Zur Kenntnis … am 16. November

In Berlin wird sondiert. Die Kulturpolitik ist naturgemäß keins der wichtigsten Themen, aber auch Gegenstand einer Arbeitsgruppe (passenderweise zusammen mit „Kommunen“). An der nimmt Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet übrigens für die Union als Berichterstatter teil. In den kursierenden Papieren dazu finden sich viele Selbstverständlichkeiten wie ein „modernes Urheberrecht“, die „soziale Absicherung“ von Künstlern und natürlich „die Digitalisierung“. Das Kulturgutschutzgesetz soll in möglichen Koalitionsverhandlungen zwar noch mal Thema sein, allerdings gilt die Kanzlerin in der Sache als wenig konziliant (und weiterhin verärgert über die Kampagne des Kunsthandels).

Es findet sich auch Unerwartetes: So soll die Bundeskulturförderung nach dem Willen einiger Verhandlungspartner „transparenter“ werden, die einzelnen Entscheidungen „nachvollziehbarer“ (das wird die Union jetzt nicht soooo doll wollen). Und die Baukultur will man offenbar stärken – durch die existierende Stiftung wie die geplante Akademie, aber auch durch ein Investitionsprogramm in die deutschen Welterbestätten

Letzteres klingt besonders realisierungstauglich: Auf diesem Wege könnten nämlich nicht nur die Kulturpolitiker, sondern auch die Haushälter aus der ganzen Republik zuhause sichtbare Erfolge ihrer Arbeit nachweisen; wenn nicht in ihrem Wahlkreis, dann doch zumindest in ihrem Bundesland. Und da, in den Ländern, werden auch für die Wahl zum nächsten Deutschen Bundestag in vier Jahren wieder Parteien Kandidaten aufstellen und vor allem Listenplätze vergeben. Warum nicht bei der Pflege der Vergangenheit auch gleich noch ein bisschen an morgen denken …

… und sonst:

 

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Zur Kenntnis … am 3. November

Sweet relief: Das Reformations-Theater ist vorbei!
Nein, ich halte Luther und Co. nicht für über-, unter- oder fehlbewertet, so insgesamt. Ja, der Protestantismus ist neben der Kolonialisierung sehr wahrscheinlich der Hauptgrund für den europäischen Reichtum sowie unsere Dominanz – und eben auch lange Gewaltherrschaft – in vielen Teilen der übrigen Welt. Das ist alles nicht nur historisch relevant, sondern wirkt auch oder gerade kulturell bis in die Gegenwart und weiter. Ist meine umfassende Würdigung der Bedeutung dieser Bewegung klar geworden? Schön.

Es ist nämlich so: Mir ging diese Luther-Dekade seit dem ersten Tag auf die Nerven. Schon deshalb, weil ich immer so schnell gelangweilt bin und das alles doch sehr vorhersehbar war: Mapping Reformation, Kirchentage, Sonderausstellungen, touristische Vollflops und müßige Feuilletondebatten („Was hat uns Luther heute noch zu sagen?“). Man hätte im Übrigen so gut wie jede Rede beim Jubiläums-Akt Anfang der Woche genau so schon 2007 schreiben können. Die zehn Jahre Vorlauf wären auch lang genug gewesen, um sie am Dienstag dann von allen Anwesenden in der Wittenberger Schlosskirche sogar auswendig mitsingen zu lassen – das hätte bestimmt identitätsstiftend gewirkt und sowieso ziemlich feierlich, klar.

