Arbeiten am Kulturpublikum …

„Audience Development“ soll Kernbestandteil aller Kultur-Projekte werden, die ab 2014 von der EU gefördert werden (Agenda 2020). Heute und morgen findet dazu eine große Konferenz in Brüssel statt. Es geht zwei Tage um die verschiedenen Ansätze, um mehr, anderes und neues Publikum für kulturelle Veranstaltungen zu erreichen. Und natürlich um jede Menge best practice. Den Livestream von der Konferenz gibt es hier, das Programm hier und getwittert wird unter #AudienceDevelopment …

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Gut.Besser.Woanders

Wie weit man mit ein bisschen Chuzpe doch kommen kann: Der Wuppertaler Oberbürgermeister und ausgewiesene Opernfreund Peter Jung hat sich nach Gutsherrenart die Dienste seines Lieblingsdirigenten gesichert. Dazu wird Toshiyuki Kamioka nun Opernintendant anstelle des Opernintendanten – obwohl Johannes Weigand eigentlich ziemlich erfolgreich war. Begründung des OB: „Das Bessere ist der Feind des Guten“. Und man würde gern antworten: „Nein, Stil ist nicht das Ende des Besens!“

Punkt 14.30 Uhr begannen Peter Jung und sein Stadtdirektor Johannes Slawig sowie Bühnen-Geschäftsführer Enno Schaarwächter und Orchester-Direktor Jörg Hillebrand die Pressekonferenz zur Zukunft der Wuppertaler Kulturtempel. Ihre Botschaft in Kürze: Musik- und Sprechtheater sollen neue Intendanten bekommen, letzteres auch eine neue Spielstätte in direkter Nachbarschaft zum renovierten Opernhaus. Das Orchester kehrt als eigenständiger Teilbetrieb zurück unter das Dach der Bühnen-GmbH; das bedeutet die Wiederherstellung des Status vor der unseligen Kooperationszeit mit der Stadt Gelsenkirchen. Die vielleicht am meisten erhoffte Nachricht des Tages: Es soll auch weiterhin ein Sprechtheater-Ensemble geben. „Das Budget reicht für zehn Schauspieler!“, verkündete Kämmerer Slawig mit Inbrunst, und zwar auch „mittelfristig“. Diesen Begriff präzisierte er auf Nachfrage: bis zum Ende der jetzt laufenden Haushaltssicherung 2021. Von einem „Kahlschlag“, wie lokale und überregionale Zeitungen jüngst geschrieben hatten, könne da wohl keine Rede sein.

Eine Überraschung ist das alles nicht: Seit Monaten rumort es in Oper und Schauspiel zu Elberfeld und Barmen. Anfang Juli hatten die Intendanten Johannes Weigand und Christian von Treskow per schnödem Brief die Mitteilung erhalten, dass ihre Verträge nicht über 2014 hinaus verlängert würden – ohne diesen Bescheid zu dieser Zeit wäre das automatisch geschehen. Der Oberbürgermeister und gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzende der Bühnen hatte es zuvor allerdings nicht für nötig befunden, mit den beiden künstlerischen Spitzen des Hauses mal selbst über den Stand der Dinge zu sprechen. Angebliche Terminprobleme hätten das vor dem Urlaub des Stadtchefs verhindert, hieß es aus dem Rathaus. Und damit nicht der – übrigens auch heute ganz zufällig mal wieder abwesende – Kulturdezernent noch die Stadt-Kohlen aus dem Künstler-Feuer holen musste, wurde einfach der kaufmännische Bühnenchef Enno Schaarwächter zur „Erläuterung der Briefe“ vorgeschickt. Der aber steht wohlgemerkt hierarchisch auf gleicher Höhe wie die Intendanten, alle drei haben Geschäftsführerverträge. Kein Wunder, dass von Treskow und Weigand sich beschwerten: Sie wollten gern mal mit ihrem Arbeitgeber über die Situation reden, und nicht mit einem Kollegen, mit dem sie sowieso stets in engem Kontakt seien.

