Zur Kenntnis … am 31. Januar

Das Warten geht weiter: #GroKo oder #NoKo? In Berlin sind alle außer Atem, zumindest alle Beteiligten in den 18 Verhandlungsteams. Man hört das sogar, wenn man sie dann zwischendurch mal ans Telefon bekommt. Unterdessen haben sich die Sozialdemokraten diese Woche für die parlamentarische Arbeit neu sortiert, die ganz unabhängig von Koalitionskonstellationen so oder so zu leisten sein wird (wenn auch vielleicht nur bis zu Neuwahlen).

Dabei wird mit Katrin Budde aus Sachsen-Anhalt eine eben erst in den Bundestag eingezogene Abgeordnete heute gleich Vorsitzende des Kulturausschusses. Das Bild von „der Neuen“ täuscht allerdings: Die 52-jährige Magdeburgerin war bereits 27 Jahre im Landtag, zehn Jahre als Fraktionsvorsitzende. 2016 hatte die SPD dort mit ihr als Spitzenkandidatin dann ein historisch mieses Ergebnis geholt: 10,6 Prozent. Danach wurde die Landesspitze ausgetauscht und Budde kandidierte nach innerparteilichen Querelen für einen Sitz in Berlin. An eine nennenswerte Nähe der Frau zu Kulturthemen konnte sich in einer spontanen Kurzumfrage des kulturpolitischen reporters an der Elbe niemand erinnern (ihre Pressemitteilung von gestern, nun ja … stützt diesen Eindruck).

Das gilt eher nicht für Michelle Müntefering aus Herne. Die war zuletzt Sprecherin der Sozialdemokraten im Unterausschuss für Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik (Steinmeiers Steckenpferd, Gabriels neuerdings auch). Sie wird jetzt die gleiche Aufgabe im „großen“ Kultur- und Medienausschuss übernehmen und folgt in dieser Position auf Martin Dörmann aus Köln. Der hatte es nicht wieder ins Parlament geschafft; man tritt sicher niemand zu nahe mit der Annahme, dass von Müntefering kein qualitativer Einbruch in der kulturpolitischen Arbeit der SPD-Fraktion zu erwarten ist.

… und sonst:

 

 

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Fünf Ideen für das #Kulturland21

In dieser Woche entscheidet es sich wohl: Große Koalition oder Neuwahlen. Im zugrunde liegenden Sondierungspapier von Union und SPD gibt es eine ganze Seite zur Kultur. Die findet sich erst am Ende der Vereinbarung, und das wundert einen spätestens beim Lesen kaum noch, denn es steht nichts drin. Das ist insofern kein Wunder, weil es gerade zu diesem Kernthema deutscher Selbstbeschreibung nicht mal eine eigene Verhandlungsgruppe gab. Zum Glück haben die möglichen Koalitionäre jetzt die Gelegenheit, aus der substanzlosen Not doch noch eine gehaltvolle Tugend zu machen. Für die Kultur des Landes könnte daraus ein echter Aufbruch werden – wenn man denn will. Dazu im Folgenden fünf Ideen (garantiert ohne Bundeskulturministerium).

Mindestens 35 Milliarden Euro beträgt der finanzielle Spielraum für die Regierung der nächsten dreieinhalb Jahre; in den „Jamaika“-Verhandlungen von Union, FDP und Grünen wurden durch Umschichtungen hie und da angeblich sogar 45 Milliarden Euro Verhandlungsmasse mobilisiert. Natürlich gibt es jede Menge sehr honoriger Anliegen für diese Summen, und einiges davon drängt womöglich auch. Doch eine Sache ist so wichtig für die Zukunft Deutschlands, dass sie ohne den geringsten Abstrich absolute Priorität haben sollte: Die Finanzen der Kommunen.