Über verpasste Gelegenheiten räsoniert auch der Dortmunder Schauspiel-Intendant Kay Voges in diesem Interview. Er wird bald eine „Akademie für Digitalität und Theater“ gründen; da geht es um evolutionäre Prozesse, Revolutionen und die Erkenntnis, wann etwas vorbei ist. Ich halte Voges für einen der klügsten Kulturköpfe dieser Zeit und Gesellschaft. Sein mitunter radikales Theater für unsere Gegenwart fand zuletzt zunehmend Beachtung. Es hätte jedoch noch viel mehr verdient – und wird es hoffentlich auch bekommen, jetzt, wo das schlecht inszenierte Reformations-Theater endlich vorbei ist.

und sonst …

 

Foto: CCO AlbersHeinemann

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T minus zwei … Zukunft des Kulturstaates

Ich mach‘ heut mal was Schräges und entziehe mich einer naheliegenden Aufgabe: Ich werde nicht die die kulturpolitischen Inhalte – Annahmen, Thesen, Forderungen, Absichten, Ziele – in den Wahlprogrammen vergleichen. Das haben unter anderem die Kolleg*innen beim Deutschlandfunk, der Deutschen Welle und WDR 5 getan, außerdem der Deutsche Kulturrat, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels (online in seinem Magazin „Börsenblatt“), die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung und das Netzwerk Kulturmanagement … und das ist nur ein Ausschnitt all der Angebote dazu. Die einen gucken mit sehr spezieller Perspektive auf die Sache, die anderen versuchen sich an den allgemeinen Fragen – alles wirklich lesens- und hörenswert.

Ich möchte lieber ein paar Anmerkungen darüber hinaus machen. Die erste widmet sich einem Grundproblem, nicht nur im kulturpolitischen Alltag, sondern auch in der programmatischen Arbeit: Worüber reden wir überhaupt bei der Kultur, für die Politik gemacht werden soll? Der Kultur-Begriff der Parteien ist da nicht eindeutig. Das bildet jedoch beinahe schulbuchmäßig die Realität ab: Wenn von „Kultur“ die Rede ist, dann meinen die einen nämlich alle kulturellen Ausdrucksformen einer Gesellschaft, von regionalen Spezialitäten bis zur Zwölfton-Musik, die anderen einen etwas enger gefassten Bereich kultureller Betätigung mit Nähe zu kreativem Schaffen und die dritten nur die „echten“ Kulturinstitutionen, die von Künsten und Künstler*innen bevölkert sind; Freie Szene mittlerweile inklusive.

Dieser Kunst-Bereich ist ein Hauptziel der kulturpolitischen Fördertätigkeit, sprich Geldverteilung. Ihr wiederum liegen bei allen Parteien ideologische Prämissen zugrunde: Die einen wollen vor allem „die Künste“ fördern, die anderen die kulturelle Betätigung und Teilhabe möglichst vieler daran. Daneben sind auch hier Dritte unterwegs, für die kulturelles Leben in erster Linie ein Vehikel für einen anderen Zweck ist, meist in Form von sozialem Schmier- oder Klebstoff. Ob der dann durch „Dialog und Verständigung“ die heterogene Gesellschaft befrieden oder eine nicht näher definierte „deutsche Leitkultur“ zum identitären Behufe schützen und weiterentwickeln soll, macht funktional erst mal keinen Unterschied – inhaltlich natürlich schon.

Was soll „Kultur“ (sein)?

In manchen Parteien wird darüber mehr, in anderen weniger reflektiert. Nirgendwo allerdings geschieht das – etwas überraschend – so umfassend dokumentiert wie in der Sozialdemokratie. Die hat als einzige nicht nur die obligaten zwei Seiten „Kultur“ in ihrem Wahl- oder Regierungsprogramm, sondern sogar 20 dicht beschriebene DIN-A4-Seiten mit „Kulturpolitischen Leitlinien“. Da steht wirklich viel Kluges und Richtiges drin, leider aber auch einiger Unsinn. Allem voran steht ein völlig diffuser Kultur-Begriff, der schon auf den ersten Seiten mal so und mal so verstanden und benutzt wird. Je öfter man diesen Prolog liest, desto doller rauft man sich die Haare angesichts von so viel indifferenter Sprachverwischung, in der die Kultur offenbar alles Menschliche zugleich ist, bis dann irgendwann – wie allerdings auch bei Kulturpolitiker*innen anderer Couleur üblich – als letzter Rettungsanker der Bedeutungsklärung sehr verzweifelt und in höchster Not nach „Eigensinn und Eigenwert“ gegriffen wird. Geübte Beobachter wissen: Wenn erst mal alle Begriffe durcheinander geraten sind, ist die hohlste Phrase der letzte Ausweg – wenn auch ins intellektuelle Nichts.