Stilistisch war zu diesem Zeitpunkt allerdings eh schon alles dahin: Bereits zur Jahreswende hatte der Oberbürgermeister im Überschwang der Gefühle bei einem Konzert seiner heiß geliebten Sinfoniker verkündet, mit deren Dirigent Kamioka gebe es einen „Handschlag“. Und spätestens da war klar, dass der so erfolgreiche wie ehrgeizige Generalmusikdirektor mehr Einfluss im Bühnenbetrieb bekommen würde. Letzte Ausfahrt Barmen: die Intendanz. Blöd bloß: Der Mann ist Dirigent, wenn auch ein sehr guter – qualifiziert ihn das aber gleich für die Führung eines Musik-Theaters, das zudem dank der beharrlichen Aufbauarbeit Weigands gerade auf dem Weg war, zumindest wieder in die regionale Spitze vorzustoßen? Peter Jung war da auch heute wieder ganz keck und verwies auf eines der wenigen, wenn nicht sogar das einzig aktuelle Erfolgsbeispiel für diese Konstellation: Stefan Soltesz in Essen. Und jenseits dessen hofft man im Rathaus einfach, dass es schon gut geht. Gleichzeitig bescheinigte Wuppertals Stadtoberhaupt dem bisherigen Amtsinhaber Johannes Weigand übrigens ausdrücklich „sehr, sehr gute Arbeit“: Nicht nur Publikum habe er dazu gewonnen, sondern auch „Maßstäbe gesetzt“ mit seinen Aufführungen moderner Musik.

Wenn es nun nicht Wuppertal wäre, würde man sich natürlich fragen, warum der Mann dann weg soll. Aber die Antwort kennt nicht nur der leidgeprüfte Fan des hiesigen Fußballvereins Wuppertaler SV: Zwischen den Weltweilern Cronenberg, Asbruch, Schöller und Beyenburg hat man’s halt gern mal ’ne Nummer größer als objektiv drin ist. Deswegen springt der WSV-Präsident Friedhelm Runge seit 20 Jahren immer wieder als Tiger in die Saison und landet als Bettvorleger in der Abschlusstabelle. Dort werden Trainer entlassen, wenn der Aufstieg droht, hier Intendanten, wenn sie zwar die Jahrzehnte lange künstlerische Dürre beenden, aber die Bedürfnisse des OB nach der leichten Muse im klassischen Beritt nicht wie gewünscht erfüllen. Paradox daran ist auch, dass die Maßstäbe für die eine Intendantenstelle im nächsten Atemzug für die andere nicht mehr gelten. Künstlerische Qualität bei wachsendem Publikumszuspruch und stärkerer Verankerung in der Stadt forderte Jung heute Nachmittag für die Sprechbühne – um dem Leiter des Musiktheaters bei Übererfüllung aller drei Kriterien den Stuhl vor die Tür zu setzen, damit der Lieblingsdirigent nicht sein Köfferchen packt.

„Das Bessere ist der Feind des Guten“, begründete Peter Jung die Entscheidung für Kamioka heute zwischendurch ganz unverblümt. Ob dem Wuppertaler OB die Tücke dieses Satzes eigentlich geläufig ist? Zwar benutzen ihn Marketingfuzzis und Motivationscoaches rund um den Planeten als Ansporn zu immer neuen Höchstleistungen, aber … diese italienische Redensart, die durch den Franzosen Voltaire populär wurde, warnt eigentlich genau davor, gute Lösungen durch das Streben nach immer noch besseren zu gefährden. Peter Jung sollte hoffen, dass dieser Satz nicht eines Tages auf ihn zurückfällt.

