Zur Kenntnis … Netflix statt Fernsehen statt Kultur

„Vorsicht an der Bahnsteigkante – der Zug des Zeitgeistes rast durch!“ Dieses Mal offenbar akut vom Soge mitgerissen: Der Deutsche Kulturrat und die Zeitungs-Kollegin Juliane von Wedemeyer. Beide sangen dieser Tage die beliebte Ballade vom Ende des (linearen) Fernsehens. Wie schon so viele vor ihnen allerdings ganz schön schief.

Kulturrats-Geschäftsführer Olaf Zimmermann zeigte sich geschockt von den neuen Fernbedienungen, die TV-Hersteller auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin präsentierten: Darauf gibt es keine Knöpfe mit Zahlen mehr, nur noch welche für die großen Streamingdienste. Und von Wedemeyer hielt passend dazu in kühnem Zirkelschluss eine Umfrage unter 18- bis 29-Jährigen einfach mal für die absehbare Zukunft. Demnach wird – wenn auch unter eher ungeklärten Umständen – das traditionelle Fernsehen bald aussterben, egal ob öffentlich-rechtlich oder privat.

Zum Glück gibt es noch richtige Wissenschaft (selbst wenn ein Tabakkonzern sie bezahlt), die verlässlich glaubwürdige Daten liefert und dabei auf abenteuerliche Prognosen verzichtet. Der „Freizeitmonitor“ der BAT-Stiftung zum Beispiel fragt seit über 30 Jahren regelmäßig das Verhalten der Deutschen ab. Die aktuelle Untersuchung vom Juli 2019 ist in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich: 94 Prozent der Teilnehmer*innen nennen „Fernsehen“ als regelmäßige Freizeitbeschäftigung (81 Prozent „das Internet“), demgegenüber nutzt nur etwa jede*r Fünfte Streamingdienste. Vermutlich werden Samsung und Co. über die Sache mit den Fernbedienungsknöpfen also noch mal nachdenken, falls sie nicht vorhaben sich vom deutschen Markt zurückzuziehen.

Noch interessanter ist allerdings eine Zahl etwas weiter hinten in der BAT-Studie: 4 (VIER!) Prozent der Befragten gehen wenigstens einmal pro Monat in Theater, Oper, Ballett oder ein klassisches Konzert. Was – jedenfalls in der Logik der SZ-Journalistin von Wedemeyer – traurigerweise bedeuten würde: Das Aussterben des Deutschen Kulturrates steht unmittelbar bevor.

… und sonst

Terminhinweis(e): Global Smart Kunstkritik? Drei Tagungen in und um Berlin beschäftigen sich mit Veränderungen in Museen

IN EIGENER SACHE: der kulturpolitische reporter geht in den Urlaub. Wir lesen und hören uns dann Ende Oktober wieder. Stay tuned!

Foto: (c) Peter Grabowski

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Zur Kenntnis … mit scheinheiligem Katzenjammer

„Flinten-Uschi killt Kultur“ – so würde die BILD vermutlich heute titeln, wenn ihr Chefredakteur Julian Reichelt sich für Kulturpolitik interessierte. Ein Glück, dass er’s nicht tut, denn so befeuert das populistische Kampfblatt aus dem Springer’schen Postillen-Arsenal nicht auch noch auf diesem Gebiet die nationale Legendenbildung.

Tatsächlich hat Ursula von der Leyen, die designierte Präsidentin der EU-Kommission, gestern einen Entwurf für den Zuschnitt der künftigen Kommissariate vorgelegt, in dem „Kultur und Bildung“ anders als bisher nicht mehr als eigenes Ressort vorkommt. So umgehend wie unumgänglich setzte hierzulande ein großes Weinen und Wehklagen ein, das der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, aber ebenso schnell als das diagnostizierte, was es leider ist: Krokodilstränen.

Die Kulturpolitik spielt in Brüssel seit jeher keine Geige, auch wenn die beiden letzten Kommissionschefs Juncker und vor allem Barroso öffentlich große Stücke auf sie hielten. Der eine nannte Künster und Kulturschaffende „unsere Kronjuwelen“, der andere erhoffte sich von ihnen sogar ein neues Narrativ für Europa. Tatsächlich liegt die Kulturhoheit in der Europäischen Union aber vertraglich festgelegt bei den Nationalstaaten. In der föderalen Bundesrepublik heißt das: Bei den Ländern, also noch eine staatliche Ebene tiefer.

Auch das aktuelle Förderprogramm „Kreatives Europa“ mit seinem Gesamtetat von nicht ganz zwei Milliarden Euro entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Mogelpackung: Der Löwenanteil geht in Medien- und vor allem Filmprojekte, für originär kulturelle Zwecke stehen den 27 (28?) Mitgliedsstaaten im kommenden Jahr schlappe 78,8 Millionen Euro zur Verfügung. Kurz und gut: Die EU fördert in der Kultur mit – im Vergleich zu anderen Bereichen – homöopathischen Summen für ein paar Dutzend multilaterale Kooperationen ausschließlich den „europäischen Gedanken“. That’s it – und das war von den 28 demokratisch gewählten Regierungen bei der Verabschiedung genauso politisch gewollt.

