Zur Kenntnis … in stillen Tagen und Nächten

Siebeneinhalb Jahre nach Grundsteinlegung und zahllosen Sinnfragen ist das Humboldtforum eröffnet worden – pünktlich zum Lockdown. Knaller, oder? Kannste dir nicht ausdenken. Nur zu knochentrockenem Humor begabte Menschen wie ich selbst haben wenigstens ein bisschen Spaß an dieser Posse. Was haben wir gelacht …

Die Sache mit den gestohlenen Benin-Bronzen ist dabei natürlich gar nicht lustig, wie Bénédicte Savoy gerade noch mal sehr anschaulich in der F.A.Z. dargelegt hat. Das zeigt einmal mehr, dass es in den 18 Jahren seit der Entscheidung zum Wiederaufbau des Hohenzollern-Schlosses nicht gelungen ist, für das Forum eine zeitgemäße Idee mit einem geschichtsbewussten wie -verantwortlichen Leitbild zu entwickeln. Dieses konzeptionelle Versagen beim zentralen Projekt der Neuen Mitte Berlins verantworten die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, und der seit mittlerweile auch schon zweieinhalb Jahren amtierende Generalintendant des Humboldt Forums Hartmut Dorgerloh gleichermaßen. Alle drei haben sich an vielen anderen Stellen sehr um die Kultur verdient gemacht. An dieser – zugegeben nicht trivialen – Herausforderung sind sie unbestreitbar gescheitert.

Streit ist – und damit verlassen wir das Berliner Trauerspiel – ein gutes Stichwort, denn der findet auch andernorts statt: Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, sucht ihn jetzt öffentlichkeitswirksam mit dem Präsidenten der Kulturpolitischen Gesellschaft (KuPoGe), Tobias Knoblich. Letzterer hatte in einem Beitrag für die Essayreihe #neuerelevanz ordentlich an den Grundüberzeugungen des Kultursektors gerüttelt. Dabei stimmte Knoblich zunächst noch in die Klage über das Einordnen der „Kultur“ als Freizeitaktivität und Vergnügung in den Bund-Länder-Beschlüssen für November ein. Dann stellte er jedoch – nicht zum ersten Mal – die unter Puristen strengstens verbotene Frage nach der stets additiven Kulturfördersystematik. Bei Knoblich klingt das so: „Hinterfragen wir das Wachstumsparadigma in der Kulturpolitik, ändern wir unsere Mentalität, das Aufhören zu skandalisieren.“ Oh, oh …

Reduzieren verboten – Kultur muss immer MEHR werden

Das konnte der qua Amt oberste Lobbyist des deutschen Kulturbetriebes natürlich nicht so stehen lassen. Zimmermann wandte sich vehement gegen Knoblichs Vorschlag einer „in Teilen reduktiven Kulturpolitik“. Der Verweis auf das unheilige Wörterbuch des kulturpolitischen Gottseibeiuns, den „Kulturinfarkt“, durfte da natürlich nicht fehlen. In dem hatte das Herrenquartett Haselbach-Klein-Knüsel-Opitz 2012 die Frage zu stellen gewagt, ob die Kulturförderung in Deutschland wirklich so dolle ist und ob das scheinbar systemimmanente „Mehr, Mehr, Mehr“ eigentlich unter die grundgesetzliche Ewigkeitsklausel falle. Ihr – ausdrücklich als provokativ gekennzeichneter – Gegenvorschlag lautete: Die Hälfte der Einrichtungen schließen und das freiwerdende Geld für andere kulturelle(!) Zwecke und Ziele als bisher einsetzen. Was folgte, war die – mitunter öffentliche – Exkommunizierung der vier, unter Absingen schmutziger Lieder und mit lautem Triumphgeheul des kulturellen Establishments.