Orchesterdirektor Jörg Hillebrand, Bühnen-Geschäftsführer Enno Schaarwächter, Stadtdirektor Johannes Slawig und Wuppertals OB Peter Jung neben seiner Pressechefin Martina Eckermann

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An Tagen wie diesen …

… weiß ich gar nicht, worüber ich mich zuerst aufregen soll:
Über eine Kanzlerin, die dem demografischen Wandel allen Ernstes zuerst mit Familienpolitik und da zuvörderst mit dem Betreuungsgeld begegnen will? Über ihre Koalitionsfraktionen, die tatsächlich dem designierten Kanzlerkandidaten der Opposition vorwerfen, er ignoriere Regeln, die sie selbst gegen den ausdrücklichen Wunsch eben jener Opposition seit Jahren nicht einführen wollen? Oder doch über die rotgrüne Landesregierung in NRW, die nun seit mehr als zwei Jahren kein Konzept für eine geordnete Rückführung der Landesneuverschuldung machen will? Es ist zum Haareraufen.

Die Chuzpe, mit der Union und FDP sich den Themen Transparenz, Pluralität und gesellschaftliche Weiterentwicklung zu entziehen versuchen, ist mit „unverschämt“ noch gemäßigt umschrieben. Beide Parteien buchstabieren das Wort „Fortschritt“ ausschließlich als wirtschaftlichen Gewinn des bereits wohlhabenden Bevölkerungsteils. Dem entstammen ihre Repräsentanten übrigens überdurchschnittlich oft. Und von dem werden sie auch ganz zufällig ebenso überdurchschnittlich oft gewählt.

Migration, sexuelle Selbstbestimmtheit, die Gleichberechtigung von Frauen oder homosexuellen Lebensmodellen, Offenheit für den digitalen Wandel, Hinwendung zur komplexen Stadtgesellschaft – bei all diesen Themen nehmen die beiden Parteien mit dem „C“ im Namen eine Haltung ein, die dem gesellschaftlichen Diskurs in einem der größten und pluralistischsten Länder der Welt immer mehr schadet. Und diese Haltung ist zum überwiegenden Teil nicht etwa wertkonservativ motiviert, sondern fußt schlicht und ergreifend in Erkenntnisdefiziten: Der Unionschrist im Allgemeinen ist aus der gesellschaftlichen Zeit gefallen. Das mag für Martin Mosebach oder das Kirchenmarketing reizvoll sein, für das alltägliche Leben ist es mindestens lähmend. Wer auch im Jahr 2012 immer wieder neu davon überzeugt werden muss, dass sich nicht die Sonne um die Erde dreht und die wiederum gar keine Scheibe ist, der steht einfach nur im Weg.

Über die FDP mag man schon gleich gar nicht mehr reden. Man muss aber, weil dieser politisch-repräsentative Wurmfortsatz einer ichbezogenen Business-Kaste systembedingt mehrheitsrelevant wirkt und damit Regierungshandeln mitbestimmt. Welchen Gesetzentwurf hatten Brüderle und Co. neulich noch in einer Nacht- und Nebelaktion wirtschaftsfreundlich umgeschrieben? Ach ja, das Meldegesetz, zusammen mit der Mehrwertsteuerminderung für Hotels nur das jüngste Beispiel einer gnadenlosen Klientelpolitik; das bald langanhaltendste dagegen ist die Weigerung, gewählte Abgeordnete – VOLKSVERTRETER – zu verpflichten, ihre Einkünfte eben jenem Volk offen zu legen, in Höhe und Herkunft. Damit jeder wissen kann, wer wen wann für was bezahlt hat und ob es da eventuell Zusammenhänge mit und innere Konflikte bei  gesetzgeberischem Handeln geben kann.

Das wollen die deutschen Liberalen schon seit Jahrzehnten nicht, so wie sie auf nationaler und europäischer Ebene verhindern, dass der allgegenwärtige Lobbyismus verpflichtend öffentlich gemacht wird. Damit wir uns richtig verstehen: Demokratie besteht aus dem Widerstreit der Meinungen. Darin kann nicht nur, darin sollte sogar jeder seine Interessen ganz offensiv vertreten. Aber in „offensiv“ steckt eben auch das Wort „offen“. Das scheut das Lobbyistengewerbe aber wie Vampire das Licht – sie werden wissen, warum.

