Zur Kenntnis: Armin haut auf die Pauke

Lange hat die Landesregierung gezögert, dann gab sie sich einen umso kräftigeren Ruck: 185 Millionen Euro wird NRW in diesem Jahr zusätzlich für Kultur ausgeben. Heute beraten Ministerpräsident Armin Laschet und Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen mit Vertreter*innen der Kulturszene über die Verteilung des Geldes. Diesen „Kulturgipfel“ hatte vor allem der Kulturrat NRW seit Wochen gefordert – jetzt findet er als Videokonferenz statt.

Der Kulturrats-Vorsitzende, Ex-Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) aus Köln, gehört zu den Wegbereitern dieses Paukenschlages für die NRW-Kultur. Gemeinsam mit Politiker*innen auch der Oppositionsparteien hatte er über Monate für ein Hilfsprogramm geworben, das diese Bezeichnung endlich verdient. Frühere Maßnahmen der Landesregierung für Künstler*innen hatten für massive Kritik gesorgt, weil sie viel zu gering ausgefallen oder erst nach öffentlichem Druck und stark verspätet erfolgt waren.

100 Millionen Euro für Künstler*innen

Nun sollen etwa 80 Millionen Euro an kommunale wie private Kultureinrichtungen und -initiativen gehen, die pandemiebedingt in finanziellen Nöten sind. Vor allem aber soll es ein breit angelegtes Stipendienprogramm geben, um Künstler*innen Arbeit in der Krise zu bezahlen. Dafür ist dem Vernehmen nach mit rund 100 Millionen Euro der größte Teil des Paketes vorgesehen; das entspräche rein rechnerisch einer Summe von jeweils 5000 Euro für etwa 20.000 Kulturschaffende. Die tatsächliche Verteilung der Gelder werden Ministerpräsident Laschet und Kulturministerin Pfeiffer-Poensgen voraussichtlich auf einer Pressekonferenz am Mittwochmittag bekanntgeben.

Bereits in der vergangenen Woche hatte Wirtschaftsminister Pinkwart (FDP) eine weitere Maßnahme angekündigt: NRW wird das zweite Soforthilfe-Programm der Bundesregierung – „Überbrückungshilfe“ genannt – wie vielfach gefordert um 1000 Euro monatlich für den Lebensunterhalt von Soloselbstständigen und Freiberufler*innen aufstocken. Der Bund weigert sich nämlich auch weiterhin, dieser Gruppe aus seinen Mitteln eine Art „Unternehmerlohn“ zu gewähren und erstattet nur Betriebskosten. Die fallen bei vielen Künstler*innen jedoch kaum ins Gewicht: Sie müssen mit ihren – oft schmalen – Einkünften in erster Linie den persönlichen Lebensunterhalt verdienen. Dafür hatte die Große Koalition in Berlin und mit ihr Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) immer wieder die in einem „Sozialschutzpaket“ erweiterte Grundsicherung angepriesen. Mittlerweile belegen jedoch Hunderte, wenn nicht gar Tausende abgelehnter Anträge und hochkuriose bis tieftraurige Vorkommnisse landauf, landab, dass Logik und Praxis des dahintersteckenden Hartz-IV-Konzeptes auf die Lebenswirklichkeit freiberuflicher Kulturarbeiter*innen nicht anwendbar sind.

NRW setzt spät ein Zeichen für die Kultur

Die Landesregierung hat sich nach einigem Hin und Her nun entschieden, die Versorgungslücke für Soloselbstständige aller Krisen-Branchen aus dem eigenen Etat zu verringern. Dafür sind 300 Millionen Euro der insgesamt 8,9 Milliarden des NRW-Programms veranschlagt, das der Landtag vergangene Woche beschlossen hat. Zusammen mit den oben beschriebenen 185 Millionen ist das ein beeindruckendes Hilfspaket für die Kulturschaffenden im Land. Es hat zwar (zu) lange gedauert, bis CDU und FDP in Düsseldorf sich dazu durchgerungen haben, verdient aber trotzdem Respekt. In vielen anderen Bundesländern wäre man schon über weit weniger starke Zeichen für die Kultur sehr froh.

