Zur Kenntnis … am 24. Oktober

Mir fehlen zwar nicht wirklich die Worte, aber in diesen Tagen ringe ich noch mehr als sonst um die richtigen. Vergangene Woche hat die amtierende Direktorin des Dessauer Bauhauses, Claudia Perren, ihr Einknicken vor ein paar rechten Krawallbrüdern allen Ernstes mit der Tradition des Hauses begründet. Beim Lesen der zugehörigen Pressemitteilung (nur als PDF) ist mir erst mal die Luft weggeblieben. Ich bin den Text dann noch mal Zeile für Zeile durchgegangen, um mich zu vergewissern und im wahren Sinne des Wortes zu begreifen: Das hat sie wirklich gesagt!

Jeder Mensch mit Führungsverantwortung macht mal einen kommunikativen Fehler, das passiert sogar den größten Koryphäen. Man kann in der Wortwahl daneben liegen oder im Ton, übereilt reagieren oder zu spät. Mancher meint, auch gegen jeden guten Rat einer angeblich kurzlebigen Mode trotzen zu müssen, während sich tatsächlich gerade ein Zeitenwandel vollzieht; andere wiederum springen ganz unvermittelt auf den Schnellzug des Zeitgeistes auf, obwohl der sie vermeintlich anwehende Fahrtwind nur ein Lufthauch vom offenen Fenster im Herbst war. Alles nicht schön, aber – meistens – verzeihlich.

Wer jedoch so grundstürzend und fundamental wie Claudia Perren nicht verstanden hat, was der Geist gerade jener Institution ist, der sie vorsteht; wer diesen im Gegenteil sogar öffentlich in sein Gegenteil zu verkehren sucht und dann noch als Entschuldigung dafür missbraucht, sich widerstandslos genau jener Art von Druck zu ergeben, der dem eigenen Haus schon einmal ein schändliches Ende bereitet hat, die kann das auch mit einer zwar wohl überlegten, aber neuerlich wachsweichen Antwortstrategie wie im ZEIT-Interview von heute nicht mehr zurückholen.

In einer besseren Welt würde man nun umgehend verlangen, dass Perren ohne weiteres Federlesens ihr Amt und damit jenen Sessel räumt, auf dem – jedenfalls mittelbar – einst Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe saßen. Das Bauhaus in Dessau braucht gerade zu seinem 100-jährigen Jubiläum im kommenden Jahr eine Leitung, die ohne Wenn und Aber und nicht erst auf Nachfrage zu den Werten steht, die es weit über seine Architektur hinaus zu einem geistigen Weltkulturerbe werden ließen: Offenheit, Vielfalt und Gleichberechtigung, vor allem aber die Freiheit des Geistes und der Kunst.

Mit dieser Aufgabe ist die aktuelle Direktorin ganz unübersehbar überfordert, sie wird aber trotzdem bleiben. Denn: Die Kulturstaatsministerin in Berlin ist zwar angefressen, will aber kein Führungschaos zum Jubiläumsjahr. Und der Stiftungsratsvorsitzende, Sachsen-Anhalts Kulturminister Rainer Robra, saß bei Perrens moralischer Geisterfahrt sogar auf dem Beifahrersitz. Wer sollte Sie also jetzt gehen?

… und sonst:

Veranstaltungshinweis 1: „Wonderlands – Führungspositionen in den Performing Arts“ lautet der elegant camouflierende Titel eines zweitägigen Symposiums des Frauenkulturbüros NRW Ende kommender Woche zur Geschlechterdiversität bei den Top Jobs

Veranstaltungshinweis 2: „Wie neutral sind Museen?“fragen Studierende der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Technik am 8. November auf der Internationalen Fachmesse für Museums- und Ausstellungstechnik in Leipzig. Kluger Ansatz, interessantes Programm  

Last but not least: Der international bekannteste Fotograf Pakistans und aktive Menschenrechtler Shahidul Alam ist seit bald 80 Tagen in Haft. Er hatte zuvor Studentenproteste gefilmt und Al-Jazeera dazu ein Interview gegeben. Wir haben zuletzt in Istanbul wieder erlebt, was selbst prominentesten Regimekritikern passieren kann. Unsere stärkste Waffe ist öffentliche Solidarität! Deshalb: #freeshahidul

Foto: Bauhaus-Treppenhaus:(c) Peter Grabowski

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Milchmädchenrechnung an der Museumskasse

In Nordrhein-Westfalen grassiert zurzeit ein Virus: „Freier Eintritt“. Das Fieber hat kulturpolitische Akteure auf allen Ebenen und in vielen Ecken des Landes gleichzeitig erfasst. Vor allem die Sozialdemokraten scheinen nur noch ein Ziel zu kennen: Der Museumsbesuch für junge und arme Menschen soll flächendeckend umsonst sein. Das nutzt zwar nichts, klingt aber so schön nach Gerechtigkeit und Teilhabe.

