Zur Kenntnis … am 11. Januar

Frohes Neues? Das kann man für die Kultur(politik) im Moment noch nicht sagen. Kein gutes Zeichen ist jedenfalls, dass die Berliner Koalitions-Sondierungen bis auf Weiteres ohne Kultur sind – jedenfalls zählt sie nicht zu den insgesamt immerhin 40 Themen, über die in den 15 verschiedenen Fachgruppen explizit gesprochen wird.

Auch ist in den drei Delegationen von Union und Sozialdemokraten überhaupt nur ein explizit kulturaffiner Politiker: Der Vorsitzende des SPD-Kulturforums und Vize der Gesamtpartei, Thorsten Schäfer-Gümbel. Da es nach den Abgängen von Norbert Lammert (CDU) und Siegmund Ehrmann (SPD) in beiden Lagern an wirklich profilierten Kulturpolitikern im Parlament mangelt – Monika Grütters ist mit Regieren beschäftigt -, sind die personellen Optionen im Bundestag selbst aktuell eher dürftig. Möglicherweise verlagert das die künftige Gestaltungskraft ja noch weiter gen Haushaltsausschuss. Da bilden die Abgeordneten Anja Hajduk (Grüne), Johannes Kahrs (SPD) und Rüdiger Kruse (CDU) als Kulturberichterstatter ihrer Fraktionen schon längst ihre ganz eigene Große Koalition – nicht zuletzt zugunsten ihrer gemeinsamen Heimatstadt Hamburg. So geht Politik!

… und sonst

Zum Schluss noch eine Leseempfehlung für Blauäugige: Wie die polnische Regierung die kulturpolitische Gleichschaltung umsetzt

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Zur Kenntnis … am Ende von 2017

Ganz famose Bilanzthemen wären in diesem Jahr zum Beispiel das zehnjährige Jubiläum des Abschlussberichtes der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ (hier noch mal). Oder auch „Nutzen und Schaden von zehn Jahren Reformationsdauerbeschallung“. Man könnte trefflich über die Dramen deutscher Opernsanierungen am Beispiel Köln, Frankfurt und Berlin räsonieren oder über den nächsten heißen Scheiß der kulturpolitischen Szene: Nach den Trendthemen Kulturelle Bildung und Interkultur ist jetzt nämlich die „Kultur im Ländlichen Raum“ in aller Munde. Das thematisieren die genretypischen Rückschauen dieser Dezembertage jedenfalls; ich erzähle stattdessen nur eine kleine Geschichte, die aber auch irgendwie zur Jahreszeit passt.

Zwei Männer vom Niederrhein wollen die traditionellen Martins-Umzüge der Region bei der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit eintragen lassen. Im Oktober haben sie einen entsprechenden Antrag beim nordrhein-westfälischen Ministerium für Kultur und Wissenschaft in Düsseldorf eingereicht, als Auftakt der formalen Prozedur.

Derlei fällt bei der CDU naturgemäß auf fruchtbaren Boden, von wegen Kernthemen: Heimat, Tradition und auch noch christliche Werte – drei auf einen Streich, sozusagen. Also musste rubbeldiekatz noch ganz schnell vor Weihnachten ein Antrag in die letzte Parlamentssitzung des Jahres eingebracht werden, auf dass der nordrhein-westfälische Landtag das Bestreben der Martins-Freunde künftig nach Kräften unterstütze. Die FDP hatte dem Vernehmen nach zwar ein paar kritische Anmerkungen, aber herrjeh – wo’s der Union doch so wichtig war …

Blöd bloß, dass keiner der Christdemokraten mal so richtig mit den Initiatoren selbst gesprochen hatte; es gab offenbar nur zwei tweetähnlich kurze Mails des CDU-Abgeordneten Optendrenk in der Sache. Und so landete in der vergangenen Woche eine schriftliche Beschwerde beim ebenfalls christdemokratischen Parlamentspräsidenten André Kuper: Der Antrag von CDU und FDP stecke erstens voller inhaltlicher Fehler. Zweitens habe man die ganze Initiative von Anfang an bewusst überparteilich gehalten, und sie möge auch künftig von niemandem vereinnahmt werden – das habe man dem Abgeordneten Optendrenk bereits im September unmissverständlich mitgeteilt.