Die Kommunen sind das Rückgrat des Kulturlandes

Nirgendwo sind die Bürger ihrem Staat näher als in den Städten und Gemeinden. Nichts löst so viel Unmut aus wie löchrige Straßen, marode Schulen und fehlende oder zu teure Kita-Plätze. Und kein Humboldtforum oder Museum der Moderne in Berlin kann ausgleichen, wenn zwischen Flensburg und Passau die Bibliotheken kein Geld für neue Bücher haben, die Theater fürs Ensemble und die Museen für die Vermittlung und alle zusammen für die Kulturelle Bildung. In den Städten entscheidet sich, ob Kinder und Jugendliche später Erwachsene mit kulturellem Kapital werden, und ob es für diese Erwachsenen Orte der Erbauung wie der Reflektion von Niveau gibt. Will Deutschland künftig nur noch eine Art Onshore-Park kultureller Leuchttürme sein oder jene Kulturnation, zu der es sich in §35 des Einigungsvertrages von 1990 selbst erklärt hat?

47,6 Milliarden Euro! Das war laut Deutschem Städtetag die Summe der sogenannten Kassenkredite aller Kommunen des Landes zu Beginn des Jahres 2017. Sie ist gerade mal zwei Milliarden Euro höher als der oben erwähnte Spielraum der künftigen Bundesregierung. Dabei handelt es sich zwar nur um den Teil der kommunalen Schulden, der vergleichbar zum Dispo von Privatpersonen ist, aber es ist hier wie dort der mit den höchsten Zinsen. Allein die loszuwerden würde den Städten rund drei Milliarden Euro zusätzlich verfügbar machen – pro Jahr. Mein Vorschlag lautet deshalb: Bis zum Jahr 2021 – dann greift die Schuldenbremse für Bund und Länder durchgehend – werden die Kassenkredite der Städte und Gemeinden in Deutschland aus Mitteln des Bundes auf Null gestellt. DAS wäre ein echter Befreiungsschlag für das Gemeinwesen des Landes. Und damit gerade auch für die Kultur.

Der Kulturausschuss muss endlich öffentlich tagen

Der nächste Punkt kostet … nichts: Der Kultur- und Medienausschuss des Deutschen Bundestages findet seit seiner Einrichtung 1998 – außer bei ganz vereinzelten Anhörungen – nichtöffentlich statt. Dass eine der freiheitlichsten Demokratien der Welt und selbsterklärte „Kulturnation“ in ihrem Parlament kulturelle Fragen nicht öffentlich erörtert und verhandelt, ist aus meiner Sicht ein Skandal. Die Fraktionen im Deutschen Bundestag – und namentlich der größte Bremser in dieser Angelegenheit, der Unions-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder – müssen dieser Peinlichkeit ein Ende bereiten! Die SPD hat ihr Scherflein zum Ausschussprestige beigetragen, als sie vergangene Woche den Vorsitz beanspruchte und damit AfD-Mann Marc Jongen an der Spitze dieses sensiblen Gremiums verhinderte. In Sachen Öffentlichkeit ist jetzt die CDU am Zug.

Der dritte Punkt ist wieder eine Frage des Geldes: Wir brauchen eine nationale Task Force für Kulturbauten! Ob die gerade eingeweihte Elbphilharmonie oder die nicht fertig werden wollenden Opern in Köln und Berlin, ob die geplanten Sanierungen der Frankfurter Bühnen oder der beschlossene Konzertsaal in München: Überall geht es um mittlere bis hohe dreistellige Millionenbeträge. Eine Studie der Hertie School aus 2016 hat für öffentliche Bauprojekte eine durchschnittliche Verteuerung von rund 44 Prozent ermittelt, bezogen auf die ursprüngliche Kalkulation. Es geht also nicht immer gleich um das Zehnfache wie beim Prestigeobjekt im Hamburger Hafen, doch gerade Kulturbauten werden dann oft noch mal deutlich teurer als andere Projekte. Warum?

