Zur Kenntnis … am 11. April

Ein Stadttheater voller junger Menschen? Ja, letzten Freitag, in Bochum, und zwar beim Monty-Python-Musical „Spamalot“. Ich hätte ja nicht mal gedacht, dass junge Leute das überhaupt kennen (also Monty Python, nicht das Theater). Aber der 21-jährige Patensohn hat den Besuch nicht nur höchstpersönlich vorgeschlagen, sondern reagiert seinerseits erstaunt auf mein erstauntes Gesicht über den mehrheitlich mit U30-Jährigen vollbesetzen Saal: „Wir haben doch alle in der Schule ‚Das Leben des Brian‘ gesehen“.

Kann ja sein, denke ich, aber das muss doch vier Dekaden nach dessen Entstehung nicht auch zum Besuch eines adaptierten Musicals führen. Dazu noch am ersten warmen Freitagabend des Jahres, in einer Studentenstadt. Anscheinend aber doch. Und es riss die jungen Leute sogar zu regelrechten Begeisterungsstürmen hin, inklusive Standing Ovations am Schluss. Das ist erfreulich.

Schöner wäre noch gewesen, wenn der Dramaturg nicht einen dramatischen Fehler begangen hätte, als er seinen Artus-Darsteller mitten im Stück behaupten ließ, man befinde sich in einem subventionierten Theater. Herrjeh: NEIN! Das Bochumer Schauspielhaus ist wie ALLE Stadttheater Deutschlands nicht subventioniert, sondern eine Einrichtung der Öffentlichen Hand, und die kann sich ja schlecht selbst subventionieren. Schulen und Polizeien werden auch nicht subventioniert. Man nennt das Daseinsvorsorge.

Immer wieder bedenklich, wenn akademisch gebildete Textarbeiter ihre flammende Klage über den ruchlosen Staat nicht in die richtigen Worte kleiden können, sondern sogar die (zur Abwechslung tatsächlich: neoliberale) Terminologie des Gegners übernehmen. Da hilft dann wirklich nur noch Singen: „Always look on the bright side of life!“

… und sonst:

Und als Schmankerl zum Schluss noch ein Spitzen-Textbaustein aus dem Werkzeugkasten der Kultur-PR:
„XX möchte das Profil des international agierenden Hauses schärfen und gleichzeitig stärker auf die Stadt und die Region zugehen. Neben sparten- und epochenübergreifenden Formaten stünden bei der Programmplanung der Dialog mit der Stadtgesellschaft, die Herausforderungen der Digitalisierung sowie regionale und internationale Kooperationen mit anderen Institutionen auf der Agenda.“
In Anlehnung an eine Original-Pressemitteilung von gestern. Eignet sich für fast jede Neubesetzung einer Leitungsposition bis mindestens 2025.

 

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Zur Kennntnis … am 21. März

Große Überraschung auf dem Kulturtransfermarkt: Mit Hartmut Dorgerloh und Matthias Lilienthal wechseln zwei absolute Top-Player ihrer Sparten den Job. Lilienthal wird die Münchner Kammerspiele bereits 2020 wieder verlassen, nachdem die CSU-Fraktion im Münchner Stadtrat der Grundhaltung aller Konservativen in Gesellschaft und Politik mal wieder alle Ehre gemacht hat: Sich dem Wandel sogar dann noch bockig verweigern, wenn er längst mehr als nur überfällig ist. Die Christsozialen von der Isar mochten Lilienthals Vertrag nämlich nicht verlängern – da mochte Lilienthal dann auch nicht mehr. Aber was soll’s: Lebbe geht weiter!

Hartmut Dorgerloh hingegen zieht von der Berliner Peripherie (sorry, Potsdam) und der Führungsposition in der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten ins Zentrum des Geschehens – und zwar mittenrein: Er soll das Humboldtforum nächstes Jahr in die Eröffnung führen (aus heutiger Sicht liest sich ein Artikel von ihm aus dem Januar 2017 fast wie ein Bewerbungsschreiben). Alle sind offiziell ziemlich froh, denn der Mann hat was auf dem Kasten, ist international angesehen wie vernetzt und kennt nicht zuletzt die Fallstricke der Politik in Bund und Ländern.

