Ein Stadttheater voller junger Menschen? Ja, letzten Freitag, in Bochum, und zwar beim Monty-Python-Musical „Spamalot“. Ich hätte ja nicht mal gedacht, dass junge Leute das überhaupt kennen (also Monty Python, nicht das Theater). Aber der 21-jährige Patensohn hat den Besuch nicht nur höchstpersönlich vorgeschlagen, sondern reagiert seinerseits erstaunt auf mein erstauntes Gesicht über den mehrheitlich mit U30-Jährigen vollbesetzen Saal: „Wir haben doch alle in der Schule ‚Das Leben des Brian‘ gesehen“.
Kann ja sein, denke ich, aber das muss doch vier Dekaden nach dessen Entstehung nicht auch zum Besuch eines adaptierten Musicals führen. Dazu noch am ersten warmen Freitagabend des Jahres, in einer Studentenstadt. Anscheinend aber doch. Und es riss die jungen Leute sogar zu regelrechten Begeisterungsstürmen hin, inklusive Standing Ovations am Schluss. Das ist erfreulich.
Schöner wäre noch gewesen, wenn der Dramaturg nicht einen dramatischen Fehler begangen hätte, als er seinen Artus-Darsteller mitten im Stück behaupten ließ, man befinde sich in einem subventionierten Theater. Herrjeh: NEIN! Das Bochumer Schauspielhaus ist wie ALLE Stadttheater Deutschlands nicht subventioniert, sondern eine Einrichtung der Öffentlichen Hand, und die kann sich ja schlecht selbst subventionieren. Schulen und Polizeien werden auch nicht subventioniert. Man nennt das Daseinsvorsorge.
Immer wieder bedenklich, wenn akademisch gebildete Textarbeiter ihre flammende Klage über den ruchlosen Staat nicht in die richtigen Worte kleiden können, sondern sogar die (zur Abwechslung tatsächlich: neoliberale) Terminologie des Gegners übernehmen. Da hilft dann wirklich nur noch Singen: „Always look on the bright side of life!“
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Und als Schmankerl zum Schluss noch ein Spitzen-Textbaustein aus dem Werkzeugkasten der Kultur-PR:
„XX möchte das Profil des international agierenden Hauses schärfen und gleichzeitig stärker auf die Stadt und die Region zugehen. Neben sparten- und epochenübergreifenden Formaten stünden bei der Programmplanung der Dialog mit der Stadtgesellschaft, die Herausforderungen der Digitalisierung sowie regionale und internationale Kooperationen mit anderen Institutionen auf der Agenda.“
In Anlehnung an eine Original-Pressemitteilung von gestern. Eignet sich für fast jede Neubesetzung einer Leitungsposition bis mindestens 2025.