Zeit ist Geld – und relativ

Heute sollte der neue „Ausschuss für Kultur und Medien“ im Düsseldorfer Landtag die Arbeit aufnehmen. Der Termin wurde letzte Woche kurzfristig abgesagt – die Fachministerinnen Ute Schäfer und Angelica Schwall-Düren werden den neu gewählten Abgeordneten nun erst nach Hannelore Krafts Regierungserklärung ihre genauen Pläne vorstellen. Die Ministerpräsidentin selbst wird allerdings frühestens am 12. September vor dem Parlament erläutern, was sie und die rotgrüne Koalition sich insgesamt so vorgenommen haben für die Zeit bis 2017. Dann ist die Wahl vom Mai schon mehr als vier Monate her – aber was soll’s, is‘ ja fünf Jahre Zeit …

Das gilt leider nicht für die vielen, vielen Projekte im Kultursektor, die in 2012 zum ersten (oder vielleicht einzigen) Mal auf Landesmittel angewiesen sind. Der Etat für das Jahr 2012 ist nämlich auch im neunten Monat des Jahres noch nicht verabschiedet. Konsequenz: Erst- und einmalige Förderungen werden weiterhin nicht ausgezahlt, weil das haushaltsrechtlich erst nach der Verabschiedung im Parlament erlaubt ist. Ausnahmen gibt es, die Regelung dazu ist aber sehr kompliziert, deshalb sind es nur wenige.

Für die Künstlerinnen und Künstler sind solche Ausfälle nicht nur immer ärgerlich, sondern oft nah an der Katastrophe (hier ein Beitrag auf WDR3 aus dem März dazu). Viele Projekte speisen sich aus mehreren Quellen, Geld aus der einen hängt nicht selten an der Auszahlung durch die andere; Landesmittel sind dabei direkt oder indirekt oft der Dreh- und Angelpunkt einer Finanzierung. Wer sogar Größeres geplant hatte und es jetzt nicht realisieren kann, dem fehlt gern mal die Hälfte oder noch mehr seines Jahresbudgets … und –einkommens. Da die Betroffenen in der Regel zu den Geringverdienern gehören, kann man sich leicht ausmalen, was das bedeutet.

Auf den Arbeitsebenen der Ministerien und Regierungspräsidien ist das Problem nicht nur bekannt, sondern sorgt auch dort für schlechte Laune. Die Kulturabteilungen kennen ihre Pappenheimer aus dem Kunstbetrieb zum großen Teil. Verwaltungsleute und Kultur-schaffende arbeiten oft Jahre, mitunter schon Jahrzehnte zusammen, vielfach vertrauensvoll. Dass ihre politische Führung in Sonntagsreden der Kultur das große Wort redet, sich montags bis freitags aber ein Dreivierteljahr lang lieber mit sich beschäftigt, stört sie meist ebenso wie es den Künstlern schadet. Aber das merkt man natürlich nicht so sehr, wenn man als Abgeordneter, Dezernent oder Minister(präsident)in monatlich sechs-, acht- oder zehntausend Euro aufs Konto bekommt – aus Landesmitteln, auch ganz ohne gültigen Haushalt. Man hat dann einfach mehr Zeit …

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Der kleine Unterschied …

Das Theater ums Theater in Wuppertal hört nicht auf. Aktuell gibt es Verwirrung um die Zukunft der beiden Intendanten Christian von Treskow (Sprechtheater) und Johannes Weigand (Oper). Sie sollen am Donnerstagabend vor Mitarbeitern erklärt haben, ihre bis 2014 laufenden Verträge würden nicht verlängert. Die Stadt widerspricht dieser Darstellung – in einem kleinen, aber wichtigen Detail.

Aus ihrer Sicht als Alleingesellschafter der Wuppertaler Bühnen klingt die Sache so: Der Aufsichtsratsvorsitzende, Oberbürgermeister Peter Jung, habe die beiden künstlerischen Geschäftsführer von Treskow und Weigand vor den Sommerferien fristgerecht darüber informiert, dass ihre am 30. Juni 2014 auslaufenden Verträge nicht automatisch verlängert würden. Diese Automatik wäre andernfalls in Kraft getreten, bestätigte Wuppertals Kulturdezernent Matthias Nocke heute Mittag am Telefon: „Angesichts einer neuen Spielstätte und der Entwicklung der Zuschauerzahlen halte ich das für einen ganz normalen Vorgang, dass man erst mal miteinander redet“, sagte er zu einer möglichen Weiterbeschäftigung der künstlerischen Spitze des Hauses. Irritiert zeigte sich der Dezernent über das in der Stadt kursierende Gerücht, den beiden Chefkreativen sei sogar gekündigt worden. Im Gegenteil sei auch die Vertragsverlängerung über den Sommer 2014 hinaus weiter möglich, erklärte Nocke, sie werde nur eben nicht mehr automatisch eintreten.

Diese Information hat die Intendanten offenbar ohne Vorwarnung per Post erreicht. Anschließend habe der kaufmännische Bühnen-Geschäftsführer ihnen „den Brief erläutert“, sagte der Kulturdezernent heute. Warum das nicht durch den Aufsichtsratsvorsitzenden und Oberbürgermeister Peter Jung selbst erfolgte, scheint unklar. Im Rathaus ist von Terminproblemen die Rede.