Teure Kulturbauten brauchen Expertise

Weil es sich in doppelter Hinsicht um Solitäre handelt. Erstens sind Theater, Museen und auch Bibliotheken keine Bürogebäude aus dem Standardkasten der Architektur, sondern werden für hochspezialisierte Verwendungen an exponierten Orten mit größtmöglichem städtebaulichem Anspruch entwickelt. Das macht sie nicht nur architektonisch einzigartig, sondern – zweitens – auch organisatorisch wie administrativ: In keinem Kultur-, Planungs- oder Hochbauamt einer deutschen Großstadt hat das aktuelle Personal in seinen Dienstjahren schon mal ein Opernhaus gebaut – woher sollte man dort wissen, wie das geht?

Viele erfahrene Projektentwickler halten diesen Umstand für das Hauptproblem bei der Realisierung von Kulturbauten. Eine bundesweit verfügbare Gruppe erfahrener Experten könnte hier viel bewirken, indem sie horrende Mehrkosten vermeidet und so auch das Vertrauen der Bürger in den Staat stärkt. Ab einer bestimmten Größenordnung sollte das Gremium verpflichtend in Planung und Realisierung von Kulturbauten eingebunden sein (auch beim Bundesbauamt, das sich nicht erst mit den Vorgängen am Pergamonmuseum dafür diskreditiert hat).

Auch Kulturpolitik braucht Daten

Punkt vier: Wir brauchen einen nationalen Kulturbericht! In keinem anderen Politikfeld werden weitreichende Entscheidungen auf so dünner Datenbasis getroffen wie in der Kulturpolitik. Wir wissen gerade mal einigermaßen genau, wie viel Geld die öffentliche Hand für kulturelle Zwecke ausgibt. Es existiert aber weder eine standardisierte Erhebung von Zahl und Art der Kulturinstitutionen im Land, noch wissen wir, wer dort zu welchen Honoraren und Gehältern was macht und – vielleicht sogar die wichtigste Frage – wie sich das auswirkt. Jede neue Verkehrsampel in einer deutschen Großstadt ist zahlenmäßig besser begründet als eine Theatersanierung für 50 Millionen Euro. Das ist ein unhaltbarer Zustand.

Zuletzt: Der Etat von Kulturstaatsministerin Monika Grütters ist mehr als 1,6 Milliarden Euro schwer. Allein der Haushalt für 2017 verzeichnete eine Steigerung um sage und schreibe 260 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahr (nur zur Erinnerung: Einen beschlossenen Haushalt für 2018 gibt es noch nicht). Der Bund investiert dieses Geld aber fast ausschließlich in Steine und große Organisationen – direkt in die Kunst (ohne den Film) fließen über die Bundeskulturstiftung nicht mal 40 Millionen Euro.

Kunstförderung, die den Namen verdient

Angesichts dieser Summen ist es höchste Zeit für ein Bundeskunstprogramm. Mein Vorschlag: 2500 Künstlerinnen und Künstler bekommen für jeweils vier Jahre 2500 Euro monatlich ausbezahlt. Das kostet jährlich 75 Millionen Euro. Rechnen wir fünf Millionen für Juryarbeit, Sach- und Verwaltungskosten drauf, bekäme die Bundesrepublik Deutschland – eines der reichsten Länder der Welt – für noch nicht mal 100 Millionen Euro eine nationale Künstlerförderung, die dem selbst gewählten Anspruch einer Kulturnation wenigstens einigermaßen gerecht würde (mit den restlichen 20 Millionen könnte man schön noch die Infrastruktur von Freier Szene und Soziokultur stärken).

Eine „Aufgabe von nationaler Bedeutung“ wäre das allemal – und damit dürfte der Bund sich hier auch finanziell engagieren. Der geistige Reichtum, den uns das bescherte, wäre sogar unbezahlbar. Zusammen mit den anderen vier Punkten könnte er zum Fundament eines beispiellosen kulturellen Aufbruchs werden: #Kulturland21!