Am Mittwoch wurde der Antrag dann ebenso überfallartig wieder zurückgezogen wie er gestellt worden war; kurz vor knapp ließen die Regierungsfraktionen ihn von der Tagesordnung der Plenarsitzung nehmen (wo er übrigens ganz ohne die sonst übliche Ausschussberatung gleich beschlossen werden sollte). Nun ist ein gemeinsames Vorgehen von mindestens vier Landtagsfraktionen im Neuen Jahr geplant. Das bietet sich schon deshalb an, weil die beiden Initiatoren aus Kempen und Brüggen selbst den Grünen angehören bzw. ihnen nahestehen.

Vielleicht wird auf diesem Wege aus der verpatzten Welterbe-Bescherung der NRW-CDU ja noch eine humanistische Initiative über alle Weltanschauungsgrenzen hinweg. Zur Martins-Botschaft, wenn wir sie richtig verstanden haben, würde das auch irgendwie besser passen.

Und sonst …

Bis zum Ende gelesen? Danke!
der kulturpolitische reporter meldet sich bei Ihnen und den seit heute exakt 2999 anderen Abonnenten dieses kleinen Blogs wieder in 2018. Ich wünsche und verspreche Ihnen auch für das neue Jahr Aufmerksamkeit, Anregung und Widerspruch – kommen Sie gut rüber!

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Zur Kenntnis … extra: Zu dumm!

Die dusseligste Kultur-Pressemitteilung des Jahres kommt aus dem Statistischen Bundesamt. Tenor: Ein irgendwie haargenau Luftlinie ziemlich großer Teil des Kulturellen Erbes wird von einer willkürlich ermittelten Zahl von Einrichtungen in Deutschland verwahrt.

Bei den angesprochenen Archiven haben sie allerdings die mengenmäßig größte Gruppe – die Stadtarchive – lieber einfach mal weggelassen; für die Tausenden von kirchlichen Bibliotheken fühlt man sich wahrscheinlich ebenfalls nicht zuständig. Und bei den ganz stolz erwähnten Museumsbesuchern ist leider ein überholter Wert (für 2015) angegeben. Woher sollten die obersten Statistiker der Republik in Wiesbaden auch wissen, dass der Museumsbund wie in jedem Jahr zwei Wochen vor Weihnachten die aktuelle Zahl (für 2016) veröffentlichen würde.

Da hatte die Presseabteilung im Bundesamt ihre Meldung doch vermutlich schon längst geschrieben – und der rückläufige Trend hätte eh nicht ins Bild gepasst. Herrjeh …

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Zur Kenntnis … am 8. Dezember

Wirklich keinen guten Lauf in Sachen Kulturpolitik hat der Düsseldorfer Oberbürgermeister Thomas Geisel: Erst verärgerte er „nur“ die vergleichsweise kleine Schar der Kenner und Freunde der städtischen Spezialmuseen, als er nach mehr Koordination, Effizienz und – Buzzword im Kultursektor – schließlich auch möglichen Synergien fragte. Danach ritt ihn eine schon etwas größere PR-Hexe bei der Sanierung des Schauspielhauses. Zwar ging sein Plan, die lokale Politik – und hier vor allem die renitente FDP in der Rathauskoalition – zu einem uneingeschränkten Bekenntnis zum denkmalgeschützten Bau und dessen Standort zu zwingen, auf. Er hatte dabei aber viel zu unvorsichtig die nächsten bösen Worte in den Mund genommen: Abriss, Umzug, Investor. Merke: Der – gute – Zweck heiligt längst nicht alle Mittel, wenn man auf lange Sicht die Zustimmung der Meinungsmacher braucht.

