Zur Kenntnis … am 14. Juli

Kurz vor der Sommerpause gab es zwei große Überraschungen: Isabel Pfeiffer-Poensgen ist Kulturministerin in NRW, Oliver Keymis von den Grünen der neue Vorsitzende des Kultur- und Medienausschusses im Landtag. Zwei allseits begrüßte Personalien zu Beginn einer Legislaturperiode, in der die Ausgaben des Landes für die Kulturförderung zudem um 50 Prozent steigen sollen. Das klingt alles so gut … da wird man gleich wieder skeptisch.

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Das gilt auch für die neue Initiative der EU-Kommission, um die Terrorfinanzierung durch illegalen Antiken-Handel zu stoppen. Dieses Ansinnen war auch schon ein gewichtiges Argument für das deutsche Kulturgutschutzgesetz vom vergangenen Jahr. Allerdings … es gibt bislang keine belastbaren Beweise für die Behauptung, dass Deutschland oder Europa ein nennenswertes Ziel- oder auch bloß Durchgangsgebiet für dieses schmutzige Geschäft wären. Und immer dann, wenn rigorose Maßnahmen mehr oder minder aufs Geratewohl vollzogen werden, sind mindestens Fragen angebracht. Das wird mich in den nächsten Wochen beschäftigen …

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Und noch ein Glückwunsch: Die LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger und der Präsident der Stiftung preußischer Kulturbesitz Hermann Parzinger haben geheiratet. Alles Gute!

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Und sonst …

„Zur Kenntnis … “ geht in die Sommerpause. Ende August gibt’s dann ein Post-Ferien-Update. Schönen Urlaub!

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Sternbergs Vermächtnis

Man kann es eigentlich kaum glauben: Jahrein, jahraus forderten der Deutsche Kulturrat, der Kulturrat NRW und all ihre Einzelverbände, die Vertreter von Freier Szene und Soziokultur, von Theatern, Museen und Bibliotheken sowie prominente und weniger prominente Künstlerinnen und Künstler ein eigenes Kulturministerium. Sogar Journalist*innen verstiegen sich zu dieser Utopie. Und dann, schwupp, ausgerechnet unter Mitwirkung der FDP (sorry, Gerhart Baum – oder vielleicht doch sogar „Danke“?) passiert es: Ein Ministerium für Kultur und Wissenschaft in Nordrhein-Westfalen.

Dazu eine Ministerin, die kaum besser ausgesucht sein könnte. Isabel Pfeiffer-Poensgen (die sich selbst stets „IPP“ abkürzt) ist eine Frau mit Jahrzehnte langer Erfahrung im Kulturbereich, national wie international, mit ausgeprägt eigenen Vorstellungen von Rolle wie Funktion der Künste, der Kultur, des kulturellen Erbes und der Bildung. Zuletzt war sie 13 Jahre lang Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder. Ihr professionelles Profil ist wahrscheinlich bundesweit einmalig – eine Top-Besetzung.

Das muss natürlich alles nichts heißen. In Ministerämtern und am Ministerin-Sein kann man aus Gründen scheitern, die nichts mit der fachlichen Expertise zu tun haben. Pfeiffer-Poensgen ist – wiewohl in einem (Aachener !) CDU-Haushalt aufgewachsen – selbst parteilos. Das wird nicht ganz ungefährlich, zumal am Kabinettstisch einer Koalition mit nur einer Stimme Mehrheit im Parlament. Wir werden also erst im Laufe der kommenden Monate oder Jahre sehen, ob sie in der Regierung tatsächlich die starke Stimme für die Kultur sein kann und wird, die viele sich jetzt von ihrer Berufung erhoffen.

Solange wird die Kulturszene sich auf jeden Fall an der Reihenfolge im Titel des neuen Hauses laben: Es heißt tatsächlich „Ministerium für Kultur und Wissenschaft“. Das ist dem Vernehmen nach nicht nur dem Alphabet geschuldet, auch wenn es sich auf absehbare Zeit nicht in einer ähnlich verteilten Gewichtung der Mittel niederschlagen wird: 8,4 Milliarden Euro umfasst der Wissenschaftsetat des Landes in diesem Jahr, 201 Millionen sind für die Kultur eingeplant. Es kann ihrer Wertschätzung im Alltag einer von Geldverteilung bestimmten Ministerialbürokratie aber nur gut tun, wenn Sie am Eingangsschild, auf jedem Briefkopf und jeder Visitenkarte vorne steht.

