Zur Kenntnis: Lockup … oder so

Erst macht der Buchhandel auf, dann die Museen und sogar einige Bühnen sollen noch vor Ostern Publikum haben. Der gestrige Beschluss von Bund und Ländern klingt nach dem lange geforderten Lockup für die Kultur. Faktisch ist er aber nur ein ungedeckter Wechsel auf das Infektionsgeschehen. Die geforderte Planungssicherheit gibt es weiterhin nicht – tatsächlich sogar weniger als bisher.

Bislang hieß es: Alles bleibt zu, bis die Inzidenzen stabil unter 50 sind, ab da könne es langsam wieder los gehen. In den letzten zwei Wochen wurden dann sogar namhafte Stimmen lauter, die dauerhafte Werte unter 35 oder sogar 10 zur Mindestbedingung für das Wiederanfahren des öffentlichen Lebens machen wollten. Davon war in der Ministerpräsident*innen-Konferenz (MPK) gestern keine Rede mehr; selbst die 50 sind jetzt plötzlich irgendwie teilegal. Das ist allem Anschein nach nicht rationalen Erwägungen in der Sache, sondern Landtagswahlen und vor allem ost- wie norddeutscher Kleinstaaterei geschuldet.

Nun werden die Buchläden am Montag republikweit öffnen dürfen, Museen und Galerien überall dort, wo die Inzidenz unter 50 liegt; zwischen 50 und 100 nur mit Termin und Dokumentation. In der Woche vor Ostern können dann auch Theater, Konzerthäuser und Kinos erstmals wieder Publikum vor Ort begrüßen. Liegen die Werte unter 50, geht das ohne aktuellen Testnachweis; zwischen 50 und 100 wird der Pflicht. Wie das in der Praxis genau aussieht – von Mindestabständen, also Platzbeschränkungen, Masken-Usancen bis zur Einlasskontrolle und Impfnachweisen – werden die Bundesländer in immer neuen Schutzverordnungen regional unterschiedlich allem Anschein nach zweiwöchentlich festlegen. Vor allem für die Kinos ist das keine gute Nachricht. Ohne flächendeckende Öffnung gibt es keine deutschlandweiten Starts neuer Filme, geschweige denn der dringend benötigten Blockbuster, für die sich der Werbeaufwand in einem Flickenteppich von hier offen und dort zu nicht rechnet.

Rin inne Kartoffeln, raus ausse Kartoffeln

Nüchtern betrachtet hat die Politik gestern eine 180-Grad-Wende vollzogen und das Gegenteil von dem beschlossen, was sie über Monate angekündigt und als Grundsatz vertreten hat: Das gesellschaftliche und auch kulturelle Leben wird jetzt gegen den Rat der allermeisten Expert*innen in einer Phase steigenden Infektionsgeschehens mit ansteckenderen Virusvarianten wieder losgehen. Um pauschalen Missverständnissen vorzubeugen: Im Kampf gegen ein Virus, das blöderweise nicht mit sich verhandeln lässt, können Fehler passieren. Einige sind erklär-, andere waren aber mindestens vermeidbar: Von der angeblichen Unwirksamkeit der Masken über die teils(!) unnötig langsame Auszahlung finanzieller Hilfen bis hin zum irrationalen Glauben an die Mündigkeit vergnügungssüchtiger Bürger*innen in einem kälter und nasser werdenden Herbst. Die USA, Großbritannien oder Brasilien belegen zudem: Man kann sogar viel schlechter regiert werden, wenn die Verantwortlichen wirklich bekloppt sind.

Rein kommunikationspsychologisch aber ist das Handeln von Bund und Ländern eine nahezu durchgängige Bankrotterklärung. Die Einzige, die bei Verstand zu sein scheint, ist die Naturwissenschaftlerin an der Spitze der Bundesregierung (wer hätte geahnt, dass ausgerechnet ich das jemals schreiben oder sagen würde). Beinahe alle anderen Amtsträger*innen dagegen reden heute dies und morgen jenes und wundern sich anschließend, wenn die Menschen im Land dann auch heute dies und morgen jenes von ihnen erwarten. Wer so bescheuert agiert, hätte schon deshalb verdient, bei der nächsten Wahl aussortiert zu werden – gewogen und für zu leicht befunden. Leider machen die politischen Mitbewerber*innen nicht den Eindruck, klarer im Kopf zu sein. Und die buchstäblich selbsternannte Alternative gilt seit gestern endlich auch offiziell als rechtsextremistischer Verdachtsfall.

Was hat euch nur so ruiniert?

Fehlleistungen ganz anderer Art nicht nur verdächtig sind Kulturvertreter*innen, die angesichts der Tatsache, dass es mal ein paar Monate lang kein Ballett und keine Oper vor Saalpublikum gibt, allen Ernstes von einer „kulturellen Klimakatastrophe“ sprechen (Link wurde korrigiert). Nun fragt man sich beim Bayerischen Staatsopernintendanten und dessen Gleichgesinnten ja schon länger nicht mehr (in Anlehnung an Die Sterne), was sie nur so ruiniert hat. Aber dass bis auf Amelie Deuflhard, ein paar Intendant*innen im Osten und vereinzelte Verbandsvertreter*innen offenbar niemand den Arsch in der Hose hat, sich von derlei milieuspezifischer Hybris entschieden zu distanzieren, das wundert dann doch.

Vielleicht ist es aber nur ein weiterer Beweis für den ebenfalls sehr alten Verdacht, dass so mancher Führungskraft in der Kultur schlicht Realitätssinn und Bodenkontakt fehlen. Da es gleichzeitig hochklassige Künstler*innen und Kulturmanager*innen aller Sparten gibt, die anders ticken, handelt es sich aber vielleicht doch nicht um eine allgemeine déformation professionelle. Die würde zwar so Einiges erklären, aber das wäre wohl zu einfach. Und einfach ist gerade ja eigentlich gar nichts – auch wenn wir uns das alle wirklich sehr wünschen.

… und sonst:

Terminhinweis 1: Am 26. März findet der „2. Bibliothekspolitische Bundeskongress“ im Netz statt. Die Themen klingen leider ein bisschen sehr erwartbar – Digitalisierung, Demokratie, Teilhabe -, die meisten Referent*innen rekrutieren sich aus den üblichen Verdächtigen. Das muss aber nichts heißen.

Terminhinweis 2: Ebenfalls Ende März findet (in Kyoto, trotzdem digital) der bereits für 2020 geplante Internationale Kongress der Kulturpolitikforschung statt. Aus Deutschland dabei: Gesa Birnkraut (Osnabrück), Johannes Crückeberg (Münster, mit einer Fallstudie zu Pina Bausch) und Annika Hampel (Freiburg) sowie eine neunköpfige Gruppe der Uni Hildesheim. Aus Österreich Michael Wimmer und Aron Weigl von EDUCULT sowie Martin Piber aus Innsbruck

Guckempfehlung: Das K21 zeigt die Jahresschau der Düsseldorfer Kunstakademie-Absolvent*innen als Film im Netz

long read for a weekend: art critic Ben Davies on whether President Roosevelt’s New Deal Arts Programs in the 1930’s could be a model for present bailout concepts or not

Ceterum Censeo: Viele freie Künstler*innen kämpfen und fürchten in dieser Krise unverschuldet um die berufliche, manche sogar um die nackte Existenz. Dagegen sind viele andere Themen in diesem Newsletter nicht nur aus deren, sondern auch aus meiner Sicht bestenfalls zweitrangig. Bleiben Sie solidarisch und helfen Sie, wo Sie können. Danke!

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Foto: (c) Peter Grabowski / der kulturpolitische reporter

Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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