Auch die eine Milliarde Euro des Bundes, die Kulturstaatsministerin Monika Grütters unter dem Slogan NEUSTART ab Juli bundesweit verteilen darf, ist viel mehr als nur Kosmetik. Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat hatte für dieses viersäulige Infrastrukturprogramm in Berlin ebenso lang und hartnäckig geworben wie Gerhart Baum für das in NRW. Aber ohne das „starke, langsame Bohren dicker Bretter“ (Max Weber, Politik als Beruf, 1919) von Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda bei seinem früheren Bürgermeister Olaf Scholz, aktuell Bundesfinanzminister und Vizekanzler, wäre es wohl nicht ganz so üppig ausgefallen. Jedenfalls: Wer weiterhin behauptet, „die Politik“ habe „die Kultur“ wie immer „vergessen“ oder schätze sie mindestens gering, argumentiert an der Realität vorbei. Allerdings ist auch richtig: Der Staat wird hier wie in allen Branchen nicht die zig Milliarden ersetzen (können), die wegen des Virus‘ verloren gehen. Das überstiege aber beim besten Willen die Möglichkeiten von Bund und Ländern (die das aber trotzdem vom Bund fordern). Allein die Konzertveranstalter*innen rechnen aktuell mit vier Milliarden Euro Verlusten. Für viele Kulturangebote und Künstler*innen-Existenzen droht akut das bittere Aus. Darunter werden sie wie das Land noch lange leiden.

Berliner Denke vs. Realität der Kultur- und Kreativwirtschaft

Und auch bei den existierenden Hilfen könnten die Tücken mal wieder im (Berliner) Detail liegen. Das Eckpunktepapier der Großen Koalition zur „Überbrückungshilfe“ – also der Fortsetzung der Soforthilfe für Soloselbstständige etc. – sieht als Zugangshürde nämlich einen nachweislichen Umsatzrückgang von mindestens 60 Prozent in April und Mai 2020 im Vergleich zu 2019 vor. Das klingt logischer als es in der Realität ist: Die Honorare freiberuflicher Kulturschaffender gehen oft erst lange nach der eigentlichen Leistung auf ihrem Konto ein. Das gilt für Schauspielerinnen und Musiker, für Schriftstellerinnen und Tänzer, übrigens auch für Journalist*innen. Ihre Verluste sind erst nach dem Lockdown Mitte März entstanden. Diese Jobs und Auftritte wären wie immer aber erst Wochen, oft Monate später honortiert worden. Im April und Mai hingegen hatten viele stattdessen noch Zahlungseingänge für Leistungen aus dem ersten Quartal oder sogar früher. Die echten finanziellen Löcher wegen der Pandemie schlagen also erst jetzt im wahren Sinne des Wortes zu Buche. Wirtschaftsminister Altmaier ignoriert diese Tatsache bisher konsequent.

Wenn der Bund bei diesen beiden Berechnungsmonaten bleibt, wird er damit zum insgesamt dritten Mal nach der Soforthilfe I (ohne Lebensunterhalt) und dem Sozialschutzpaket (das für Soloselbstständige ungeeignet ist) auf dem Papier Hilfen für Kulturschaffende beschließen, die in der Realität nicht greifen. Spätestens dann werden viele Betroffene noch lauter die Frage stellen, was eigentlich hinter diesem Umgang mit ihnen steckt. Das wäre auch demokratiepolitisch fatal.

#blacklivesmatter

Schnitt … obwohl: Von diesem Punkt ist es gar kein großer Schritt zum anderen beherrschenden Thema der vergangenen Wochen: #blacklivesmatter und Rassismus, Kolonialismus und Geschichtsvergessenheit. Ich werde hier nicht länger darüber schreiben – das habe ich bei der Debatte um die Restitution kolonialer Raubkunst wie bei anderen Gelegenheiten in den vergangenen 30 Jahren immer wieder explizit getan. Trotzdem jetzt und hier so viel: Ich bin es Leid! Ich möchte nicht mehr mit (weißen) Mittelstandsmitbürger*innen darüber diskutieren müssen, ob und wie sie auf diesem Planeten insgesamt und in dieser Republik im Speziellen, an der Uni und auf dem Arbeitsmarkt, in Polizeikontrollen und an der Clubtür privilegiert sind. Das gilt für Männer und in diesem Punkt übrigens auch für Frauen (wo es für Frauen in der Kultur gar nicht gilt, belegt diese neue Studie von Gabi Schulz für den Deutschen Kulturrat).

Nein, keiner von uns ist perfekt im Umgang mit anderen oder wird es je sein. Wir alle haben in unserem Leben mal jemanden – bewusst oder unbewusst – zum Opfer eigener Privilegiertheit gemacht; und das sogar dann, wenn wir selber zu einer diskriminierten Gruppe gehör(t)en. Als Arbeiterkind ostpreußischer Vertriebener, mit blauen Augen, blonden Haaren und einem polnischen Nachnamen, kann ich bestenfalls ahnen, wie sich das anfühlt. Aber ich erlebe es eben nicht mal annähernd  – anders als die tamilischen Kioskbetreiber*innen am Ende meiner Straße, viele kurdische Bekannten aus 30 Jahren Nachtleben oder Horst Wegener aus meinem alten Kiez. Von den arabischen und afrikanischen Flüchtlingen in der Stadt und auf dem Land mal ganz zu schweigen.

Trommelwirbel statt Paukenschlag

Eine Welt ohne Asymmetrien bei der Verteilung von Chancen, Macht und Einfluss bleibt erstrebenswert – auch wenn sie in letzter Konsequenz praktisch unerreichbar sein könnte. Und, ja, „auch lesbische schwarze Behinderte können ätzend sein“, wie Funny van Dannen vor langer Zeit mal textete (hier in der Version der Toten Hosen; selbst weiße Männer, genau darum geht es ja). Aber das ändert nichts daran, dass lesbische schwarze Behinderte in Deutschland wie den USA, in Polen oder Frankreich regelmäßig Opfer gleich mehrfacher Diskriminierung sind. Und diese für Menschen wachen Auges jeglicher Herkunft und jeden Geschlechts unübersehbare Tatsache möchte ich eben nicht mehr diskutieren (müssen). Ich diskutiere ja auch nicht, ob Regen nass ist – er ist nass, und alle wissen es. Punkt!

Es muss endlich mehr passieren. Statt weiterhin ebenso lähmende wie überflüssige Rückzugsdebatten zu führen, müssen wir ernsthaft darüber reden, wie wir in diesem Einwanderungsland Augenhöhe für alle schaffen und Respektlosigkeit wie mangelnde Wertschätzung im persönlichen wie im gesellschaftlichen Leben sukzessive auf letzte, eventuell unvermeidliche Reste individueller persönlicher Unzulänglichkeit reduzieren. Das ist sicher nicht mit einem Paukenschlag zu erledigen, so laut er immer sein mag. Aber anschwellender Trommelwirbel macht irgendwann eh mehr Lärm – und währt auch viel länger. Überfällig ist er allemal!

… und sonst:

Empfehlung 1! Morgen, Mittwoch, spreche ich ab 20 Uhr 20 bei 20-20.live eine Stunde lang mit NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen: Wer kriegt die 185 Millionen aus dem Hilfspaket? Wie sollen Künstler*innen, Clubs und Konzerthallen überleben? Was ist an Kultur eigentlich relevant? Welche Lehren zieht sie aus der Krise – und welche Ausstellung empfiehlt sie für den Sommer? Eine Stunde Kultur, Politik und Kulturpolitik. Kann man auch später noch im Netzt angucken – aber dann auch machen!

Empfehlung 2! Max Weber kennen und verstehen lernen – die Uni Heidelberg hilft mit einer Reihe auf- wie ausgezeichneter Vorträge und Debatten anlässlich seines 100. Todestages

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Zur Kenntnis: Kultur ist zivilisationsrelevant!