Allerdings ist Dorgerloh nicht gerade das personifizierte Identifikationssubjekt für ein diverses, inklusives Weltmuseum, sondern ein weißer, männlicher, deutscher Protestant. Nebenbei wird diese – ich nenn’s mal ebenfalls „konservative“ – Personalpolitik für die angebliche Vorzeigeinstitution deutscher Weltoffenheit im 21. Jahrhundert schlüssig komplettiert durch die nahezu zeitgleich berufene zweite Spitzenkraft: Der Musikethnologe Lars-Christian Koch übernimmt die Sammlungen im Humboldtforum . Eine Inhouse-Lösung, auch er ein ausgewiesener Experte, doch auch er weiß, männlich, deutsch …

Vermutlich weiß die Stuttgarter Museums-Koryphäin mit Migrationshintergrund, Inés de Castro, nur zu gut, warum sie den Job doch nicht angenommen hat. Ich bin gespannt, ob es Monika Grütters im Laufe der Legislaturperiode gelingt, zu schlechter Letzt auch die Führung der Kulturstiftung des Bundes noch mit einem Mann zu besetzen. Wie hieß gleich der Claim zu ihrer Kampagne in Sachen Frauen im Kulturbetrieb? Genau: „Weil es 2017 ist“. Vielleicht hat die Kulturstaatsministerin ja das – rein sprachlich betrachtet auch gar nicht so falsche – Gefühl, der Satz sei schon wieder von gestern …

… und sonst:

 

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Zur Kenntnis … am 2. März

Das Geschrei schwillt zur Kakophonie an. Auf der Art Karlsruhe, der ARCO Madrid und rund um die Alice-Salomon-Hochschule sowieso: Wo immer vermeintlicher oder tatsächlicher Druck von zivilen Akteuren provokative Kunst der Sichtbarkeit entzieht, schreit es „ZENSUR“ übers Land, nicht nur auf den Zeitungs- und Webseiten. Leider ist das in all diesen Fällen: falsch!

Zensur ist per Definition ein hoheitlicher Eingriff in die Meinungs- sowie die daraus abgeleitete Presse- oder eben auch Kunstfreiheit. Doch in keinem der Fälle handelt es sich um einen solchen hoheitlichen, sprich staatlichen Eingriff. Im Gegenteil: In Berlin hat eine – interessanterweise von der gleichen Rechtsfigur in ihrer Autonomie geschützte – Lehr- und Wissenschaftseinrichtung die Entfernung von Gomringers angeblich sexistischem Gedicht sogar im Rahmen ihrer ureigensten Selbstverwaltung beschlossen. Diese Entscheidung haben sowohl die Kulturstaatsministerin in der Bundesregierung als auch der Senat des Landes Berlin – also „der Staat“ – anschließend sogar deutlich kritisiert. Verhindern konnten sie es allerdings nicht –  andernfalls hätten sie nämlich eine demokratisch legitimierte Entscheidung der Hochschule nämlich … genau: tatsächlich zensiert (die ich persönlich übrigens für völlig verkehrt und sogar verwerflich halte, aber das steht auf einem ganz anderen Blatt).

In Karlsruhe wiederum war es der Galerist des Künstlers Thomas Baumgärtel selbst, der das Erdogan-Porträt mit der Banane im Arsch abnehmen ließ. Und in Madrid war der Messechef der ARCO verantwortlich für die Entfernung der Fotoserie von Inhaftierten der katalonischen Separationsbewegung; er handelte dabei erklärtermaßen gegen den Willen der Madrider Stadtverwaltung, die immerhin Hauptanteileigner der Messegesellschaft IFEMA ist. Hier wie da wie dort: Keine Zensur, nirgends!

Es ist wirklich bemerkenswert, wie ahnungslos viele Politiker, Künstler und nicht zuletzt Kulturjournalisten in so einer zentralen Frage demokratischer Rechte offenbar sind. Und noch bemerkenswerter ist, dass sich dieselben Leute bei jeder Gelegenheit lautstark darüber echauffieren, dass die Autokraten dieser Welt die Sprache und das Recht beugen, Stichwort „alternative Fakten“. Doch sobald es nicht mehr Migration, Kriminalität oder Nationalismus geht, sondern der eigene Sprengel betroffen ist, verhalten sie sich keinen Deut sorgfältiger, klüger oder verantwortungsvoller. Es ist nämlich extrem schädlich, einen freiheitlichen Rechtsstaat wider besseres Wissen öffentlich zu diskreditieren, nur weil man seine Verfassungsgrundlagen nicht versteht oder eigenen Gefühle nicht im Zaum hat – also agiert wie Trump, Erdogan oder Maduro.

Der Begriff „Zensur“ hätte in einer besseren Welt 2018 gute Chancen, zum „Unwort des Jahres“ gekürt zu werden; so wie es übrigens die „Subvention“ im Zusammenhang mit der Finanzierung staatlicher Kulturinstitutionen eigentlich schon seit Jahrzehnten verdient hätte. Aber herrjeh, eine bessere Welt … die war ja früher mal der Gegenstand sogenannter Visionen. Auch so ein Wort.

… und sonst

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