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der kulturpolitische reporter
Tweets von kupore
Ein ganz Kurzer …
… man muss nicht glauben können, um zu staunen.
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Drei Kurze: Offene Welten, vollere Kassen und bessere Menschen
- Geht doch: Kultur öffnet Welten
- Geht auch: Mehr Geld für Kultur in Berlin
- Geht das? Turner-Prize für Architekten
Muss man denn immer erst schimpfen? Erst vorige Woche stand hier die Frage nach dem Fortgang des konzertierten Großprojekts aller staatlichen Ebenen Kultur öffnet Welten. Schwupps … wird heute der Start bekanntgegeben und die Homepage freigeschaltet. Nein, das lag selbstverständlich nicht an dem enormen Entscheidungsdruck, der durch diesen Newsletter erzeugt wurde, sondern schlicht an fehlenden Beschlüssen der Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) und der Zustimmung der Kulturstaatsministerin. Nun sind wir gespannt, was die versprochene Vermittlungs-Offensive Ende Mai bringen wird.
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Was ein Weh und Ach, als der doofe, doofe Wowi den noch viel dooferen Tim Renner zum Kulturstaatssekretär in Berlin gemacht hat. Wenn man die Kritik an der umstrittensten Kultur-Personalie des vergangenen Jahres mal kaum überspitzt zusammenfasst, wurde da ein quotengeiler, neoliberaler Verflachungslude aus dem Kulturwirtschaftsrotlichtmilieu ins bis dato unbefleckte Amt der Förderempfängnis gesetzt – iiih, bah. Und Renner gab dem Klischeeaffen auch gleich mal Zucker, als er in seiner quasi ersten Amtshandlung mit Frank Castorf prompt einem der beiden Säulenheiligen der lokalen Weltrettungsstaatstheatermentalität den baldigen Ruhestand ankündigte. Mittlerweile wird aber nicht nur der weltweit begehrte, in Berlin allerdings plötzlich als „erfolgreicher Kulturmanager“ geschmähte Chris Dercon nächster Intendant der Volksbühne – und ihr Etat gleich kräftig mit erhöht -, sondern der Kulturhaushalt der Stadt erfährt insgesamt eine lang nicht mehr gesehene Aufstockung im zweistelligen Prozentbereich, auf mehr als eine halbe Milliarde Euro; die Freie Szene kriegt davon nicht wie sonst üblich bloß fünf- oder sechsstellige Brosamen, sondern gleich ein paar Millionen mehr. Ich bin wirklich sehr gespannt, mit welchem Kniff die Propaganda der hauptstädtischen Kultur-Kamarilla diesen – von ihr selbst lang herbeigesehnten – Erfolg in einen weiteren Malus für Renner umdeuten wird. Oder ob jetzt vielleicht einfach mal Ruhe ist. Wenigstens kurz …
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Zum Berliner Affront passt ganz gut noch ein anderer, und zwar aus London: Den Turner Prize 2015 bekommt … ein Architekten-Kollektiv. Ja, ein paar Künstler gehören auch zu Assemble, aber im Kern sind es eben Menschen, die vor allem Häuser und Siedlungen entwerfen und gestalten und sogar selber (mit)bauen, damit am Ende – Spitze des Eisberges – ganz normale Leute darin wohnen. Diese Leute sind dann auch noch arm oder bildungsfern oder kulturfern oder alles auf einmal. Verrückte Sache, das. Und schon deshalb sympathisch, weil auch hier der Aufschrei sofort groß war: „Ist das überhaupt Kunst?“ Womit ein wichtiges Kunst-Kriterium ja schon mal gleich erfüllt wurde: Reibungsfläche bieten. Trotzdem birgt die Entscheidung zugegebenermaßen Tücken: Nicht nur in den Reihen der deutschen Sozialdemokratie ist – durch die Flüchtlings-Frage verstärkt – die Tendenz wachsend, Kunst und Kultur neben ihrem ästhetischen, diskursiven und Unterhaltungs-Wert schnell auch noch ein paar „echte“ Funktionen im Gesellschaftsgetriebe zuzuweisen, irgendwo zwischen Integrationsprojekt und pädagogischer Anstalt. Das wird sich auf Dauer ebenso bitter rächen wie die Bildungsreformen der letzten Jahrzehnte. Die haben zwar für mehr Abiturient*innen und Student*innen gesorgt, aber nicht unbedingt für mehr gut ausgebildete junge Menschen – denn das sind zwei sehr verschiedene Paar Schuhe. Ob also mehr Arte Útil im Sinne Tania Brugueras tatsächlich für mehr Kunst, mehr Kunstinteressierte und damit automatisch für insgesamt bessere Menschen sorgen wird? … Schönes Wochenende!
