesem Jahr schon im gleichen oder auch einem anderen Haus war.

Besuche und Besucher: Augen auf beim Endungskauf

Mit anderen Worten: Wir wissen nicht, ob es sich bei den 114 Millionen vielleicht um den einmaligen Besuch aller Einwohner*innen der Bundesrepublik Deutschland handelt plus dem aller – ganz zufällig – ziemlich genau 35 Millionen Tourist*innen aus dem Ausland. Oder ist es vielleicht doch „nur“ ein jeweils harter Zehn-Prozent-Kern von Kunstinteressierten, also acht Millionen Einheimische und dreieinhalb Millionen Auswärtige, die aber jeweils zehnmal im Jahr im Museum waren?

Was wir dagegen genau wissen: Sogar die Zahl der gezählten MuseumsbesuchE nimmt bestenfalls zaghaft zu; sie pendelt schon länger zwischen 110 und 115 Millionen. Und da wir auch wissen, dass die vermehrten Angebote zu kostenlosem Eintritt vor allem mehr BesuchE bisheriger Museumsgänger zur Folge haben, ist die Zahl der BesuchER*INNEN – wie man sie als Unique Visitors aus der Statistik für Webseiten kennt – mit großer Wahrscheinlichkeit sogar (weiter) zurückgegangen. Von einem Boom in den „letzten Kathedralen“ kann also keinesfalls die Rede sein.

Cui bono? Der Glaubwürdigkeit jedenfalls nicht

Mit diesem groben Unfug ist die SZ natürlich nicht allein: Der Deutschlandfunk (da ging’s dieses Mal besonders hanebüchen zu mit einem grotesk falschen Sportvergleich) und die DPA seien hier nur exemplarisch ergänzt. Ähnliche Schwierigkeiten haben Kulturjournalisten mit dem Kulturfinanzbericht, den das Statistische Bundesamt alle zwei Jahre veröffentlicht. Dessen Kernaussagen beruhen stets auf drei Jahre alten Haushaltsdaten (wegen der langwierigen Schlussrechnungen der Haushalte) und sagen nichts über die gegenwärtige Situation. Zwar werden die jeweils aktuellen Etatansätze auch aufgeführt, aber erst in Kapitel 6. Da müsste man dann (Achtung: Ironie!) natürlich sehr aufwändig hinblättern oder -scrollen, um anschließend festzustellen, dass die feuilletonistische Lieblingsthese „An der Kultur wird immer zuerst gespart“ leider gar nicht stimmt – und das geht natürlich nicht.

Noch unseliger sind die jährlichen Zahlen zum Buchmarkt: Da blickt auch tatsächlich kaum jemand richtig durch, weil zum Beispiel die Bundesstatistiker Millionen Freiberufler und Selbstständige – also eine eher literaturaffine Zielgruppe, die zudem ständig größer wird – in ihren Erhebungen zum Konsum von Privathaushalten gar nicht mitzählen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels wiederum ignoriert in seinen Bestandsaufnahmen die Werke vieler Tausend sogenannter Self Publisher, wie Bernd Graff neulich in einem weitgehend unbeachtet gebliebenen Artikel in der SZ erklärte (leider hinter der Paywall). Diese Autor*innen veröffentlichen auf den unterschiedlichsten Plattformen im Netz – und so manche*r stößt mit den Verkäufen durchaus in Bestsellerdimensionen vor.

Auch das könnte also Millionen vermeintlich verlorengegangener Buchkäufer erklären, die zuletzt lautstark beklagt wurden. Doch nur vereinzelt ist in der Berichterstattung jene Frage vernehmbar, die eigentlich zur Standardausrüstung des journalistischen Werkzeugkastens gehört: Cui bono – wem nützt es? (Hier: dass mit derlei zweifelhaften Zahlen und Interpretationen Stimmung gemacht wird.) Warum das wiederum kein Thema im Feuilleton Ihrer Tageszeitung, Kulturwelle oder in Ihrem Nachrichtenportal ist? Das könnte ja vielleicht mit dieser „Krise des Journalismus'“ zu tun haben, von der gerade wieder alle reden …

… und sonst:

Terminhinweis 1: „Audience First?!“ Nächste Woche Mittwoch spreche ich im Düsseldorfer K20 mit der neuen Rautenstrauch-Joest-Direktorin Nanette Snoep, Diversitäts-Expertin Gülay Gün und marta-Chef Roland Nachtigäller über die Schlüsselfrage des künftigen Museumspublikums: Vielfalt
(läuft Anfang Februar auch bei WDR 3 im Radio)

