Er hat ja gar nichts an …

Kulturministerin Ute Schäfer, die theater- und orchestertragenden Städte in Nordrhein-Westfalen und die Intendanten der Stadttheater und städtischen Orchester haben die Einrichtung einer regelmäßigen gemeinsamen Theaterkonferenz vereinbart. Dabei sagte Schäfer eine zusätzliche Unterstützung in Höhe von 4,5 Millionen Euro für die kommunale Theaterlandschaft zu.

Das steht so – sinngemäß – in der Vereinbarung, die unter dem Titel ″Theater- und Orchesterpakt Nordrhein Westfalen″ gestern in Düsseldorf unterzeichnet wurde. Und das steht auch so – nicht nur sinngemäß, sondern wortwörtlich – in einer gemeinsamen Pressemitteilung von Schäfers Kulturministerium und dem NRW-Städtetag. Allerdings trägt diese Erklärung das Datum 25. Januar … 2011.

Tatsächlich hatten vor fast 33 Monaten die Beteiligten bereits angekündigt, was in dem angestrebten Pakt stehen sollte.
Erstens: Schäfers Haus überweist bis auf Weiteres 4,5 Millionen Euro zusätzlich an die städtischen Theater in NRW. Wer wie viel kriegt? Regeln wir später.
Zweitens und angeblich viel wichtiger: Wir reden in einer Theaterkonferenz mal ganz grundsätzlich über die Theater und Orchester im Land. Stichworte damals: Bedeutung und Struktur der Theaterlandschaft, Differenzierte Analyse, neue Lösungswege… Was man halt so sagt, wenn man noch nicht so genau weiß, wohin die Reise geht.

Acht Monate später wurde dann sogar ein erstes Ergebnis verkündet: Wer wieviel Geld kriegt. Seitdem hat man von dieser Theaterkonferenz nichts mehr gehört. Bis jetzt, nahezu drei volle Kalenderjahre später, die selbe Kulturministerin Ute Schäfer und der fast selbe Städtetagsvorsitzende – Mönchengladbachs Oberbürgermeister Norbert Bude war damals Stellvertreter – ein nahezu inhaltsgleiches Papier öffentlichkeitswirksam frisch unterschrieben einfach noch mal präsentieren. Man könnte natürlich sagen: „Wort gehalten“. Aber eigentlich kann man zu diesem Theaterpakt nur mit Morgenstern sagen: Er hat ja gar nichts an!

Ok, „gar nichts“ ist ein bisschen zugespitzt formuliert. Der Theater- und Orchesterpakt umfasst immerhin ganze vier Seiten, Die sind allerdings vollgestopft mit kulturpolitischem Worthülsengeklingel, vor allem aus dem Bereich der aktuellen Audience-Development-Lyrik: die berühmt-berüchtigten „niederschwelligen Angebote“, „neue Zielgruppen“, „Teilhabe“, „junge Menschen“, natürlich „Migranten“ undsoweiterundsofort. Davor, danach und dazwischen wird gewollt und gesollt, was das Zeug hält – nur Konkretes gibt es nicht. Anfang 2011 passte der beinahe identische Faktenkern noch auf eine DIN-A4-Seite.

Allein am vierten der sechs Punkte, aus denen dieser Pakt letzendlich besteht, kann das nicht liegen. Der kündigt nämlich als einziger etwas Neues an: Das Kulturministerium werde auf Grundlage der gestrigen Vereinbarung – in der de facto gar nichts vereinbart wird – mit allen 18 theater- und orchestertragenden Städten des Landes dann noch mal jeweils einzelne Fördervereinbarungen abschließen. Also … will. Nun ja, eigentlich steht da wörtlich: „soll“.

