Sternbergs Vermächtnis

Man kann es eigentlich kaum glauben: Jahrein, jahraus forderten der Deutsche Kulturrat, der Kulturrat NRW und all ihre Einzelverbände, die Vertreter von Freier Szene und Soziokultur, von Theatern, Museen und Bibliotheken sowie prominente und weniger prominente Künstlerinnen und Künstler ein eigenes Kulturministerium. Sogar Journalist*innen verstiegen sich zu dieser Utopie. Und dann, schwupp, ausgerechnet unter Mitwirkung der FDP (sorry, Gerhart Baum – oder vielleicht doch sogar „Danke“?) passiert es: Ein Ministerium für Kultur und Wissenschaft in Nordrhein-Westfalen.

Dazu eine Ministerin, die kaum besser ausgesucht sein könnte. Isabel Pfeiffer-Poensgen (die sich selbst stets „IPP“ abkürzt) ist eine Frau mit Jahrzehnte langer Erfahrung im Kulturbereich, national wie international, mit ausgeprägt eigenen Vorstellungen von Rolle wie Funktion der Künste, der Kultur, des kulturellen Erbes und der Bildung. Zuletzt war sie 13 Jahre lang Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder. Ihr professionelles Profil ist wahrscheinlich bundesweit einmalig – eine Top-Besetzung.

Das muss natürlich alles nichts heißen. In Ministerämtern und am Ministerin-Sein kann man aus Gründen scheitern, die nichts mit der fachlichen Expertise zu tun haben. Pfeiffer-Poensgen ist – wiewohl in einem (Aachener !) CDU-Haushalt aufgewachsen – selbst parteilos. Das wird nicht ganz ungefährlich, zumal am Kabinettstisch einer Koalition mit nur einer Stimme Mehrheit im Parlament. Wir werden also erst im Laufe der kommenden Monate oder Jahre sehen, ob sie in der Regierung tatsächlich die starke Stimme für die Kultur sein kann und wird, die viele sich jetzt von ihrer Berufung erhoffen.

Solange wird die Kulturszene sich auf jeden Fall an der Reihenfolge im Titel des neuen Hauses laben: Es heißt tatsächlich „Ministerium für Kultur und Wissenschaft“. Das ist dem Vernehmen nach nicht nur dem Alphabet geschuldet, auch wenn es sich auf absehbare Zeit nicht in einer ähnlich verteilten Gewichtung der Mittel niederschlagen wird: 8,4 Milliarden Euro umfasst der Wissenschaftsetat des Landes in diesem Jahr, 201 Millionen sind für die Kultur eingeplant. Es kann ihrer Wertschätzung im Alltag einer von Geldverteilung bestimmten Ministerialbürokratie aber nur gut tun, wenn Sie am Eingangsschild, auf jedem Briefkopf und jeder Visitenkarte vorne steht.

Dass es so gekommen ist, muss man dem politischen Vermächtnis Thomas Sternbergs zurechnen, des langjährigen kulturpolitischen Sprechers der CDU im Landtag. Während es ihm – in seiner Eigenschaft als aktueller Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken – gestern Abend im „heute journal“ des ZDF düster dreinblickend schwerfiel, eine schlüssige Argumentation gegen die „Ehe für Alle“ zu entwickeln, war er in unserem nachmittäglichen Telefonat wie gewohnt präzise und vor allem in sehr gehobener Stimmung. Sternberg hat tatsächlich alles getan, um seiner Partei nach dem eigenen Abschied aus der Kulturpolitik ein mehr als ordentlich bestelltes Feld zu hinterlassen. Im Interesse der nordrhein-westfälischen Kulturlandschaft kann man sich nur wünschen, dass Union und FDP den bereiteten Boden nun gut pflegen.

Dann könnte die Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen für ihren Regierungschef Armin Laschet (aus Aachen!) nämlich eine reiche Ernte einfahren. Die gesellschaftliche Bedeutung von Kunst und Kulturleben im Land hat seine Amtsvorgängerin Hannelore Kraft in ihren sieben Jahren als Ministerpräsidentin nicht mal geahnt. Auch deshalb sitzt jetzt ein anderer auf Ihrem Stuhl – vielleicht hat der die Lektion ja verstanden.