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Foto: (c) Assemble
Veröffentlicht unter Drei Kurze
Verschlagwortet mit Berlin, Freie Szene, Kulturelle Bildung, Kulturhaushalt, Nützliche Kunst, Turner Prize
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Drei Kurze: Filmförderfragen, hässliche Häuser und das Erbe der Schützen
- Rößner ärgert Grütters – Grüne Medienfrau nervt schwarze Kulturfrau mit Filmfragen
- „Hässlich“ ist kein Kriterium – Ruhr-Uni unter Denkmalschutz
- Anders aufbewahren: Schützenwesen ist Kulturerbe
Herzlichen Glückwunsch, Tabea Rößner! Ich gratuliere Ihnen allerdings nur in zweiter Linie zum 49. Geburtstag, den Sie heute feiern; in erster Linie muss ich Sie zur Drucksache 18/6729 beglückwünschen. In diesem Papier beantwortet die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, also die Kulturstaatsministerin, also Monika Grütters, Ihre Kleine Anfrage mit dem unscheinbaren Titel „Nachhaltigkeit, Effizienz und Gerechtigkeit in der Filmförderung“ im Deutschen Bundestag. Das ist ein wirklich erstaunliches Dokument. Wie die Filmförderanstalt (FFA), der Deutsche Filmförderfond (DFFF) und der/die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) in den letzten zwei Jahrzehnten mit den Themen Effektivität und Nachhaltigkeit in der Filmförderung sowie den Fragen der Geschlechtergerechtigkeit darin umgegangen zu sein scheinen, ist ausweislich ihrer eigenen Auskünfte mindestens bemerkenswert. Ich will das hier nicht detailliert wiedergeben, zusammenfassend lässt sich sagen: Nix genaues weiß man nicht. Vollends schlägt dem Fass allerdings erst der Umstand den Boden aus, dass sich die FFA offenbar außerstande sieht, für mehr als zwei Jahre rückwirkend nachzuvollziehen, in welcher Verteilung die Empfänger*innen von Drehbuchförderungen männlich oder weiblich waren. Das ist natürlich Quatsch, und es zeigt, wes Geistes Kind die Verantwortlichen dieser Institution sind. Wer ist da noch mal gleich Präsident? Hier, der Dings, warte, wie heißt er denn noch … ach so, ja: Bernd Neumann. Das ist der Vorgänger von Frau Grütters als Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien. Und Nestor der Filmförderung des Bundes nach heutigem Zuschnitt. Ach so. Na, dann …
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Ganz großes Tennis gibt’s unter anderem gerade auch wieder in Bochum zu beobachten: Die Denkmalpfleger des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe haben die wirklich schrecklich hässliche Ruhr-Universität unter Denkmalschutz gestellt. Allerdings ausdrücklich nicht wegen Ihrer ausnehmenden Hässlichkeit – hatte ich die eigentlich schon erwähnt? – sondern wegen ihrer exemplarischen Hässlichk… nee, halt, hier steht: wegen der „hervorragenden Architektur“. Merke, Sterblicher, der du vergänglicher bist als der Beton der 60er und 70er: Hässlichkeit ist kein Kriterium! Sonst wären Nacktmulle und Grottenolme schon lange ausgestorben, doch stattdessen sind sie sogar besonders geschützt – so wie jetzt auch die Ruhr-Uni (der passt das übrigens gar nicht, weil sie da Angst haben, dass die Sanierung jetzt teurer wird. Aber das ist im wahren Sinne des Wortes eine ganz andere Baustelle …)
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Zum Schluss für heute eine ambivalente Nachricht zu einem sowieso heiklen Thema: Waffenbesitz. Die Kultusministerkonferenz der Länder und Kulturstaatsministerin Monika Grütters sind Ende der Woche einer Empfehlung der Deutschen UNESCO-Kommission gefolgt und haben sieben weitere Kulturformen in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen (so heißt das korrekt). Darunter ist auch und zur besonderen Freude vor allem der Freunde gepflegten Kampftrinkens und Rumballerns in Nordrhein-Westfalen: Das Schützenwesen. Aber halt! Das ist – zugunsten einer arg billigen Pointe – natürlich sehr verkürzt dargestellt. Tatsächlich ist das Schützenwesen ein Jahrhunderte altes Brauchtum. Es fußt in der ehedem nötigen Selbstverteidigung vieler Städte und Gemeinden in Ermangelung eines wehrhaften wie –willigen Lehns- oder Landesherrn (Frauen durften damals noch nicht – Rößner, übernehmen Sie!). Mit anderen Worten: Das Schützenwesen ist der tradierte und in aller Regel auch kulturell sublimierte Ausdruck bürgerlicher Freiheit und und kommunaler Selbstverwaltung. So sieht’s aus! Das ändert allerdings nichts daran, dass in Deutschland – die bislang glücklicherweise sehr wenigen – Amokläufer meist aus dem Umfeld von Schützen stammten und dort auch ihre Waffen her hatten. Watt lernt uns datt? Alles hat zwei Seiten. Allerdings: Meist wird nicht mal eine davon auch Kulturerbe.
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Foto: (c) Ruhr-Universität
Veröffentlicht unter Drei Kurze
Verschlagwortet mit Bundestag, Denkmalschutz, Filmförderung, Immaterielles Kulturerbe
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