Zur Kenntnis … Neue Umwegrenditen und alte Debatten

„Kulturstaatsministerin der Demokratie“ wolle sie sein, erklärte Claudia Roth gleich nach ihrem Amtsantritt Anfang Dezember im ersten Interview mit der ZEIT (Paywall). Sie wolle einen „Aufbruch in die Wirklichkeit“. Und dann geht es auch um Diversität, Antirassismus und Dekolonisierung, natürlich um den Klimaschutz und die Bedrohung der Kunstfreiheit durch Autokraten … nur um Kunst und Kulturförderung geht’s irgendwie nicht. Weder in diesem Interview noch im Gespräch mit dem Deutschlandfunk-Kollegen Stefan Koldehoff am Tag zuvor. Woran erinnert mich das bloß?

Es gab mal eine Zeit, da waren die volkswirtschaftlichen(!) Effekte der Kultur und ihrer Förderung in vielleicht nicht aller, aber doch in vieler Munde, auch über das kulturpolitische Biotop hinaus. Damals schwappte eine neoliberale Welle durch das Land, und die Verausgabung öffentlicher Mittel schien nur noch dadurch zu rechtfertigen, dass das „was bringt“ – und zwar etwas Zähl-, also Messbares, in Euro und Cent. Allerorten wurde der sogenannte Return on Invest (ROI) beschworen, auch in der Kultur. Es mussten ständig „Umwegrenditen“ her, zum Beispiel durch Tourismus- und Gastronomie-Umsätze, also Steuereinnahmen. Zur selben Zeit begannen viele Stadtverwaltungen übrigens plötzlich, die Bürger*innen „Kunden“ zu nennen – so als ob diese die Möglichkeit hätten, wie jene beim Kühlschrankkauf statt zum Saturn zu MediaMarkt zu gehen, also statt beispielsweise in Wuppertal nun in Würzburg ihren Pass zu beantragen oder das Auto umzumelden, wenn es in der eigenen Kommune mal wieder über Monate keinen Termin dafür gibt. „Kunden“ … Sprache ist ein verräterisch‘ Ding.

Demokratie fördern ist der neue ROI

Wie der in mehrfacher Hinsicht bis zur buchstäblichen Unfassbarkeit fluide Sektor des Kulturellen aber nun mal so ist, hat er sich dieser Denke irgendwann entzogen. Leider nicht durch die pure Wirkmacht seiner selbst, sondern durch Verschiebung der Aufmerksamkeit auf eine andere, nicht-monetäre Art der Umwegrendite. Seitdem darf die Kultur- und Kreativwirtschaft zwar weiter stolz auf ihren Beitrag zu Bruttoinlandsprodukt und -wertschöpfung sein, aber für den Legitimationsdiskurs wurde ein anderer Parameter immer wichtiger: Das demokratische Kapital, das die Kultur für die Gesellschaft hortet. Und wenn das immer noch nicht reicht als Rechtfertigung für die mittlerweile mehr als 12, wahrscheinlich sogar längst 13 Milliarden Euro staatlicher Kulturausgaben jährlich (das weiß tatsächlich niemand so genau), wird die letzte Zündstufe der Begründungsrakete gezündet: „Identität“.

Das eigentlich weithin verabscheute Lieblingswort aus der rechten Schmuddelecke des Politischen kommt immer dann ins Spiel, wenn sonst nix mehr hilft. Zuletzt war es der neue Kaufmännische Direktor des Deutschen Museums in München, Henrik Häcker, der sich mit Druckerschwärze gewordener Abscheu dagegen verwahrte, dass Kultureinrichtungen „in einen Topf mit Freizeit, Unterhaltung und Kommerz geworfen werden“. Als ob sie für den allergrößten Teil ihrer Nutzer*innen irgendwas anderes wären als Orte, die in der Freizeit zum Zwecke der Unterhaltung besucht werden – nur das die bei einem bildungsnahen Publikum eben intellektuell anspruchsvoller zu sein hat als bei Fans von Spielotheken und Rummelplätzen. Aber Hand aufs Herz: Haben Sie schon mal eine Aufführung von Mozarts „Zauberflöte“ besucht und sind mit grundstürzend neuen Erkenntnissen über die Welt und das Menschsein an sich herausgekommen? Sehen Sie – und das ist Deutschlands meistgespielte Oper, also der absolute Renner im kostenträchtigsten Genre der staatlich finanzierten Kulturproduktion hierzulande: Unterhaltung pur!

