Zur Kenntnis … am 3. November

Sweet relief: Das Reformations-Theater ist vorbei!
Nein, ich halte Luther und Co. nicht für über-, unter- oder fehlbewertet, so insgesamt. Ja, der Protestantismus ist neben der Kolonialisierung sehr wahrscheinlich der Hauptgrund für den europäischen Reichtum sowie unsere Dominanz – und eben auch lange Gewaltherrschaft – in vielen Teilen der übrigen Welt. Das ist alles nicht nur historisch relevant, sondern wirkt auch oder gerade kulturell bis in die Gegenwart und weiter. Ist meine umfassende Würdigung der Bedeutung dieser Bewegung klar geworden? Schön.

Es ist nämlich so: Mir ging diese Luther-Dekade seit dem ersten Tag auf die Nerven. Schon deshalb, weil ich immer so schnell gelangweilt bin und das alles doch sehr vorhersehbar war: Mapping Reformation, Kirchentage, Sonderausstellungen, touristische Vollflops und müßige Feuilletondebatten („Was hat uns Luther heute noch zu sagen?“). Man hätte im Übrigen so gut wie jede Rede beim Jubiläums-Akt Anfang der Woche genau so schon 2007 schreiben können. Die zehn Jahre Vorlauf wären auch lang genug gewesen, um sie am Dienstag dann von allen Anwesenden in der Wittenberger Schlosskirche sogar auswendig mitsingen zu lassen – das hätte bestimmt identitätsstiftend gewirkt und sowieso ziemlich feierlich, klar.

Über verpasste Gelegenheiten räsoniert auch der Dortmunder Schauspiel-Intendant Kay Voges in diesem Interview. Er wird bald eine „Akademie für Digitalität und Theater“ gründen; da geht es um evolutionäre Prozesse, Revolutionen und die Erkenntnis, wann etwas vorbei ist. Ich halte Voges für einen der klügsten Kulturköpfe dieser Zeit und Gesellschaft. Sein mitunter radikales Theater für unsere Gegenwart fand zuletzt zunehmend Beachtung. Es hätte jedoch noch viel mehr verdient – und wird es hoffentlich auch bekommen, jetzt, wo das schlecht inszenierte Reformations-Theater endlich vorbei ist.

und sonst …

 

Foto: CCO AlbersHeinemann

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T minus zwei … Zukunft des Kulturstaates

Ich mach‘ heut mal was Schräges und entziehe mich einer naheliegenden Aufgabe: Ich werde nicht die die kulturpolitischen Inhalte – Annahmen, Thesen, Forderungen, Absichten, Ziele – in den Wahlprogrammen vergleichen. Das haben unter anderem die Kolleg*innen beim Deutschlandfunk, der Deutschen Welle und WDR 5 getan, außerdem der Deutsche Kulturrat, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels (online in seinem Magazin „Börsenblatt“), die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung und das Netzwerk Kulturmanagement … und das ist nur ein Ausschnitt all der Angebote dazu. Die einen gucken mit sehr spezieller Perspektive auf die Sache, die anderen versuchen sich an den allgemeinen Fragen – alles wirklich lesens- und hörenswert.

Ich möchte lieber ein paar Anmerkungen darüber hinaus machen. Die erste widmet sich einem Grundproblem, nicht nur im kulturpolitischen Alltag, sondern auch in der programmatischen Arbeit: Worüber reden wir überhaupt bei der Kultur, für die Politik gemacht werden soll? Der Kultur-Begriff der Parteien ist da nicht eindeutig. Das bildet jedoch beinahe schulbuchmäßig die Realität ab: Wenn von „Kultur“ die Rede ist, dann meinen die einen nämlich alle kulturellen Ausdrucksformen einer Gesellschaft, von regionalen Spezialitäten bis zur Zwölfton-Musik, die anderen einen etwas enger gefassten Bereich kultureller Betätigung mit Nähe zu kreativem Schaffen und die dritten nur die „echten“ Kulturinstitutionen, die von Künsten und Künstler*innen bevölkert sind; Freie Szene mittlerweile inklusive.

Dieser Kunst-Bereich ist ein Hauptziel der kulturpolitischen Fördertätigkeit, sprich Geldverteilung. Ihr wiederum liegen bei allen Parteien ideologische Prämissen zugrunde: Die einen wollen vor allem „die Künste“ fördern, die anderen die kulturelle Betätigung und Teilhabe möglichst vieler daran. Daneben sind auch hier Dritte unterwegs, für die kulturelles Leben in erster Linie ein Vehikel für einen anderen Zweck ist, meist in Form von sozialem Schmier- oder Klebstoff. Ob der dann durch „Dialog und Verständigung“ die heterogene Gesellschaft befrieden oder eine nicht näher definierte „deutsche Leitkultur“ zum identitären Behufe schützen und weiterentwickeln soll, macht funktional erst mal keinen Unterschied – inhaltlich natürlich schon.

Was soll „Kultur“ (sein)?