Der noch nicht sooo lang amtierende Vorsitzende der Unionsfraktion im Deutschen Bundestag, Ralph Brinkhaus, hat zufällig just dieser Tage in einem Beitrag für die Monatszeitung „Politik & Kultur“ des Kulturrates aktuelle Ziele für die Kulturpolitik formuliert. Er stellt dabei die Zukunft der deutschen „Kulturnation“ in den Mittelpunkt – ein Konstrukt, dem die Kulturwissenschaftlerin Sigrid Weigel in einer Studie für das vom Auswärtigen Amt finanzierte ifa gerade erst eine sehr stichhaltig begründete Absage erteilt hat. Brinkhaus redet zudem von der Notwendigkeit „deutscher Erzählungen und Stoffe“, was immer das in einer sich ständig stärker globalisierenden Popkultur sein mag. Offenbar ist ihm die böse, böse US-Kulturindustrie nicht ganz geheuer … da verrät sich dann doch einige Hilf- wie Orientierungslosigkeit. Vielleicht ganz gut, dass es die Kulturnation, die er bewahren und auch ein bisschen führen will, so gar nicht gibt. Flinten-Uschi, bitte übernehmen Sie!

… und sonst:

Terminhinweis: Am kommenden Freitag diskutiert die Kulturkonferenz Ruhr kulturelle Potenziale digitaler Technologie, u.a. mit Francesca Bria aus Barcelona und dem Digitalvordenker der Süddeutschen Zeitung, Dirk von Gehlen.

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Zur Kenntnis … nach der Sommerpause!

Düsseldorf sehnt sich weiter nach einer neuen Oper, das Humboldtforum macht auch erst mal nicht auf und jetzt verlässt sogar Udo Kittelmann die Nationalgalerie: Quo vadis, Kulturnation Deutschland?

„Reden Sie kein dummes Zeug, Grabowski“, würde die Kulturwissenschaftlerin Sigrid Weigel mir auf diese Frage vermutlich antworten. Sie hat sich zuletzt nämlich in einer 180 Seiten starken Studie für das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) mit der Auswärtigen Kulturpolitik beschäftigt und räumt darin mit bestechender Logik den zugehörigen Begriffskanon ab: Eine kulturelle Identität, die Kulturnation und auch „das Deutsche“ selbst gibt es nicht, konstatiert die frühere Direktorin des Einstein Forums und Professorin in Princeton.

Das kann eigentlich jeder bestätigen, der sehenden Auges durch die Bundesrepublik reist oder auch bloß eine leise Ahnung von den zutiefst verschiedenen künstlerischen, wissenschaftlichen und philosophischen Ideen hat, die unser Land seit Jahrhunderten (vor-)prägen. EINE Identität? Bereits der Gedanke, hier wie irgendwo anders auf der Welt seien die Menschen alle gleich – und genau das meint ja das Wort „identisch“ – ist schon absurd. Das gilt für jede*n Einzelne*n wie für Gruppen. Wie identisch sind die Mitglieder auch nur einer Familie? Genau!

Nicht alles, was die langjährige Chefin des Berliner Zentrums für Literatur- und Kulturforschung daraus schließt, muss man teilen. Ihr argumentatives Fundament ist allerdings blitzsauber verfugt und wasserdicht. Das sollten sich die Politiker*innen aller demokratischen Parteien am besten sofort aneignen. Damit könnten sie den Populist*innen in den heiklen Debatten über unsere Gesellschaft und eben auch die Kulturen dieses Landes nämlich nicht nur rhetorisch, sondern sogar inhaltlich offensiv begegnen. Und das anstehende Jubiläum des Mauerfalls wäre ja sowieso ein guter, wenn nicht der perfekte Anlass, um über unser Verständnis von Gesellschaft, Staat und Kultur samt ihrer inneren Zusammenhänge grundsätzlich nachzudenken.

Im Auswärtigen Amt allerdings, zu dem der Studienauftraggeber ifa organisatorisch gehört, hat man Sigrid Weigels Bericht offenbar nicht gelesen, wie die Süddeutsche Zeitung auf Nachfrage mitgeteilt bekam. Dabei habe Berlin doch so dringend darauf gewartet, erzählte die Autorin selbst im Deutschlandfunk Kultur. Bemerkenswert ist das, sehr bemerkenswert. Und im ersten Moment möchte man gern wissen, was die zuständige Staatsministerin Michelle Müntefering eigentlich dazu sagt – aber schon im nächsten dann nicht mehr.

… und sonst:

Terminhinweis 1: Die Landesmusikakademie NRW in Heek und das (mittelbar) benachbarte Künstlerdorf Schöppingen feiern Ende kommender Woche im Doppelpack ihre 30-jährigen Bestehen. Große Sause, dringend hin!

Terminhinweis 2: Die Interessengemeinschaft Deutscher Kunsthandel veranstaltet am 14. Oktober eine Fachtagung zum Thema Raubkunst. Titel: „Fair und gerecht? Restitution und Provenienz im Kunstmarkt“

In eigener Sache, zum zweiten: Damit sich niemand meiner Leser*innen wundert, weise ich aus den aktuellen Anlässen Pina-Bausch-Intendanz und gescheiterte Direktoren-Besetzung im von-der-Heydt-Museum noch mal darauf hin, dass ich grundsätzlich nicht über Vorgänge in meiner Heimatstadt Wuppertal berichte. Aus Gründen (Seelenfrieden, körperliche Unversehrtheit usw.)!

 

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