Elf Kurze nach der Winterpause

der kulturpolitische reporter hat den Januar zum Durchschnaufen benutzt. Die ersten Wochen des Jahres waren newsmäßig ja ruhig, aber jetzt … Deshalb statt des üblichen Dreiers heute ein saisonal passender Elferrat.

  • Bochum statt Gent
    Ruhrtriennale-Intendant Johan Simons bleibt im Revier und wird Schauspielchef in Bochum. Doppelt interessante Wendung: Erstens hatte noch letzte Woche das dortige Ensemble die verschleppte Nachfolge für Anselm Weber beklagt. Und zweitens wird Simons dann wohl auch nicht wie geplant nach den turnusgemäßen drei Triennale-Jahren zu seinen Anfängen in Gent zurückkehren („Die geben mir bis 2017 frei„)
  • Ebookpreisbindung auf dem Weg
    Am Mittwoch hat das Bundeskabinett den Gesetzentwurf gebilligt, um künftig auch Ebooks preisgebunden zu halten. Das eigentliche Problem ist wohl nur vertagt: In der Musikbranche, dem digitalen Vorreitermarkt der Kulturwirtschaft, wird nicht mehr gekauft, sondern gestreamt. Für analoge Buchangebote – Miete, Leihe, gibt’s alles schon – gilt die Preisbindung aber nicht.
  • NRW-Erfolg beim Sundance-Festival
    Gerd Haag, Filmproduzent und Professor an der internationalen filmschule Köln, hat für den iranischen Streifen „Sonita“ beim größten Independent Filmfestival der USA in Sundance zwei Auszeichnungen ergattert: Den Preis der Grand Jury und einen Audience Award
  • Sonderregelung zum Arbeitslosengeld verlängert
    Die Bundesregierung hat wieder keine echte Entscheidung getroffen und stattdessen zum wiederholten Mal die Regelung für überwiegend kurz befristet Beschäftigte verlängert (Details hier). Bis Juli 2018 können so auch viele im Kulturbereich unter bestimmten Bedingungen doch ALG I Ob eine neue Regierung (Wahlen 2017) das endlich löst?
  • Städte machen Musik
    Lesenswerter Artikel von Ian Wylie über den Einfluss von Städten auf ihre Musikszene. Nicht, dass jemand eine neue Mauer bauen sollte, um Platten wie Bowies „Heroes“ zu provozieren – aber für mögliche Förderschwerpunkte gar nicht uninteressant.
  • Baukunstarchiv NRW kommt
    Letzte Woche haben die vier Gesellschafter den Vertrag unterzeichnet, 2018 soll es im ehemaligen Museum am Ostwall in Dortmund öffnen.
  • Gedächtnis des Freien Theaters
    Noch ’n Archiv: Die stets rührige Uni Hildesheim koordiniert ein Projekt vieler Stakeholder, um mittelfristig ein Archiv des Freien Theaters zu schaffen. Beginnt mit Vorstudien und einem Call for Papers, im doppelten Wortsinne. Ordnung ist das halbe Leben …
  • Landesstelle für Immaterielles Kulturerbe
    Wie man auf die Liste kommt, und was nach der Aufnahme möglich ist: An der Paderborner Uni werden ab Montag Kandidaten und Verzeichnete im Auftrag des Landes beraten
  • „Transparenz durch Abgeordnete“
    Schöner Twist des Deutschen Kulturrats in der TTIP-Debatte: Der jetzt eingerichtete Dokumenten-Leseraum für Parlamentarier im Bundeswirtschaftsministerium gebe ihnen die Verantwortung, mehr Transparenz im Verfahren herzustellen, schreibt Kulturrats-Geschäftführer Olaf Zimmermann in einer Pressemitteilung. Für diesen Schwarzen Peter werden sich die MdBs vor allem der Großen Koalition bestimmt noch persönlich bei ihm bedanken
  • Ein EU-Doppel: Das eigentlich alle zwei Jahre im herbst stattfindende European Culture Forum wurde nach den Pariser Anschlägen im letzten November wegen des Ausnahmezustands in Brüssel verschoben. Neuer Termin ist jetzt der 19./20. April (bin ich im Urlaub, so ’n Mist). Auch interessant übrigens: Das Kulturprogramm der Niederländer im Rahmen ihrer aktuellen EU-Präsidentschaft.
  • Zuletzt: Heute vor 100 Jahren ging das Cabaret Voltaire in Zürich an den Start und damit DADA! Eigentlich alle Kulturwellen und Feuilletons fahren dazu ganz groß auf.

