Zur Kenntnis: (Kein) Alltag im Krieg

Der russische Einmarsch in die Ukraine ist das zurzeit alles überragende Thema. Dabei (er-)leben wir eine Form kognitiver wie emotionaler Dissonanz: Die Bilder von militärischer Gewalt und menschlicher Not sorgen sowohl für Mitleid im wahren Sinne des Wortes als auch für Ängste um die eigene Zukunft. Gleichzeitig scheint der berufliche oder familiäre Alltag nahezu unberührt weiter zu gehen: Aufstehen und Frühstücken, KiTa, Schule und (Home) Office, Einkaufen und Freunde treffen. Es fühlt sich manchmal ein bisschen unwirklich, mitunter sogar regelrecht absurd an.

Das gilt genauso für die Kultur: Einerseits reagieren Künstler*innen, Verbände und Kulturpolitik auf die schrecklichen Ereignisse in der Ukraine. Andererseits werden weiter Konzerte veranstaltet, Romane veröffentlicht und Wahlprogramme verabschiedet. Einflussreiche Menschen gehen in Rente, nicht nur ihre Stellen werden neu besetzt. Viele Ereignisse dieser Art sind in den letzten Wochen aus ebenso naheliegenden wie nachvollziehbaren Gründen öffentlich wenig wahrgenommen wurden. Wie immer weise ich in diesem unregelmäßig erscheinenden Newsletter auf einige hin, dreien widme ich dieses Mal ein paar Zeilen mehr.

Dem kulturpolitischen Sprecher der sozialdemokratischen Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag, Andreas Bialas, ist zum Beispiel etwas gelungen, das selbst ältestgedienten Mitgliedern der SPD-Vereinigung Kulturforum zwischen Bielefeld und Bonn die Tränen der Rührung in die Augen treibt: Auf dem Wahlparteitag der NRW-Sozis Mitte Februar wurde allen Ernstes beschlossen, im Falle einer Regierungsübernahme die Kulturausgaben des Landes … nein, nicht einfach bloß zu erhöhen, was an sich schon eine goldgerahmte Eilmeldung wert wäre, sondern bis 2032 zu … verdoppeln. Das ist kein Witz, das steht wirklich im Wahlprogramm. Jetzt will die SPD also das Gleiche wie die CDU, die ja schon in den vergangenen fünf Jahren – zusammen mit der FDP – fast 60 Prozent draufgelegt hat. Und das heißt, dass zumindest in der nächsten Wahlperiode der Zuwachs wieder ähnlich hoch ausfallen wird, weil eine der beiden großen Parteien den Ministerpräsidenten stellen wird. Für die nordrhein-westfälische SPD ist das nach den kulturpolitischen Hunger-Jahren unter Hannelore „Mensch-ärgere-dich-nicht-ist-auch-Kultur“ Kraft ein echter Quantensprung. Merke: Steter Tropfen höhlt den Stein (eine Spielart des Historischen Materialismus).

Meanwhile … hat sich in Berlin ein bemerkenswerter Governmental Turn ereignet: Vom kürzlich noch als unverzichtbar geltenden Existenzgeld für Künstler*innen in der Pandemie, das Bündnis90/Die Grünen sowohl in mehreren Anträgen im Deutschen Bundestag als auch explizit in ihrem Bundestagswahlprogramm (Seite 206) gefordert hatten, hört man seit Eintritt der Partei in die Ampelkoalition plötzlich so gar nichts mehr. Stattdessen lobte die grüne Kulturstaatsministerin Claudia Roth Ende Januar im Kulturausschuss des Bundestages ausdrücklich die von der Großen Koalition beschlossenen Hilfen und deren Erfolge; das klang drei Tage vor der Wahl im September in einem Beitrag für die ZEIT noch ganz anders. Mich erinnert das an was:
„As the present now will later be past
The order is rapidly fadin‘
And the first one now will later be last
For the times, they are a-changin‘

Schließlich noch eine Meldung aus dem Maschinenraum der deutschen Kulturpolitik: Klaus Hebborn hat sich Ende Januar in den Ruhestand verabschiedet. Die vergangenen 16 Jahre war er als Beigeordneter für Bildung, Kultur und Sport für die Kulturpolitik des Deutschen Städtetages und der sogenannten Kommunalen Familie insgesamt so prägend wie niemand sonst. Die bisherige Dortmunder Schul- und Jugenddezernentin Daniela Schneckenburger (B90/Grüne) ist bereits als Nachfolgerin gewählt, tritt ihr Amt aber erst im Laufe des zweiten Quartals an. Der Stabwechsel findet in bewegten Zeiten statt, in denen die Bundesregierung unter anderem ein neues Plenum für Kultur schaffen will. Das hat man sich wohl als eine Art Ständiger Konferenz von Bund, Ländern und Kommunen mit Verbänden und Zivilgesellschaft vorzustellen, um der föderalen Kulturförderung neue Impulse zu geben und eine bessere Abstimmung zwischen den Akteuren zu erreichen; Konkretes ist bisher nicht bekannt. Dem Neu-Pensionär (ähemm …) und seiner Nachfolgerin an dieser Stelle für dieses wie jenes ein herzliches: Glückauf!