Doch so einfach, wie die (Kultur-)Politik sich das macht, ist die Sache nicht. Längst können Menschen aller Milieus und Einkommensschichten in Konzerte, Aufführungen und Ausstellungen gehen, ohne dass allzu große Hürden finanzieller oder sozialer Art im Weg wären. Viele Theater bieten eine – begrenzte – Zahl von Tickets zu Preisen im einstelligen Eurobereich, Museen kostenlosen Zugang zu ihren Sammlungen, entweder für bestimmte Tage oder Altersgruppen. Empfänger von Transferleistungen erhalten oft stark ermäßigte Karten, Kulturlogen und -listen mit ihren karitativen Kontingenten und Restkartenverteilern tun ein Übriges.

Allein: Die Umworbenen gehen auch weiterhin mehrheitlich nicht hin. Woran liegt das? Kurz gesagt daran, dass der Preis oft gar nicht die Hürde ist. Viele sogenannte Nichtbesucher-Studien belegen zwar scheinbar das Gegenteil, aber das hat einen einfachen Grund: Es ist sehr bequem, auf einem standardisierten Fragebogen „zu teuer“ oder „keine Zeit“ als Grund für das eigene Fernbleiben anzukreuzen. Werden allerdings qualitative Interviews mit den „kulturfernen“ Probanden geführt, kommen bald die wahren Gründe ans Licht: Viele kennen die Angebote der Opernhäuser, Theater und Museen gar nicht und/oder äußern – zugespitzt formuliert – die Ansicht: „Das ist nichts für mich!“

Die Hälfte der Bevölkerung bleibt konsequent weg

Kunst aller Sparten gilt ihnen als ein Vergnügen reicher und gebildeter Kreise, zu denen sich die Mehrheit der Menschen in Deutschland nicht zählt. Entsprechend liegt der Anteil der Nichtnutzer von öffentlich geförderten Kultureinrichtungen bei insgesamt rund 50 Prozent der Gesamtbevölkerung, Tendenz steigend. Und dabei überdeckt das gut genutzte Angebot der Bibliotheken noch die deutlich schlechteren Zahlen in anderen Bereichen: In einer Untersuchung für den aktuellen Landeskulturbericht Nordrhein-Westfalen gaben drei Viertel aller Befragten an, noch nie in der Oper gewesen zu sein; 78 Prozent sagten, sie gingen seltener als einmal im Jahr in ein Kunstmuseum, der größere Teil davon nie.

Mit den Kosten hat das wenig zu tun, wie man gut an den Museen beobachten kann, die bereits ganz oder teilweise gratis sind. Zwar steigt die Zahl der Besucher nach der Einführung, was stets als großer Erfolg gefeiert wird. In den meisten Fällen allerdings geht sie anschließend auch wieder deutlich zurück; darüber wird öffentlich nicht mehr so gern gesprochen. Am Ende pendelt sie sich üblicherweise knapp oberhalb des Ausgangsniveaus ein.

Qualitative Forschungen in ganz Europa zeigen zudem: Selbst der verbleibende minimale Zuwachs beruht weitgehend auf höherer Besuchsfrequenz jener Museumsgänger, die schon vor der neuen Preispolitik da waren; sie kommen dann öfter, dafür werden die Besuche kürzer. Ja, das belebt das Museum natürlich trotzdem. Aber: Nein, das war nicht das Ziel des kostenlosen Eintritts.