Acht Jahre und eine Pandemie später sind die bohrenden Fragen dahinter weiter ungeklärt. Sie kulminieren in der seit Monaten andauernden Debatte um die angebliche „Systemrelevanz“. Wie schmal das Brett tatsächlich ist, auf dem die Relevanz-Propagandisten balancieren, belegt eine Zahl, die der Deutsche Bühnenverein just vergangene Woche veröffentlicht hat: 5,08 Millionen. So viele Besuche verzeichneten die 142 staatlichen wie städtischen Mitgliedsbühnen in der Spielzeit 2018/2019 in ihren Sprechtheatern (also ohne die Kinder- und Jugendsparte). Das entspräche gerade mal sieben(!) Prozent der deutschen Bevölkerung über 14 Jahre, allerdings nur … wenn jedes Ticket von jemand anderem gekauft würde.

Systemrelevant? Ja – für sich selbst

Tatsächlich aber gibt es natürlich echte Serientäter und Freaks, darüber hinaus weiterhin eine, wenn auch stetig schrumpfende Zahl von Abonnent*innen. Nehmen wir also der Einfachheit halber mal an, dass vielleicht eine halbe Million Theaterenthusiast*innen sagen wir … fünfmal jährlich im Parkett sitzt und damit gut die Hälfte aller verkauften Plätze einnimmt. Nehmen wir darüber hinaus an, die übrigen 2,5 Millionen Tickets würden ausschließlich von Einmalgucker*innen erworben. Dann kämen wir allerdings nur noch auf zusammengerechnet drei Millionen Menschen, die innerhalb eines Jahres die Aufführungen der öffentlich getragenen Sprechtheater in Deutschland besucht hätten. Drei von 70 Millionen Erwachsenen zwischen Flensburg und Passau. Das sind weniger als fünf (also 4,x!) Prozent.

Systemrelevant ist das wohl nur für die öffentlich finanzierten Theater selbst. Man muss leider festhalten: Die übergroße Mehrheit der Menschen in Deutschland wird von diesem System – faktisch sogar ein Leben lang – nicht berührt. Sie bezahlt es trotzdem, auch im Lockdown, in dem selbst für diese Minderheit von Theatergänger*innen – zu der auch ich mich zähle – seit einem Dreivierteljahr wenig bis nichts gespielt wird (aus guten Gründen). Und sie tun das sogar mit Überzeugung, wie die Hildesheimer Kulturwissenschaftlerin Birgit Mandel – im Ehrenamt Vizepräsidentin der KuPoGejüngst herausgefunden hat (methodische Schwachpunkte ihrer Studie besprechen wir ein ander‘ Mal).

So viel jedenfalls zum angeblich unmittelbar bevorstehenden Untergang „der Kultur“. Den beschwören – darin antiken Bühnenchören gleich – vor allem die wehklagenden Intendant*innen im Süden der Republik. Und zwar derart, dass man bei ihnen eine Art Todessehnsucht vermuten muss. Wer Barbara Mundel oder Christian Stückl und ihren weiß-blauen Kolleg*innen zuhört, wähnt sich unvermittelt in einer grausamen Diktatur der Kulturvernichtung angekommen. Wie aber müssen die wirklichen Opfergänger*innen dieser Krise, die freiberuflichen Musiker*innen und Schauspieler*innen, Konzertagenturen und PR-Agent*innen solche Klagen sechsstellig verdienender Staatsangestellter empfinden?

Mögen sie alle 2021 zur Besinnung kommen – von mir aus auch durch einen Impfstoff. Bill Gates, übernehmen Sie!

… und sonst:

Der kulturpolitische reporter verabschiedet sich in die Jahresendpause. Statt vieler warmer Worte nur ein kurzer Wunsch, von Herzen: Beiben Sie gesund!