Jetzt also die Absage einer lange geplanten Ausstellung über den Düsseldorfer Kunsthändler Max Stern, der vor den Nazis nach Kanada geflohen war. Der Platz hier reicht leider nicht aus, um die Geschichte dieses Kommunikationsdesasters auch nur einigermaßen sauber wiederzugeben. Jedenfalls hat Thomas Geisel wieder alles falsch gemacht – wenn man der öffentlichen Meinung traut.

Interessant daran ist, dass selbst erfahrenste Kenner des hochkomplexen Themas „Restitution“ und „Provenienzforschung“ offenbar kaum stutzig werden, wenn wirklich alle Kritiker der jetzt erfolgten Absage auf diese oder jene Art zur selben Seite in diesen schwierigen Prozessen gehören. Ob nun die Jüdische  Gemeinde in Düsseldorf oder der Präsident des Jewish World Congress, Ronald Lauder; ob die drei Universitäten, die das Erbe Sterns verwalten – und weiter Rückgabeansprüche an deutsche Museen stellen – oder die Kulturstaatsministerin, die ihre peinliche Gurlitt-Scharte nur unter großen Mühen zuletzt bei Lauder auswetzen konnte: Alle haben sehr persönliche Motive, die Absage lautstark zu kritisieren.

Nun hat NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen (parteilos) dem Oberbürgermeister (SPD) einen Weg aus dem Dilemma aufgezeigt: Sie schlägt vor, das von der Stadt bereits angekündigte Symposium zur Geschichte Sterns und seiner Bilder als Ausgangspunkt für einen neuen Ausstellungsanlauf zu nehmen. Später. Mit mehr Sorgfalt.

Ausgerechnet Pfeiffer-Poensgen, denn sie und Geisel hatten dem Vernehmen nach keinen so guten Start. Die resolute Kulturfrau soll dem OB gleich beim ersten Aufeinandertreffen im Herbst gründlich die Leviten in Sachen Schauspielhaus (s. oben) gelesen haben. Das betreiben die Stadt Düsseldorf und das Land NRW gemeinsam. Manchmal jedoch erwächst aus solchen Konfrontationen ja noch etwas Großes. Ist auch eh gerade eine besinnliche Zeit …

… und sonst:

 

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Zur Kenntnis … am 16. November

In Berlin wird sondiert. Die Kulturpolitik ist naturgemäß keins der wichtigsten Themen, aber auch Gegenstand einer Arbeitsgruppe (passenderweise zusammen mit „Kommunen“). An der nimmt Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet übrigens für die Union als Berichterstatter teil. In den kursierenden Papieren dazu finden sich viele Selbstverständlichkeiten wie ein „modernes Urheberrecht“, die „soziale Absicherung“ von Künstlern und natürlich „die Digitalisierung“. Das Kulturgutschutzgesetz soll in möglichen Koalitionsverhandlungen zwar noch mal Thema sein, allerdings gilt die Kanzlerin in der Sache als wenig konziliant (und weiterhin verärgert über die Kampagne des Kunsthandels).

Es findet sich auch Unerwartetes: So soll die Bundeskulturförderung nach dem Willen einiger Verhandlungspartner „transparenter“ werden, die einzelnen Entscheidungen „nachvollziehbarer“ (das wird die Union jetzt nicht soooo doll wollen). Und die Baukultur will man offenbar stärken – durch die existierende Stiftung wie die geplante Akademie, aber auch durch ein Investitionsprogramm in die deutschen Welterbestätten

Letzteres klingt besonders realisierungstauglich: Auf diesem Wege könnten nämlich nicht nur die Kulturpolitiker, sondern auch die Haushälter aus der ganzen Republik zuhause sichtbare Erfolge ihrer Arbeit nachweisen; wenn nicht in ihrem Wahlkreis, dann doch zumindest in ihrem Bundesland. Und da, in den Ländern, werden auch für die Wahl zum nächsten Deutschen Bundestag in vier Jahren wieder Parteien Kandidaten aufstellen und vor allem Listenplätze vergeben. Warum nicht bei der Pflege der Vergangenheit auch gleich noch ein bisschen an morgen denken …