Dass es so gekommen ist, muss man dem politischen Vermächtnis Thomas Sternbergs zurechnen, des langjährigen kulturpolitischen Sprechers der CDU im Landtag. Während es ihm – in seiner Eigenschaft als aktueller Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken – gestern Abend im „heute journal“ des ZDF düster dreinblickend schwerfiel, eine schlüssige Argumentation gegen die „Ehe für Alle“ zu entwickeln, war er in unserem nachmittäglichen Telefonat wie gewohnt präzise und vor allem in sehr gehobener Stimmung. Sternberg hat tatsächlich alles getan, um seiner Partei nach dem eigenen Abschied aus der Kulturpolitik ein mehr als ordentlich bestelltes Feld zu hinterlassen. Im Interesse der nordrhein-westfälischen Kulturlandschaft kann man sich nur wünschen, dass Union und FDP den bereiteten Boden nun gut pflegen.

Dann könnte die Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen für ihren Regierungschef Armin Laschet (aus Aachen!) nämlich eine reiche Ernte einfahren. Die gesellschaftliche Bedeutung von Kunst und Kulturleben im Land hat seine Amtsvorgängerin Hannelore Kraft in ihren sieben Jahren als Ministerpräsidentin nicht mal geahnt. Auch deshalb sitzt jetzt ein anderer auf Ihrem Stuhl – vielleicht hat der die Lektion ja verstanden.

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Zur Kenntnis … am 7. Juni

In Düsseldorf sprechen CDU und FDP zurzeit ganz intensiv über die nächste NRW-Landesregierung und Legislaturperiode; eine schwarz-gelbe Zusammenarbeit in den nächsten fünf Jahren ist ausgemachte Sache. Das Kulturkapitel des Koalitionsvertrages hatten die Unterhändler bereits in der vergangenen Woche fertig, seitdem achten Kulturpolitiker beider Parteien mit Argusaugen auf die Endverhandlungen in der Spitzenrunde. Wahrscheinlich wird die Kultur da gar nicht groß zum Thema, aber wie so oft werden in manchem Punkt die Finanzleute das letzte Wort haben. Also wird man erst ganz am Schluss wissen, wie gut der Fördertopf des Landes tatsächlich gefüllt ist, und wer den als Minister*in oder Staatssekretär*in verantwortet. Auch über die Rolle der Kultur am Kabinettstisch ist nämlich noch keine Entscheidung gefallen – und damit auch nicht über Namen. Heißeste Kandidat*innen der Gerüchteküche: LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Thale und Günter Winands, seit 2013 Abteilungsleiter für Kultur und Medien im Bundeskanzleramt und Stellvertreter von Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

Und sonst …

 

 

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Zur Kenntnis … am 16. Mai

Na endlich! 15 Thesen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt hat die Initiative Kulturelle Integration heute vorgestellt. Das ist ein sehr breites Bündnis zivilgesellschaftlicher, weltanschaulicher und staatlicher Organisationen und Institutionen, die eine ganz entscheidende Frage stellen: Wie wollen wir leben – in unserer Stadt, in unserer Region, in unserem Land, in Europa, auf der Welt?

Man kann es drehen und wenden wie man will: Das Ringen um die Antwort ist eine Kultur-Debatte! Nach jeder gängigen Definition ist die Art zu leben das, was wir als die „Kultur“ von Menschen bezeichnen. Und weil wir viele sind, in vielen Regionen, ist Kulturelle Vielfalt kein Hirngespinst oder utopisches Ideal, sondern schlicht Realität. Das gilt für die Verschiedenheit von Zulu und Inuit wie für die von Mecklenburgern und Rheinländern. Letztere ist je nach Perspektive manchmal sogar noch größer als erstere.

Genauso real wie die Vielfalt von Menschen ist ihre Beweglichkeit. Ob erzwungen oder freiwillig, die Welt der Flugzeuge, Schnellzüge und Schlauchboote im digitalen Informationszeitalter wird auf Dauer keine kulturelle Homogenität der Herkunft mehr kennen. Die existierte aber ja auch bisher schon bloß in einer idealisierten Vorstellungswelt – um nicht zu sagen: in der Phantasie. Das zeigt nicht allein, aber exemplarisch, der Blick auf die Wikinger-Siedlungen Schleswig-Holsteins oder den römischen Genpool der Kölner.