Die nächste Sitzung des für die Berufung und Abberufung von Geschäftsführern zuständigen Aufsichtsrates der Bühnen ist bislang für den 21. September geplant, soll aber wohl auf einen späteren Termin verschoben werden. Dort wird das neuerliche Theater um das künstlerische Führungspersonal im Tal sicherlich ein, vielleicht auch das Thema sein. Eine Stellungsnahme der beiden betroffenen Intendanten Christian von Treskow und Johannes Weigand zu der Angelegenheit war heute Mittag nicht zu bekommen – sie befanden sich in aktuellen Proben. Fortsetzung folgt …

… und sie folgt jetzt (Freitag, 16.15 Uhr):
Beide Intendanten werten im Gespräch die Briefe des Wuppertaler OB zur Nichtverlängerung ihrer Verträge von Anfang Juli (Frist war wohl der 31.7.) als faktische Beendigung der Zusammenarbeit zum Sommer 2014 durch die Stadt. Weder habe es im Vorfeld Gespräche über die Vertragssituation gegeben, noch sei Ihnen bisher ein Gesprächsangebot zur angeblich trotzdem möglichen Fortsetzung des Vertragsverhältnisses gemacht worden. Im Gegenteil habe Ihr Arbeitgeber, der Aufsichtsrat der Wuppertaler Bühnen, bis jetzt, gut sieben Wochen später, noch nicht mit ihnen geredet, zum Beispiel in Gestalt seines Vorsitzenden, des Wuppertaler OB. Mit ihrem Kollegen Enno Schaarwächter (kaufm. Gf der Bühnen) seien sie hingegen im ständigen Austausch – das könne aber ja kein Gespräch mit ihrem Arbeitgeber ersetzen.
Die gestrige Information der Bühnenbelegschaft im Opernhaus (morgens, nicht abends) ist nach den Worten von Treskows und Weigands Teil der regulären Besprechung zum Spielzeitstart gewesen – das sei auch ein Akt der Fairness gegenüber ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Abschließend für heute: Mich dünkt, da fährt die Stadt Wuppertal mal wieder was ganz grandios in die Wicken – und zwar mit Ansage. Von Stilfragen wollen wir dabei lieber gar nicht erst reden.

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Warum kommen Konservative immer zu spät?

Die Konservativen in Deutschland bewahren nicht etwa das Gute, sondern sind bloß von Gestern: In der Umwelt- und Energiepolitik, bei der Interkultur (Migration, Prekariat, Homosexualität), der Regulierung des Finanz- und Verkehrssektors, der Doping- und Korruptionsbekämpfung. Ob Frauenquote, Digitalisierung oder Internet – einfach in ALLEM, was irgendwie relevant ist, sind Union und Co. nicht auf der Höhe der Zeit.

Die politische Rechte in diesem Land kann einem wirklich auf die Nerven gehen. Wann immer sich etwas gesellschaftlich, sozial oder technisch entwickelt, entwickeln die Vertreter des Konservatismus nur eins: Abwehrreflexe. Das Internet – mindestens doof, wahlweise Teufelszeug, jedenfalls gefährlich. Die Ausländer – zu viele und nicht integrierbar. Frauen – sollen zurück an den Herd oder als schweigende Mätresse den verheirateten Geliebten vergöttern (natürlich katholisch). Läuft im Wirtschaftsleben etwas aus dem Ruder, wird das nicht etwa schnell geregelt, sondern solange die Freiheit des Marktes gepredigt, bis nicht nur ein einzelnes Kind, sondern immer gleich eine ganze Generation in den Brunnen gefallen ist. Dann wird, wie in ALLEN anderen Fragen auch, ebenso hurtig wie halbgar, Schadensbegrenzung betrieben. Etwas konsequent durchdenken, nach vorne planen, dabei den Tatsachen Rechnung tragen? Fehlanzeige!

Nun muss man sich ja sowieso ernsthaft um Menschen sorgen, die auch im Jahr 2012 immer noch glauben, irgendein höheres Wesen habe erst vor wenigen Tausend Jahren die Erde geschaffen, Mann und Frau sechs Tage später gleich mit und sei im Zweifel auch für Hurrikan „Katrina“ und AIDS verantwortlich. Trotzdem kann man wohl von jedem erwarten, der täglich mit berechtigter Erwartung auf Lichtschalter drückt und ein Auto startet, dass er – oder sie – zumindest die Fakten akzeptiert: Soziale Ungleichheit existiert, die Menschenrechte sind universell und bis auf ein paar gekaufte Spinner bestreitet kein halbwegs seriöser Wissenschaftler mehr, dass der Klimawandel von Menschen gemacht sein muss. Stattdessen wird aber auch aktuell wieder lieber von der gottgewollten Ehe zwischen Mann und Frau gefaselt, während der Parteifreund am Kabinettstisch quasi offen schwul lebt.

Also was, verdammt, ist los mit diesem Haufen, der sich konservativ nennt? Nüchtern betrachtet gibt es darauf nur zwei mögliche Antworten: Entweder handelt es sich tatsächlich um eine Bewegung zur Vernichtung der Welt durch Umweltverschmutzung, verelendungsbedingte Konflikte und kulturelle Intoleranz. Oder es reicht intellektuell einfach nicht. Anders lässt sich nämlich kaum erklären, dass eine gesellschaftliche Gruppe auch nach 250 Jahren Aufklärungsgeschichte nicht bemerkt haben will, dass sie so gut wie jeder gesicherten Erkenntnis stets um Dekaden, in der Frage der „Schöpfung“ sogar schon ein paar Jahrhunderte hinterher hängt.

Die wirkliche Herausforderung für die Gesellschaften, nicht nur in Deutschland, nicht nur in Europa, ist dafür zu sorgen, dass eine große und wirtschaftlich oft erfolgreiche Bevölkerungsgruppe auch mental endlich in der Wirklichkeit ankommt. Andernfalls wird der Mensch nämlich schon bald sein, wovon seine größte Bedrohung offenbar täglich träumt: Vergangenheit!

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