Kannibalisierungseffekte statt mehr Teilhabe

Und selbst dort, wo das Besucherplus dauerhaft aus Bevölkerungsgruppen stammt, die man in der Regel nur schlecht erreicht – Kinder und Jugendliche, Familien, wirtschaftlich schwache Milieus und Migranten der großen Zuwanderergruppen – ist dieser Erfolg bei eingehender Überprüfung oft nur einer Verlagerung geschuldet: Bei Schulausflügen, aber auch bei Stadtrundfahrten oder -gängen für Touristen, fällt die Entscheidung zwischen verschiedenen kulturellen Zielen unter dem Kostenaspekt. Kein Wunder also, dass ein Spitzenmuseum wie das Essener Folkwang seit dem Freiem Eintritt – ermöglicht durch die Krupp-Stiftung – enorme Nutzerzuwächse gerade bei Schülergruppen verzeichnet. Genauer betrachtet sind das aber nur jene, die jetzt in anderen kostenpflichtigen Häusern des Ruhrgebiets zwischen Duisburg und Dortmund fehlen.

In Berlin erleben wir gerade eine heftige Debatte um den Freien Eintritt für das im kommenden Jahr zu eröffnende Humboldt Forum. Nicht nur die umliegenden Museen befürchten Kannibalisierungseffekte, auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters sieht die Gefahren. Die Frage spaltet sogar die Führungsmannschaft der Stiftung Preußischer Kulturbesitz selbst, die das neue wie die alten Häuser maßgeblich verantwortet.

Doch besonders die SPD in NRW hält es vielerorts trotzdem für eine gute Idee, auf den Eintritt zu verzichten, jedenfalls für Unter-21-Jährige, die Sammlungen und Dauerausstellungen besuchen. Dass keine seriöse Untersuchung – eine davon hatte die sozialdemokratische Landtagsfraktion in der vorigen Wahlperiode sogar mit in Auftrag gegeben – dafür nennenswerte Erfolge im Sinne eines „Kultur für Alle“-Gedankens belegen kann, wird konsequent ignoriert.

Sozialromantik statt wirksamer Kulturpolitik

Von Tübingen über Düsseldorf bis Leipzig, von Mailand bis London, von New York bis L.A. wissen Kulturforscherinnen und -manager: Menschen, die nicht in Museen gehen – das gilt so ähnlich für alle „klassischen“ Kulturinstitutionen -, müssen mit speziell zugeschnittenen Vermittlungsangeboten angesprochen und betreut werden. Dann sind nachhaltige Erfolge durchaus erreichbar … und erst danach macht es Sinn, die neugewonnenen Museumsfreunde durch eine andere Preispolitik auch regelmäßig ins Haus locken zu wollen.

Solche substanziellen Programme kosten allerdings, weil man qualifiziertes Personal für Pädagogik und Marketing beschäftigen muss. Im Vergleich dazu nehmen sich die Einnahmeausfälle durch Freien Eintritt in Dauerausstellungen ziemlich bescheiden aus. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), der ebenfalls gerade in 18 Museen ein Gratisticket für Kinder und Jugendliche einführen möchte, rechnet mit rund 630.000 Euro entgangener Ticketumsätze pro Jahr. Das Geld soll durch eine moderate Preiserhöhung für Erwachsene und weniger kostenlose Tage für alle Museumsbesucher wieder reinkommen. Die nicht besonders hoch wirkende Summe ist für den Betrieb der Häuser nämlich erklärtermaßen unverzichtbar.

Auch LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger räumt in der Pressemitteilung zu ihren Plänen ein, dass der Freie Eintritt allein nichts bewirkt. Sie will das Gratisticket aber nicht mit mehr Vermittlungsarbeit, sondern besseren Mobilitätsangeboten ergänzen. Die sind in Ländlichen Räumen wie dem Sauer-, Münster- oder auch Lipperland tatsächlich ein Problem. Dass bislang fehlende Publika deshalb künftig in nennenswerter Zahl die Museen stürmen, wird trotzdem eher ein frommer Wunsch bleiben als eine realistische Hoffnung.