Terminhinweis 2:Konferenz Freie Szene“ des Rates der Künste Düsseldorf am 21. Januar ab 17.45 im Rathaus der Landeshauptstadt. Anmeldung: info@rat-der-kuenste.de

Terminhinweis 3: Die lang angekündigte und mehrfach verschobene Tagung „Die Galerie Stern im Kontext des Rheinischen Kunsthandels während des Nationalsozialismus“ findet nun endlich am 13. Februar statt – hoffentlich

Foto: (c) Peter Grabowski / der kulturpolitische reporter

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Zur Kenntnis … am 12. Dezember

Haubergswirtschaft und Schäferlauf, Drechslerhandwerk und Zoiglkultur – nein, das sind nicht etwa die „Kulturverluste des Jahres“, sondern vier von insgesamt 18 Neueintragungen in die Liste des Immateriellen Kulturerbes hierzulande. Die Deutsche UNESCO-Kommission hatte sie empfohlen, die Kultusministerkonferenz der Länder und die Beauftragte für Kultur und Medien der Bundesregierung, Monika Grütters, sind ihr darin gefolgt.

Das ist eine gute Nachricht, nicht nur für Traditionalisten und engagierte Denkmals- oder Handwerkspfleger, sondern vor allem für Tausende von Ehrenamtlern zwischen Passau und Flensburg (das dortige Zusammenleben der Minderheiten und Mehrheiten im deutsch-dänischen Grenzgebiet wurde übrigens zu einem von neun „Guten Praxisbeispielen“ der Erbeliste erklärt).

Keine gute Nachrichten für ein paar ähnliche Aktive in Nordrhein-Westfalen ist, dass die schwarz-gelben Koalitionäre im Düsseldorfer Landtag das Kulturerbe an Rhein, Ruhr und Lippe jetzt in ideologisch erwünscht und unerwünscht unterteilen. Es geht dabei um das „Archiv für alternatives Schrifttum“ (Afas) in Duisburg. Dort wird seit den 80er Jahren unter großem persönlichen Einsatz all das gesammelt, was die Alternative oder auch Gegen-Kultur der Bundesrepublik sowie die sogenannten Neuen Sozialen Bewegungen seit den 60er Jahren dokumentiert: Protestplakate und Protokolle, Flugblätter und Thesenpapiere, Aufkleber und Audiokassetten (Zur Geschichte Afas-Leiter Jürgen Bacia hier bei WDR3).

Institutionelle Förderung ad absurdum: Erst gewähren, dann entziehen

Das Afas war vor zwei Jahren in den Kreis der institutionell, also verlässlich dauerhaft geförderten Einrichtungen im Land aufgestiegen. Dafür hatten sich nicht nur die Kulturpolitiker der damaligen rot-grünen Koalition jahrelang eingesetzt, sondern auch ihr Pendant in der Union, Prof. Dr. Dr. Thomas Sternberg. Nach der Zusage der jährlichen 250.000 Euro hat das Archiv Mitte 2017 endlich den längst überfälligen Umzug in neue Räumlichkeiten vollzogen, die nun auch den konservatorischen Ansprüchen genügen. Der weltoffene und intellektuell vielseitige kulturpolitische Vordenker Sternberg sitzt seit der letzten Wahl nicht mehr im Landtag (er ist „nur“ noch Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken); seine Nachfolger wollen dem Afas die 250.000 220.000 Euro jetzt wieder streichen, obwohl Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen (parteilos) das Geld regulär im Haushalt 2019 eingeplant hatte.

Der Kulturetat des Landes wird bis 2023 um mindestens 100 Millionen Euro erhöht – finanzielle Zwänge können also kaum der Grund für die Totalkürzung sein. Eine substantielle Erklärung für die existenzgefährdende Attacke auf das Archiv blieben die kulturpolitischen Sprecher von Union und FDP bislang schuldig. Doch sie lieferten Hinweise: Der Klever CDU-Abgeordnete Günther Bergmann sagte in der November-Sitzung des Kulturausschusses, er selbst habe zum Beispiel noch manches Dokument aus der Streit-Zeit um die Atomkraft. Die würden sicher gut in die Sammlung des Afas passen, aber DA werde er sie bestimmt nicht hingeben – dann blieben sie besser bei ihm zuhause. Die Aggressivität in der Stimme und der spöttische Gesichtsausdruck vermittelten bereits eine Ahnung davon, dass es hier nicht um Sachfragen geht.

Eingliederung ins Landesarchiv? Nicht mit uns, sagt dessen Präsident

Dazu passt eine weitere Ungereimtheit: Bergmann brachte den Gedanken ins Spiel, dass die Bestände der Einrichtung auch im Landesarchiv NRW untergebracht werden könnten, das sich ebenfalls in Duisburg befindet. Dessen Chef lehnt die Idee allerdings strikt ab. Solche Archivalien zählten nicht zu den Aufgaben seines Hauses, sagte Landesarchiv-Präsident Frank Bischoff im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Außerdem würden die Afas-Leute gute und wichtige Arbeit leisten. „Es ist“, so Bischoff wörtlich, „mein Interesse, dass das Afas seine Arbeit fortsetzen kann“.

Diese Einschätzung des wichtigsten Fachmannes im Landesdienst hatte man in den Regierungsfraktionen offenbar vorher nicht eingeholt. Oder sie war einfach egal, weil es – siehe oben – eben gar nicht um die Sache geht. Lauter hätte die Ohrfeige jedenfalls kaum schallen können. Auch der Landesverband der Archivarinnnen und Archivare in NRW Verband deutscher Archivarinnen und Archivare protestierte gegen die Kürzungen; SPD und Grüne im Düsseldorfer Landtag sowieso, aber die sind halt in der Opposition.

Entfesselung als Freiheit von lästigen Begründungen

Vielleicht weist der Vorgang aber bloß darauf hin, was mancher Kulturpolitiker der Union unter jener „Entfesselung“ versteht, die sich CDU und FDP auf die Fahnen ihrer „NRW-Koalition“ geschrieben haben: Das Ende sachlicher Begründungen für die Kulturförderung und die Rückkehr zur Mittelvergabe nach Gusto, sprich: nach Gutsherrenart. Die Causa Afas jedenfalls offenbart ein fragwürdiges Verständnis von Pluralität – und lässt nichts Gutes erahnen für das geplante „Haus der Geschichte NRW“.

Auf dessen Einrichtung am prestigeträchtigen Düsseldorfer Rheinufer drängt die CDU ja gerade ebenfalls mit aller Macht. Offenbar wollen die überwiegend älteren weißen Herren nicht nur aus dem Parlament dort künftig ein Bild von Nordrhein-Westfalen vermitteln, das sie durch andere Perspektiven auf die Geschichte unseres Landes gefährdet sehen. Von einem auch nur annähernd zeitgemäßen „Kulturerbe“-Begriff ist das allerdings so weit entfernt wie Bielefeld von Bonn. Zu dem würden die Haubergswirtschaft und der Schäferlauf nämlich genauso gehören wie die Friedensbewegung und der Hambacher Forst. Man muss historische Tatsachen ja nicht gut finden – aber man muss sie überhaupt erst mal kennenlernen können, um sich anschließend ein Urteil darüber zu erlauben.

(Aktueller Nachtrag: Heute sollte die Kürzung im Parlament beschlossen werden. Gestern Abend haben die Regierungsfraktionen auf den letzten Drücker einen Änderungsantrag veröffentlicht, der nun die „letztmalige“ Gewährung des Zuschusses für 2019 vorsieht. Damit werde das Afas „in die Lage versetzt, die Planungen der kommenden Jahre so anzupassen, dass der Wegfall der freiwilligen Förderung des Landes kompensiert werden kann“. Diese Formulierung könnte auch vom einstigen Chefsatiriker des deutschen Fernsehens Harald Schmidt stammen; aus der Feder von Regierungspolitikern ist sie allerdings nur zynisch. Manchmal kann man gar nicht so rot werden, wie man sich fremdschämen muss!)

… und sonst:

Foto: (c) Afas „Fundstück des Monats“

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Zur Kenntnis … am 21. November

„Wollt ihr die totale Rückgabe? Ja!“ Diese historisch etwas aufgeladene Formulierung fasst ganz gut den Bericht zusammen, der am Freitag dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron übergeben wird – auf sein eigenes Betreiben hin: Er hatte die in Berlin lehrende Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy gebeten, zusammen mit dem senegalesischen Autor und Ökonom Felwine Sarr die Bedingungen für eine Rückgabe der in Kolonialzeit geraubten afrikanischen Objekte in französischem Besitz zu klären. Die beiden fordern nun einigermaßen erwartbar, eigentlich alles umstandslos wieder den Herkunftsländern zu übereignen – ohne Wenn und Aber.

