Kein Infight beim Infarkt

Lag es am achtköpfigen Podium oder daran, dass der Moderator keine geschlossenen Fragen stellen wollte? Die Diskussion über das umstrittene Buch Der Kulturinfarkt im Düsseldorfer zakk endete vorerst ergebnislos. Das muss gar nicht schlecht sein.

Nur zehn Minuten brauchte Dieter Haselbach vom Autorenquartett des 300 Seiten starken Skandalwerks, um dessen Kernthesen durchzudeklinieren. Die Parole „Von allem zuviel und überall das Gleiche“ hatten die vier ausgewiesenen Kultur(-Betriebs-)Experten ja schon gleich mit auf den Umschlag ihres Buches gedruckt. Wenn man dessen Aussagen noch mal richtig zuspitzt, klingt das so: Eine kleine Elite von Besserverdienern und Besser-Wissern in Deutschland verteidigt im PR-Verbund mit den Hochkulturschaffenden ein 10 Milliarden Euro teures Fördersystem, das die einen vergnügt oder anregt und die anderen beschäftigt – finanziert von der Allgemeinheit. Die interessiert sich dafür aber weder inhaltlich noch profitiert sie wirklich davon, weil „ihre“ Kultur (Popmusik, Privatfernsehen, Computerspiele) nahezu ausschließlich auf einem privatwirtschaftlichen Markt angeboten wird. Während solche nicht öffentlich geförderten Kunstformen aber mindestens zeitgenössisch oder gar zukunftsgerichtet sind und auch gesellschaftliche Realitäten kulturell spiegeln, versinken vor allem die teuren Theater in formaler wie inhaltlicher Musealität, zumal, wenn Sie – extrateuer – als Oper daher kommen. Die ketzerische Frage der Herren Haselbach, Klein, Knüsel und Opitz lautet deshalb: WÜRDE man die Hälfte aller Kulturinstitutionen schließen, damit 20 PROZENT der bisherigen Ausgaben freisetzen und diese in ANDERE Kulturformen investieren – WÄRE das die APOKALYPSE oder vielleicht eher ein FORTSCHRITT?

Glücklicherweise vermieden die Podiumsteilnehmer (s. unten) den Fehler vieler früher Reaktionen auf das Buch: Weder behauptete jemand, der Kulturinfarkt wolle die Hälfte aller Kulturausgaben einsparen, noch wurde der ja absichtlich als Frage formulierte Kernsatz von der “ Hälfte aller Institutionen“ in einen Vorschlag uminterpretiert. Von CDU bis LINKE, die Repliken auf Haselbachs Impuls waren in der Regel „dezidiert und differenziert“ – so hatte der frühere NRW-Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff seine Äußerung schon Tage vorher angekündigt. Deutlich merkbar: Einige hatten das Buch tatsächlich bis zum Schluss gelesen und argumentierten substantiell am Inhalt, andere blieben deutlich merkbar im Ungefähren. Der Oberhausener Kulturdezernent hatte immerhin die Größe, seine Nicht-Lektüre einzugestehen. Die der nahen Landtagswahl geschuldeten Ausflüge in echten Politikersprech blieben zwar Einzelfälle, tun einer publikumsfreundlichen Präsentation von Inhalten aber per se nicht gut.

Allerdings lieferte die ansonsten grundsympathische Vertreterin der Piraten den lebendigen Beweis, dass ausdrückliche Politikbetriebsferne es inhaltlich auch nicht unbedingt besser macht. Ihre Hauptthese war die „fehlende Vernetzung der Akteure im Kulturbetrieb“. Nun saßen bei dieser Veranstaltung des Landesverbandes der Soziokulturellen Zentren im Publikum genau jene, die zwar untereinander bestens vernetzt sind, in Kommunen, Regierungspräsidien und Landesministerien aber trotzdem um jeden einzelnen aufgedrehten Heizkörper im Winter kämpfen. Die meisten Zuhörerinnen und Zuhörer reagierten auf die piratische Vernetzungsarie mit einem eher gequälten Lächeln. Die Erfahrung zeigt aber, dass auch andere Parteien und Personen sich ihre inhaltliche Kompetenz erst Stück für Stück erarbeiten haben. Ob die kulturpolitische Substanz der Piraten dann aus mehr als Plattformneutralität und dem Transfer digitaler Kommunikationsstrukturen besteht, wird die Zukunft zeigen.

Woran aber selbst die erfahrensten Kulturpolitiker regelmäßig – auch gestern wieder – scheitern, ist die Gretchenfrage künftiger Debatten: Die öffentlichen Etats werden mit Blick auf Schuldenbremsen und Generationengerechtigkeit ja nicht etwa nur weniger wachsen, sondern deutlich schrumpfen. Gleichzeitig ist der Kulturbetrieb den üblichen Preis- und Lohnsteigerungen unterworfen. Bedeutet aus heutiger Sicht: Die absolute Summe von zurzeit etwa 10 Milliarden Euro öffentlicher Mittel für die Kultur wird aus Inflationsgründen jedes Jahr etwa zwei Prozent weniger wert sein. Mit Zinseszins ergibt sich in zehn Jahren ein Kulturkraftverlust (analog zum Kaufkraftverlust) von ungefähr einem VIERTEL: Das sind 2,5 Milliarden Euro zu wenig in 2020, um den Status Quo des Jahres 2012 zu bezahlen. Folge: Politik muss entscheiden, was die öffentliche Hand nicht mehr finanzieren will. Soll Willkür dabei ausgeschlossen sein, braucht es sachliche Kriterien. Welche?

Und an diesem Punkt endet die Diskussion bislang immer, weil sich alle blitzschnell darauf einigen, dass Kunst ja nicht objektiv beurteilbar sei. Das aber wird Mandatsträgern wie Verwaltungsmitarbeitern wenig helfen, wenn in nicht allzu ferner Zeit Entscheidungen getroffen werden müssen. Dann nicht nur für sich zu wissen, sondern auch einer Fachöffentlichkeit und der Gesellschaft als Ganzes erklären zu können, was man warum macht, wäre nicht nur gut – es wird unerlässlich sein. Ein Eindruck nicht nur des gestrigen Abends im zakk: Dieses Dilemma ist der eigentliche Gedanke hinter dem Kulturinfarkt. Dessen kalkulierte Polemik hat dem Thema eine allgemeine Aufmerksamkeit beschert, die es wohl seit Hilmar Hoffmanns „Kultur für Alle“ (1979) nicht mehr hatte. Das könnte den notwendigen Prozess vielleicht wirklich beschleunigen. Und spätestens dann wäre es: Ein gutes Buch!

INFO
„Kulturinfarkt – Wer steht vorm Infarkt oder sind doch alle kerngesund?“
10. Mai 2012, 19 Uhr, zakk Düsseldorf

TeilnehmerInnen
Dieter Haselbach, „Der Kulturinfarkt“
Oliver Keymis, Bündnis 90/Die Grünen
Andreas Bialas, SPD
Angela Freimuth, FDP
Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, Vors. des Kulturforums der CDU NRW
Markus Renner, Die Linke
Apostolos Tsalastras, Kultur-Dezernent und Kämmerer in Oberhausen
Elle Nerdinger, Piraten NRW

Moderation: Peter Grabowski, derkulturpolitischereporter.de

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Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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