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Zur Kenntnis … am 7. Juni

In Düsseldorf sprechen CDU und FDP zurzeit ganz intensiv über die nächste NRW-Landesregierung und Legislaturperiode; eine schwarz-gelbe Zusammenarbeit in den nächsten fünf Jahren ist ausgemachte Sache. Das Kulturkapitel des Koalitionsvertrages hatten die Unterhändler bereits in der vergangenen Woche fertig, seitdem achten Kulturpolitiker beider Parteien mit Argusaugen auf die Endverhandlungen in der Spitzenrunde. Wahrscheinlich wird die Kultur da gar nicht groß zum Thema, aber wie so oft werden in manchem Punkt die Finanzleute das letzte Wort haben. Also wird man erst ganz am Schluss wissen, wie gut der Fördertopf des Landes tatsächlich gefüllt ist, und wer den als Minister*in oder Staatssekretär*in verantwortet. Auch über die Rolle der Kultur am Kabinettstisch ist nämlich noch keine Entscheidung gefallen – und damit auch nicht über Namen. Heißeste Kandidat*innen der Gerüchteküche: LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Thale und Günter Winands, seit 2013 Abteilungsleiter für Kultur und Medien im Bundeskanzleramt und Stellvertreter von Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

Und sonst …

 

 

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Zur Kenntnis … am 16. Mai

Na endlich! 15 Thesen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt hat die Initiative Kulturelle Integration heute vorgestellt. Das ist ein sehr breites Bündnis zivilgesellschaftlicher, weltanschaulicher und staatlicher Organisationen und Institutionen, die eine ganz entscheidende Frage stellen: Wie wollen wir leben – in unserer Stadt, in unserer Region, in unserem Land, in Europa, auf der Welt?

Man kann es drehen und wenden wie man will: Das Ringen um die Antwort ist eine Kultur-Debatte! Nach jeder gängigen Definition ist die Art zu leben das, was wir als die „Kultur“ von Menschen bezeichnen. Und weil wir viele sind, in vielen Regionen, ist Kulturelle Vielfalt kein Hirngespinst oder utopisches Ideal, sondern schlicht Realität. Das gilt für die Verschiedenheit von Zulu und Inuit wie für die von Mecklenburgern und Rheinländern. Letztere ist je nach Perspektive manchmal sogar noch größer als erstere.

Genauso real wie die Vielfalt von Menschen ist ihre Beweglichkeit. Ob erzwungen oder freiwillig, die Welt der Flugzeuge, Schnellzüge und Schlauchboote im digitalen Informationszeitalter wird auf Dauer keine kulturelle Homogenität der Herkunft mehr kennen. Die existierte aber ja auch bisher schon bloß in einer idealisierten Vorstellungswelt – um nicht zu sagen: in der Phantasie. Das zeigt nicht allein, aber exemplarisch, der Blick auf die Wikinger-Siedlungen Schleswig-Holsteins oder den römischen Genpool der Kölner.

Wir werden diese Debatte also führen – und die wichtigste Erkenntnis daraus wird sein: Sie wird nicht enden. Nie! Unsere Gesellschaften werden einen permanenten Wandel erleben, nicht von heute auf Morgen, aber von einer zur anderen Generation, manchmal schneller, manchmal langsamer. Doch nie wird am Ende eines Lebens die Welt um einen herum noch die sein, in die man geboren wurde. Was trotzdem weiter gelten soll, was wir lernen müssen und was wir getrost vergessen können, das wird immer Gegenstand der Auseinandersetzung sein. Ein „Ende der Debatte“ ist per definitionem ausgeschlossen – gewöhnen wir uns und unsere Kinder, aber auch unsere Eltern daran. Es wird gelingen!

Und sonst …

Zu vorletzt: Nein, ich habe die Landtagswahl in NRW nicht vergessen. Aber noch können wir über die Folgen für Kultur und Kulturpolitik nichts sagen. Das bisherige Personal der Regierungsparteien in diesem Bereich ist komplett im Parlament vertreten: Die Ministerin Christina Kampmann (SPD), der Ausschussvorsitzende Karl Schultheis (SPD) und die Fraktionssprecher von SPD und Grünen, Andreas Bialas und Oliver Keymis, sind in den neuen Landtag gewählt worden. Die bisherigen Fachleute von CDU und FDP waren nicht wieder angetreten, neue sind noch nicht in Sicht. Ich hab’s im Blick 😉

Zuletzt: Schleswig Holstein hat ja auch gerade gewählt, die koalitionäre Ausgangslage ist ganz ähnlich wie in NRW. Ich darf am Donnerstag in Rendsburg den Kongress „Kultur und Transformation“ des dortigen Landeskulturverbandes moderieren. Und lass‘ von mir hören …

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