Apropos „soll“. Zu Beginn der den Pakt aushandelnden Theaterkonferenz vor drei Jahren hieß es ausdrücklich, es solle endlich mal nicht in erster Linie ums Geld gehen. Interessanterweise haben gestern dann aber alle Beteiligten vor allem auf die 4,5 Millionen Euro hingewiesen, die das Land – allerdings schon seit drei Jahren – zusätzlich an die Bühnen der klammen Kommunen überweist. Diese Mittel würden mit dem Pakt „verstetigt“, betonten Ministerin Schäfer, Städtetagschef Bude und den Intendanten Schmitz-Aufterbeck (Theater Aachen) und Michael Becker (Tonhalle Düsseldorf) in ihren Statements. Im Vertragstext selbst heißt es dann aber bloß, dass es sich „angesichts der aktuellen Situation“ um eine „Hilfe“ handele, deren „Fortschreibung beabsichtigt“ sei: „vorbehaltlich entsprechender Beschlussfassung des Landeshaushaltsgesetzes“. Für kommendes Jahr stehen die viereinhalb Millionen zwar wieder im Etatentwurf der Landesregierung, aber was danach kommt … weiß angesichts von Schuldenbremse und Finanzkrise keiner. Von den harten Kämpfen Schäfers mit den Haushältern bereits um den aktuellen Etat gar nicht zu reden.

Als Ute Schäfer 2010 Kulturministerin wurde, hat das in der Szene für Reaktionen zwischen besorgtem Gesicht, Kopfschütteln und reflexhafter Ablehnung gesorgt – die frühere Lehrerin aus Lippe war bis dahin vor allem als Schulpolitikerin in Erscheinung getreten. Zur Überraschung vieler hat sie sich dann als ehrlich engagiert, enorm lernfähig und vor allem stark dialogorientiert erwiesen. Das kam bei Kulturschaffenden wie -managern sehr gut an. Nun hat Ute Schäfer den ersten kapitalen Bock im Kulturressort geschossen. Und die Kugel steckt tief im Körper ihrer Glaubwürdigkeit. Es könnte aber natürlich auch sein …

… dass dieser Theaterpakt sogar eine richtig clevere Aktion der Ministerin ist, um die Extramittel für die Bühnen vor dem Zugriff der Sparkommissare im eigenen Kabinett zu sichern. Nach so viel öffentlichen Tamtam würden Kürzungen auf diesem Gebiet zumindest in absehbarer Zeit die rotgrüne Regierung insgesamt in kein gutes Licht rücken. Möglich ist in der Politk vieles. Aber nicht alles ist gleich wahrscheinlich.

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Biennale, pt.1: Die Deutschen, verkopft bis zur Unbegreiflichkeit

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Die guten Menschen vom Kulturplaneten

Mit etwas Abstand und nach vielen Presse-Hymnen ein paar kritischere Worte zu „Massive Attack V Adam Curtis“ am letzten Wochenende auf der Ruhrtriennale.

Die Performance der alten Bristol-Helden und des Starfilmers der BBC war akustisch wie optisch von Anfang bis Ende sehr beeindruckend. Ziemlich gute Beschreibungen finden sich hier kurz bei rponline und hier etwas länger bei Intro. Nicht so wirklich anschließen kann ich mich allerdings den teils euphorischen Reaktionen auf die Message des Films/Abends. Ja, die Welt ist schlecht. Ja, da ist der Kapitalismus mit dran schuld. Und auch Ja, Politiker sind nicht so mutig, wie wir sie gern hätten.

(c) Ruhrtriennale

(c) Ruhrtriennale

Seltsam ist nur, dass diese keineswegs neue Erkenntnis dem Vernehmen nach immer jeder und jedem sofort einleuchtet, sich aber trotzdem nix ändert: Keine entsprechende Parteigründung, keine Veränderung der existierenden Parteien, keine überraschenden Wahlergebnisse. Das hat vielleicht einfach mit dem Zusammenwirken von Demokratie und der Bequemlichkeit der Mehrheit zu tun. Gleichzeitig äußern del Naja und Curtis den – vielleicht sogar unbewussten – Wunsch vieler aufgeklärter, politisch wacher und wohlmeinender Menschen, das System der mehr oder minder ausgeprägten Volksherrschaft eigentlich doch lieber durch ein Regime der wahren Besserwisser (wie sie selbst) ersetzen zu wollen.

Das sollten sie dann aber offen sagen und sich auf einen staatstheoretischen Diskurs einlassen. Stattdessen fordern sie – nüchtern betrachtet – ausgerechnet im Namen der Demokratie, dass im Interesse aller lieber eine (andere?) Minderheit den Gang der Dinge bestimmen sollte. Optisch wie akustisch ist das sehr beeindruckend vorgetragen. Die Argumentation wird dadurch leider nicht schlüssiger – sie sieht nur besser aus.

Fotos: (c) Ruhrtriennale

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