In manchen Parteien wird darüber mehr, in anderen weniger reflektiert. Nirgendwo allerdings geschieht das – etwas überraschend – so umfassend dokumentiert wie in der Sozialdemokratie. Die hat als einzige nicht nur die obligaten zwei Seiten „Kultur“ in ihrem Wahl- oder Regierungsprogramm, sondern sogar 20 dicht beschriebene DIN-A4-Seiten mit „Kulturpolitischen Leitlinien“. Da steht wirklich viel Kluges und Richtiges drin, leider aber auch einiger Unsinn. Allem voran steht ein völlig diffuser Kultur-Begriff, der schon auf den ersten Seiten mal so und mal so verstanden und benutzt wird. Je öfter man diesen Prolog liest, desto doller rauft man sich die Haare angesichts von so viel indifferenter Sprachverwischung, in der die Kultur offenbar alles Menschliche zugleich ist, bis dann irgendwann – wie allerdings auch bei Kulturpolitiker*innen anderer Couleur üblich – als letzter Rettungsanker der Bedeutungsklärung sehr verzweifelt und in höchster Not nach „Eigensinn und Eigenwert“ gegriffen wird. Geübte Beobachter wissen: Wenn erst mal alle Begriffe durcheinander geraten sind, ist die hohlste Phrase der letzte Ausweg – wenn auch ins intellektuelle Nichts.

Tatsächlich kann keine Partei zwischen AfD und Linke sauber formulieren, was mit „Kultur“ auch nur in Ihrem eigenen Gedankengebäude genau gemeint sein soll. Entsprechend unentschieden sind die Programme (und später dann meist die Politik). Alle wollen jedenfalls die Kunst fördern, das kulturelle Erbe bewahren, die Erinnerungs- und Gedenkkultur genauso stärken wie die Kulturelle Bildung. Nur fast alle wollen Kulturschaffende besser materiell absichern (was zwar so erfreulich wäre wie überfällig ist, aber kein kultur-, sondern ein sozialpolitisches Ziel). So weit, so gut, so austauschbar.

Einzig „Die Linke“ wird bei der größten gesellschaftlichen Herausforderung unserer Zeit, der Digitalisierung, auch mit Blick auf die Kultur wenigstens einigermaßen konkret. Sie spricht von Open-Access-Strategien, will die Verwertungsgesellschaften reformieren und den Verleih digitaler Medien durch Bibliotheken vereinfachen. Keine der ab Montag im höchsten deutschen Parlament vertretenen Parteien skizziert aber auch nur die Grundzüge eines Fundaments für den auch künftigen Löwenanteil an der Wirtschaftsleistung dieses Landes: Das Urheberrecht.

Kultureller Freiraum zwischen Null und Eins

20 Jahre nachdem die Digitalisierung mit ihren Folgen unübersehbar wurde und das Internet zu einem realen Lebens-, also auch Kulturraum der Menschheit, hat die politische Klasse in einer der größten Wirtschaftsmächte der Welt noch immer keine echte Idee für die wichtigste Leitplanke der globalen Datenautobahnen (Clintons „information superhighway“, remember?) entwickelt. Wenn man sich nur kurz ins Bewusstsein ruft, wie dieser Themenkomplex ebenfalls im Englischen heißt – Intellectual Property Rights, kurz IPR – wird sofort klar: Dieses Defizit ist gerade kulturpolitisch ein Armutszeugnis.

Und da haben wir noch gar nicht davon gesprochen, wie die geschützten, nicht-kommerzialisierten Räume der analogen Kultur-Welt – Theater, Museen, Bibliotheken, Literaturhäuser, auch Volkshochschulen – eigentlich ins Digitale verlängert oder gar transformiert werden sollen. Welcher Teil des Internets entspricht denn zurzeit den staatlich finanzierten und betriebenen Bühnen des Landes? Wo wird eine künftige digitale Kunst denn „frei“ sein können, wenn es im Netz gar keine Räume gibt, die nicht im Besitz kommerzieller Unternehmen sind?

Die zweite große gesellschaftliche Herausforderung ist die der Mobilität. Und damit meine ich nicht die Frage „Verbrennungsmotor oder e-Auto“, sondern die globale Mobilität von Menschen, Informationen und mit ihnen Kulturen. Die hat zwar ein paar Berührungspunkte zur Digitalisierung, aber im Kern geht es um etwas ganz anderes: Wie bestehen Gesellschaften ohne die über Jahrtausende eingeübten Bande gemeinsamer kultureller Herkunft?

Mobilität als kulturelle Herausforderung

Die Globalisierung ist ein unumkehrbarer Fakt. Ich gebe der sehr klugen Ulrike Guérot in vielem nicht Recht, aber eine Beobachtung dazu hat sie mehr als treffend formuliert: Die Konservativen haben parallel zur massiven Förderung des Freihandels lange Zeit ausgeblendet, dass mit all den Gütern aus der ganzen Welt früher oder später auch Menschen zu uns kommen würden. Wenn man es sich genau überlegt, reicht dieser Prozess von der Kolonialisierung – Hallo, Humboldt Forum – bis zur aktuellen Einwanderungsphase. Und jetzt?

