Hashtag Kultur im #wdr3forum

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Mit Wolfram Kähler (WDR3), Dirk von Gehlen (SZ), Roland Nachtigäller (MARTa Herford), Christoph Müller-Girod (CMG Media).
Jetzt im Sendesaal des Westdeutschen Rundfunks zu Köln und live auf WDR 3. Später als Podcast.
Mehr? Hier: http://www.wdr3.de/zeitgeschehen/forum286.html

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Ein Plan, ein Plan … Münster*, wir danken dir!

In weiten Teilen der Republik klingen Diskussionen über Förderung und Infrastruktur von Kunst und Kultur stets wie eine Kakophonie aus dem Vorhof zu Hölle: Es wird gejammert und gestöhnt, dass es den lieben Gott erbarmt. Auf den will man im Osten von Nordrhein-Westfalen aber lieber nicht weiter hoffen – und denkt jetzt systematisch über Morgen nach, statt weiter einem vermeintlich besseren Gestern hinterher zu heulen.

„Landschaftsverband Westfalen-Lippe“ – solche Begriffsungetüme aus der deutschen Staatsebenenhierarchie lassen sonst eigentlich nur die Herzen von Bürokratiefetischisten höher schlagen. Am vergangenen Freitag wurde ich nun aber höchstpersönlich Zeuge eines überaus ungewöhnlichen Vorgangs: In Hagen hatten sich gut 400 Vertreter von Kommunen und Kreisen, Kultureinrichtungen und -verbänden zu einer Konferenz eben jenes Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) getroffen. Kurz gesagt ging es um gute Konzepte für schlechter werdende Zeiten – und nahezu alle hatten tatsächlich gute Laune. Das war so erfrischend, dass ich gleich für WDR 3 darüber berichten musste. Statt Lesestoff zum Thema gibt es heute deshalb einfach mal was zum Hören (bitte klicken).

* Der LWL sitzt in Münster und ist Initiator der Kulturentwicklungsplanungen in Westfalen-Lippe. Deshalb die Überschrift …

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Die Eigenwertsche Unschärferelation

Regierungserklärung in Berlin, Freihandelsabkommen in Brüssel, Ensemble-Aus in Dessau: Über allen Wipfeln ist keine Ruh. Dabei hat auch das Gerede vom Eigenwert der Kultur mal wieder Hochkonjunktur. Es ist aber Quatsch.

„Kultur ist mehr als alles andere ein Wert an sich“ – Monika Grütters erste Rede als Kulturstaatsministerin im Bundestag war noch keine fünf Sätze alt, da kam es auch schon: Das Mantra der deutschen Kulturpolitik vom „Eigenwert der Kultur“. Es vergeht kein Konzeptpapier, keine Denkschrift und vor allem keine Sonntagsrede ohne diese Leerformel der intellektuellen Ratlosigkeit.

„Kultur ist alles, was nicht Natur ist“, lautet eine sehr (ein)gängige wie weitreichende Definition des Kulturbegriffs, und da ist – Achtung, Wortwitz – natürlich was dran. „Kultur“ kommt von „cultura“, dem lateinischen Begriff für bearbeiten, pflegen und bestellen. So unterscheiden sich die Früchte, die vom Baum fallen (=Natur) von den Früchten, die man anbaut und erntet (=Kultur). Alles Weitere hat sich in der Zivilsationsgeschichte daraus ergeben. Wir meinen mit „Kultur“ deshalb heute viel mehr: Die Künste – nicht nur die sieben „freien Künste“ der Antike -, das gruppen- oder landesspezifische Verhalten im Streit, bei Tisch, vorm Altar oder auch im Bett und natürlich all die sichtbaren Ausdrücke der Menschheitsgeschichte: Häuser, Straßen, Städte, Tempel.

„Kultur ist, was uns vom Tier unterscheidet“, lautet ein anderer Satz, den man häufig hört. Das ist streng wissenschaftlich falsch: Auch Tiere haben Kultur(en). Sie bekommen nicht all ihr Wissen mit den Genen geliefert, sondern lernen von den Alten zum Beispiel das Bauen oder Jagen, ob es nun Erdmännchen, Löwen oder Wale sind. Genau so wie Menschen Lesen, Schreiben, Rechnen lernen, das Aufstellen Hunderte Meter hoher Häuser oder das Erzwingen von erwünschten Aussagen durch das Vortäuschen von Ertrinken.

