Zur Kenntnis …

Tempus fugit … heute mal wieder in doppelter Hinsicht: Zunächst beim Humboldt Forum, das sich weder Humboldtforum noch Humboldt-Forum schreibt. Optisch nachvollziehbar, globalsprachlich auch, im Deutschen hingegen … Schwamm drüber. Viel bemerkenswerter ist die Tatsache, dass seit gefühlt zehn Jahren in JEDEM deutschen Feuilleton das wahlweise fehlende, mangelhafte, auf alle Fälle aber untaugliche Konzept für die Mega-Institution beklagt wird. Oder besser: wurde. Bis vorgestern nämlich. Da hat das Intendantentrio MacGregor-Parzinger-Bredekamp (auch ein schöner Name für ’ne Jazz-Combo, by the way) zusammen mit Kulturstaatsminsterin Grütters nämlich sein finales Konzept vorgestellt. Und von Stund‘ an erscholl landauf, landab ein Gesäusel, Geflöte und Geklingel, dass es dem Herrn eine reine Freude und Wohltat war – ohne dass sich an den bisherigen Plänen groß was geändert hätte (bis auf den Freien Eintritt, um den es aber nie ging). Man fasst es manchmal nicht …
Im Übrigen auch nicht, wie die Zeit überhaupt vergeht, ganz ohne sich zu wandeln (fast, jedenfalls). Da ich beinahe den ganzen Oktober von Sizilien und Malta bezaubert wurde, gibt es leider erst heute eine kleine Auswahl kulturpolitischer Nachrichten aus den vergangenen Wochen, die manche vielleicht ja bereits vollumfänglich, viele aber wohl höchstens ausschnittweise und wenige sogar bis heute gar nicht erreicht haben mögen. Voilá!
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Foto: © Humboldt Forum Kultur GmbH / David von Becker
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Schwierige Zukunfts-Debatten alter Führungs-Kräfte

Auf Malta findet zurzeit die Weltkonferenz der Kulturförderung statt. Sie beschäftigt sich mit dem Führungsanspruch der Kultur in der Gesellschaft, leidet aber unter einer personellen und dadurch thematischen Unwucht.

„Weltgipfel zu Kunst und Kultur“, das wäre eine einigermaßen korrekte Übersetzung: „World Summit on Arts and Culture“ heißt die Veranstaltung im englischen Original, die noch bis Freitagmittag in Valletta stattfindet, der Hauptstadt des kleinsten EU-Mitgliedsstaates Malta. 400 Teilnehmer aus 80 Staaten waren angekündigt, vermutlich sind etwa 300 aus vielleicht 60 Ländern tatsächlich hier. Viele von ihnen, vor allem aus Afrika, mussten wegen massiver Visa-Probleme kurzfristig absagen, darunter namhafte Referenten aus Regierungskreisen.

Sicher ist dieser Umstand nicht ganz unschuldig an einer leichten atmosphärischen Störung im Konferenzklima. „Cultural Leadership in the 21st Century“ lautet das Thema des diesjährigen World Summit. Und die bisherigen „Cultural Leader“ im weltweiten Wettbewerb um Einfluss und Märkte sind auch hier ganz schön dominant: Die USA, Canada und Australien, Indien Japan, China, Singapur, fast alle EU-Staaten, weitere Europäer. Sie stellen die erdrückende Mehrheit der Teilnehmer.

So hatten sich die Veranstalter bei der International Federation of Arts Councils and Culture Agencies (IFACCA) das allerdings nicht gedacht. Es sollte bei  „Cultural Leadership“ nämlich um die weltweite Vorbild- und Führungsfunktion gehen, die Kunst und Kultur überall haben könnten oder gar müssten, während Globalisierung, Digitalisierung und Verstädterung unaufhaltsam voranschreiten. Das erhoffen sich viele Akteure in der internationalen Politik umso mehr in den Schwellen- und Entwicklungsländern, sogar in den Krisen- und Kriegsgebieten.

Gerade hier soll der Kulturbereich Vielfalt vorleben, das einander Verstehen lernen durch künstlerischen Ausdruck, das einander Aushalten und miteinander Aushandeln der unterschiedlichen Interessen durch den Respekt für die Kultur des oder der jeweils anderen. Dazu gehört notwendigerweise der Austausch, die Auseinandersetzung und gelegentlich eben auch mal ein Streit zwischen Künstler*innen, Kulturpolitiker*innen und Bürokrat*innen auf internationaler Ebene.