(Dieser Text ist eine aktualisierte Version meiner vierteljährlichen Kolumne „kupores Quartal“ von Ende 2017 in den „Kulturpolitischen Mitteilungen„, der Zeitschrift der Kulturpolitischen Gesellschaft)

Foto: (c) der kulturpolitische reporter/Dan Perjovschi/Van Abbe Museum

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Die Populisten greifen nach der Leit-Kultur!

Morgen könnte die AfD den Vorsitz im Ausschuss für Kultur und Medien im Deutschen Bundestag übernehmen. Riesen-Aufschrei unter Kulturakteuren, Dauer-Appelle des Deutschen Kulturrats, allgemeine Empörung in den einschlägigen Medien. Zwei einfache Fragen: Wie kann das sein – und was bedeutet es?

Die erste Antwort ist einfach und liegt in der Geschäftsordnung des Parlaments. Demnach hat jede Fraktion entsprechend ihrer Größe das Recht auf eine bestimmte Zahl von Ausschussvorsitzen. Die zugehörige Berechnungsformel heißt Sainte-Lagüe/Schepers und die so ermittelte „Rangmaßzahl“ ergibt drei Zugriffe für die Rechtspopulisten.

Die erfolgen seriell, das heißt: Erst darf die größte Fraktion (Union) sich einen aussuchen, dann die zweitgrößte (SPD), dann die drittgrößte (AfD), danach FDP, Linke, Grüne und dann geht’s wieder mit der Union los. Wenn eine Fraktion die ihr zustehende Zahl an Vorsitzen erreicht hat, nimmt sie nicht mehr am weiteren Verfahren teil. Insgesamt werden wohl mindestens 23 Ausschüsse eingerichtet (der zugehörige gemeinsame Antrag aller Fraktionen liegt zur Stunde noch nicht vor, es können also auch ein paar weniger oder mehr werden). Die AfD kommt also vermutlich an Position Drei, Neun und etwa 14 zum Zuge.

Traditionell übernimmt die größte Oppositionspartei im Parlament den Vorsitz des Finanzausschusses. Der ginge mit Blick auf eine zurzeit wahrscheinliche Große Koalition aus Union und SPD also schon mal an die AfD. Wenn man die Zeichen der letzten Tage darüber hinaus richtig versteht, hat die Partei danach nur noch eine weitere echte Präferenz: Den Kulturausschuss.

Das ist keine große Überraschung, weil die AfD in ihrem ganzen Selbstverständnis für eine andere Kultur als der Rest des – jedenfalls im Parlament vertretenen – politischen Spektrums steht, auch und gerade für eine andere Kulturpolitik. Das kann man nicht nur in ihrem Grundsatz– wie Wahlprogramm nachlesen, sondern auch vielen öffentlichen Äußerungen ihrer Spitzenleute entnehmen; erst gestern hat der Abgeordnete Marc Jongen im Deutschlandfunk ein entsprechendes Interview gegeben. Der promovierte Philosoph und frühere Assistent von Peter Sloterdijk gilt als wahrscheinlichster Kandidat der AfD für den Vorsitz im Kulturausschuss.

Das Problem ist offenkundig: Die AfD gibt sich an der Oberfläche zwar betont aufklärerisch – ihre parteinahe Stiftung hatte sie allen Ernstes „Immanuel Kant Verein“ getauft -, in ihren konkreten politischen Absichten ist sie aber explizit antiliberal und antipluralistisch. Die Kulturpolitik will sie unter anderem an den Idealen von Nation, Vaterland und Heimat ausrichten. Um es klar zu sagen: Das kann man machen – aber man kann nicht gleichzeitig behaupten, die Kultur ausgerechnet auf diesem Wege entideologisieren zu wollen, wie die AfD es ständig tut. Nicht nur ihre kulturpolitischen Ziele und Maßnahmen sind nämlich durchweg und in der Wolle gefärbt vor allem eins: ideologisch.

Würde also ausgerechnet ein Vertreter dieser Partei gerade jenem Ausschuss vorstehen, der wie kein anderer die demokratische Kultur der Republik und ihr freiheitliches Kunstverständnis im höchsten deutschen Parlament symbolisiert, wäre das in der Tat schwer aushaltbar. Aber eins muss auch klar sein: Solange der Rechtsstaat nicht gerichtlich feststellt, dass eine Partei nicht fest auf dem Boden der Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung steht – und zwar auf dem ganzen Boden -, und sie in der Folge konsequenterweise vom politischen Leben der demokratischen Republik ausschließt, haben ihre gewählten Abgeordneten auch das Recht, Ausschussvorsitze zu besetzen und zwar nach eigenem Ermessen.

Deshalb lautet die Antwort auf die zweite Frage: Es geht hier für die übrigen Fraktionen um mehr als parteipolitische Pragmatik oder Geschäftsordnungspraxis, sondern um eine Entscheidung von größter Strahlkraft. Die reicht nicht nur in die deutsche Innenpolitik, sondern auch in die Europäische Union und sogar bis in die Vereinten Nationen. Unter anderem würden in den kommenden vier Jahren die UNESCO-Vertreter aus aller Welt im Bundestag stets von einem AfD-Ausschussvorsitzenden begrüßt.

Sollte die überwältigende Mehrheit des Parlaments die Bedeutung dieser Besetzung also nicht begreifen, würde sie nicht nur dem seit Jahrzehnten von allen Parteien betriebenen Aufbau einer kulturpolitischen Kompetenz des Deutschen Bundestages einen verheerenden Rückschlag im Inneren der Republik bescheren, sondern auch dem Ansehen Deutschlands in der Welt auf lange Sicht schwersten Schaden zufügen. Und so etwas sollte eigentlich gar nicht passieren können – aber angesichts der Performance des politischen Spitzenpersonals in den vergangenen Monaten und Jahren kann man sich da leider nicht mehr so sicher sein!

 

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Zur Kenntnis … am 11. Januar

Frohes Neues? Das kann man für die Kultur(politik) im Moment noch nicht sagen. Kein gutes Zeichen ist jedenfalls, dass die Berliner Koalitions-Sondierungen bis auf Weiteres ohne Kultur sind – jedenfalls zählt sie nicht zu den insgesamt immerhin 40 Themen, über die in den 15 verschiedenen Fachgruppen explizit gesprochen wird.

Auch ist in den drei Delegationen von Union und Sozialdemokraten überhaupt nur ein explizit kulturaffiner Politiker: Der Vorsitzende des SPD-Kulturforums und Vize der Gesamtpartei, Thorsten Schäfer-Gümbel. Da es nach den Abgängen von Norbert Lammert (CDU) und Siegmund Ehrmann (SPD) in beiden Lagern an wirklich profilierten Kulturpolitikern im Parlament mangelt – Monika Grütters ist mit Regieren beschäftigt -, sind die personellen Optionen im Bundestag selbst aktuell eher dürftig. Möglicherweise verlagert das die künftige Gestaltungskraft ja noch weiter gen Haushaltsausschuss. Da bilden die Abgeordneten Anja Hajduk (Grüne), Johannes Kahrs (SPD) und Rüdiger Kruse (CDU) als Kulturberichterstatter ihrer Fraktionen schon längst ihre ganz eigene Große Koalition – nicht zuletzt zugunsten ihrer gemeinsamen Heimatstadt Hamburg. So geht Politik!

… und sonst

Zum Schluss noch eine Leseempfehlung für Blauäugige: Wie die polnische Regierung die kulturpolitische Gleichschaltung umsetzt

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Zur Kenntnis … am Ende von 2017

Ganz famose Bilanzthemen wären in diesem Jahr zum Beispiel das zehnjährige Jubiläum des Abschlussberichtes der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ (hier noch mal). Oder auch „Nutzen und Schaden von zehn Jahren Reformationsdauerbeschallung“. Man könnte trefflich über die Dramen deutscher Opernsanierungen am Beispiel Köln, Frankfurt und Berlin räsonieren oder über den nächsten heißen Scheiß der kulturpolitischen Szene: Nach den Trendthemen Kulturelle Bildung und Interkultur ist jetzt nämlich die „Kultur im Ländlichen Raum“ in aller Munde. Das thematisieren die genretypischen Rückschauen dieser Dezembertage jedenfalls; ich erzähle stattdessen nur eine kleine Geschichte, die aber auch irgendwie zur Jahreszeit passt.