Letzte Ausfahrt: Gerechtigkeit

Was die SPD in Nordrhein-Westfalen beim Freien Eintritt zurzeit so vehement umtreibt, bleibt Kennern der Materie erst recht ein Rätsel. Auch in den Stadträten von Dortmund und Düsseldorf will man auf Teufel komm raus den Freien Eintritt beschließen, ohne fundiert sagen zu können, wofür das gut sein soll. Die Genossen im Landtag haben ihr Ansinnen zuletzt sogar mit einer besonders originellen neuen Begründung versehen: Das Gratisticket stelle bloß Gerechtigkeit her, schließlich hätten die Steuerzahler die Museen sowie die Kunst und das Personal darin ja bereits bezahlt. Nach dieser Logik müssten dort allerdings Jahr für Jahr Gewinne in Höhe der Eintrittserlöse gemacht werden – die Kosten wären ja bereits durch die öffentlichen Kassen gedeckt …

Haben Sie das gerade gehört? Das war das schallende Gelächter der rund 6300 Museums-Direktor*innen zwischen Flensburg und Passau. Es muss Galgenhumor sein, denn die SPD ist aktuell immer noch an elf Landesregierungen beteiligt. Wer aber solche Milchmädchenrechnungen aufstellt, sollte in der Kulturpolitik besser nichts zu sagen haben. Andererseits kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Partei auch an diesem Ziel gerade fieberhaft arbeitet. Vielleicht doch ein Virus?

Foto: (c) Peter Grabowski

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Zur Kenntnis … am 20. September

IFACCA ist eine zunächst nicht ganz jugendfrei wirkende Abkürzung, wenn man sie einfach so als Wort ausspricht. Dahinter versteckt sich allerdings nicht etwa eine prahlerische Porno-Plattform, sondern ausgerechnet der Weltverband der nationalen Kulturförderinstitute (International Federation of Arts Councils and Culture Agencies).

Deren Newsletter ist ein steter Quell der Horizonterweiterung, wenn man das denn will. Aktuell verweist er auf Präsentationen und Videos vom ersten Kulturgipfel für das südliche Afrika, der Ende August in Windhoek stattfand. Ich empfehle den Mitschnitt des Podiums „Das richtige Umfeld zur Förderung der Kulturwirtschaft“.

Seit dem letzten IFACCA World Summit of Arts and Culture auf Malta im Oktober 2016 kann ich sagen: Es gibt kaum Lehrreicheres und Inspirierenderes als die Begegnungen mit den vielen höchst engagierten und maximal kundigen Kulturförderern – und Künstler*innen – aus aller Welt. Immer, wenn ich bei solchen Veranstaltungen bin, muss ich an ein legendäres Bonmot von Mark Twain denken: „Reisen ist tödlich für die eigenen Vorurteile“.

Ich will deshalb versuchen, auch beim nächsten Gipfel dabei zu sein, der im März 2019 in Kuala Lumpur stattfindet. Leider ist noch nicht ganz klar, ob es wirklich klappt – but I’m lookin‘ forward!

… und sonst:

Kurzfristiger Veranstaltungshinweis: „Neue Relevanz“ heißt ein erstklassig besetztes Symposium zur Zukunft kleiner Stadtmuseen. Es findet morgen in Werne statt (ja, ja, googlet mal schön, wo das eigentlich liegt) und wird vom dortigen Stadtmuseum zusammen mit der Zukunftsakademie NRW (ZAK) veranstaltet, unterstützt vom Fonds Stadtgefährten der Bundeskulturstiftung und StadtBauKultur NRW. Spitzenthema, eigentlich auch ein Fall fürs Heimatministerium.

Mittelfristiger Veranstaltungshinweis: Der jährliche Theatermarkt der Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen (INTHEGA) findet am 15. und 16. Oktober in Bielefeld statt. Noch nie von gehört (also ich mein jetzt die INTHEGA, nicht Bielefeld)? Seltsam eigentlich, da sind nämlich immerhin 400 Kommunen Mitglied. Fast 60 % der Menschen in Deutschland leben im „Ländlichen Raum“: Vermutlich sind die bei der INTHEGA gehandelten Inszenierungen tatsächlich viel wichtiger für das kulturelle Leben der Republik als all die Volksbühnen, Thalias und Kammerspiele von Berlin bis München.

Langfristiger Terminhinweis: Ende November jährt sich die Unterzeichnung des Washingtoner Abkommens für den Umgang mit NS-Raubkunst zum 20. Mal. Dazu gibt es dann ein großes Symposium in Berlin. Titel: „Wege in die Zukunft“, organisiert vom Magdeburger Zentrum für Kulturgutverluste. ANMELDESCHLUSS dafür ist bereits der 12. Oktober. Don’t miss!

Foto: (c) Peter Grabowski
Das ist der Blick von der Terrasse, auf der ich die nächsten
drei Wochen keine Newsletter und Mails lesen werde.
Bis dahin!

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