Natürlich meinen Monika Grütters und all Ihre Eigenwert-Mitstreiter das nicht mit „Kultur“, zumindest nicht Letzteres. Ihnen – und uns allen, die wir mit Kulturpolitik befasst sind – geht es um Kultur in einem engeren Sinne: Die Künste, ihre Grundlagen und ihren Betrieb. Die Malerinnen und Tänzer, Architektinnen und Schauspieler, Archivarinnen und Restauratoren. Die Theater und Museen, Bibliotheken und Kulturzentren, Musikschulen und Gedenkstätten. Es geht einerseits um dokumentarische, historische und andererseits um ästhetische, kreative Resonanzräume einer Gesellschaft. Es geht vor allem um das, was durch die Freiheit der Kunst geschützt ist und wird. Sie garantiert einen Raum, in dem das Unsagbare gesagt werden darf (Orwells 1984, Reiners‘ Tötet Merkel) und das Unzeigbare gezeigt werden darf (Goyas Hexenflug, auch Meeses Hitlergruß). Nicht um ihrer selbst Willen, sondern als Ausgangspunkt von Gedanken, die das Neue erschließen, das bisher Nicht-Gedachte.

Kunst dient(e) natürlich immer auch der Unterhaltung und Zerstreuung. Man konnte und sollte sich an ihr oft erfreuen. Sie ist aber gleichzeitig immer noch viel mehr, vor allem der Motor gesellschaftlicher, sprich menschlicher Entwicklung. Künstlerinnen und Künstler spiegeln in ihren Werken Geschichte und Gegenwart einer Gesellschaft. Sie liefern Bilder und Geschichten, die wir sonst oder so nicht kennen. Und erst damit ermöglichen sie ein umfassendes Nachdenken über das Jetzt, aus dem das Entwickeln von Vorstellungen für Morgen entsteht.

Immer waren es Künstlerinnen und Künstler, die eine Idee von der Zukunft geliefert haben: Aischylos und Polyklet, Caravaggio und Leonardo, Philip K. Dick und Ridley Scott*. Alexander, Machiavelli und Steve Jobs blieb – sehr verkürzt ausgedrückt – nur noch, deren Gedanken in Wort und Tat umzusetzen.

Kunst und Kultur sind all das – aber was bitteschön ist denn ihr „Eigenwert“? Die Materialien der Werke können doch kaum gemeint sein, also die Leinwände, Buchseiten und Marmorbrocken. Ihre Ästhetik? Hat nur einen Wert für Schöpfer und/oder Publikum. Da ist kein „eigener“ Wert, sondern nur einer für „jemanden“, befriedigt vom Schaffen oder ergriffen beim Betrachten. Ihre geistige Dimension? Ist ebenfalls nur bedeutsam für deren Denkerin und/oder ihr Publikum, wenn daraus Erkenntnis und Verarbeitung werden. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Kunst und Kultur haben keinen Eigenwert. Ihr Wert entsteht nur durch ihre Wirkung; sei es auf einzelne Menschen oder eine ganze Gesellschaft; sei es im Blick zurück, auf das Jetzt oder im Blick nach vorn. Kultur ist kein Wert – Kultur schafft Werte.

Das sind allerdings erst mal keine ökonomischen, sondern solche wie „Freiheit“, „Respekt“ und „Nächstenliebe“. Keine Sozialministerin und kein Innenminister käme jedoch ernsthaft auf die Idee, vom „Eigenwert der Nächstenliebe“ oder vom „Eigenwert der Freiheit“ zu sprechen. Es wäre deshalb nicht nur ganz schön, wenn die Kulturpolitikerinnen und Kulturpolitiker die auch sachlich falsche Phrase vom „Eigenwert der Kultur“ endlich vergäßen – es wäre sogar wirklich wichtig. Jedenfalls dann, wenn sie in der gewonnenen Zeit endlich ohne den Dünkel einer vermeintlichen Geisteselite erklären würden, warum die Förderung von Kunst und Kultur nicht etwa eine ästhetische Liebhaberei von musisch übersensiblen Schöngeistern ist, sondern eine Kernaufgabe, wenn diese Gesellschaft eine Zukunft haben soll. Dann braucht sie nämlich Werte – die dürfen auch ruhig etwas eigen sein!

*Diese Männer fallen mir spontan ob ihrer Prominenz ein. Es lassen sich natürlich auch sechs und mehr Frauen finden, die aber historisch bedingt leider nicht so zahlreich sind. Jetzt muss ich sofort an die großartige Almut Klotz denken. An Annette Droste-Hülshoff, Nina Simone, Pina Bausch und Anne Lepper

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