Foto: film still from „Sonita“ (c) Sundance Film Festival

Veröffentlicht unter Drei Kurze | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

In eigener Sache: Die innere Pressefreiheit

Eine freie Kollegin aus dem WDR-Studio in Aachen hat in einer niederländischen Rundfunksendung behauptet, es habe im Sender Anweisungen gegeben, in der Flüchtlingsfrage tendenziell „pro Regierung“ zu berichten. Außerdem hat sie von Gremien und Ausschüssen, man muss wohl sagen: gefaselt, die angeblich solche Festlegungen für alle träfen. Als langjähriger Mitarbeiter des Westdeutschen Rundfunks kann ich dazu nicht einfach nichts sagen. Also:

Ich habe in den vergangenen 18 Jahren für fünf der sechs Hörfunkwellen des WDR in unterschiedlichsten Funktionen und Vertragsverhältnissen gearbeitet. Frei, festangestellt, ausgeliehen. Ich war Wort- und Musikredakteur, Teamleiter und Redakteur vom Dienst, einen Sommer lang im ARD-Hauptstadtstudio. Ich habe ein junges Kulturradio im Netz verantwortet und 2005 als Autor den ersten WDR-Programmbericht verfasst. Heute berichte ich als kulturpolitischer reporter neben anderen Medien auch für den WDR-Hörfunk; gelegentlich moderiere ich die Sendung „Forum“ auf WDR 3 und auch den Dialog der Intendanz mit dem NRW-Kulturrat. Ich bin in der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal zu einer bestimmten inhaltlichen Ausrichtung der Berichterstattung angewiesen worden, nicht mal zwischen den Zeilen eines Gesprächs mit Vorgesetzten oder Auftraggebern.

Es ist hingegen nicht das erste Mal, dass ich – feste wie freie – Mitarbeiter*innen des Hauses medienpolitischen Unsinn verzapfen höre oder lese, auch öffentlich. Das liegt nach meiner Erfahrung und Einschätzung maßgeblich daran, dass viele Journalist*innen selbst nicht richtig verstehen, wie die ganze Branche oder auch nur ihre eigenen Häuser funktionieren. Und in der Tat: Welche Aufgaben und Kompetenzen Rundfunk- und Verwaltungsräte haben, was Programmausschüsse so machen, das ist nicht mal eben in anderthalb Sätzen erklärt. Den Horizont von Journalist*innen darf es allerdings nicht übersteigen; und regelmäßige, gar langjährige Mitarbeiter*innen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks müssen nach meinem Dafürhalten sogar unbedingt die Struktur ihrer Organisation kennen. Leider ist das oft nicht der Fall.

Und so sitzt dann irgendwann jemand mit dem Label „WDR“ im Namensschild, jedoch ohne offiziellen Auftrag zur Vertretung des Senders auf einem Podium, die oder der z.B. die Unterscheidung zwischen „Regierung“, „öffentlicher Meinung“ und „öffentlicher Sache“ trotz der Selbstzurechnung zu den Spracharbeitern nur eingeschränkt oder eben gar nicht leisten kann. Diesen intellektuellen Totalausfall werden nun viele Kolleginnen und Kollegen vor Ort, in den Redaktionen, aber auch in den Führungsetagen ausbaden müssen; dass Claudia Zimmermann sich mittlerweile selbst bezichtigt, „Unsinn geredet“ und „Quatsch verzapft“ zu haben, macht im Übrigen nichts besser, eher im Gegenteil:
Jeder auch nur durchschnittlich vernunftbegabte Beobachter fragt sich natürlich, warum die Frau gestern „Hü“ und heute – zufällig auch noch direkt nach „einem Gespräch mit dem Sender“ – plötzlich „Hott“ sagt, und zwar in einem zentralen Punkt des journalistischen Selbstverständnisses, ergo Berufsethos‘. Für die eher unterdurchschnittlich Vernunftbegabten aus der „Lügenpresse“-Fraktion hingegen ist das alles natürlich frisches Wasser auf ihre Mühlen. Wobei ich allerdings zunehmend den Eindruck gewinne, dass es sich bei diesen Mühlen um das erste echte Perpetuum mobilé handelt – ihre Räder drehen sich nämlich auch ganz ohne Wasser.