Dernier Cri: Kultur.Macht.Identität

Bei derlei Banalität der Wirklichkeit bleibt als allerletzter Ausweg der Sinnfindung scheinbar nur noch das ganz große Besteck: „Museen, Theater, Kinos, Musik […] stiften Identität“, attestierte Häcker nicht zuletzt seiner eigenen Institution, deren Sanierung – so ist das nun mal, was soll man denn machen – jetzt leider doch 750 statt 400 Millionen Euro kosten wird (und anschließend trotzdem nicht vollständig renoviert ist, das würde selbstverständlich teurer). Identität, im Ernst? Da bin ich aber mal gespannt, wie der Diplom-Kaufmann dieses komplexe Element von Persönlichkeitsbildung bzw. „Gesamtheit der Eigentümlichkeiten einer Entität“ (das ist aus Wikipedia, es geht natürlich noch akademischer) aus dem Deutschen Museum heraus erklärt. Und dabei nicht nur, aber vor allem das der Identität innewohnende Kernmerkmal der Ununterscheidbarkeit berücksichtigt, das zwangsläufig allem zu eigen ist, zu eigen sein muss, was wir just aus diesem Grunde identisch nennen.

Zurück ins echte Leben und damit zum vollen Wortlaut des Absatzes, den der neue Bundeskanzler Olaf Scholz in seiner ersten Regierungserklärung zur Kultur formuliert hat: „Im kulturellen Leben liegen die Fundamente, auf denen unser Zusammenleben gegründet ist. In ihrer ganzen Vielfalt fördern kulturelle und künstlerische Impulse den Aufbruch, den unsere Gesellschaft jetzt braucht. Der Kampf gegen die Pandemie hat es nötig gemacht, Entscheidungen zu treffen, die genau dieses kulturelle Leben besonders hart getroffen haben. Umso mehr wird sich die neue Bundesregierung darum kümmern, die soziale Lage der Künstlerinnen und Kreativen zu verbessern und das kulturelle Leben in unserem Land zu einer neuen Blüte zu führen.“ Ende der Durchsage.

Die Tücke des engen Drahts

Ebenfalls neu im Amt ist seit Anfang Januar die Vorsitzende der Kulturministerkonferenz der Länder, die parteilose Ressortchefin in der schwarz-gelben NRW-Landesregierung, Isabel Pfeiffer-Poensgen. Auch sie nennt als Arbeitsschwerpunkt für dieses Jahr die Einkommenssituation und Soziale Sicherung vor allem selbstständiger Künstler*innen. Darüber hinaus will sie beim Kunstbesitz aus kolonialen Kontexten und bei der SPK-Reform vorankommen. Ambitioniertes Programm – zumal sie wegen der Landtagswahlen im Mai voraussichtlich nur bis zum Sommer amtieren wird. Auf meine Frage zu Beginn dieser Woche, wie denn ihr erstes Gespräch mit der neuen Kulturstaatsministerin eigentlich gewesen sei, antwortete Pfeiffer-Poensgen knapp: „Ich bemühe mich um einen Telefontermin.“ Da war Roth nicht nur bereits einen ganzen Monat im Dienst, sondern hatte ihr angestrebtes Verhältnis zu Ländern und Kommunen im oben erwähnten Deutschlandfunk-Interview auch so beschrieben: „Da will ich einen ganz, ganz engen Draht haben und eine enge Verbindung haben und eine sehr kooperative Zusammenarbeit pflegen.“ So, so …

Fakten der etwas anderen Art hat noch die letzte Bundesregierung (Vizekanzler: Olaf Scholz) mit ihrer Novelle des Filmfördergesetzes geschaffen, die seit Jahresanfang in Kraft ist – und zwar beim Klimaschutz. In §59a heißt es jetzt: „Förderhilfen werden nur gewährt, wenn bei der Herstellung des Films wirksame Maßnahmen zur Förderung der ökologischen Nachhaltigkeit getroffen werden.“ Und damit nicht genug, setzt §67 noch eins drauf: „Der Hersteller muss den durch die Produktion des Films verursachten Ausstoß von Treibhausgasen mittels eines CO2-Rechners nachweisen.“ Ich freue mich jetzt schon auf die Diskussionen, wenn das auch für Theater und Museen eingeführt wird. Persönliche Prognose: Das Ende der Kunstfreiheit ist dann plötzlich ganz, ganz nah – jedenfalls in den Äußerungen beträchtlicher Teile des Führungspersonals dieser Institutionen.

And now we come …

And now – anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Ausstrahlung der ersten Folge von „Monty Python’s Flying Circus“ im Deutschen Fernsehen am 3. Januar – we come to something completely different: Sind NFTs das nächste iPhone oder nur das nächste Second Life?