„Berlin kann’s … später!“ Wäre vielleicht mal ein schöner Claim für die Hauptstadt. Denn nun ist nicht nur dieser – man will ja nicht wirklich schreiben „neue“ – Flughafen endlich vom Bauamt abgenommen und ein Eröffnungstermin steht tatsächlich bevor, sondern es haben sogar die Arbeiten an der Wippe begonnen. Also am Freiheits- und Einheitsdenkmal. Eigentlich nicht zu fassen. Wenn jetzt noch das Humboldtforum … aber wir wollen lieber nicht gleich übermütig werden.

Und schwupp, hat dieser kleine kulturpolitische Neuigkeitenanzeiger doch tatsächlich nicht mit Corona begonnen. Trotzdem ist das Thema bis auf Weiteres unvermeidlich. Unser gesamter Alltag – nicht nur der in Kultur und Medien, Wirtschaft und Wissenschaft – bleibt geprägt von den Auswirkungen des Virus. Dabei machen die Restriktionen des Hygiene- und Arbeitsschutzes einen auch nur annähernd „normalen“ Kulturbetrieb unmöglich. Wenn in Theatern und Konzertsälen mindestens jeder zweite Platz wg. Abstandsgebot freibleiben muss, kann in staatlichen und städtischen Häusern gerade so eben noch etwas stattfinden, weil öffentlich finanziert. Aber im privaten Sektor – von der Autorenlesung in der Buchhandlung über die Festivals aller Sparten bis zu Popkonzerten und Poetry Slam – ist an einen rentablen Veranstaltungsbetrieb nicht zu denken: Maximal ein Viertel, oft nur ein Sechstel der üblichen Platzkapazitäten sind durch die (vermutlich sinnvollen) Abstandsregeln machbar. Der Intendant des Rhein-Neckar-Theaters in Mannheim, Markus Beisel, zeigt in einem Video exemplarisch für die Branche auf, wie sein Saal bestenfalls bestuhlt sein könnte.

„Das reicht nicht aus!“

Das „Öffnungs“-Papier der Kulturminister-Konferenz von vor zwei Wochen konnte ihm wie allen betroffenen kaum Hoffnungen auf eine Trendwende machen. In einem Fachgespräch des Bundestags-Kulturausschusses schätzten Vertreter*innen der Theater- und Konzertbranche die Einnahmeverluste folgerichtig auf bis zu 80 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Eine heute veröffentlichte Umfrage von Deutschem Kulturrat und Kompetenzzentrum der Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes hat sogar ergeben, dass ein knappes Viertel der Fachverbände Umsatzeinbußen zwischen 90 und 100 Prozent erwartet. Müssen Künstler*innen künftig also wieder für lau arbeiten?

Die falsche Mär vom „Armen Poeten“, dessen Dasein sich doch bereits in der Kunst selbst erfülle, spukt schon viel zu lange durch die Köpfe der Deutschen; vor allem durch die deutscher Politiker*innen, die nicht verstehen können oder wollen, dass sie gar nicht auf den Schultern von ALDI, Siemens oder VW stehen, sondern auf denen der Kulturgigant*innen Droste und Schiller, Kraftwerk und Mutter, Arendt und Habermas. Deshalb hat Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat Recht, wenn er über die bisherigen Hilfen sagt: „Das reicht nicht aus!“ Nun plant die Bundesregierung offenkundig ein Konjunkturprogramm, das angeblich auch Umsatzausfälle in der Kultur kompensieren soll. Details erfahren wir hoffentlich in der kommenden Woche.

Kultur ist zivilisationsrelevant!