Themen und Anlässe gibt es zuhauf. Zum Beispiel, wenn in einer Debatte über den Freihandel  (TTIP, CETA, TPP, TISA etc.) der Vertreter einer Kulturinitiative aus Zimbabwe beklagt, dass der Austausch zwischen Nord- und Südhalbkugel trotz guter Absichten auf allen Seiten weiter sehr einseitig sei: Institute Francais, British Arts Council und auch das Goethe Institut würden mit – vergleichsweise – großen Summen ein internationales PR-Netzwerk der europäischen Kultur unterhalten, während aus den meisten Ländern des Südens (der Begriff „cultural south“ ist in den Debatten ganz selbstverständlich) Künstler*innen höchstens mal als exotisches Beiwerk zu Festivals in der Ersten Welt eingeladen würden.

Einen Zugang zu den internationalen Mainstreammärkten gebe es aber trotz der UNESCO-Konvention zur Kulturellen Vielfalt von 2005 und den vielgepriesenen Segnungen des Internets für afrikanischer Musiker, Filmschaffende oder Literatinnen nicht wirklich. Keiner der 40 Workshop-Teilnehmer widerspricht diesen Aussagen – weil alle wissen, dass der Mann im Prinzip Recht hat. Doch dann kommt, zunächst schleppend, ein Gespräch in Gang: Über die ungenutzten Möglichkeiten, Optionen internationaler Vereinbarungen, zu schlecht genutzte Verpflichtungen völkerrechtlicher Verträge und zivilgesellschaftlichen Druck. Wie groß und mächtig der werden könne, sehe man ja jetzt wieder beim Thema TTIP, merkte Christine Merkel an, Kulturchefin der Deutschen UNESCO-Kommission.

In Debatten wie diesen fallen nicht immer nur freundliche Worte zwischen Süden und Norden, Christen und Muslimen, Weißen und Farbigen. Gerade deshalb sind sie aber interkulturelle Verständigung im allerbesten Sinne. Und die muss zuerst immer zwischen den Bemühten und Wohlmeinenden eingeübt werden, bevor die dann auch in anderen, konfrontativen, mitunter aggressiven Situationen bestehen können.

Die Syrerin Rana Yazaji von der Arab Culture Policy Group ist jetzt seit vier Jahren im Exil. Sie findet mal in Ägypten, mal in Tunesien Unterschlupf an Universitäten, wo sie ihre Arbeit fortsetzen kann. Sie führt die Krise des Nahen Ostens vor allem auf eine Schwäche der Zivilgesellschaft zurück: Ohne starke Vereine und Verbände, breite bürgerschaftlichen Bünde als Gegengewicht zu einem oft autoritären Staat und mächtiger Wirtschaft gibt es eben kein starkes gesellschaftliches Netzwerk und keine gemeinsamen Werte, die eine Gesellschaft in Krisenzeiten trotzdem zusammen halten. Ihr ist vollkommen klar, dass der Aufbau solcher Strukturen in einem wann auch immer wieder friedlichen Syrien Jahrzehnte brauchen wird:“It takes a decade, maybe more of them“. Aber sie ist überzeugt: Wenn sie und ihre Mitstreiter das nicht jetzt vorbereiten, geht auch der nächste Versuch wieder schief, einen dauerhaften kulturellen und damit gesellschaftlichen Frieden in ihrer Heimatregion zu finden: „We will be prepared!“

Ich habe Rana hier in Malta zum dritten Mal in zwei Jahren getroffen. Sie beginnt jedes Gespräch mit der Warnung, dass sie leider wirklich nicht viel Positives und Ermutigendes zu erzählen habe. Aber jedes Mal kommt sie mir dabei stärker vor. Ich bin voller Bewunderung für diese im Übrigen auch mutige Frau, denn sie wird offenbar selbst im Exil noch auf diese oder jene Art und Weise vom Assad-Regime drangsaliert.

Menschen wie sie machen aus „Kultur“ tatsächlich „Cultural Leadership“. Dazu muss man aber überhaupt aufeinander treffen. Das ist beim World Summit on Arts and Culture des Jahres 2016 leider nicht wie geplant möglich. Deshalb dominieren hier von wenigen Ausnahmen abgesehen wieder jene die Debatte, die vom Rest der Welt schon viel zu lange als Cultural Leader wahrgenommen werden: 98 Prozent der weltweit gehandelten Kulturgüter  – Musik, Literatur, Film vor allem – stammen aus den Ländern der ersten Welt. Vermutlich ist das kein wirklich gutes Konzept für „Cultural Leadership in the 21st Century“.