And now … fordert Würzburgs Operndirektor Berthold Warnecke in der FAS (leider nicht online), dass seine „Branche aus der neuen Lage auch neue Konsequenzen zieht“. Ihn und fast all seine Kolleg*innen treibe nämlich um, dass selbst die pandemiebedingt reduzierten Kapazitäten ihrer Häuser, von wenigen Top-Inszenierungen abgesehen, schon seit Monaten nicht gut ausgelastet seien (wovon die Kollegin Dössel von der Süddeutschen Zeitung offenbar nichts weiß – vielleicht weil sie und alle, die sie kennt, nur große Häuser in Hamburg, Berlin und München aufsuchen). Womöglich hat das Publikum in der Zwangspause vielerorts einfach gemerkt, dass es doch gar nicht sooo dringend noch ’n Lear oder Lachenmann braucht, weder zur Unterhaltung, noch für die Identität. Und wer sich des vermeintlich Überflüssigen erstmal entwöhnt hat … es ist fast wie beim Rauchen. Das könnte wiederum in eine Relevanz-Diskussion führen, genau genommen sogar in eine System-Diskussion, auch ganz ohne dass es um die berühmt-berüchtigte Systemrelevanz ginge – die wird nämlich immer noch in der „Verordnung zur Bestimmung Kritischer Infrastrukturen nach dem BSI-Gesetz“ aus dem Bundesinnenministerium festgelegt. Kultur und Medien kommen darin auch nach 22 Monaten Dauerbeschwerde nicht vor.

… und sonst:

  • Die versteckte Gefahr: Der Kommunalfinanzbericht Ruhr belegt das Risiko der Altschulden für die „Freiwillige Leistung Kultur“ nach der Pandemie
  • Und es geht auch schon los: Jede neunte Kommune will laut einer aktuellen Studie Bibliotheken oder andere kulturelle Einrichtungen schließen, der Bibliotheksverband fordert mehr Unterstützung
  • Bisschen stiekum: Die LVR-Kulturdezernentin Milena Karabaic ist in den Ruhestand gegangen – die Neue heißt Corinna Franz (für Leser*innen in der Pfalz oder Sachsen: Auf dem Gebiet des Landschaftsverbandes Rheinland in NRW leben über acht Millionen Menschen, also doppelt so viele wie in Ihrem Bundesland)
  • Beschlossene Sache: Düsseldorf kriegt eine neue Oper (in der Stadtmitte, ca. 750 Millionen)
  • Mehr dies und das und jenes: Der Deutsche Kulturrat nimmt Stellung zum „Diskussionsentwurf zu Auftrag und Strukturoptimierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“
  • Digitalisierung sei Dank: Auf neuen Seiten von EU-Kommission und Culture Europe Desk finden Künstler*innen und Institutionen europäische Förderprogramme

  • Eine Runde Aussetzen: Die UNESCO hat ausnahmsweise mal kein Immaterielles Welterbe mit deutscher Beteiligung gekürt – die Entscheidung über das deutsch-dänische Minderheitenmodell wurde vertagt

IN ANDERER SACHE: Die Kulturpolitische Gesellschaft sucht eine*n neue*n Geschäftsführer*in. Topjob auf Bundesebene, tolle Kolleg*innen, spannende Aufgabe – man muss aber halt nach Bonn. Mehr hier (PDF)

ZUM SCHLUSS: Gleich beim ersten Lesen des Rufes von Mithu Sanyal, Simone Buchholz und Dimitrij Kapitelman nach einer „Parlamentspoetin“ fragte ich mich kurz … aber zum Glück widersprachen schon bald ein paar jedenfalls politisch klügere Kolleginnen dem irgendwas zwischen naiv, missionarisch und gefährlich anzusiedelnden Ansinnen, Lyrik zum Wohle des Volkes verfassen zu wollen. Dass die einstige Theologiestudentin wie Kirchentagspräsidentin Katrin Göring-Eckardt (B90/Grüne) aus dem Bundestagspräsidium den Vorschlag ziemlich gut findet … nun ja, verwundert kaum, stärkt aber auch nicht gerade das Vertrauen in die kulturpolitische Kompetenz der Partei der neuen Kulturstaatsministerin.

P.S: Gemerkt? Es kam nicht einmal das C-Wort vor … Einen schönen Januar allen!

Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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2 Antworten zu Zur Kenntnis … Neue Umwegrenditen und alte Debatten

  1. Jochen Molck schreibt:

    Lieber Peter,

    immer wieder gut  und einfach mal ein Dankeschön für kluge Worte in komplizierten Zeiten, ich hatte deine Anmerkungen schon vermisst…

    LG aus Düsseldorf

    Jochen

  2. Prof. Dr. Armin Klein schreibt:

    Lieber Peter Grabowski, ein wunderbarer Text zu der kompletten Überspanntheit des Kulturbetriebs in Deutschland. Je schlechter die reale Lage um so höher der Ton! Beispiel Buchmarkt: Könnten die gestiegenen Umsatzzahlen vielleicht nicht eher auf die stattgefundenen Preiserhöhungen für Bücher als auf die Zunahme der Leser zurückzuführen sein??? Aber das passte natürlich nicht so ins Bild der behaupteten Bedeutung der eigenen Branche! Also: erhöht die Zuwendungen an die Theater und der Bühnenverein wird behaupten, es kämen mehr Besucher, woraus sich eine Steigerung der Legitimität ergibt. Widiwittt – mache mit die Welt, wie sie mir gefällt. Pippi Langstrumpf hätte ihre Freude!

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