Dennoch ist die Kultur entgegen der trotzigen Behauptungen vieler Akteur*innen nicht „systemrelevant“ – jedenfalls nicht in dem Sinne, dass hier alles zusammenbräche, wenn mal ein paar Wochen oder Monate oder gar ein Jahr kein Theater gespielt wird. Gleichzeitig sind „die Kultur“ als Ganzes und die Künste im Besonderen ein unverzichtbarer Antrieb menschlichen Fortschritts, also zivilisationsrelevant. Ohne die Gedanken, Werke und Inspirationen von Autorinnen und Malern, Regisseurinnen und Tänzern, Designerinnen und Musikern wären wir als Gesellschaft wie als Volkswirtschaft nämlich nicht da, wo wir sind. Zivilisation ist stets von Kultur(en) getrieben und getragen, nicht andersrum. Sie weist den Weg in die Zukunft und ebnet ihn durch ihre Werke und ihre Überzeugungskraft für alle. Und zwar nicht nur auf der großen Zeitachse der Epochen, sondern gerade auch im Kleinen: Kultur zivilisiert eine Gesellschaft im Alltag. Und wer möchte nicht in einer Welt leben, in der man Rücksicht aufeinander nimmt und anderen den Frieden und die Freiheit lässt, die man für sich selber reklamiert? Genau das bedeutet es nämlich, zivilisiert zu sein.

Wenn die Kultur aber eben das ist – zivilisationsrelevant –, dann stellt uns die Krise gerade einmal mehr vor die Frage, ob das eigentlich auch für alle gleichermaßen gilt. Die britische Kritikerin Lyn Gardner hat dazu in der aktuellen Ausgabe des Online-Magazins der Kulturstiftung des Bundes dezidiert die Haltung der Theater im Visier. Ihre Erkenntnisse sind klar und schonungslos bis über die Schmerzgrenze, vor allem für die Theatermacher*innen. Und wer den unseligen Krisen-Suaden so manches Intendanten bei Youtube gelauscht hat, der kann schon mal mit Gardner ins Zweifeln kommen, ob diese Typen wirklich in der selben Welt leben wie wir. Dass sie es trotz allem tun, macht es in vielerlei Hinsicht leider nicht besser. Möge die aktuelle Herausforderung also auch eine intellektuelle Inspiration für Kulturschaffende sein, ihre Zugänge und Zugänglichkeit, ihre Themen und ihre Theatralik zu hinterfragen. Hauptsache uns ereilt nicht, was die Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes, Hortensia Völckers, neulich in einem Radiointerview befürchtete. Auf die Frage, welche Kunst die Krise wohl produziere, entfuhr ihr spontan der Satz: „Bitte keine Corona-Gedichte!“

… und sonst:

Empfehlung 1: Den besten Überblick über Hilfen, Regularien und (Schutz-)Verordnungen für die Kultur in Nordrhein-Westfalen bietet Soziokultur NRW

Empfehlung 2: Meine letzten Berichte und Sendungen:

Empfehlung 3: Zum Schluss noch ein entspannender Hörtipp zum Pfingstwochenende für alle Freunde hochwertiger, mitunter ungewöhnlicher Popmusik:
Miss Ingwer Rogers‘ und Charles Petersohns Music for Home Listening Vol.5 (funktioniert auch im Auto). Die ersten vier Ausgaben sind übrigens ebenfalls sehr gut!

Foto der coronagerechten Theaterbestuhlung: (c) Berliner Ensemble

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Zur Kenntnis: Moni und die Machtlosen

Die erlösende Nachricht von der politischen Videonale in Berlin am Mittwoch: Lebbe geht weiter! Die Wirtschaft zuerst, die lieben Kleinen gleich hinterher, und schon ganz bald sind auch die Touristen dran. Sogar die Kultur darf – in kleinsten Gruppen und mit größtem Abstand – wieder raus zum Spielen.

Der letzte Satz klingt lustiger, als er gemeint ist, denn vor allem drinnen gelten harte Regeln. Die findet nur, wer länger sucht, in den Gemeinsamen Empfehlungen von Berufsgenossenschaften und Unfallkassen zum (Proben-)Betrieb von Bühnen und Studios: Mindestabstand 1,5 Meter, eh klar, wer singt oder „exzessiv“ spricht, muss sogar 6 Meter Distanz wahren. Und wer in ein Instrument bläst, darf das nicht ohne volle 12 Meter leeren Raumes vor sich tun. Drei Bläser brauchen also roundabout 100, ein Dutzend von ihnen sogar 400 Quadratmeter überdachte Übungsfläche, wenn vorne noch jemand einen Taktstock schwingt. Die Charité empfiehlt in einer neuen Studie zwar geringere Abstände, aber ob und wann sich das auch in offiziellen Regeln niederschlägt, ist völlig offen.