Foto: Grundsteinlegung Humboldt Forum am 12. Juni 2013, (c) Peter Grabowski

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Zur Kenntnis: Das Erwartbare, das Vernünftige und ein bisschen Müdigkeit

Morgen ist es endlich soweit: „Habemus ECoC25!“ Das hashtagtaugliche Kürzel steht für die European City of Culture in fünf Jahren, deren deutsche Titelträgerin am Mittwoch um 13 Uhr bekannt gegeben wird. Vier der fünf verbliebenen Bewerberinnen (Magdeburg, Chemnitz, Hannover, Nürnberg, Hildesheim) müssen danach vor allem klären, was von ihren guten Vorsätzen im Fall der Nichtwahl übrigbleibt, erst recht in der Pandemie. Und die Gewinner können schon mal ein Sparschwein kaufen – das werden sie noch brauchen.

Am Freitag hat Bamberg als erste größere Stadt angekündigt, den Kulturetat im kommenden Jahr wegen der finanziellen Folgen der Corona-Bekämpfung substanziell zu kürzen. Der Bayerische Rundfunk spricht in seiner Meldung lapidar von 25 Prozent der Kulturausgaben – aber was heißt das genau? Wenn der online einsehbare Etat der Kommune nicht lügt, bedeutet die Kürzung ein Ausgabenminus von etwa drei Millionen Euro – drei von 45 Millionen, die nach den Angaben von Bambergs Kämmerer Bertram Felix aktuell im Verwaltungshaushalt für 2021 fehlen. Das wiederum sind sage und schreibe 20 Prozent des Gesamtetats.

Schon im Frühjahr war klar, dass die Kombination aus konjunkturellem Einbruch und gleichzeitigen Mehrausgaben voll auf die kommunalen Haushalte durchschlagen würde, und damit auch auf die Kulturförderung. Sie zählt zu den Freiwilligen Aufgaben der Städte und Gemeinden – bis heute übrigens auf deren ausdrücklichen Wunsch hin. Die Kulturlobbyisten der Republik werden jetzt wieder den Textbausteinkasten „Kürzungsdebatte“ rausholen, mit all den üblichen Totschlagargumenten und leider oft auch hohlen Phrasen. Angefangen beim Killerbegriff „Kahlschlag“ und endend bei meiner persönlichen Lieblingsformel: „Streichungen im Kulturetat haben noch nie einen Haushalt saniert“.

Kernaufgabe von Politik: Prioritäten setzen

Natürlich haben sie das nicht, tragen aber eben ihr Scherflein bei – so wie Kürzungen in der Sportförderung, der Jugendsozialarbeit, bei der Quartiersentwicklung und der Grünpflege auch. Auf diese Bemerkung wiederum muss sofort reflexhaft die Antwort folgen, man dürfe diese Bereiche „nicht gegeneinander  ausspielen“. Spätestens in diesem Moment haben sich ihre Urheber*innen allerdings endgültig für jede ernsthafte Debatte der Öffentlichen Sache disqualifiziert. Abwägungsentscheidungen sind nämlich nicht etwa ein No Go (kommunal)politischer Arbeit, sondern im Gegenteil ihr Kern und Wesen: Es ist die erste und vornehmste Aufgabe von Politik, im Spannungsfeld gesellschaftlicher Anliegen Prioritäten zu setzen. Dabei bedeutet jede Entscheidung für etwas den Verzicht auf etwas Anderes: Wer weniger Geld hat als er ausgeben möchte, muss irgendwas weniger machen oder weglassen.

Vor uns liegen also mal wieder Jahre der Verteilungskämpfe im Zeichen des Mangels und nicht des Zuwachses wie zuletzt – die fetten Jahre sind (vorerst) vorbei. Es wird Verluste geben, von denen es um manche weniger, um andere sehr schade sein wird – einige werden wir lange beklagen: In der Freien Szene aller Sparten, bei Privattheatern, Live-Clubs oder Konzertagenturen, aber auch unter den Veranstaltungstechniker*innen. Doch das rechtfertigt nicht, Wahrheit und Wirklichkeit zu beugen wie es Konzertmogul Marek Lieberberg in seinem inszenierten Furor und auch so mancher Opernkritiker gerade gern tut. 3sat-Moderator Gert Scobel irrlichterte gestern mal wieder besonders jenseits von Gut und Böse durch seine Kulturzeit-Sendung und raunte nicht nur von „Wirtschaft und Politik, die Kultur tatsächlich weitgehend für Entertainment halten“, sondern gleich auch noch von „Teilen der Gesellschaft, die Kultur abschaffen wollen“. Da fragt man sich schon mal, um wen man sich mehr sorgen muss: Die angeblichen Querdenker auf den Hygienedemos oder den Kollegen, der die Berichte über sie ankündigt.