Tatsächlich kann keine Partei zwischen AfD und Linke sauber formulieren, was mit „Kultur“ auch nur in Ihrem eigenen Gedankengebäude genau gemeint sein soll. Entsprechend unentschieden sind die Programme (und später dann meist die Politik). Alle wollen jedenfalls die Kunst fördern, das kulturelle Erbe bewahren, die Erinnerungs- und Gedenkkultur genauso stärken wie die Kulturelle Bildung. Nur fast alle wollen Kulturschaffende besser materiell absichern (was zwar so erfreulich wäre wie überfällig ist, aber kein kultur-, sondern ein sozialpolitisches Ziel). So weit, so gut, so austauschbar.

Einzig „Die Linke“ wird bei der größten gesellschaftlichen Herausforderung unserer Zeit, der Digitalisierung, auch mit Blick auf die Kultur wenigstens einigermaßen konkret. Sie spricht von Open-Access-Strategien, will die Verwertungsgesellschaften reformieren und den Verleih digitaler Medien durch Bibliotheken vereinfachen. Keine der ab Montag im höchsten deutschen Parlament vertretenen Parteien skizziert aber auch nur die Grundzüge eines Fundaments für den auch künftigen Löwenanteil an der Wirtschaftsleistung dieses Landes: Das Urheberrecht.

Kultureller Freiraum zwischen Null und Eins

20 Jahre nachdem die Digitalisierung mit ihren Folgen unübersehbar wurde und das Internet zu einem realen Lebens-, also auch Kulturraum der Menschheit, hat die politische Klasse in einer der größten Wirtschaftsmächte der Welt noch immer keine echte Idee für die wichtigste Leitplanke der globalen Datenautobahnen (Clintons „information superhighway“, remember?) entwickelt. Wenn man sich nur kurz ins Bewusstsein ruft, wie dieser Themenkomplex ebenfalls im Englischen heißt – Intellectual Property Rights, kurz IPR – wird sofort klar: Dieses Defizit ist gerade kulturpolitisch ein Armutszeugnis.

Und da haben wir noch gar nicht davon gesprochen, wie die geschützten, nicht-kommerzialisierten Räume der analogen Kultur-Welt – Theater, Museen, Bibliotheken, Literaturhäuser, auch Volkshochschulen – eigentlich ins Digitale verlängert oder gar transformiert werden sollen. Welcher Teil des Internets entspricht denn zurzeit den staatlich finanzierten und betriebenen Bühnen des Landes? Wo wird eine künftige digitale Kunst denn „frei“ sein können, wenn es im Netz gar keine Räume gibt, die nicht im Besitz kommerzieller Unternehmen sind?

Die zweite große gesellschaftliche Herausforderung ist die der Mobilität. Und damit meine ich nicht die Frage „Verbrennungsmotor oder e-Auto“, sondern die globale Mobilität von Menschen, Informationen und mit ihnen Kulturen. Die hat zwar ein paar Berührungspunkte zur Digitalisierung, aber im Kern geht es um etwas ganz anderes: Wie bestehen Gesellschaften ohne die über Jahrtausende eingeübten Bande gemeinsamer kultureller Herkunft?