Zwei Männer vom Niederrhein wollen die traditionellen Martins-Umzüge der Region bei der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit eintragen lassen. Im Oktober haben sie einen entsprechenden Antrag beim nordrhein-westfälischen Ministerium für Kultur und Wissenschaft in Düsseldorf eingereicht, als Auftakt der formalen Prozedur.

Derlei fällt bei der CDU naturgemäß auf fruchtbaren Boden, von wegen Kernthemen: Heimat, Tradition und auch noch christliche Werte – drei auf einen Streich, sozusagen. Also musste rubbeldiekatz noch ganz schnell vor Weihnachten ein Antrag in die letzte Parlamentssitzung des Jahres eingebracht werden, auf dass der nordrhein-westfälische Landtag das Bestreben der Martins-Freunde künftig nach Kräften unterstütze. Die FDP hatte dem Vernehmen nach zwar ein paar kritische Anmerkungen, aber herrjeh – wo’s der Union doch so wichtig war …

Blöd bloß, dass keiner der Christdemokraten mal so richtig mit den Initiatoren selbst gesprochen hatte; es gab offenbar nur zwei tweetähnlich kurze Mails des CDU-Abgeordneten Optendrenk in der Sache. Und so landete in der vergangenen Woche eine schriftliche Beschwerde beim ebenfalls christdemokratischen Parlamentspräsidenten André Kuper: Der Antrag von CDU und FDP stecke erstens voller inhaltlicher Fehler. Zweitens habe man die ganze Initiative von Anfang an bewusst überparteilich gehalten, und sie möge auch künftig von niemandem vereinnahmt werden – das habe man dem Abgeordneten Optendrenk bereits im September unmissverständlich mitgeteilt.

Am Mittwoch wurde der Antrag dann ebenso überfallartig wieder zurückgezogen wie er gestellt worden war; kurz vor knapp ließen die Regierungsfraktionen ihn von der Tagesordnung der Plenarsitzung nehmen (wo er übrigens ganz ohne die sonst übliche Ausschussberatung gleich beschlossen werden sollte). Nun ist ein gemeinsames Vorgehen von mindestens vier Landtagsfraktionen im Neuen Jahr geplant. Das bietet sich schon deshalb an, weil die beiden Initiatoren aus Kempen und Brüggen selbst den Grünen angehören bzw. ihnen nahestehen.

Vielleicht wird auf diesem Wege aus der verpatzten Welterbe-Bescherung der NRW-CDU ja noch eine humanistische Initiative über alle Weltanschauungsgrenzen hinweg. Zur Martins-Botschaft, wenn wir sie richtig verstanden haben, würde das auch irgendwie besser passen.

Und sonst …

Bis zum Ende gelesen? Danke!
der kulturpolitische reporter meldet sich bei Ihnen und den seit heute exakt 2999 anderen Abonnenten dieses kleinen Blogs wieder in 2018. Ich wünsche und verspreche Ihnen auch für das neue Jahr Aufmerksamkeit, Anregung und Widerspruch – kommen Sie gut rüber!

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Zur Kenntnis … extra: Zu dumm!

Die dusseligste Kultur-Pressemitteilung des Jahres kommt aus dem Statistischen Bundesamt. Tenor: Ein irgendwie haargenau Luftlinie ziemlich großer Teil des Kulturellen Erbes wird von einer willkürlich ermittelten Zahl von Einrichtungen in Deutschland verwahrt.