Mündige Bürger? Von wegen

Was die – leider, meistens – Herren völlig verkennen: Eine Pandemie erlaubt spätmodernen Gesellschaften keine allgemeinen, auch nur mittelfristig verlässlichen Regeln, sondern erfordert flexibles Reagieren auf aktuelle, mitunter sehr dynamische Entwicklungen des Infektionsgeschehens. Dabei ist die Bevölkerung gerade leider keine große Hilfe: Die Idee vom mündigen Bürger erweist sich schon im Umgang mit der Alltagsmaske als Illusion besserer Tage. Im März und April Hamsterkäufe und Lockdown-Sehnsucht, im Sommer konnte es dann gar nicht locker genug sein, jetzt schwillt der Chor der Rigoristen wieder an – während der übliche Prozentsatz Grundverwirrter sich offenbar für unsterblich hält (und die Erde für eine Scheibe).

Tatsächlich kommt man einem Virus aber nur mit konsequentem Infektionsschutz bei und nicht mit psychologischen Tricks. Anders als auch noch der schlimmste Kriegsgegner lässt es nämlich nicht mit sich verhandeln – nicht mal, wenn man ihm die dollsten Friedensangebote macht (die Hälfte aller Intendanten gegen ein Dutzend unbeschwerter Festivals?). Und für eine Lex Kultur im Kampf gegen die Pandemie gibt es erst recht keinen Anlass: Der Sektor ist ein wichtiger Teil des gesellschaftlichen Lebens, schwebt aber keinesfalls über den Dingen – auch wenn manche seiner Protagonist*innen leider immer wieder so wirken (wollen).

Die Menschen und mit ihnen die Kulturakteur*innen müssen endlich lernen, der Krise entsprechend ernsthaft zu agieren und zu argumentieren. Sonst werden wir uns schon sehr bald über jede Stadt freuen, deren Kulturetat „nur“ um 25 Prozent schrumpft. Möge das den Künstler*innen, der Kunst und dem Land insgesamt erspart bleiben.

… und sonst:

Empfehlung: Die Westfälische Kulturkonferenz, von Montag bis Freitag im Netz. Vieldeutiger Titel: „Zusammenkommen! Kultur gestaltet öffentliche Räume“

Zum Schluss: Hier war jetzt drei Monate Funkstille, denn ich konnte und wollte nicht in Konkurrenz zu den Quartalsirren treten, die sich über den Sommer der öffentlichen Meinung bemächtigt hatten: Ob CoVid-Verharmlosung oder Cancel Culture, die angebliche SPK-„Zerschlagung“ oder zuletzt eben das aufgeregte Gerede von „Anschlägen“ und „Attentaten“ wegen ein bisschen Salatöl auf Sarkophagen und Bilderrahmen. Ich vermisse Maß und Mitte, in der Beschreibung wie der emotionalen Aufladung – und das ermüdet mich, wenn auch nicht ganz so tiefgehend wie Igor Levit und Carolin Emcke.

 

Foto: © SPK

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Zur Kenntnis: Armin haut auf die Pauke

Lange hat die Landesregierung gezögert, dann gab sie sich einen umso kräftigeren Ruck: 185 Millionen Euro wird NRW in diesem Jahr zusätzlich für Kultur ausgeben. Heute beraten Ministerpräsident Armin Laschet und Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen mit Vertreter*innen der Kulturszene über die Verteilung des Geldes. Diesen „Kulturgipfel“ hatte vor allem der Kulturrat NRW seit Wochen gefordert – jetzt findet er als Videokonferenz statt.