Mobilität als kulturelle Herausforderung

Die Globalisierung ist ein unumkehrbarer Fakt. Ich gebe der sehr klugen Ulrike Guérot in vielem nicht Recht, aber eine Beobachtung dazu hat sie mehr als treffend formuliert: Die Konservativen haben parallel zur massiven Förderung des Freihandels lange Zeit ausgeblendet, dass mit all den Gütern aus der ganzen Welt früher oder später auch Menschen zu uns kommen würden. Wenn man es sich genau überlegt, reicht dieser Prozess von der Kolonialisierung – Hallo, Humboldt Forum – bis zur aktuellen Einwanderungsphase. Und jetzt?

Natürlich kann man versuchen, alle „Fremden“ wieder wegzuschicken. Aber das wird in gleich doppelter Hinsicht nicht funktionieren: Es gibt für die meisten dieser Menschen nämlich gar keine „Zurück“-Option – und für Deutschland keine singulär abgeschottete Zukunft in einer ansonsten globalisierten Welt. Also müssen wir Gesprächs-, Verständigungs- und Aushandlungsformate für die Gesellschaft finden. Das aber ist eine im Kern kulturelle und damit auch kulturpolitische Aufgabe.

Sie muss zuerst und vor allem von den Kultur-Institutionen angegangen werden. Und wie jede echte gesellschaftliche Herausforderung wird sie große Kunst produzieren. Auf deren Kraft wie Inspiration sind wir existenziell angewiesen: Kunst ist der Kontingenzraum der Gesellschaft. Sie zeigt uns im wahren Wortsinne „alles Mögliche“, über die bereits gelebten Entwürfe und Muster hinaus. Diese Prozesse sind die zurzeit wichtigste Aufgabe der Kulturpolitik; nicht nur, aber vor allem in Deutschland.

Möge im nächsten TV-Duell 2021 endlich darüber gestritten werden – und nicht über im Einzelnen sehr kritische, aber mengenmäßig tatsächlich bloße Randerscheinungen unserer Einwanderungsgesellschaft. Deren Bedeutung wird erst durch Boulevard- wie Soziale Medien irrational überhöht, die mit Angst mehr Werbung verkaufen als mit Zuversicht. Ein Kulturstaat muss aber mehr sein als ein Renditemodell – und wir haben die Wahl!

Foto: (c) Dan Perjovschi / der kulturpolitische reporter

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T minus 4 … und Zur Kenntnis

Etwas ratlos hinterlässt einen die aktuelle – angesichts der Wahlprognosen sicherlich gut gemeinte – Initiative der Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein: Mehr als 80 Theaterleiter*innen bekennen sich in einer Anzeige in der morgigen ZEIT-Ausgabe zu „einer freien, offenen und toleranten Gesellschaft auf der Basis unserer Verfassung“ (sic!). Aha … ich dachte eigentlich bisher, das sei neben künstlerischer Expertise die zentrale Einstellungsvoraussetzung für Leitungspersonal staatlicher Kulturbetriebe in Deutschland. Und erschaudere im Übrigen schon jetzt bei dem Gedanken, spätestens morgen irgendwo von „einem mutigen Statement der deutschen Theater“ zu lesen. So oder so ähnlich.

Eine jedenfalls deutlich profiliertere Initiative haben elf andere Prominente der deutschen Kulturszene dagegen am Montag gestartet: Eine Woche vor der Wahl fordern sie von der nächsten Bundesregierung ein Aufnahmeprogramm für verfolgte Künstler*innen aus aller Welt. Mindestens tausend Personen pro Jahr sollten staatlich garantiert ein würdiges Auskommen erhalten, heißt es im Aufruf. Im Gegenzug verpflichten sich die Unterzeichner, den Aufgenommenen in ihren Häusern Arbeitsmöglichkeiten zu bieten und erinnern in diesem Zusammenhang auch an das massenhafte Asyl, das deutschen Künstler*innen während der NS-Diktatur im Ausland gewährt wurde (gerade in der Türkei). In der Tat: Ein solches Programm wäre ein starkes Zeichen der Bundesrepublik an die Welt.