Aktuelle Informationen zum Ukraine-Krieg

… und sonst:

Erste Vorarbeiten: Kulturministerkonferenz und Kulturstaatsministerin Roth beraten Gutachten zur Verbesserung der wirtschaftliche Lage und sozialen Sicherung von Künstler*innen

Berliner Rochade: Der Direktor der Zentral- und Landesbibliothek, Volker Heller, löst den Direktor der HU-Bibliothek, Andreas Degkwitz, als Vorsitzender des Deutschen Bibliotheksverbandes ab (Pressemitteilungen gibt es da unpraktischerweise nur noch als PDF-Download)

Längere Liste: Die Kulturministerkonferenz der Länder und Kulturstaatsministerin Claudia Roth haben fünf Neueinträge für das Immaterielle Kulturerbe beschlossen

Na endlich! Die Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger will Mindestgagen vergleichbar zu Einstiegsgehältern für andere Akademiker*innen

„Echt, jetzt erst?“ Axel Brüggemann fragt bei Crescendo nicht nur nach der Russland-Connection des SemperOpernballs (fast noch aufschlussreicher: die Kommentare darunter)

Einsicht greift um sich: Auch das Washingtoner Smithsonian Institute will Benin-Bronzen restituieren

Grünes Licht für Kultur: Die Bundesregierung hat eine Lüftungs-Ampel für Theatern und Co entwickeln lassen

Nur acht Jahre später: Niedersachsen soll ein Kulturfördergesetz nach nordrhein-westfälischem Vorbild bekommen – es steht nur noch weniger drin

Was lange währt … der Deutsche Kulturrat begrüßt Vorschläge der EU-Kommission, die den Weg für Mindesthonorare und -vergütungen von Künstler*innen freimachen (das ist nämlich leider auch komplizierter als man so denkt)

Die Null muss stehen: Die Kulturstiftung des Bundes beschließt das Programm Zero für klimaneutrale Kunst

Endlich Fortschritt: Der Deutsche Kulturrat begrüßt Vorschläge der EU-Kommission, die den Weg für Mindesthonorare und -vergütungen von Künstler*innen freimachen (das ist nämlich leider auch komplizierter als man so denkt)

The long and winding road … Die Londoner Tate Gallery ringt mit einem Monumentalgemälde, das rassistische Klischees zeigt

Reif fürs Museum: Das Ostwall in Dortmunder U bekommt eine Doppelspitze

Gegen jede Vernunft: Der Bundesrechnungshof kritisiert Monika Grütters‚ Förderentscheidungen für die Potsdamer Garnisonkirche mit deutlichen Worten

Gegen die Wand: Die NRW-Landesregierung will vor der Landtagswahl im Mai ihr neues Denkmalschutzgesetz durchboxen – Experten landesweit sind auch vom dritten Entwurf entsetzt

„Geldwäsche? Kaum!“ Das US-Finanzministerium sieht im Kunsthandel wenig Risiken, auch wenn sich das mit NFTs ändern könnt

“ … und zum Dritten!“: NRW legt noch mal ein Stipendienprogramm mit je 6000 Euro für maximal 15 000 Künstler*innen auf

Prominenter Zugang: Der vormalige Direktor des Deutschen Bühnenvereins und Geschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft, Marc Grandmontagne, vertritt die Personalberatung Kulturexperten in Wien

Décennies plus tard: Die Französische Nationalversammlung beschließt zum ersten Mal die Rückgabe von Raubkunst an jüdische Vorbesitzer

Versteckt gelegen: Das Verborgene Museum schließt und gibt sein Archiv an die Berlinische Galerie – das fällt sogar international auf

Schluss mit dem Unfug: US-Präsident Biden hebt eine Reihe kunstfeindlicher Trump-Verordnungen auf

Vorhang zu: Yvonne Büdenhölzer gibt die Leitung des Theatertreffens ab

IN EIGENER SACHE 1: Für den neuen Podcast „Alles klar, Klassik?“ wurde ich dazu befragt, ob Kulturförderung eine Begründung braucht, warum die immer mal wieder wechselt und leider nie zu Ende gedacht wird. Wer letzte Antworten erwartet, wird enttäuscht – vielleicht aber wird die Debatte wenigstens endlich begonnen. Ich habe übrigens leider wieder mal vergessen, einen zentralen Satz im Zusammenhang mit der Finanzierung öffentlicher Kultureinrichtungen nicht nur zu denken, sondern auch auszusprechen: „Der Staat kann sich nicht selbst subventionieren“.

IN EIGENER SACHE 2: Für die Februar-Ausgabe der Politik & Kultur des Deutschen Kulturrates habe ich NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen anlässlich ihrer Übernahme des Vorsitzes der Kultur-MK der Länder interviewt (Seite 4); für die eben erschienene März-Ausgabe die Generalsekretärin der Kunststiftung NRW, Andrea Firmenich (Seite 8).

Leseempfehlung 1: Die IG Kunsthandel hat ihre 2019er Tagung „Fair und Gerecht?“ umfassend dokumentiert. Als Buch 45 Euro – als PDF gratis

Leseempfehlung 2: Kulturpolitische Gesellschaft und Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) starten eine neue Schriftenreihe mit dem Band „Agilität“

Zuletzt eine Hörempfehlung für Kunstfreunde mit Englischkenntnissen: Alec Baldwin präsentiert einen neuen True-Crime-Podcast über den größten Fälschungsskandal der US-Geschichte

Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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