Die „180-Grad-Wende“ hat seit der berüchtigten Rede des AfD-Extremisten Björn Höcke einen schlechten Ruf. Das könnte sich durch den Savoy-Sarr-Report bald wieder ändern (ich nenne ihn mal so; vor 30 Jahren hätte das Papier nach dem Auftraggeber „Macron-Report“ geheißen, weil die eine Autor*in des Berichts eine Frau und der andere zwar männlich, aber eben doch halt … schwarz ist): Es ist nämlich völlig richtig einzusehen, dass man auf einem Holzweg in der Sackgasse bis schließlich vor die Wand zu rennen im Begriff ist und deshalb zwar viel zu spät, aber dennoch umkehrt. Den dabei entstandenen Schaden wiedergutzumachen ist nur das Mindeste, was man für die Geschädigten selbst wie für die Allgemeinheit leisten kann.

Das wollen Savoy und Sarr für die rund 90.000 Objekte afrikanischer Herkunft, die einst in aller Regel widerrechtlich, oft unter Anwendung von Gewalt und in eigentlich jedem Falle auf moralisch höchst fragwürdiger Basis in Frankreichs Museen und Depots gelandet sind. Nun wird es ein schönes Geschrei geben, bei dem alle leidlich bekannten Argumente der Abwehr solchen Ansinnens noch mal wiederholt werden: Einiges wurde doch auch rechtmäßig erworben, heißt es dann immer, und außerdem liegt es doch gut und sicher bei uns. Und sowieso sind wir – die kolonialgeschichtlich zwar belasteten, aber wirtschaftlich potenteren und, mal ehrlich, auch sonst total überlegenen Europäer – aus der heute total angesagten One-World-Perspektive die einzig echten Garanten für die Bewahrung dieser oft einmaligen Schätze im Range eines Weltkulturerbes.

Der Kolonialismus ist Basis der Museen – Punkt!

Man könnte, in Anlehnung an ein berühmtes Zitat Max Liebermanns, kotzen angesichts all der Hybris und Respektlosigkeit, eigentlich sogar Menschenverachtung, die hinter dieser Haltung steckt. Fakt ist nämlich: Wären Briten und Franzosen, Deutsche, Holländer und Belgier, Portugiesen, Spanier und Italiener nach 1492 nicht wie die Berserker durch andere Kontinente gezogen, läge höchstens ein Bruchteil der Kultur- und Kunstwerke dieser Welt heute in unseren Händen.

Hat schon mal jemand eine Sammlung geraubter deutscher oder französischer Kunst des 16. Jahrhunderts in einem Indianerreservat oder einem Museum auf Sri Lanka gesehen? Nein! Und wenn doch, dann würden wir genauso darauf  bestehen, sie zurück zu bekommen wie gegenüber den Russen in allen Fällen der am und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus Deutschland geraubten Stücke. Zu Recht – und dieses Recht sollen Nigerianer, Mexikaner und Vietnamesen nicht haben, weil das doch ein paar Jahrzehnte früher war? Das ist infam!

Die Kolonialopfer müssen entscheiden

Selbst wenn sie’s anschließend verbrennen, verschenken, verhökern oder ins Meer schmeißen: Es ist erst mal ganz allein ihre Sache, was sie nach der Rückgabe mit Dingen machen, die unsere Vorfahren zuvor ihren Vorfahren geklaut haben. Und wenn diese legitimen Eigentümer dann trotzdem und tatsächlich mit uns zusammen dafür Sorge tragen wollen, dass es als Erbe der Menschheit sorgfältig bewahrt und möglichst breit gezeigt wird, dann sollten wir alles uns Mögliche tun, um unseren Beitrag dafür zu leisten.

Wer jemals im Ghetto von Warschau oder in Auschwitz war und seither Demut für die Tatsache empfindet, dass Polen und Juden überhaupt nur ein einziges Wort mit uns Deutschen reden, der oder die sollte doch in der Lage sein, das gleiche Gefühl gegenüber Teilen der Welt zu haben, die 50, 100 oder auch 400 Jahre früher von uns und unseren Miteuropäern derart tiefgreifend misshandelt wurden, dass die Folgen heute noch unübersehbar sind: Nicht nur die wider alle Kulturgeschichte willkürlich mit dem Lineal gezogenen Grenzen auf den Landkarten Afrikas und des Nahen Ostens zeugen davon, sondern eben auch „ethnologische“ Museen nicht nur voller prächtigster Kunstwerke, sondern auch ritueller Gegenstände und sogar menschlicher Überreste aus diesen Regionen.