Wir werden diese Debatte also führen – und die wichtigste Erkenntnis daraus wird sein: Sie wird nicht enden. Nie! Unsere Gesellschaften werden einen permanenten Wandel erleben, nicht von heute auf Morgen, aber von einer zur anderen Generation, manchmal schneller, manchmal langsamer. Doch nie wird am Ende eines Lebens die Welt um einen herum noch die sein, in die man geboren wurde. Was trotzdem weiter gelten soll, was wir lernen müssen und was wir getrost vergessen können, das wird immer Gegenstand der Auseinandersetzung sein. Ein „Ende der Debatte“ ist per definitionem ausgeschlossen – gewöhnen wir uns und unsere Kinder, aber auch unsere Eltern daran. Es wird gelingen!

Und sonst …

Zu vorletzt: Nein, ich habe die Landtagswahl in NRW nicht vergessen. Aber noch können wir über die Folgen für Kultur und Kulturpolitik nichts sagen. Das bisherige Personal der Regierungsparteien in diesem Bereich ist komplett im Parlament vertreten: Die Ministerin Christina Kampmann (SPD), der Ausschussvorsitzende Karl Schultheis (SPD) und die Fraktionssprecher von SPD und Grünen, Andreas Bialas und Oliver Keymis, sind in den neuen Landtag gewählt worden. Die bisherigen Fachleute von CDU und FDP waren nicht wieder angetreten, neue sind noch nicht in Sicht. Ich hab’s im Blick 😉

Zuletzt: Schleswig Holstein hat ja auch gerade gewählt, die koalitionäre Ausgangslage ist ganz ähnlich wie in NRW. Ich darf am Donnerstag in Rendsburg den Kongress „Kultur und Transformation“ des dortigen Landeskulturverbandes moderieren. Und lass‘ von mir hören …

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Zur Kenntnis … am 8. Mai

Am Sonntag wird es auch in NRW ernst und ein neuer Landtag gewählt. Ich habe zuletzt in einer einstündigen Runde mit vier Fraktionssprechern im WDR-3-Forum, zwei Lesestücken auf wdr.de (Bilanz und Wahl-Optionen), sowie einzelnen Beiträgen bei WDR 3 und WDR 5 (ganze Sendung, Gespräch mit mir ab Minute ’07) zusammengetragen, wie die Situation der Kulturpolitik in Nordrhein-Westfalen ist und welche inhaltlichen Alternativen zur Wahl stehen. Am späten Dienstagabend darf ich darüber auch noch mal in der Sendung Fazit von Deutschlandfunk Kultur reden (nicht über den Namen wundern: der Sender hieß bis Ende April noch Deutschlandradio Kultur).

Es gäbe natürlich noch so viel mehr zu sagen, aber der Raum in Medien ist stets begrenzt, also fallen immer Dinge weg, auch wichtige. Ich werde mir für die kommende Legislaturperiode etwas dafür ausdenken, wo und wie das umfangreicher gehen könnte, auch im Gespräch mit Experten aus Kultur und Politik.

Und ich kündige hier auch schon mal an, vor der Bundestagswahl im September ein paar etwas grundsätzlichere Fragen zu stellen und zu diskutieren. Ich bin leider zu der Überzeugung gekommen, dass alle Parteien im besten Falle Antworten auf die kulturpolitischen Fragen von heute geben – meist aber auf die von gestern. Das wird für morgen nicht reichen.

Am Mittwoch habe ich die große Freude, eine ambitionierte Debatte in diesem Zusammenhang beginnen zu dürfen: Mit der Generalsekretärin der Kunststiftung NRW, Ursula Sinnreich, sowie der Bachmann-bepreisten Lyrikerin Nora Gomringer und dem Freiburger Nietzsche-Experten Andreas Urs Sommer suche ich einen Abend lang nach den „Werten der Kunst“. Auch die wird für den WDR aufgezeichnet und voraussichtlich am 28. Mai ausgestrahlt.

Und sonst …
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Am deutschen Denken gescheitert

Der AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider wollte gestern Abend an einer Diskussion im Magdeburger Puppentheater teilnehmen. Er war zwar da, doch ein Gespräch gelang nur zum Teil. Vielleicht, weil er nicht recht sagen konnte, was er meinte – vielleicht, weil er es nicht wirklich wollte.