Natürlich kann man versuchen, alle „Fremden“ wieder wegzuschicken. Aber das wird in gleich doppelter Hinsicht nicht funktionieren: Es gibt für die meisten dieser Menschen nämlich gar keine „Zurück“-Option – und für Deutschland keine singulär abgeschottete Zukunft in einer ansonsten globalisierten Welt. Also müssen wir Gesprächs-, Verständigungs- und Aushandlungsformate für die Gesellschaft finden. Das aber ist eine im Kern kulturelle und damit auch kulturpolitische Aufgabe.

Sie muss zuerst und vor allem von den Kultur-Institutionen angegangen werden. Und wie jede echte gesellschaftliche Herausforderung wird sie große Kunst produzieren. Auf deren Kraft wie Inspiration sind wir existenziell angewiesen: Kunst ist der Kontingenzraum der Gesellschaft. Sie zeigt uns im wahren Wortsinne „alles Mögliche“, über die bereits gelebten Entwürfe und Muster hinaus. Diese Prozesse sind die zurzeit wichtigste Aufgabe der Kulturpolitik; nicht nur, aber vor allem in Deutschland.

Möge im nächsten TV-Duell 2021 endlich darüber gestritten werden – und nicht über im Einzelnen sehr kritische, aber mengenmäßig tatsächlich bloße Randerscheinungen unserer Einwanderungsgesellschaft. Deren Bedeutung wird erst durch Boulevard- wie Soziale Medien irrational überhöht, die mit Angst mehr Werbung verkaufen als mit Zuversicht. Ein Kulturstaat muss aber mehr sein als ein Renditemodell – und wir haben die Wahl!

Foto: (c) Dan Perjovschi / der kulturpolitische reporter

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T minus 4 … und Zur Kenntnis

Etwas ratlos hinterlässt einen die aktuelle – angesichts der Wahlprognosen sicherlich gut gemeinte – Initiative der Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein: Mehr als 80 Theaterleiter*innen bekennen sich in einer Anzeige in der morgigen ZEIT-Ausgabe zu „einer freien, offenen und toleranten Gesellschaft auf der Basis unserer Verfassung“ (sic!). Aha … ich dachte eigentlich bisher, das sei neben künstlerischer Expertise die zentrale Einstellungsvoraussetzung für Leitungspersonal staatlicher Kulturbetriebe in Deutschland. Und erschaudere im Übrigen schon jetzt bei dem Gedanken, spätestens morgen irgendwo von „einem mutigen Statement der deutschen Theater“ zu lesen. So oder so ähnlich.

Eine jedenfalls deutlich profiliertere Initiative haben elf andere Prominente der deutschen Kulturszene dagegen am Montag gestartet: Eine Woche vor der Wahl fordern sie von der nächsten Bundesregierung ein Aufnahmeprogramm für verfolgte Künstler*innen aus aller Welt. Mindestens tausend Personen pro Jahr sollten staatlich garantiert ein würdiges Auskommen erhalten, heißt es im Aufruf. Im Gegenzug verpflichten sich die Unterzeichner, den Aufgenommenen in ihren Häusern Arbeitsmöglichkeiten zu bieten und erinnern in diesem Zusammenhang auch an das massenhafte Asyl, das deutschen Künstler*innen während der NS-Diktatur im Ausland gewährt wurde (gerade in der Türkei). In der Tat: Ein solches Programm wäre ein starkes Zeichen der Bundesrepublik an die Welt.

Zwei Dinge verwundern allerdings auch hier: Da ist zunächst die Aussage des Mitinitiators Matthias Lilienthal in einem Interview mit Michael Köhler beim Deutschlandfunk, er habe sich „noch nie etwas von der Bundesregierung gewünscht, das nicht erfüllt wurde“ (Audio hier, der Satz fällt bei 3’30). Vor allem aber die Tatsache, dass langjährige Direktor*innen staatlicher Museen wie Marion Ackermann oder Stefan Weber und Stadttheater-Intendant*innen wie Shermin Langhoff, Thomas Ostermeier oder eben Matthias Lilienthal die eigenen Institutionen als „staatlich subventionierte Häuser“ bezeichnen. Das zeugt von wirklich grober Unkenntnis der Verfasstheit ihrer eigenen Betriebe und (der Kulturförderung) dieses Landes. Was soll man nur davon halten, wenn derart hochrangige Kulturleute in ihren Interviews oder von ihren Bühnen alle Nase lang den „Neoliberalismus“ geißeln, sich aber selbst zu seinem Sprach-Büttel machen, indem sie Subventionen suggerieren, wo gar keine sind? Manchmal bin ich sehr müde – und je länger ich über all das nachdenke, desto ratloser werde ich.

Und sonst …

Foto: Die Anzeige der Intendantengruppe des Bühnenvereins in „Die Zeit“ vom 21. September 2017

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