Der Kulturrats-Vorsitzende, Ex-Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) aus Köln, gehört zu den Wegbereitern dieses Paukenschlages für die NRW-Kultur. Gemeinsam mit Politiker*innen auch der Oppositionsparteien hatte er über Monate für ein Hilfsprogramm geworben, das diese Bezeichnung endlich verdient. Frühere Maßnahmen der Landesregierung für Künstler*innen hatten für massive Kritik gesorgt, weil sie viel zu gering ausgefallen oder erst nach öffentlichem Druck und stark verspätet erfolgt waren.

100 Millionen Euro für Künstler*innen

Nun sollen etwa 80 Millionen Euro an kommunale wie private Kultureinrichtungen und -initiativen gehen, die pandemiebedingt in finanziellen Nöten sind. Vor allem aber soll es ein breit angelegtes Stipendienprogramm geben, um Künstler*innen Arbeit in der Krise zu bezahlen. Dafür ist dem Vernehmen nach mit rund 100 Millionen Euro der größte Teil des Paketes vorgesehen; das entspräche rein rechnerisch einer Summe von jeweils 5000 Euro für etwa 20.000 Kulturschaffende. Die tatsächliche Verteilung der Gelder werden Ministerpräsident Laschet und Kulturministerin Pfeiffer-Poensgen voraussichtlich auf einer Pressekonferenz am Mittwochmittag bekanntgeben.

Bereits in der vergangenen Woche hatte Wirtschaftsminister Pinkwart (FDP) eine weitere Maßnahme angekündigt: NRW wird das zweite Soforthilfe-Programm der Bundesregierung – „Überbrückungshilfe“ genannt – wie vielfach gefordert um 1000 Euro monatlich für den Lebensunterhalt von Soloselbstständigen und Freiberufler*innen aufstocken. Der Bund weigert sich nämlich auch weiterhin, dieser Gruppe aus seinen Mitteln eine Art „Unternehmerlohn“ zu gewähren und erstattet nur Betriebskosten. Die fallen bei vielen Künstler*innen jedoch kaum ins Gewicht: Sie müssen mit ihren – oft schmalen – Einkünften in erster Linie den persönlichen Lebensunterhalt verdienen. Dafür hatte die Große Koalition in Berlin und mit ihr Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) immer wieder die in einem „Sozialschutzpaket“ erweiterte Grundsicherung angepriesen. Mittlerweile belegen jedoch Hunderte, wenn nicht gar Tausende abgelehnter Anträge und hochkuriose bis tieftraurige Vorkommnisse landauf, landab, dass Logik und Praxis des dahintersteckenden Hartz-IV-Konzeptes auf die Lebenswirklichkeit freiberuflicher Kulturarbeiter*innen nicht anwendbar sind.

NRW setzt spät ein Zeichen für die Kultur

Die Landesregierung hat sich nach einigem Hin und Her nun entschieden, die Versorgungslücke für Soloselbstständige aller Krisen-Branchen aus dem eigenen Etat zu verringern. Dafür sind 300 Millionen Euro der insgesamt 8,9 Milliarden des NRW-Programms veranschlagt, das der Landtag vergangene Woche beschlossen hat. Zusammen mit den oben beschriebenen 185 Millionen ist das ein beeindruckendes Hilfspaket für die Kulturschaffenden im Land. Es hat zwar (zu) lange gedauert, bis CDU und FDP in Düsseldorf sich dazu durchgerungen haben, verdient aber trotzdem Respekt. In vielen anderen Bundesländern wäre man schon über weit weniger starke Zeichen für die Kultur sehr froh.

