„Vorsicht an der Bahnsteigkante – der Zug des Zeitgeistes rast durch!“ Dieses Mal offenbar akut vom Soge mitgerissen: Der Deutsche Kulturrat und die Zeitungs-Kollegin Juliane von Wedemeyer. Beide sangen dieser Tage die beliebte Ballade vom Ende des (linearen) Fernsehens. Wie schon so viele vor ihnen allerdings ganz schön schief.
Kulturrats-Geschäftsführer Olaf Zimmermann zeigte sich geschockt von den neuen Fernbedienungen, die TV-Hersteller auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin präsentierten: Darauf gibt es keine Knöpfe mit Zahlen mehr, nur noch welche für die großen Streamingdienste. Und von Wedemeyer hielt passend dazu in kühnem Zirkelschluss eine Umfrage unter 18- bis 29-Jährigen einfach mal für die absehbare Zukunft. Demnach wird – wenn auch unter eher ungeklärten Umständen – das traditionelle Fernsehen bald aussterben, egal ob öffentlich-rechtlich oder privat.
Zum Glück gibt es noch richtige Wissenschaft (selbst wenn ein Tabakkonzern sie bezahlt), die verlässlich glaubwürdige Daten liefert und dabei auf abenteuerliche Prognosen verzichtet. Der „Freizeitmonitor“ der BAT-Stiftung zum Beispiel fragt seit über 30 Jahren regelmäßig das Verhalten der Deutschen ab. Die aktuelle Untersuchung vom Juli 2019 ist in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich: 94 Prozent der Teilnehmer*innen nennen „Fernsehen“ als regelmäßige Freizeitbeschäftigung (81 Prozent „das Internet“), demgegenüber nutzt nur etwa jede*r Fünfte Streamingdienste. Vermutlich werden Samsung und Co. über die Sache mit den Fernbedienungsknöpfen also noch mal nachdenken, falls sie nicht vorhaben sich vom deutschen Markt zurückzuziehen.
Noch interessanter ist allerdings eine Zahl etwas weiter hinten in der BAT-Studie: 4 (VIER!) Prozent der Befragten gehen wenigstens einmal pro Monat in Theater, Oper, Ballett oder ein klassisches Konzert. Was – jedenfalls in der Logik der SZ-Journalistin von Wedemeyer – traurigerweise bedeuten würde: Das Aussterben des Deutschen Kulturrates steht unmittelbar bevor.
… und sonst
- So nicht weiter – aber wie dann? Das WDR 3 Forum diskutiert den strukturellen Mangel des Weiblichen im Opernbetrieb
- Nicht nur in der Oper: 2% (ZWEI Prozent) der weltweiten Auktionserlöse am Kunstmarkt werden mit Werken von Frauen erzielt
- Über Bande: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz schickt 23 Objekte nach Namibia – maybe a one-way ticket
- Tatsächlich anders: Birgit Schneider-Bönninger dreht nach der Stuttgarter jetzt auch die Bonner Kulturverwaltung auf links
- Shut up! Das New Yorker New Museum wollte über den Klimawandel in der Bronx reden – aber offenbar nicht mit der Bronx
- „All in!“ Monika Grütters setzt im #M20-Poker 450 Millionen Euro und will mit einem schnellen Spatenstich die Sammlungen Pietzsch und Marx in Berlin halten
- Gibt’s eigentlich noch weiße Flecken? Auch das Erzgebirge ist jetzt Weltkulturerbe
- Acht Milliarden Dollar! Der Index für Kulturelle Infrastruktur (hier als pdf) meldet Rekordausgaben für insgesamt 148 neue Kultureinrichtungen weltweit
Terminhinweis(e): Global Smart Kunstkritik? Drei Tagungen in und um Berlin beschäftigen sich mit Veränderungen in Museen
IN EIGENER SACHE: der kulturpolitische reporter geht in den Urlaub. Wir lesen und hören uns dann Ende Oktober wieder. Stay tuned!
Foto: (c) Peter Grabowski