Tillschneider ist promovierter Islamwissenschaftler und sitzt zurzeit als direkt gewählter Abgeordneter für die AfD im Magdeburger Landtag. Der Sprecher für Kulturpolitik seiner Fraktion hatte in der Diskussion um eine Inszenierung des Tanztheaters Dessau mit Flüchtlingen im vergangenen Oktober scharfe Forderungen formuliert: Es brauche eine „Renaissance der deutschen Kultur“, deshalb sollten künftig jenen Theatern Förderungen gekürzt oder sogar ganz gestrichen werden, die nicht zur Erziehung des Volkes im Sinne des Nationalgedankens beitrügen. Diesen Standpunkt wiederholte er auch zu Beginn des gestrigen Podiums wieder, bestritt aber gleichzeitig, sich damit in die künstlerische Arbeit der Häuser einmischen zu wollen.

Da platzte dem Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, zum ersten Mal der Kragen. Zunächst warf er Tillschneider vor, auf diesem Wege sehr wohl die im Grundgesetz festgeschriebene Kunstfreiheit zu attackieren. „Und zweitens regt mich Ihre ganze Strategie auf: Drei provozierende Schritte vor, dann zwei zurück, und angeblich war alles nicht so gemeint. Das ist typisch für Ihre Partei, auf allen Politikfeldern. Sie versuchen die Grenzen insgesamt Stück für Stück nach Rechts zu verrücken – und das werden wir Ihnen nicht durchgehen lassen.“

Abenteuerliche Thesen: Shakespeare ein „deutscher Autor“

Die inhaltlich interessanteste Frage stellte Ulrich Khuon: „Was ist denn für Sie die ‚deutsche Kultur‘?“, wollte der Intendant des Deutschen (!) Theaters in Berlin und frisch gebackene Präsident des Deutschen (!) Bühnenvereins ein ums andere Mal wissen: „Die Romantik kommt aus Frankreich, der Humanismus fußt im Islam“. Spätestens da wurden die Antworten Tillschneiders ziemlich verschwurbelt.

Unter anderem sei Shakespeare ein „deutscher Autor“ – wegen der frühen Übersetzungen oder auch Goethes Begeisterung für ihn. Auf die Bemerkung des früheren Magdeburger und heutigen Potsdamer (Noch-)Intendanten Tobias Wellemeyer, das Theater sei nicht zuletzt zeitgleich mit der Demokratie entstanden, entgegnete der AfD-Mann: „Ja, aber auch der Nationalstaatsgedanke“.

Dabei ignorierte Tillschneider geflissentlich, dass Wellemeyer die griechische Antike meinte – gut 2000 Jahre vor den ersten Ideen zum Nationalstaat. Überhaupt blieb der Sprecher der „Patriotischen Plattform“ in der AfD logische Verknüpfungen und faktische Belege für seine Ansichten schuldig. Das originär „Deutsche“ verortete er stattdessen in einer explizit gegenaufklärerischen Interpretation der Romantik. Das Wesen einer Nation sei mehr als geordnetes Zusammenleben, nämlich ein ganz spezifisches „Gefühl“. Zumindest die Kenner Novalis‘ und Fichtes, aber (leider) auch Hoffmannsthals oder Rilkes konnten in diesen Momenten das Geraune von der „deutschen Glut“ deutlich im Hintergrund hören. Ulrich Khuon entgegnete nüchtern: „Sie werfen dem Islam immer Rückständigkeit vor, weil er seine Aufklärung nicht gehabt habe – aber die deutsche Aufklärung lehnen Sie ab. Das passt doch alles nicht zusammen.“

Inkonsistente Argumentation und kulturhistorische Beliebigkeit

Wie so vieles andere in Tillschneiders teilweise fahrigen, teilweise regelrecht absurden Kausalketten: Erst nannte er die Theater „Orte der Volksbildung für das Nationale“, um im nächsten Moment zu behaupten, er und die AfD insgesamt wollten die Bühnen „vom Politischen befreien“. Die würden durch den liberalen Zeitgeist im Übrigen „missbraucht“. Dann redete er einem deutschen Kanon das Wort, der ja bereits existiere und nicht mehr erweitert werden müsse. Gleich im Anschluss prophezeite er dann, die deutsche Kultur werde sich entwickeln – aber nur „selbstbestimmter“, sonst werde sie verschwinden. Den Widerspruch, dass schon von jeher – siehe u.a. Lessings Ringparabel oder Goethes „West-östlicher Divan“ – gerade fremde Einflüsse für die mitunter größten künstlerischen wie kulturellen Sprünge gesorgt hätten, konnte Tillschneider ebenso wenig entkräften wie die Bemerkung, dass beinahe alle heutigen Klassiker zu ihrer Zeit auch sehr politisch gewesen seien: Lessing, Schiller, Heine, Brecht …