Auch die eine Milliarde Euro des Bundes, die Kulturstaatsministerin Monika Grütters unter dem Slogan NEUSTART ab Juli bundesweit verteilen darf, ist viel mehr als nur Kosmetik. Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat hatte für dieses viersäulige Infrastrukturprogramm in Berlin ebenso lang und hartnäckig geworben wie Gerhart Baum für das in NRW. Aber ohne das „starke, langsame Bohren dicker Bretter“ (Max Weber, Politik als Beruf, 1919) von Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda bei seinem früheren Bürgermeister Olaf Scholz, aktuell Bundesfinanzminister und Vizekanzler, wäre es wohl nicht ganz so üppig ausgefallen. Jedenfalls: Wer weiterhin behauptet, „die Politik“ habe „die Kultur“ wie immer „vergessen“ oder schätze sie mindestens gering, argumentiert an der Realität vorbei. Allerdings ist auch richtig: Der Staat wird hier wie in allen Branchen nicht die zig Milliarden ersetzen (können), die wegen des Virus‘ verloren gehen. Das überstiege aber beim besten Willen die Möglichkeiten von Bund und Ländern (die das aber trotzdem vom Bund fordern). Allein die Konzertveranstalter*innen rechnen aktuell mit vier Milliarden Euro Verlusten. Für viele Kulturangebote und Künstler*innen-Existenzen droht akut das bittere Aus. Darunter werden sie wie das Land noch lange leiden.

Berliner Denke vs. Realität der Kultur- und Kreativwirtschaft

Und auch bei den existierenden Hilfen könnten die Tücken mal wieder im (Berliner) Detail liegen. Das Eckpunktepapier der Großen Koalition zur „Überbrückungshilfe“ – also der Fortsetzung der Soforthilfe für Soloselbstständige etc. – sieht als Zugangshürde nämlich einen nachweislichen Umsatzrückgang von mindestens 60 Prozent in April und Mai 2020 im Vergleich zu 2019 vor. Das klingt logischer als es in der Realität ist: Die Honorare freiberuflicher Kulturschaffender gehen oft erst lange nach der eigentlichen Leistung auf ihrem Konto ein. Das gilt für Schauspielerinnen und Musiker, für Schriftstellerinnen und Tänzer, übrigens auch für Journalist*innen. Ihre Verluste sind erst nach dem Lockdown Mitte März entstanden. Diese Jobs und Auftritte wären wie immer aber erst Wochen, oft Monate später honortiert worden. Im April und Mai hingegen hatten viele stattdessen noch Zahlungseingänge für Leistungen aus dem ersten Quartal oder sogar früher. Die echten finanziellen Löcher wegen der Pandemie schlagen also erst jetzt im wahren Sinne des Wortes zu Buche. Wirtschaftsminister Altmaier ignoriert diese Tatsache bisher konsequent.

Wenn der Bund bei diesen beiden Berechnungsmonaten bleibt, wird er damit zum insgesamt dritten Mal nach der Soforthilfe I (ohne Lebensunterhalt) und dem Sozialschutzpaket (das für Soloselbstständige ungeeignet ist) auf dem Papier Hilfen für Kulturschaffende beschließen, die in der Realität nicht greifen. Spätestens dann werden viele Betroffene noch lauter die Frage stellen, was eigentlich hinter diesem Umgang mit ihnen steckt. Das wäre auch demokratiepolitisch fatal.

#blacklivesmatter

Schnitt … obwohl: Von diesem Punkt ist es gar kein großer Schritt zum anderen beherrschenden Thema der vergangenen Wochen: #blacklivesmatter und Rassismus, Kolonialismus und Geschichtsvergessenheit. Ich werde hier nicht länger darüber schreiben – das habe ich bei der Debatte um die Restitution kolonialer Raubkunst wie bei anderen Gelegenheiten in den vergangenen 30 Jahren immer wieder explizit getan. Trotzdem jetzt und hier so viel: Ich bin es Leid! Ich möchte nicht mehr mit (weißen) Mittelstandsmitbürger*innen darüber diskutieren müssen, ob und wie sie auf diesem Planeten insgesamt und in dieser Republik im Speziellen, an der Uni und auf dem Arbeitsmarkt, in Polizeikontrollen und an der Clubtür privilegiert sind. Das gilt für Männer und in diesem Punkt übrigens auch für Frauen (wo es für Frauen in der Kultur gar nicht gilt, belegt diese neue Studie von Gabi Schulz für den Deutschen Kulturrat).