Vorbei, vorbei, endlich vorbei, das deutsche Wegducken

Nun wird sich zeigen, wie ernst Emmanuel Macron es mit seiner Rückgabe-Ankündigung während der Afrikareise vor ziemlich genau einem Jahr war. Folgt er dem Savoy-Sarr-Report und leitet die weitestgehende Restitution auch mit Hilfe von dazu zwingend notwendigen Gesetzesänderungen ein, wird der Druck auf die übrigen früheren Kolonialstaaten enorm anwachsen. Dazu zählt auch Deutschland, das sich zumindest während seiner Existenz als Bundesrepublik im langen Schatten des  „Dritten Reichs“ bei diesem Thema immer schön weggeduckt hat. Vorbei, vorbei … endlich!

Das wird Konsequenzen haben für alle außereuropäischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Und vielleicht muss man in Berlin schon bald noch mal ganz neu überlegen, wie das wiederaufgebaute Stadtschloss konkret zu füllen ist: Allein für die Originalausgaben der, wenn auch zahl- wie umfangreichen Reiseberichte seines Namensgebers dürfte das Humboldt Forum nämlich ein bisschen zu groß sein.

… und sonst:

Foto Humboldt Forum: (c) Stephan Falk

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Zur Kenntnis … Extra: Der Freie Eintritt, die AfD und ich

Heute nachmittag nehme ich zum ersten Mal als Experte an einem Fachgespräch im Kulturausschuss des Deutschen Bundestages teil. Es geht um den kostenlosen Eintritt in Kulturinstitutionen, vor allem in Museen. Hintergrund ist die für 2019 geplante Eröffnung des Humboldt Forums im wiederaufgebauten Stadtschloss in der Mitte Berlins.

Die Bundesregierung möchte dort als Modellprojekt für alle vom Bund geförderten Kultureinrichtungen auf Eintrittsgelder für die Dauerausstellung verzichten. Das hatten Union und SPD im aktuellen Koalitionsvertrag vereinbart. Mit dem Humboldt Forum wäre die voraussichtlich größte Kultureinrichtung in der Hauptstadt für die meisten Besucher kostenlos. Die Initiative dazu wird von der Fraktion Die Linke im Bundestag unterstützt; ihre Kulturpolitiker*innen haben die heutige Anhörung angeregt. Die Partei hatte in ihrem Wahlprogramm 2017 den Freien Eintritt für alle vom Bund geförderten Museen gefordert.

Das klingt natürlich erst mal super, voll gerecht, nach „Kultur für alle“ und so weiter. Kulturelle Teilhabe breiter Bevölkerungsschichten ist ein wichtiges Ziel für den modernen Kulturstaat, aber auch eine komplexe Herausforderung: Tatsächlich sorgt Freier Eintritt sogar oft für mehr Besucher – allerdings leider kaum aus dem Kreis der bisherigen Nichtnutzer. Trotz weit gefächerter Preisnach- und -erlässe lag die Zahl der (erfassten) Museumsbesucher*innen in Deutschland zuletzt recht konstant zwischen 110 und 115 Millionen. In mehr als einem Drittel der Museen in Deutschland ist der Besuch bereits kostenlos, wenn auch meist in den kleineren und so gut wie nie in Kunstmuseen.

Die Millionen mit Verstand einsetzen

Wissenschaftliche Studien – auch internationale – belegen jedoch: Gratisangebote (allein) bringen nicht viel. Zielgruppenspezifische Vermittlungskonzepte zum Beispiel gelten als deutlich wirksamer als kostenlose Angebote. Es wäre also viel sinnvoller, die geplanten Extramittel dafür auszugeben (und so nebenbei mehr hochqualifizierte Museumspädagog*innen in Lohn und Brot zu bringen).