Das Ziel der FDP heißt: Die Wirtschaft zuerst, allen voran der Mittelstand, die Freiberufler, die Vielverdiener. Das gesellschaftliche Ganze wird gerne noch nicht mal ignoriert. Denn das heimliche Motto des politischen Liberalismus lautet nicht erst heute: Jeder ist seines Glückes Schmied! Unglück ist in dieser Logik ausschließlich Folge persönlichen Verschuldens. Solidarität? Fehlanzeige. So tickt diese Bundesregierung – von ein paar katholischen Soziallehrefreaks in der Union abgesehen – übrigens im Ganzen. Paradox daran: Das ist in der Wolle gefärbt sozialdarwinistisch. Ein interessanter Ansatz für eine christliche Vereinigung wie die Union.

Zuletzt ein Blick nach Nordrhein-Westfalen. Da regiert seit Mitte 2010 ein rotgrünes Kabinett, erst toleriert, nach den Neuwahlen im letzten Mai sogar mit einer eigenen Mehrheit ausgestattet. Das Land ist bereits hoch verschuldet und es verschuldet sich weiter. Allerdings greift 2020 die Schuldenbremse der Verfassung. Und dann wird es einen Verlust an öffentlicher LEISTUNG von bis zu einem Fünftel geben, gemessen am heutigen Stand. Der resultiert aus dem Verschuldungsverbot und den bis dahin zu erwartenden Lohn- und Kostensteigerungen für die öffentliche Hand. Das bedeutet konkret: Ein Fünftel weniger Polizisten, Lehrer, Theateraufführungen, Straßenreparaturen. Das erfordert eine neue, ganz andere Haltung als heute, wo wir – wie seit Jahrzehnten – umgeben sind vom allgegenwärtigen Ruf nach „Mehr“. Noch folgt die Regierung diesem Ruf aber, indem sie sich bei gleichzeitigen Rekordsteuereinnahmen brav weiter Geld leiht. Sich? UNS – denn die Milliarden werden ja für unsere Bildung, Sicherheit und Kultur ausgegeben. Deshalb hätte eine verantwortungsvolle Koalition in Düsseldorf den schwierigen Mentalitätswandel hin zum maßvollen „Weniger“ längst einleiten müssen: Es gibt künftig nämlich deutlich weniger öffentliche Mittel, um sie im Sinne aller auszugeben.

Was wollen wir dann noch bezahlen – und warum? Diese beiden Fragen sind untrennbar miteinander verbunden. Sie müssen Gegenstand der öffentlichen Debatte werden, eines breiten Diskurses, der sich nicht auf die politische Klasse beschränkt. Vielleicht wird es sogar Volksabstimmungen brauchen, denn die Einschnitte werden so massiv sein, dass sie in den großen Linien einer demokratischen Legitimation außerhalb von Parlamentswahlen bedürfen, um den sozialen Frieden nicht zu gefährden. Tatsächlich aber streicht die Landesregierung gerade mal so ganz en passant und ohne inhaltliche Begründung die seit anderthalb Jahrzehnten bestehende Förderung des NRW-Forums, eines renommierten Museums in der Landeshauptstadt. Anlass: Die beiden bisherigen Leiter hören nächstes Jahr auf. Tatsächlicher Grund: Auf den Landeskulturetat rollt eine bisher ungekannte Sparwelle zu. Und da wird jede Gelegenheit zum Kürzen sofort beim Schopfe gepackt.

Was aber ist das alles nicht? Genau: Ein Konzept. Es ist stattdessen Regieren á la Merkel: Hasenfüßiges Auf-Sicht-Fahren! Probleme werden nicht in Angriff genommen, wenn sie sich abzeichnen, sondern wenn sie einem den Weg versperren. Darin unterscheidet sich Schwarz-Gelb in Berlin unter einer gelernten Physikerin aus Ostdeutschland nicht von Rot-Grün in Düsseldorf unter einer Unternehmensberaterin aus Westdeutschland. Diese Diagnose klingt leider sehr nach dem kleinbürgerlichen Genörgel „Wozu wählen, ist doch eh alles eins!“. Leider ist sie trotzdem sehr wahr. Nicht nur an Tagen wie diesen …

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