Nein, keiner von uns ist perfekt im Umgang mit anderen oder wird es je sein. Wir alle haben in unserem Leben mal jemanden – bewusst oder unbewusst – zum Opfer eigener Privilegiertheit gemacht; und das sogar dann, wenn wir selber zu einer diskriminierten Gruppe gehör(t)en. Als Arbeiterkind ostpreußischer Vertriebener, mit blauen Augen, blonden Haaren und einem polnischen Nachnamen, kann ich bestenfalls ahnen, wie sich das anfühlt. Aber ich erlebe es eben nicht mal annähernd  – anders als die tamilischen Kioskbetreiber*innen am Ende meiner Straße, viele kurdische Bekannten aus 30 Jahren Nachtleben oder Horst Wegener aus meinem alten Kiez. Von den arabischen und afrikanischen Flüchtlingen in der Stadt und auf dem Land mal ganz zu schweigen.

Trommelwirbel statt Paukenschlag

Eine Welt ohne Asymmetrien bei der Verteilung von Chancen, Macht und Einfluss bleibt erstrebenswert – auch wenn sie in letzter Konsequenz praktisch unerreichbar sein könnte. Und, ja, „auch lesbische schwarze Behinderte können ätzend sein“, wie Funny van Dannen vor langer Zeit mal textete (hier in der Version der Toten Hosen; selbst weiße Männer, genau darum geht es ja). Aber das ändert nichts daran, dass lesbische schwarze Behinderte in Deutschland wie den USA, in Polen oder Frankreich regelmäßig Opfer gleich mehrfacher Diskriminierung sind. Und diese für Menschen wachen Auges jeglicher Herkunft und jeden Geschlechts unübersehbare Tatsache möchte ich eben nicht mehr diskutieren (müssen). Ich diskutiere ja auch nicht, ob Regen nass ist – er ist nass, und alle wissen es. Punkt!

Es muss endlich mehr passieren. Statt weiterhin ebenso lähmende wie überflüssige Rückzugsdebatten zu führen, müssen wir ernsthaft darüber reden, wie wir in diesem Einwanderungsland Augenhöhe für alle schaffen und Respektlosigkeit wie mangelnde Wertschätzung im persönlichen wie im gesellschaftlichen Leben sukzessive auf letzte, eventuell unvermeidliche Reste individueller persönlicher Unzulänglichkeit reduzieren. Das ist sicher nicht mit einem Paukenschlag zu erledigen, so laut er immer sein mag. Aber anschwellender Trommelwirbel macht irgendwann eh mehr Lärm – und währt auch viel länger. Überfällig ist er allemal!

… und sonst:

Empfehlung 1! Morgen, Mittwoch, spreche ich ab 20 Uhr 20 bei 20-20.live eine Stunde lang mit NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen: Wer kriegt die 185 Millionen aus dem Hilfspaket? Wie sollen Künstler*innen, Clubs und Konzerthallen überleben? Was ist an Kultur eigentlich relevant? Welche Lehren zieht sie aus der Krise – und welche Ausstellung empfiehlt sie für den Sommer? Eine Stunde Kultur, Politik und Kulturpolitik. Kann man auch später noch im Netzt angucken – aber dann auch machen!

Empfehlung 2! Max Weber kennen und verstehen lernen – die Uni Heidelberg hilft mit einer Reihe auf- wie ausgezeichneter Vorträge und Debatten anlässlich seines 100. Todestages

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