… und sonst:

 

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Zur Kenntnis … am 3. November

Sweet relief: Das Reformations-Theater ist vorbei!
Nein, ich halte Luther und Co. nicht für über-, unter- oder fehlbewertet, so insgesamt. Ja, der Protestantismus ist neben der Kolonialisierung sehr wahrscheinlich der Hauptgrund für den europäischen Reichtum sowie unsere Dominanz – und eben auch lange Gewaltherrschaft – in vielen Teilen der übrigen Welt. Das ist alles nicht nur historisch relevant, sondern wirkt auch oder gerade kulturell bis in die Gegenwart und weiter. Ist meine umfassende Würdigung der Bedeutung dieser Bewegung klar geworden? Schön.

Es ist nämlich so: Mir ging diese Luther-Dekade seit dem ersten Tag auf die Nerven. Schon deshalb, weil ich immer so schnell gelangweilt bin und das alles doch sehr vorhersehbar war: Mapping Reformation, Kirchentage, Sonderausstellungen, touristische Vollflops und müßige Feuilletondebatten („Was hat uns Luther heute noch zu sagen?“). Man hätte im Übrigen so gut wie jede Rede beim Jubiläums-Akt Anfang der Woche genau so schon 2007 schreiben können. Die zehn Jahre Vorlauf wären auch lang genug gewesen, um sie am Dienstag dann von allen Anwesenden in der Wittenberger Schlosskirche sogar auswendig mitsingen zu lassen – das hätte bestimmt identitätsstiftend gewirkt und sowieso ziemlich feierlich, klar.

Über verpasste Gelegenheiten räsoniert auch der Dortmunder Schauspiel-Intendant Kay Voges in diesem Interview. Er wird bald eine „Akademie für Digitalität und Theater“ gründen; da geht es um evolutionäre Prozesse, Revolutionen und die Erkenntnis, wann etwas vorbei ist. Ich halte Voges für einen der klügsten Kulturköpfe dieser Zeit und Gesellschaft. Sein mitunter radikales Theater für unsere Gegenwart fand zuletzt zunehmend Beachtung. Es hätte jedoch noch viel mehr verdient – und wird es hoffentlich auch bekommen, jetzt, wo das schlecht inszenierte Reformations-Theater endlich vorbei ist.

und sonst …

 

Foto: CCO AlbersHeinemann

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T minus zwei … Zukunft des Kulturstaates

Ich mach‘ heut mal was Schräges und entziehe mich einer naheliegenden Aufgabe: Ich werde nicht die die kulturpolitischen Inhalte – Annahmen, Thesen, Forderungen, Absichten, Ziele – in den Wahlprogrammen vergleichen. Das haben unter anderem die Kolleg*innen beim Deutschlandfunk, der Deutschen Welle und WDR 5 getan, außerdem der Deutsche Kulturrat, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels (online in seinem Magazin „Börsenblatt“), die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung und das Netzwerk Kulturmanagement … und das ist nur ein Ausschnitt all der Angebote dazu. Die einen gucken mit sehr spezieller Perspektive auf die Sache, die anderen versuchen sich an den allgemeinen Fragen – alles wirklich lesens- und hörenswert.

Ich möchte lieber ein paar Anmerkungen darüber hinaus machen. Die erste widmet sich einem Grundproblem, nicht nur im kulturpolitischen Alltag, sondern auch in der programmatischen Arbeit: Worüber reden wir überhaupt bei der Kultur, für die Politik gemacht werden soll? Der Kultur-Begriff der Parteien ist da nicht eindeutig. Das bildet jedoch beinahe schulbuchmäßig die Realität ab: Wenn von „Kultur“ die Rede ist, dann meinen die einen nämlich alle kulturellen Ausdrucksformen einer Gesellschaft, von regionalen Spezialitäten bis zur Zwölfton-Musik, die anderen einen etwas enger gefassten Bereich kultureller Betätigung mit Nähe zu kreativem Schaffen und die dritten nur die „echten“ Kulturinstitutionen, die von Künsten und Künstler*innen bevölkert sind; Freie Szene mittlerweile inklusive.