Mich wird es nur ganz vielleicht, Kolleg*innen in politisch sensibleren Themenfeldern und Kontakten aber ganz bestimmt mitunter Jahre kosten, das oft genug sowieso schon nur sehr mühsam aufgebaute Vertrauen wieder herzustellen. Ganz ausnahmsweise ist diese Anstrengung aber sogar für aufrechte und professionelle Journalist*innen tatsächlich mal: alternativlos!

Veröffentlicht unter Beobachtungen | 6 Kommentare

Frohes Neues, Kulturpolitik!

Neujahr in Deutschlands Mitte, bei Sonnenschein und 12 Grad. Der Laie staunt, der Fachmann wundert sich: Klimawandel, Lauf der Dinge, Zufall? Ach … man weiß so wenig.

Das gilt auch für die Kulturpolitik: Was bringt das alles mit der Kulturellen Bildung, der Interkultur, dem Audience Development – bessere Menschen und eine friedlichere Gesellschaft oder doch nur mehr Spillover der Kulturwirtschaft und höhere Eigeneinnahmen der Institutionen? In Zeiten algorithmischer Lebensplanung und Big Data for Global Markets and Governance ist die kulturwissenschaftliche Faktenlage weiterhin eher … dürftig.

Dabei hatten CDU und SPD im Bund sich die „verstärkte Kulturpolitikforschung“ 2013 sogar in den Koalitionsvertrag geschrieben. Seitdem hat die GroKo es aber nicht nur geschafft, diese Vereinbarung ganze drei Haushalte lang einfach zu ignorieren, sondern sogar, die bisher immer alle zwei Jahre erschienene Kulturfinanzstatistik zum ersten Mal überhaupt um gleich ganze zwölf Monate zu verschludern. Als sie dann doch kam – im vergangenen August – musste man mal wieder feststellen: Nix Genaues weiß man nicht. Die letzten sicheren Zahlen waren aus buchhalterischen Gründen schon vier Jahre alt, außerdem verstehen bis heute einzelne Bundesländer unter „Kulturausgaben“ weiterhin recht verschiedene Dinge, nicht nur beim Denkmalschutz. Im Koalitionsvertrag ist die „gegebenenfalls gesetzlich zu sichernde Kulturstatistik“ übrigens ebenfalls ausdrücklich erwähnt. Ach …

Wenn so Verkehrs- oder Energie-, geschweige denn Finanzpolitik betrieben würde, wäre nicht nur das Geschrei in allen Medien groß, sondern es gäbe längst Untersuchungsausschüsse und Frank Weise hätte noch ein zusätzliches Amt übernommen. Aber bei der Kultur?

Dabei ist sie doch, was uns ausmacht: Menschen, Europäer*innen, Deutsche, Rheinländerinnen und Westfalen, wir alle sind nur erkennbar durch unsere gemeinsame Kultur und ihre Unterschiede. Kulturpolitik ist also jener Teil der öffentlichen Sache, der Identität und Heimat bestimmt, den Spirit wie die intellektuelle Kraft dieses Landes, nicht zuletzt auch unsere Anziehungs- und unsere Integrationskraft für Zuwanderer.

Monika Grütters und auch Christina Kampmann muss man das nicht groß erklären, bei Horst Seehofer und Hannelore Kraft hingegen sind vermutlich selbst größte Anstrengungen vergebens, trotz Konzertsaal dort und Tanzzentrum hier. Doch bei den vielen Wählern und Entscheidern zwischen diesen Extremen, da geht was, da könnte zumindest was gehen, umso mehr mit ein paar handfesten Argumenten.

Vielleicht kriegt die Kulturpolitik im Bund ja in 2016 endlich die Kurve zu mehr Konzept und Strategie auf Grundlage harter Fakten. Einen Anfang könnte die Lektüre von Patrick Föhls brandneuem „Handbuch Kulturpublikum“ sein (Rezension bald hier). Und der Fachverband Kulturmanagement wird sich auf seiner Jahrestagung Mitte Januar in Winterthur ebenfalls ausschließlich mit der „Evaluation im Kulturbereich“ befassen.

Natürlich warten noch ein paar andere Themenklötze auf uns in 2016: Urheberrecht, Kulturgutschutz, Digitalisierung. Doch auch dort lauert die größte Gefahr jeweils beim Stochern im Nebel: Auf großer Fahrt und hoher See braucht es halt ein vernünftiges Radar und aktuelle Karten. Jetzt!

Auf ein – frohes – Neues, Kulturpolitik!

Veröffentlicht unter Beobachtungen | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen