Zur Kenntnis … am 4. Juni

Bald vergeht kein einziger Tag mehr ohne eine neue Scheibe von der üppigen PR-Wurst aus dem Düsseldorfer Kulturministerium. Selbstverständlich stets frisch geschnitten und serviert von einer ebenso tatkräftigen wie großzügigen Ministerin. Nur ein dystopisches Szenario?

Isabel Pfeiffer-Poensgen hat bekanntermaßen eine satte Etatsteigerung zu verteilen und deshalb noch im Sommer 2017 angekündigt, die insgesamt 50-prozentige Aufstockung bis 2022 nicht mit der Gießkanne auszubringen, sondern mit einem neujustierten Konzept für viele Fördersegmente des Landeskulturetats. Das sei aber viel Arbeit und werde deshalb etwas dauern.

Vor drei Monaten dann wurde die erste konkrete Summe bekannt: 30 Millionen Euro mehr für die städtischen Theater und Orchester. Großer Jubel allerorten, Freudentänze auf den Straßen und Plätzen vor allen Schauspiel- und Opernhäusern des Landes, also im übertragenen Sinne jetzt. Und die gleichen Szenen spielten sich in der vergangenen Woche dann gleich noch mal ab, als endlich bekannt wurde, wer denn jetzt eigentlich genau wie viel bekommt. Mehr als 120 Prozent Steigerung verzeichnen dabei sogar die Dickschiffe in Köln, Düsseldorf, Essen und Aachen. Die Folge: Kollektives Juchhe, zum zweiten.

In dieser Woche nun wird die Ministerin den Kulturausschuss des Landtages darüber informieren, mit wie vielen Millionen mehr die Freie Theaterszene in NRW künftig rechnen darf. Sehr erwartbar wird auch das wieder für viel positive Resonanz bei den Akteuren und in den Medien sorgen. Damit diese frohe Botschaft aber nicht einfach nach ein, zwei Tagen verhallt, erscheint sie erneut zweigeteilt: Erst wird den Parlamentariern – deren erstes und größtes Recht gegenüber der Regierung ja das Haushaltsrecht ist – in ihrem Fachgremium die voraussichtliche Gesamtsumme der Steigerung kundgetan. Dann folgen, mit ein paar Wochen Abstand, die Details zur künftigen Förderung in einer großen Pressekonferenz Ende Juni.

Vielleicht ist aber gar nicht die aufwändige konzeptionelle Arbeit im Hintergrund für diese Informationen in homöopathischen Dosen verantwortlich, sondern eine ganz neue Kommunikations-Strategie: Die erste Endlos-Kette regierungsamtlicher Wohltaten. Ob bei den jetzt absehbaren Mittelsteigerungen für Musik und Bildende Kunst, Literatur und Museen, die Bibliotheken, die Kunst am Bau und und und: Erst nennt man dem Parlament die nackte Zahl und lässt die stets beeindruckend hoch klingende Millionensumme öffentlich abfeiern. Etwas später dann werden – mit nicht zu großem, aber auch nicht zu geringem zeitlichen Abstand – die einzelnen Empfänger in ganz NRW verkündet, auf dass alle Regional- und Lokalmedien des Landes noch mal einen zweiten und immer ganz eigenen Grund für Berichte und natürlich auch erfreute Kommentare haben.

Rein vom Volumen und der Zahl der zu erhöhenden Haushaltstitel ausgehend, könnte man so ganz locker ein Jahr oder mehr Dauer-PR bestreiten, vielleicht sogar die ganze verbleibende Legislaturperiode. Und möglicherweise wird eines Tages, ohne dass uns die schleichende Anverwandlung des kulturpolitischen Alltags an Rhein, Ruhr und Lippe wirklich gewahr geworden ist, die Kulturministerin des Landes auf mittlerweile täglichen Pressekonferenzen mit fröhlicher Stimme „I got you babe“ singen. Auf ihrem Arm sitzt dabei – so wie sie selbst oft verschmitzt lächelnd – ein Murmeltier!

… und sonst:

Nachtigall, ick hör‘ dir … Die Unionsfraktion im Bundestag mahnt mal wieder die Wippe an – vermutlich bei Monika Grütters, ohne sie direkt anzusprechen

Kultur stärken! Die EU-Kommission will (ein bisschen) mehr Mittel für ihr Förderprogramm „Kreatives Europa“

Amazon stärken? Die Monopolkommission will Buchpreisbindung abschaffen, der Kulturrat wird deshalb zynisch und Grütters ist sauer

Große Füße für große Fußstapfen: Die international renommierte Journalistin Antje Deistler übernimmt die Leitung des Literaturbüros Ruhr

„Straight, middle-aged, white, cosmopolitan male“-Drop-Off: Der Belgische Kunstpreis 2019 steht plötzlich ohne Nominierte da

Wie weiter? Die EU-Kulturminister beraten über die Rolle der Kultur in der Union nach 2020, auch die deutsche Kulturstaatsministerin spricht zu ihren Kollegen

Ergebnisse mit Fragezeichen: Die Rheinische Fachhochschule präsentiert eine „Fast-Besucher-Studie“ zur Freien Szene in Köln

„16 Tons, what do you get?“ (ein Ernie-Ford-Classic): Der NRW-Kulturrat bezieht 16 Positionen zur Kulturpolitik des Landes

Krumme Tour: Der Gewerkschaftsprotest in Halle argumentiert mit einer – nicht existierenden – Verdoppelung des Kulturetats in NRW (siehe oben)

Oha! Mark Coetzee hat die Leitung des neueröffneten „Zeitz MOCAA“ in Johannesburg aufgegeben, der Aufsichtsrat nicht näher spezifizierte Untersuchungen seiner Arbeit eingeleitet

Masterplan Kulturbauten, scheibchenweise (pt. 1): Düsseldorf baut sich ein neues Kulturzentrum für Bibliothek, Theater, Museum

Masterplan Kulturbauten, scheibchenweise (pt. 2): Auch das Düsseldorfer Museum Kunstpalast legt Umbaupläne vor, für 17 Millionen Euro, mit spektakulärer Gastronomie

Kultur-Bau-Gau: Düsseldorf hat Geld für eine Opernsanierung, findet aber keinen Auftragnehmer

Kulturelle Vielfalt ist möglich und bereichert: Eine Studie von Bertelsmann und Deutscher UNESCO-Kommission nennt 12 Best-Practice-Beispiele

Notizen aus der kulturpolitischen Provinz: Bielefelds Kunsthallen-Direktor Meschede muss gehen

Wer streamen will, muss fördern: Der Europäische Gerichtshof weist die Klage von Netflix gegen die Heranziehung zur Filmförderabgabe in Deutschland ab

Erfolgsberater für „Vorwärts“ statt „Nichts„: Oes Westerhof soll nach Leeuwarden (in diesem Jahr) auch Hannover zur Europäischen Kulturhauptstadt machen (in 2025)

Von wegen Hinterzimmer: Selbst der Kulturausschuss des EU-Parlaments tagt mittlerweile öffentlich und sogar via Mediathek nachschaubar (der Bundestag mauert in Person von Volker Kauder weiter)

 

Foto Isabel Pfeiffer-Poensgen (c) Fraunhofer ISST

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Mobbing, vom Hörensagen

Tja, was macht man damit? Der Spiegel berichtet über eine „Atmosphäre der Angst“ am Kölner Schauspielhaus und schildert Vorkommnisse, die von prominenten Namen bestätigt werden. Intendant Stefan Bachmann und mehr noch seine am Haus als Schauspielerin und Regisseurin wirkende Ehefrau Melanie Kretschmann werden des Mobbings beschuldigt, was beide wiederum selbst offenbar als Mobbing empfinden.

So jedenfalls lassen sich nicht nur die Äußerungen ihrer Anwälte gegenüber verschiedenen Medien interpretieren, sondern auch Bachmanns eigene knappe Einlassungen auf der Spielplan-Konferenz des Kölner Stadt-Theaters am vergangenen Montag. Zu der waren allerdings auch auffallend viele Ensemblemitglieder und weitere Bühnenangehörige erschienen, ganz offensichtlich und erklärtermaßen zur moralischen Rückenstärkung ihres Chefs.

Nun könnte man das alles als nicht ganz branchenunübliches Gerangel ebenso sensibler wie mitunter überbordender Künstler-Egos einsortieren, aber so einfach ist es vermutlich nicht. Zwar geht’s schon mal hoch her auf jenen berühmten Brettern, die immerhin nicht weniger als gleich die Welt bedeuten sollen, aber es gibt sogar da Grenzen. Die werden zurzeit noch mal ganz neu vermessen und markiert. Nicht nur wegen #metoo und #decolonize, sondern weil der Umgang mit #Macht ein Thema auf der Bühne, aber auch hinter, vor und neben ihr sein sollte.

Wir alle sind in diesen Zeiten zugleich Zeugen und Akteure einer sehr lang andauernden Phase der Dekonstruktion von tradierten Strukturen und Abhängigkeitsmechanismen, überall in der Gesellschaft. Seit dem „Muff von Tausend Jahren“ sind jetzt zwar auch schon wieder fünfzig weitere vergangen, nach denen sich aber immer noch zeigt, wie hartnäckig Rollenstereotype sind und sogar von vielen erklärten Gegner*innen ihrer autoritären Väter (und gelegentlich Mütter) trotzdem übernommen wurden, wohl eher unbewusst.

Dabei geht es nicht nur um das Verhältnis von Männern und Frauen oder Männern und Männern oder Frauen und Frauen zueinander in mehr oder minder erotisch aufgeladenen Beziehungen, sondern ebenso um Hierarchien im Betrieb – der immer auch ein Kultur-Betrieb sein kann.

Ich kenne Bachmann/Kretschmann nicht persönlich, ein paar der übrigen Akteure sind mir in den letzten Jahren höchstens gelegentlich begegnet. Manche schienen mir sehr reflektierte, empathische Personen ohne Dominanzgehabe zu sein, andere wirkten eher ein bisschen … kapriziös, selbst in Banalitäten. Wer da wem was angetan hat oder vielleicht bloß ans Zeug flicken will … ich weiß es nicht nur nicht, ich habe sogar – im wahren Sinne des Wortes – noch nicht mal eine Ahnung.

Ziemlich sicher bin ich hingegen, dass genau das bei näherem Hinsehen auch für die allermeisten von denen gilt, die im Moment nahezu täglich darüber schreiben oder senden. Und gleich sowieso gilt es für die Heerscharen szenefremder Kommentatoren allerorten im Netz. Deshalb hoffe ich inständig, es wird sich irgendwann einigermaßen nachvollziehbar erweisen, was wem wie geschehen ist.

Möge das dann dazu beitragen, entweder mehr öffentliche Gelassenheit gegenüber dem sehr speziellen Umgang nicht unbedingt alltäglicher Persönlichkeiten miteinander zu entwickeln – oder eben gerade mehr Sensibilität für Grenzüberschreitungen, die bei allem Verständnis für künstlerische Egozentrik wirklich nicht akzeptabel sind. Vielleicht sogar beides. Bis es soweit ist, halte ich in dieser Angelegenheit auf jeden Fall meine Klappe/Tastatur.

 

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Zur Kenntnis … am 17. Mai

„Mehr, Mehr, Mehr“ lautet das Mantra der Bundeskulturpolitik in den letzten 13 Jahren unter Kanzlerin Merkel. Das bedeutete vor allem: Mehr Geld – allerdings meist für das immer Gleiche. So wurde ganz nebenbei der recht ähnlich lautende Untertitel des letzten echten Aufregerbuchs unserer Branche („Der Kulturinfarkt“ von 2012) nicht nur zur treffenden Diagnose, sondern gleich auch noch zur richtigen Prognose.

Nun hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters eine neuerliche, satte Steigerung ihres Etats verkündet: 1,67 Milliarden soll er laut Haushaltsentwurf der Regierung in diesem Jahr betragen, das sind 300 Millionen mehr als … nein, nicht im vergangenen Jahr, sondern im ENTWURF für das vergangene Jahr. Anschließend stockte nämlich der Bundestag Grütters‘ Kasse noch mal kräftig auf, so dass schließlich 1,63 Milliarden Euro drin lagen, also nur 40 Millionen weniger als der aktuelle Vorschlag für 2018 umfasst.

Allerdings ist damit zu rechnen, dass die Summe auch dieses Jahr wieder wächst – vielleicht sogar recht erklecklich -, wie stets in der sogenannten finalen Bereinigungssitzung des Haushaltsausschusses, am 27. Juni. Deshalb macht es wenig Sinn, den Etat jetzt schon genauer zu kommentieren, denn man weiß gar nicht, was da noch an möglichen „Leuchttürmen“ draufgeschraubt wird und wie viel „Mehr“ es am Ende wirklich wird.

Auch sonst ist in der letzten Woche alles immer mehr geworden oder soll es zumindest – nur eines möchte die Bundesregierung gern reduzieren: Die Mehrwertsteuer auf Kunstwerke. Jedenfalls macht sie sich beim anstehenden Rat der Kulturminister mit einer eigenen Initiative dafür stark, Kunstverkäufe wieder vom vollen Mehrwertsteuersatz ausnehmen zu dürfen (PDF, englisch). Das müsste den hiesigen Kunsthandel eigentlich freuen, der sich seit Jahren über die deutsche Besteuerungspraxis ärgert (die von den Bundesländern zusätzlich – zu vermeintlich eigenen Gunsten – verkompliziert wird). Blöd bloß, dass sich mit Monika Grütters ausgerechnet die Lieblingsgegnerin der Branche jetzt für sie in Europa einsetzt. Aber so ist die Welt derzeit: Auch die Irritationen werden ständig mehr …

… und sonst:

 

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