Dieser Kunst-Bereich ist ein Hauptziel der kulturpolitischen Fördertätigkeit, sprich Geldverteilung. Ihr wiederum liegen bei allen Parteien ideologische Prämissen zugrunde: Die einen wollen vor allem „die Künste“ fördern, die anderen die kulturelle Betätigung und Teilhabe möglichst vieler daran. Daneben sind auch hier Dritte unterwegs, für die kulturelles Leben in erster Linie ein Vehikel für einen anderen Zweck ist, meist in Form von sozialem Schmier- oder Klebstoff. Ob der dann durch „Dialog und Verständigung“ die heterogene Gesellschaft befrieden oder eine nicht näher definierte „deutsche Leitkultur“ zum identitären Behufe schützen und weiterentwickeln soll, macht funktional erst mal keinen Unterschied – inhaltlich natürlich schon.

Was soll „Kultur“ (sein)?

In manchen Parteien wird darüber mehr, in anderen weniger reflektiert. Nirgendwo allerdings geschieht das – etwas überraschend – so umfassend dokumentiert wie in der Sozialdemokratie. Die hat als einzige nicht nur die obligaten zwei Seiten „Kultur“ in ihrem Wahl- oder Regierungsprogramm, sondern sogar 20 dicht beschriebene DIN-A4-Seiten mit „Kulturpolitischen Leitlinien“. Da steht wirklich viel Kluges und Richtiges drin, leider aber auch einiger Unsinn. Allem voran steht ein völlig diffuser Kultur-Begriff, der schon auf den ersten Seiten mal so und mal so verstanden und benutzt wird. Je öfter man diesen Prolog liest, desto doller rauft man sich die Haare angesichts von so viel indifferenter Sprachverwischung, in der die Kultur offenbar alles Menschliche zugleich ist, bis dann irgendwann – wie allerdings auch bei Kulturpolitiker*innen anderer Couleur üblich – als letzter Rettungsanker der Bedeutungsklärung sehr verzweifelt und in höchster Not nach „Eigensinn und Eigenwert“ gegriffen wird. Geübte Beobachter wissen: Wenn erst mal alle Begriffe durcheinander geraten sind, ist die hohlste Phrase der letzte Ausweg – wenn auch ins intellektuelle Nichts.

Tatsächlich kann keine Partei zwischen AfD und Linke sauber formulieren, was mit „Kultur“ auch nur in Ihrem eigenen Gedankengebäude genau gemeint sein soll. Entsprechend unentschieden sind die Programme (und später dann meist die Politik). Alle wollen jedenfalls die Kunst fördern, das kulturelle Erbe bewahren, die Erinnerungs- und Gedenkkultur genauso stärken wie die Kulturelle Bildung. Nur fast alle wollen Kulturschaffende besser materiell absichern (was zwar so erfreulich wäre wie überfällig ist, aber kein kultur-, sondern ein sozialpolitisches Ziel). So weit, so gut, so austauschbar.

Einzig „Die Linke“ wird bei der größten gesellschaftlichen Herausforderung unserer Zeit, der Digitalisierung, auch mit Blick auf die Kultur wenigstens einigermaßen konkret. Sie spricht von Open-Access-Strategien, will die Verwertungsgesellschaften reformieren und den Verleih digitaler Medien durch Bibliotheken vereinfachen. Keine der ab Montag im höchsten deutschen Parlament vertretenen Parteien skizziert aber auch nur die Grundzüge eines Fundaments für den auch künftigen Löwenanteil an der Wirtschaftsleistung dieses Landes: Das Urheberrecht.