Auftritte und Konzerte sind jedenfalls erst mal nur im kleinsten Rahmen gestattet, Großveranstaltungen wie schon länger angekündigt bis zum 31. August passé, mindestens. Das NRW-Kulturministerium hat gestern schon mal vorsorglich verkündet: Der Theater- und Opernbetrieb großer Häuser (das meint auf jeden Fall die mehr als 20 Stadt- und Landestheater) wird hier nicht vor dem 1. September wieder aufgenommen. Kleinere Häuser können zwar vorher schon mal gucken, was geht, aber zwischen zwei Besuchern aus verschiedenen Haushalten müssen auch dort stets zwei Sitze frei bleiben. Der Münchner Volkstheater-Intendant Christian Stückl lässt sogar drei Lehnen leer und hat dazu gleich jede zweite Reihe einfach ausgebaut.

Ein Viertel der Plätze ergibt kein Geschäftsmodell

In den meisten Fällen bedeuten die geltenden Hygieneschutzbestimmungen eine Reduzierung der verkäuflichen Plätze – sprich: Tickets – um 70 bis 80 Prozent. Damit lässt sich das übliche Kulturleben der Republik aber nicht finanzieren, jedenfalls im bisherigen Preisgefüge. Der Bundesverband der Musikwirtschaft hat deshalb schon ein Hilfspaket gefordert. Umfang: Eine halbe Milliarde Euro. Mit anderen Worten: Es sieht schon nicht gut aus für die großen staatlichen Häuser, für viele mittlere wie kleine Theater und für alle anderen privaten Veranstalter erst recht nicht. 

In dieser Situation bräuchte es starke Arme, die nicht nur Musik und Darstellendem Gewerbe unter ihre schwachen greifen. Stattdessen singen Moni und die Machtlosen, also die Kulturstaatsministerin in Berlin und ihr schwachbrüstiger Backgroundchor in der Kulturministerkonferenz der Länder, aber nur immer weiter die traurige Ballade vom rettenden Schirm, der sich für die Kultur einfach nicht öffnen will. Als zweite Solostimme im Refrain kündigt NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen mantraartig „nrw-spezifische Lösungen“ an, wenn die angeblich „heftigsten Verhandlungen“ mit dem Bund (meint: Bundesfinanzminister Olaf Scholz) zu keinem Ergebnis kommen. Das Stück ist jetzt sechs Wochen auf der Playlist, doch in den Hitparaden der Parlamente von Ländern und Bund tut sich bislang: genau nix! So lernen Grütters und ihre Combo von der traurigen Gestalt, was Musikredakteur*innen landauf, landab schon immer wissen: Aus einem schlechten Song wird nie ein Hit, man kann ihn noch so häufig spielen.

Ist das Kunst? Dann kann das weg!

Die traurige Wahrheit ist: Die Kultur(-wirtschaft, im weitesten Sinne) und die Gastronomie (außer den Restaurants) stehen jetzt als letzte einsam und verlassen im tödlichen Regen des bösen Virus. Die Kommunen – außer den paar Krisengewinnlern der München-Monheim-Gruppe – werden schon bald nicht nur an, sondern auch über die Grenzen ihrer finanziellen Möglichkeiten gehen müssen, um den Laden auch nur einigermaßen am Laufen zu halten. Schien noch vor kurzem der lang ersehnte Altschuldenfonds (endlich) erreichbar, müssen nun sogar wieder neue Großkredite her; Gutachten von ifo-Institut und Deutschem Städtetag malen tiefschwarze Zukunftsbilder an die Wand. Das wird am Ende natürlich massiv zu Lasten der Kultur gehen, die wie der Sport zu den Freiwilligen Aufgaben der Städte und Gemeinden zählt. Dann lautet das Motto wieder: „Ist das Kunst? Dann kann das weg!“ Und die Länder werden sich an dem Punkt wie immer ganz stiekum wegducken. In NRW wird das Motto dann lauten: „Mein Name ist Laschet, ich weiß von nichts!“ (So hatte das schon sein Vor-Vorgänger Jürgen Rüttgers katatstrophal praktiziert, in dessen Kabinett Laschet Integrationsminister war).