Bei den angesprochenen Archiven haben sie allerdings die mengenmäßig größte Gruppe – die Stadtarchive – lieber einfach mal weggelassen; für die Tausenden von kirchlichen Bibliotheken fühlt man sich wahrscheinlich ebenfalls nicht zuständig. Und bei den ganz stolz erwähnten Museumsbesuchern ist leider ein überholter Wert (für 2015) angegeben. Woher sollten die obersten Statistiker der Republik in Wiesbaden auch wissen, dass der Museumsbund wie in jedem Jahr zwei Wochen vor Weihnachten die aktuelle Zahl (für 2016) veröffentlichen würde.

Da hatte die Presseabteilung im Bundesamt ihre Meldung doch vermutlich schon längst geschrieben – und der rückläufige Trend hätte eh nicht ins Bild gepasst. Herrjeh …

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Zur Kenntnis … am 8. Dezember

Wirklich keinen guten Lauf in Sachen Kulturpolitik hat der Düsseldorfer Oberbürgermeister Thomas Geisel: Erst verärgerte er „nur“ die vergleichsweise kleine Schar der Kenner und Freunde der städtischen Spezialmuseen, als er nach mehr Koordination, Effizienz und – Buzzword im Kultursektor – schließlich auch möglichen Synergien fragte. Danach ritt ihn eine schon etwas größere PR-Hexe bei der Sanierung des Schauspielhauses. Zwar ging sein Plan, die lokale Politik – und hier vor allem die renitente FDP in der Rathauskoalition – zu einem uneingeschränkten Bekenntnis zum denkmalgeschützten Bau und dessen Standort zu zwingen, auf. Er hatte dabei aber viel zu unvorsichtig die nächsten bösen Worte in den Mund genommen: Abriss, Umzug, Investor. Merke: Der – gute – Zweck heiligt längst nicht alle Mittel, wenn man auf lange Sicht die Zustimmung der Meinungsmacher braucht.

Jetzt also die Absage einer lange geplanten Ausstellung über den Düsseldorfer Kunsthändler Max Stern, der vor den Nazis nach Kanada geflohen war. Der Platz hier reicht leider nicht aus, um die Geschichte dieses Kommunikationsdesasters auch nur einigermaßen sauber wiederzugeben. Jedenfalls hat Thomas Geisel wieder alles falsch gemacht – wenn man der öffentlichen Meinung traut.

Interessant daran ist, dass selbst erfahrenste Kenner des hochkomplexen Themas „Restitution“ und „Provenienzforschung“ offenbar kaum stutzig werden, wenn wirklich alle Kritiker der jetzt erfolgten Absage auf diese oder jene Art zur selben Seite in diesen schwierigen Prozessen gehören. Ob nun die Jüdische  Gemeinde in Düsseldorf oder der Präsident des Jewish World Congress, Ronald Lauder; ob die drei Universitäten, die das Erbe Sterns verwalten – und weiter Rückgabeansprüche an deutsche Museen stellen – oder die Kulturstaatsministerin, die ihre peinliche Gurlitt-Scharte nur unter großen Mühen zuletzt bei Lauder auswetzen konnte: Alle haben sehr persönliche Motive, die Absage lautstark zu kritisieren.

Nun hat NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen (parteilos) dem Oberbürgermeister (SPD) einen Weg aus dem Dilemma aufgezeigt: Sie schlägt vor, das von der Stadt bereits angekündigte Symposium zur Geschichte Sterns und seiner Bilder als Ausgangspunkt für einen neuen Ausstellungsanlauf zu nehmen. Später. Mit mehr Sorgfalt.

Ausgerechnet Pfeiffer-Poensgen, denn sie und Geisel hatten dem Vernehmen nach keinen so guten Start. Die resolute Kulturfrau soll dem OB gleich beim ersten Aufeinandertreffen im Herbst gründlich die Leviten in Sachen Schauspielhaus (s. oben) gelesen haben. Das betreiben die Stadt Düsseldorf und das Land NRW gemeinsam. Manchmal jedoch erwächst aus solchen Konfrontationen ja noch etwas Großes. Ist auch eh gerade eine besinnliche Zeit …

… und sonst:

 

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