Kultureller Freiraum zwischen Null und Eins

20 Jahre nachdem die Digitalisierung mit ihren Folgen unübersehbar wurde und das Internet zu einem realen Lebens-, also auch Kulturraum der Menschheit, hat die politische Klasse in einer der größten Wirtschaftsmächte der Welt noch immer keine echte Idee für die wichtigste Leitplanke der globalen Datenautobahnen (Clintons „information superhighway“, remember?) entwickelt. Wenn man sich nur kurz ins Bewusstsein ruft, wie dieser Themenkomplex ebenfalls im Englischen heißt – Intellectual Property Rights, kurz IPR – wird sofort klar: Dieses Defizit ist gerade kulturpolitisch ein Armutszeugnis.

Und da haben wir noch gar nicht davon gesprochen, wie die geschützten, nicht-kommerzialisierten Räume der analogen Kultur-Welt – Theater, Museen, Bibliotheken, Literaturhäuser, auch Volkshochschulen – eigentlich ins Digitale verlängert oder gar transformiert werden sollen. Welcher Teil des Internets entspricht denn zurzeit den staatlich finanzierten und betriebenen Bühnen des Landes? Wo wird eine künftige digitale Kunst denn „frei“ sein können, wenn es im Netz gar keine Räume gibt, die nicht im Besitz kommerzieller Unternehmen sind?

Die zweite große gesellschaftliche Herausforderung ist die der Mobilität. Und damit meine ich nicht die Frage „Verbrennungsmotor oder e-Auto“, sondern die globale Mobilität von Menschen, Informationen und mit ihnen Kulturen. Die hat zwar ein paar Berührungspunkte zur Digitalisierung, aber im Kern geht es um etwas ganz anderes: Wie bestehen Gesellschaften ohne die über Jahrtausende eingeübten Bande gemeinsamer kultureller Herkunft?

Mobilität als kulturelle Herausforderung

Die Globalisierung ist ein unumkehrbarer Fakt. Ich gebe der sehr klugen Ulrike Guérot in vielem nicht Recht, aber eine Beobachtung dazu hat sie mehr als treffend formuliert: Die Konservativen haben parallel zur massiven Förderung des Freihandels lange Zeit ausgeblendet, dass mit all den Gütern aus der ganzen Welt früher oder später auch Menschen zu uns kommen würden. Wenn man es sich genau überlegt, reicht dieser Prozess von der Kolonialisierung – Hallo, Humboldt Forum – bis zur aktuellen Einwanderungsphase. Und jetzt?

Natürlich kann man versuchen, alle „Fremden“ wieder wegzuschicken. Aber das wird in gleich doppelter Hinsicht nicht funktionieren: Es gibt für die meisten dieser Menschen nämlich gar keine „Zurück“-Option – und für Deutschland keine singulär abgeschottete Zukunft in einer ansonsten globalisierten Welt. Also müssen wir Gesprächs-, Verständigungs- und Aushandlungsformate für die Gesellschaft finden. Das aber ist eine im Kern kulturelle und damit auch kulturpolitische Aufgabe.

Sie muss zuerst und vor allem von den Kultur-Institutionen angegangen werden. Und wie jede echte gesellschaftliche Herausforderung wird sie große Kunst produzieren. Auf deren Kraft wie Inspiration sind wir existenziell angewiesen: Kunst ist der Kontingenzraum der Gesellschaft. Sie zeigt uns im wahren Wortsinne „alles Mögliche“, über die bereits gelebten Entwürfe und Muster hinaus. Diese Prozesse sind die zurzeit wichtigste Aufgabe der Kulturpolitik; nicht nur, aber vor allem in Deutschland.

Möge im nächsten TV-Duell 2021 endlich darüber gestritten werden – und nicht über im Einzelnen sehr kritische, aber mengenmäßig tatsächlich bloße Randerscheinungen unserer Einwanderungsgesellschaft. Deren Bedeutung wird erst durch Boulevard- wie Soziale Medien irrational überhöht, die mit Angst mehr Werbung verkaufen als mit Zuversicht. Ein Kulturstaat muss aber mehr sein als ein Renditemodell – und wir haben die Wahl!

Foto: (c) Dan Perjovschi / der kulturpolitische reporter

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