Zwei Dinge verwundern allerdings auch hier: Da ist zunächst die Aussage des Mitinitiators Matthias Lilienthal in einem Interview mit Michael Köhler beim Deutschlandfunk, er habe sich „noch nie etwas von der Bundesregierung gewünscht, das nicht erfüllt wurde“ (Audio hier, der Satz fällt bei 3’30). Vor allem aber die Tatsache, dass langjährige Direktor*innen staatlicher Museen wie Marion Ackermann oder Stefan Weber und Stadttheater-Intendant*innen wie Shermin Langhoff, Thomas Ostermeier oder eben Matthias Lilienthal die eigenen Institutionen als „staatlich subventionierte Häuser“ bezeichnen. Das zeugt von wirklich grober Unkenntnis der Verfasstheit ihrer eigenen Betriebe und (der Kulturförderung) dieses Landes. Was soll man nur davon halten, wenn derart hochrangige Kulturleute in ihren Interviews oder von ihren Bühnen alle Nase lang den „Neoliberalismus“ geißeln, sich aber selbst zu seinem Sprach-Büttel machen, indem sie Subventionen suggerieren, wo gar keine sind? Manchmal bin ich sehr müde – und je länger ich über all das nachdenke, desto ratloser werde ich.

Und sonst …

Foto: Die Anzeige der Intendantengruppe des Bühnenvereins in „Die Zeit“ vom 21. September 2017

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T minus 5 – Kulturpolitik zur Wahl

Der Wahlkampf geht in den Endspurt und erfasst endlich auch die Kultur … na ja, zumindest die Kulturstaatsministerin. Seit einer guten Woche haut Monika Grütters eine PR-Meldung nach der anderen raus. Nicht immer geht’s um Geld, mitunter aber sogar um viel.

Gestern wurden mal flott gute elf Millionen Euro per Pressemitteilung aus dem Kanzleramt unters Volk gebracht. Das ist zwar keine echte Neuigkeit, weil schon im November 2016 vom Bundestag beschlossen, und sie fließen auch nicht sofort, sondern über die nächsten drei Jahre verteilt. Warum jetzt allerdings doch mehr als die sechs anfangs recht unvermittelt im Raum stehenden Förderempfänger bedacht werden (nun 31), sich gleichzeitig wohl weniger Orchester (nämlich 49) darum beworben haben als möglich, erklärt Hartmut Welscher sehr anschaulich im Online-Fachmagazin „Van“. Elf Millionen klingt aber natürlich besser als 100.000 Euro, die am Ende durchschnittlich für jeden jährlich übrig bleiben …

Als fast ebenso tolle Neuigkeit wurde uns schon vergangene Woche die Förderung der „Forschungsstelle Entartete Kunst“ an der FU Berlin für das Jahr 2018 verkauft. Allerdings läuft die schon seit zwei Jahren und wird jetzt – natürlich dankenswerterweise – bloß fortgesetzt. Eine konkrete Summe wurde dazu übrigens nicht genannt. Ging wohl nicht um so viel, dass sie genug hergemacht hätte. Obwohl, über drei, vier Jahre …

Ganz anders wird’s heute, wenn Monika Grütters, Berlins Kultursenator Klaus Lederer und Marion Bleß von der Berliner Lotto-Stiftung eine große Finanzierungsvereinbarung unterzeichnen: Mindestens 65 Millionen Euro stecken die drei Partner in das Gebäudeensemble aus Märkischem Museum und dem benachbarten Marinehaus. Entstehen soll daraus das neue „Museums- und Kreativquartier am Köllnischen Park“. Die Fertigstellung und damit endgültige Verausgabung der Summe ist allerdings erst für 2023 geplant – bis dahin wird es ja mindestens noch eine weitere Bundestagswahl gegeben haben.

Am kommenden Donnerstag schließlich – wie von Zauberhand und dennoch nicht von ungefähr – wird auch noch schnell die derzeit mit Abstand spektakulärste Kulturausgabe des Bundes zelebriert, ganze drei Tage vor der Wahl: Dann unterzeichnen die Länder Berlin und Brandenburg mit der Kulturstaatsministerin im Schloss Charlottenburg das „Sonderinvestitionsprogramm 2“ für die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Fördersumme: 400 Millionen Euro. Die fließen allerdings nicht etwa sofort oder gar auf einmal, sondern im Laufe der kommenden 13 Jahre. Und der Bund übernimmt davon auch nur etwa die Hälfte, also gut 15 Millionen Euro pro Jahr. Keine sooo große Summe in einem Kulturetat von derzeit 1,6 Milliarden …

Gebraucht würde indes einiges mehr: Vor zehn Jahren hatte Stiftungs-Generaldirektor Hartmut Dorgerloh eine Gesamtinvestitionssumme von mindestens 730 Millionen Euro bis 2030 veranschlagt. Für einen ersten Zehnjahres-Masterplan mit den dringendsten Ausgaben wurden damals 285 Millionen kalkuliert –  es gab aber gerade mal 165 Millionen von 2008 bis heute. Kaum anzunehmen, dass der Sanierungsbedarf der zahlreichen historischen Gebäude und Anlagen in der Zwischenzeit irgendwie kleiner geworden wäre. Die jetzt avisierten 400 Millionen decken also im besten Falle höchstens zwei Drittel des seit mehr als zehn Jahren bekannten Bedarfs – eher aber deutlich weniger.

Diese Einordnungen und Relativierungen werden in den (Kultur-)Nachrichten der nächsten Tage kaum zu hören sein. Das deutsche Feuilleton ist von einer seltsamen Paradoxie gezeichnet, wenn es um Politik geht: Einerseits hegt es eine tiefe Abneigung gegen den Staat mit all seinen komplexen Verfahren und bürokratischen Regeln sowie – natürlich – die vermeintliche Ahnungs- und Konzeptlosigkeit der Kulturpolitiker. Gleichzeitig gibt es eine enorme Fixierung auf die Mittel der öffentlichen Hand: Weil sich der Kulturjournalismus beharrlich eine vermeintliche Dauerkulturkürzungsspirale einredet – tatsächlich sind die staatlichen Kulturausgaben seit 2005 auch inflationsbereinigt um deutlich über zehn Prozent gestiegen – wird jede Million hier, da und dort stets als großer Sieg des vermeintlich gebeutelten Kultursektors über die verbohrte Einfalt der politischen Akteure und ihren behaupteten Antikulturalismus gefeiert.

Im Gegenzug legen Politiker*innen – die Kulturstaatsministerin vorneweg – stets großen Wert auf Meldungen über vermeintlich oder tatsächlich „neue“ und höhere Kulturausgaben. Im Wahlkampf gilt dann noch mal mehr als üblich das Motto, das in der Politik als elftes Gebot gehandelt wird: „Tue Gutes und rede darüber!“ Und je höher die Summe, desto größer und prominenter steht sie in der Zeitung (wahlberechtigte Kulturfreunde lesen nämlich noch Zeitung). Ob es sich dabei wirklich um ein Plus handelt und welches inhaltliche Konzept dahinter steht – egal: Hauptsache, die Kasse klingelt!

(Während ich gestern diesen Text geschrieben habe, wurde fix noch der „BKM-Preis Kulturelle Bildung 2018“ ausgelobt. Die zugehörige Pressemitteilung ist sogar mit der Information versehen, dass es die Auszeichnung bereits seit 2009 gibt. Kurz davor gab das Kulturstaatsministerium übrigens den Relaunch der Website zum Kulturgutschutzgesetz bekannt. Da eine breite Initiative deutscher Galeristen und Kunst(markt)freunde unter Führung von Rudolf Zwirner bereits eine Wahlempfehlung für die FDP abgegeben hat (leider nicht online), ist bei dieser Klientel eh nix mehr zu reißen. Grütters hat sie in einem F.A.Z.-Interview neulich übrigens wohlkalkuliert als „Milieu“ bezeichnet … kam super an)

Foto: (c) Bundesregierung / Kugler

 

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Zur Kenntnis … Extraausgabe: Regierungserklärung

Nordrhein-Westfalens neuer Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hat heute seine erste Regierungserklärung im Parlament abgegeben. Analog zur recht späten Bekanntgabe der Ansiedlung der Kultur in seinem Kabinett und der Ernennung von Isabel Pfeiffer-Poensgen (parteilos) zur Ministerin für Kultur und Wissenschaft hat Laschet auch heute erst am Ende seiner Rede über Kunst und Kultur gesprochen. Das tat er dann allerdings mit einer Verve und erkennbaren Sachkenntnis, die seine Vorgängerin Hannelore Kraft (SPD) in sieben Jahren nicht ein einziges Mal an den Tag gelegt hat. Hier die Passage zur Kultur im Wortlaut:

„… Einer meiner ersten offiziellen Termine als Ministerpräsident war die Eröffnung der Ruhrtriennale. Hier kommen die Geschichte unseres Landes und neue kreative Ideen auf fantastische Art und Weise zusammen. Und ich habe mit der Ernennung von Ministerin Pfeiffer-Poensgen, einer parteilosen Persönlichkeit, über Parteigrenzen hinweg anerkannt als Kulturexpertin, einen Punkt setzen wollen, um zu signalisieren: Kulturpolitik muss raus aus dem Schattendasein! Wir haben einen ungeheuren Reichtum in Nordrhein-Westfalen. Und wer kreativ ist, wer neue Ideen hat, muss nach Nordrhein-Westfalen kommen, weil wir eine reiche kulturelle Landschaft haben.

Und wenn ich manchmal Debatten höre, was alles nicht mehr geht. Ich war jetzt bei 70 Jahre Sinfonieorchester des Westdeutschen Rundfunks. 70 Jahre heißt: Gegründet 1947. Es gab nicht mal die Bundesrepublik Deutschland. Köln lag in Trümmern, 80 Prozent der Stadt zerstört. Und in einem solchen Moment hat der Westdeutsche Rundfunk – der Nordwestdeutsche Rundfunk damals – ein WDR- Sinfonieorchester gegründet. Igor Strawinsky hat 1951, der als entartet galt, dort dirigiert. Das ist Kulturgut unseres Landes. Und es ist doch geradezu absurd, wenn jetzt um zwei, drei Cent Rundfunkbeitrag ernsthaft darüber diskutiert wird, ob das, was unseren Vorgängern 1947 möglich war, heute nicht mehr möglich ist. Wir sind ein reiches Land und brauchen auch heute noch ein Sinfonieorchester dieser Qualität. Das muss man auch mal sagen, wenn diese Nörgelei wieder einsetzt.

Der Kulturetat wird erhöht in den nächsten fünf Jahren um 50 Prozent. Jedem Kind ein Instrument hat viele Kinder hineingebracht in die Kultur, in die Musikalität. Und wir werden 2020 den 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven feiern. Der steht für viele diese Werte, über die wir heute diskutiert haben. Die Europa-Hymne, die 9. Symphonie, kennt jeder in der Welt. Aber keiner verbindet das mit Bonn in dem Maße – und erst recht nicht mit Nordrhein-Westfalen – wie wir uns das wünschen können. Und deshalb wird das ein nationales Jahr für Beethoven im Jahre 2050 (Anmerkung kupore: Er meint 2020). Er steht für Vielfalt, er steht für Nachhaltigkeit, er steht für Freiheit mit der Freiheitsoper „Fidelio“ und vielem anderen. Und dieses Kulturgut hervorzuheben und zu betonen ist unsere Aufgabe.

Und der Maßstab wird sein, ob die Herausforderungen gelingen, wenn wir im Jahre 2030 zurückschauen auf diese Jahre. Werden wir dann sagen: ‚Ja, wir leben in einer digitalisierten Welt, die menschlich geblieben ist‘? Werden wir dann sagen: Ja , in den letzten Jahren ist es gelungen, dass Aufstieg durch Bildung für jeden möglich ist‘? … “

Soweit der Ministerpräsident heute Morgen im Düsseldorfer Landtag. Am Nachmittag werden die Regierungsfraktionen den ersten Antrag zur Kultur ins Parlament einbringen (hier als PDF). In ihm wird die Regierung aufgefordert, sowohl die kommunalen Theater und Orchester als auch die Arbeit der freien Szene „nachhaltig zu stärken“. Es gibt dazu allerdings heute keine Debatte; der Antrag wird zur Beratung in den Kulturausschuss verwiesen. Der tagt erstmals in dieser Legislaturperiode am 5. Oktober (wo ich wegen meines einzigen Urlaubs in diesem Jahr nicht dabei sein kann; ausgerechnet, ausnahmsweise).

 

Im Bild: Intendant Johan Simons und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet bei der Eröffnung der Ruhrtriennale am 18. August 2017 (c) Land NRW/M. Hermenau

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Zur Kenntnis … am 5. September

Nur für’s Protokoll: Ich sage selber nichts zum „Wahl-Duell“! Ich gebe aber dem geschätzten Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, – und das tue ich nur in absoluten Ausnahmefällen – zu 100 Prozent Recht: Es ist zum Mäusemelken!!!
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Das hier aber auch: Beim Wett-Sensibelchen-Sein hat die Alice-Salomon-Hochschule in Berlin gerade eine neue Bestmarke in Moralinsäure gesetzt. Es geht um das Gedicht „Avenidas“ des Konkreten Poeten Eugen Gomringer, einen spanischsprachigen Achtzeiler von 1953, der die Promenade „La Rambla“ in Barcelona beschreibt. Er besteht – auch auf Deutsch – im Kern aus nicht viel mehr als den Worten „Straßen“, „Blumen“, „Frauen“ und „ein Bewunderer“. Der Dichter hatte sein Werk der Hochschule zur freien Verwendung überlassen, nachdem sie ihn 2011 selbst mit ihrem Poetikpreis ausgezeichnet hatte (sic!). Seitdem prangt „Avenidas“ weithin sichtbar an der Südfassade des Hochschulgebäudes (hier im Bild zum Anschauen und Nachlesen). Im vergangenen Jahr nannte die Studierenden-Vertretung es dann in einem Offenen Brief „eine Farce“, die zu „Angst vor Übergriffen und dem konkreten Erleben solcher“ führe (ich bin mal so frei und korrigiere an dieser Stelle den Grammatikfehler des Originaltextes). Und nun hat die Hochschule tatsächlich einen Wettbewerb zur Neugestaltung der Fassade ausgeschrieben.
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Seitdem ist eine Korrektheits-Debatte losgebrochen, die vermutlich selbst Gomringer die Sprache verschlägt. Der Philosoph und Publizist Wolfram Eilenberger merkte dazu im Deutschlandfunk Kultur ganz grundsätzlich an, es gebe „kein verletzungsfreies Sprechen“, weil Sprache immer einen Bedeutungsüberschuss habe. Das war sehr konziliant, mein Urteil ist etwas deutlicher: Eine Hochschule, die nicht nur Pädagogik, Gesundheit und Soziale Arbeit lehrt, sondern sogar interkulturelles Konfliktmanagement und Kreatives Schreiben, aber den Wesenskern künstlerischer Arbeit offenbar nicht mal im Ansatz versteht, geschweige denn schützt, hat sich bereits den intellektuellen Bankrott erklärt. Sie sollte konsequenterweise einfach schließen!
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Und sonst …
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