In diesem Moment täten der Kultur ein paar stimmgewaltige Fürsprecher*innen besonders gut. Doch ausgerechnet jetzt tritt auch noch der Erste Tenor des Hohen Hauses von der Bühne ab, und zwar mit Pauken und Trompeten: Am Tag der großen Öffnungsarie hat SPD-Bundestags-Haushälter Johannes Kahrs seiner mützenichen Sozialdemokratie-Intendanz die Brocken vor die Füße geworfen. Weil das so gar nicht unausweichlich war, kann man noch nicht mal von einer „Tragödie“ im engeren Sinne sprechen – eine tragische Note hat es allerdings: Kahrs, der Kultur-Berichterstatter seiner Fraktion im Finanzausschuss war, geht just in dem Moment, in dem sich seine Dauerrivalin im Kulturmillionenroulette Grütters schweren Herzens entschieden hatte, für den nicht nur vom Deutschen Kulturrat nachdrücklich geforderten Kulturinfrastrukturfonds zusammen mit ihm einfach auf Rot und Schwarz zu setzen.

Die Kultur – ein Opfer der politischen Triage?

Das hätte – in Anlehnung an das berühmten Marshall-Vorbild – ein echter Monika-Plan werden können: Das coronare Meisterstück einer Staatssekretärin im Kanzleramt, die sich in der größten Not als krisentaugliche Kulturstaatsmanagerin erweist. Diese Chance ist nun wohl dahin (auch wenn man von Berliner Fluren hört, sie habe sich jetzt mit Finanzminister Scholz auf ein Programm geeinigt, aber der sie aber nicht den Applaus einheimsen lassen wolle). So könnte ausgerechnet der Abgang des von vielen ungeliebten, aber enorm einflussreichen SPD-Strippenziehers Kahrs zum letzten Mosaikstein im bleibenden Bild einer stets mächtig scheinenden, aber im Ernstfall machtlosen Monika Grütters werden. Das wäre in der Tat nicht ohne eine gewisse Ironie (angesichts ihrer Leistungen für die Kultur bisher allerdings auch ungerecht).

Das Corona-Virus hat nicht nur Zigtausende Menschen in Deutschland infiziert, sondern – ich zögere zu schreiben: „im übertragenen Sinne“ – auch den Staat. Im Moment sieht es zum Glück zwar so aus, als käme er noch mal davon, weil seine Ressorts und Sektoren notfallmedizinisch versorgt werden können. Nur für die kreativen Branchen (und das deutsche Kneipenwesen!?) scheint am Ende kein Intensivbett mehr frei zu sein. Und wenn nicht doch im letzten Moment von irgendwoher ein Beatmungsgerät durchs Land gerollt wird, werden die Ärzte in den Städten und Gemeinden wohl schon bald eine jüngst noch rüstig wirkende Patientin auf den Bauch drehen: Die Freie Kulturszene als erster und vielleicht einziger Triage-Fall der Pandemie in Deutschland. Nur Boris Palmer würde vermutlich sagen, die hätt’s doch eh nicht mehr lang gemacht!

… und sonst:

EXTRA! Der coronare Kulturforderkatalog:

Zur Ablenkung mal eine Empfehlung fürs Auge: Die Düsseldorfer Sammlerin Julia Stoschek stellt alle 860 Werke ihrer weltweit renommierten Medienkunstsammlung online – dolle Sache!

Und eine fürs Ohr: The Missing Sounds of New York

Zum Schluss ein Versprechen: Nächste Woche gibt’s auch wieder coronafreie Meldungen!

Foto: (c) der kulturpolitische reporter

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