Die fehlenden Ticketerlöse im Budget des Humboldt Forums will die Regierung nämlich durch Millionenzuschüsse aus dem Bundeshaushalt ausgleichen. Das wirft weitere Fragen auf, zum Beispiel diese: Was ist mit den Museen drumherum? Die sind ja weiterhin kostenpflichtig und werden so absehbar Besucher an das kostenlose Stadtschloss verlieren – und damit Einnahmen. Kriegen die ebenfalls mehr Geld vom Staat? Über dies und mehr werden wir heute Nachmittag im Bundestag sprechen, vielleicht auch streiten.

Eine seltsame Einladung

Dass ich zu den neun eingeladenen Fachleuten gehöre, verdanke ich allerdings einem, sagen wir mal ungewöhnlichen Umstand: Jede Fraktion im Parlament darf mindestens einen Experten vorschlagen. Meinen Namen hat – ausgerechnet – die AfD auf den gemeinsamen Einladungszettel des Ausschusses geschrieben. Das hat mich doch etwas … überrascht, in mehrfacher Hinsicht.

Wer mich, meine Arbeit und meine grundsätzlichen Positionen nicht nur in der Kultur- und Medienpolitik kennt, käme wohl kaum auf die Idee, dass irgendeine Partei rechts der Mitte mich für sich entdecken könnte – um es mal vorsichtig zu formulieren. Ich trete seit über drei Jahrzehnten aktiv für eine weltoffene und liberale Gesellschaft ein, in der jede*r seine Meinung sagen und nach seiner oder ihrer Fasson leben kann. Freiheit des Wortes, der Kunst und der Wissenschaft, Solidarität mit den Schwachen und respektvolle Verantwortung für uns, unsere Nachbarn und die Welt als Ganzes sind schon bei meinen politischen Engagements in Jugend- und Studententagen zentrale Werte gewesen. Das gilt bis heute für meine publizistische Tätigkeit, jedenfalls da, wo Meinung statt Bericht gefragt ist.

Überlegung gegen Reflexe

Ich habe also nicht nur kurz gezögert, ob ich dieser Einladung zur heutigen Anhörung folgen soll, sondern recht lange darüber nachgedacht: Darf ich meine in vielen Jahren als Fachjournalist gereiften und begründeten Ansichten zum Thema – Freier Eintritt in Kultureinrichtungen – nicht in den politischen Willensbildungsprozess des höchsten deutschen Parlaments einbringen, weil mich nichts mit der Partei verbindet, die mich vorschlägt? Ich würde am selben Ort immer das Gleiche sagen und auch nicht sagen.

Zweitens halte ich es als Befürworter der liberalen Demokratie, freiheitlichen Grundordnung und diversen Gesellschaft für ein Gebot der Stunde, noch mehr als bisher jede sich bietende Gelegenheit nutzen, um für dieses Anliegen einzutreten. Das ist für Journalisten meist „nur“ im Rahmen beruflicher Tätigkeit möglich. Andere Bühnen der Politik sind uns schon aus berufsethischen Gründen in der Regel verwehrt.

Drittens und vor allem aber würde eine Absage aus Prinzip auch einen gefährlichen Umkehrschluss ermöglichen: Die AfD müsste künftig immer nur als erstes solche Leute wie mich vorschlagen, die ihr politisch nicht nahe stehen, um auf dem Wege unserer reflexhaften Ablehnung schließlich mittelbar dafür zu sorgen, dass unsere Ansichten zumindest in derartigen Parlaments-Anhörungen seltener vertreten werden. Das wäre aus deren Sicht clever – unsererseits aber ganz schön blöd.

Die Kultur braucht mehr Frauen, Zuwanderer, Menschen mit Behinderungen

Man kann die Dinge wie so oft vermutlich auch anders sehen, ich sehe sie so wie geschildert. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, heute Nachmittag im Kulturausschuss des Deutschen Bundestages – von dem wir Experten ganz offiziell zu diesem Termin eingeladen wurden, nicht von einer einzelnen Partei – meine Positionen zu vertreten.

Dazu wird die zentrale Forderung gehören, dass dringend mehr Frauen und Menschen mit Zuwanderungsgeschichte oder mit Behinderungen in den Kulturinstitutionen tätig sein müssen. Und zwar nicht nur im Depot oder in der Buchhaltung, sondern vor allem als Dramaturg*innen, Kurator*innen, Intendant*innen und Direktor*innen. Das würde über kurz oder lang auch für eine erkennbar andere Zusammensetzung des Publikums sorgen – und zwar eine, die jedenfalls besser als bisher die Bevölkerung dieses Landes abbildet. Ich werde bald an dieser Stelle darüber berichten, wie das so ankam …

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