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National bedeutsames Gerede

Es soll jetzt doch besser mal klar gestellt sein, bevor noch ein nationales Unglück geschieht. Und es wird vor allem meinen Wuppertaler Mitbürger*innen nicht gefallen, an ihrer Spitze der hoch geschätzten Kollegin Anne Linsel. Aber es hilft ja alles nichts: Pina Bausch ist – leider – kein „Nationales Kulturerbe“.
Dieser Titel taucht immer wieder in Berichten über das Tanztheater auf, zuletzt in einem Artikel Linsels in der Süddeutschen Zeitung. Dort wird behauptet, die nationale Erbe-Weihe sei mit dem Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung im Jahr 2013 erfolgt. Das ist falsch. Vielmehr steht auf Seite 128 der Vereinbarung, dass der Bund „national bedeutsame Kultureinrichtungen“ fördert und einen Absatz später, dass eine solche Förderung für vier neue Orte „geprüft“ werden solle. Die ersten beiden sind das Deutsche Romantik Museum in Frankfurt (das es vorher nicht gab, Spatenstich war im Frühjahr 2016) und das Residenzschloss in Dresden (alt, in diesem Zusammenhang aber vor allem wichtig, weil im Osten). Danach wird dann NRW bedacht, und zwar sogar gleich zweimal: Mit der Abtei Brauweiler und eben dem „Internationalen Tanzzentrum Pina Bausch“.
In Brauweiler geht es bei der Erweiterung des dortigen Archivs für Künstlernachlässe um ein sogenanntes Schaumagazin. Damit löste die CDU etwas verspätet eine Schuld bei ihrem bereits 2010 abgewählten früheren nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers ein. Der kommt nämlich zufällig aus Pulheim, wo auch die wunderschöne Abtei Brauweiler steht. Zum tieferen Verständnis muss man wissen: In den Koalitionsverhandlungen 2013 war der heutige Bundestagspräsident Norbert Lammert aus Bochum, also aus NRW, für die Union tonangebend. Im Gegenzug „für dem Rüttgers sein Brauweiler“, wie der Wuppertaler Johannes Rau das genannt hätte, unterstützte Lammert dann auch einen Herzenswunsch der nordrhein-westfälischen Sozialdemokraten: Die Sanierung des Wuppertaler Schauspielhauses für das Archiv und die weiterhin existierende Compagnie der Tanztheaterlegende Pina Bausch.
Das fiel dem stets strategisch denkenden Lammert umso leichter, als mit Peter Hintze ein sehr prominenter und mit Jürgen Hardt ein zumindest semi-prominenter Unions-Abgeordneter dieses Ergebnis in ihrem Wahlkreis Wuppertal auch als CDU-Erfolge verkaufen konnten; außerdem war Wuppertal damals eine der letzten Großstädte im Westen, die von einem CDU-Oberbürgermeister regiert wurde, Peter Jung; der konnte wegen umstrittener Intendanzentscheidungen bei Theater und vor allem Oper gerade kulturpolitische Pluspunkte dringend brauchen.
„Nationales Kulturerbe“ – auch in der Variante „national bedeutsames Erbe“ – ist Pina Bausch dennoch nicht geworden, aus einem schlichten Grund: Den Titel gibt es überhaupt nicht. Erstmals hatte sich Wuppertals Kämmerer Johannes Slawig zu dieser Formulierung im Zusammenhang mit der weltberühmten Choreografin verstiegen. Später hielt Kulturdezernent Matthias Nocke (beide CDU) daran fest. Als 2015 die Nachricht von der hohen Bundesförderung (28 Mio. Euro) für das Internationale Tanzzentrum im Bergischen eintraf, behauptete Nocke kühn: „Der Bund sieht in Pina Bausch und ihrem Werk ein nationales Kulturerbe“.
Hinter dieser Einschätzung steckt allerdings ein eher simples Missverständnis: Die Bundesregierung darf wegen der verfassungsgemäßen Kulturhoheit der Länder nur Projekte und Institutionen direkt fördern, die von nationaler Bedeutung sind (im Unterschied zu regionaler oder bloß lokaler). Deshalb steht das auch noch mal genauso im Koalitionsvertrag, siehe oben. Dass Pina Bauschs Arbeit von dieser Wichtigkeit und Tragweite ist, gilt als unstrittig. Nur zu einem „Nationalen Kulturerbe“ wird sie dadurch nicht … noch nicht? Monika Grütters, übernehmen Sie!
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