Die drei bis fünf zumindest im kargen Applaus hörbaren Anhänger das AfD-Politikers im mit 150 Leuten voll besetzen Saal des Magdeburger Puppentheaters focht derlei nicht an. Im Publikumsteil der Diskussion zieh eine von ihnen die Herren Khuon, Wellemeyer und Zimmermann als Vertreter des Establishments und eines abgehobenen Intellektualismus: „Herr Tillschneider spricht aus, was wir einfachen Leute denken – und das wollen Sie nicht zur Kenntnis nehmen“. Keiner der Diskutanten entgegnete, was die meisten im Saal allerdings dachten: „Doch nehmen wir – es bleibt nur eben trotzdem sachlich falsch!“

Ein Gespräch ist mehr als Reden

Der exzellent vorbereitete und über weite Strecken souveräne Moderator der Runde, Magdeburgs früherer Kulturdezernent und Bürgermeister Rüdiger Koch, nannte den Abend zum Schluss einen Versuch, miteinander ins Gespräch zu kommen. Der war sehr ehrenhaft, aber nicht wirklich erfolgreich: Man kann nicht mit Leuten diskutieren, die dem diskursiv-dialektischen Prozess von Argument und Gegenargument nicht folgen wollen oder können.

„Wie viel kulturelle Vielfalt braucht das Land?“, so war die gestrige Veranstaltung überschrieben. Eine letztgültige Antwort darauf wollte nur Hans-Thomas Tillschneider geben. Er scheiterte aber am eigenen Unvermögen, während das übrige Podium sich einig war, dass es so eine Antwort gar nicht geben kann. Genau deshalb seien die immer wieder neue Selbstbefragung und das Ringen um Standort- und Kursbestimmung für jedes demokratische Gemeinwesen ja existenziell. Der nächste Magdeburger Abend im Rahmen der Bewegung „Offene Gesellschaft“ findet am 7. Juni statt. Sein Titel hätte auch gestern gut gepasst: „Faktischer Kulturverlust – postfaktische Gesellschaft?“

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Zur Kenntnis … am 27. März

Das wird die Woche der großen Bühne: Gleich heute ist schon mal der Welttag des Theaters! Passend dazu sprechen am Abend in Berlin der nordrhein-westfälische CDU-Spitzenkandidat für das Amt des Ministerpräsidenten, Armin Laschet, und sein SPD-Pendant aus Schleswig-Holstein, Ralf Stegner, über die Kommunikationsstrategien ihrer Parteien im Landtagswahlkampf. Das guck‘ ich mir genauso an wie 24 Stunden später die Überreichung des Kulturgroschens an die frühere Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU). Mit dieser symbolischen Münze ehrt der Deutsche Kulturrat langjährige und weit über den Tag hinausreichende Verdienste um Kunst und Kultur im politischen Raum.

Also ein Pflichttermin, aber vor allem sind diese Abende im Max-Liebermann-Haus gleich neben dem Brandenburger Tor immer sehr stimmungsvoll. Tags drauf sehe ich in Magdeburg den hoch gelobten Raimund Widra in Nicolas Stemanns „Werther“-Adaption (nach Goethes „Die Leiden …“), um dann am Donnerstag einer vermutlich heißen Debatte der „Offenen Gesellschaft“ beizuwohnen: Es treffen u.a. der neue Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Ulrich Khuon, und der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, auf den kulturpolitischen Sprecher der AfD im Landtag von Sachsen-Anhalt, Hans-Thomas Tillschneider. Ob das ein Gespräch wird? Und wenn ja: Worüber tatsächlich? Der Ort der Auseinandersetzung könnte jedenfalls bereits ein Omen sein: Das Magdeburger Puppentheater.

Weiter geht die wilde Fahrt am Freitag in Düsseldorf: Diedrich Diederichsen – pop-intellektueller Held meiner Jugend und heute Professor in Wien – spricht zum öffentlichen Auftakt des neuen NRW-Landesbüros für Bildende Kunst über „Der Verdienst und das Verdienst – Kunst, Ökonomie, Förderung“. Am Samstag schließlich fragt an seinem Sitz in Kornelimünster eben jenes Landesbüro in einem ganztägigen Workshop: „Was braucht die Kunst?“ – das ist ein sehr doof gelegener Termin, weil am Nachmittag das Derby auf Schalke läuft. Andererseits kann ich mir dort doch noch die beiden Räume mit aktuellen Werken der von mir höchst geschätzten Vera Drebusch angucken … Ich werde die Freunde des kulturpolitischen reporters so oder so an meinen Eindrücken teilhaben lassen.

Und sonst …

 

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