Zur Kenntnis … in stillen Tagen und Nächten

Siebeneinhalb Jahre nach Grundsteinlegung und zahllosen Sinnfragen ist das Humboldtforum eröffnet worden – pünktlich zum Lockdown. Knaller, oder? Kannste dir nicht ausdenken. Nur zu knochentrockenem Humor begabte Menschen wie ich selbst haben wenigstens ein bisschen Spaß an dieser Posse. Was haben wir gelacht …

Die Sache mit den gestohlenen Benin-Bronzen ist dabei natürlich gar nicht lustig, wie Bénédicte Savoy gerade noch mal sehr anschaulich in der F.A.Z. dargelegt hat. Das zeigt einmal mehr, dass es in den 18 Jahren seit der Entscheidung zum Wiederaufbau des Hohenzollern-Schlosses nicht gelungen ist, für das Forum eine zeitgemäße Idee mit einem geschichtsbewussten wie -verantwortlichen Leitbild zu entwickeln. Dieses konzeptionelle Versagen beim zentralen Projekt der Neuen Mitte Berlins verantworten die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, und der seit mittlerweile auch schon zweieinhalb Jahren amtierende Generalintendant des Humboldt Forums Hartmut Dorgerloh gleichermaßen. Alle drei haben sich an vielen anderen Stellen sehr um die Kultur verdient gemacht. An dieser – zugegeben nicht trivialen – Herausforderung sind sie unbestreitbar gescheitert.

Streit ist – und damit verlassen wir das Berliner Trauerspiel – ein gutes Stichwort, denn der findet auch andernorts statt: Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, sucht ihn jetzt öffentlichkeitswirksam mit dem Präsidenten der Kulturpolitischen Gesellschaft (KuPoGe), Tobias Knoblich. Letzterer hatte in einem Beitrag für die Essayreihe #neuerelevanz ordentlich an den Grundüberzeugungen des Kultursektors gerüttelt. Dabei stimmte Knoblich zunächst noch in die Klage über das Einordnen der „Kultur“ als Freizeitaktivität und Vergnügung in den Bund-Länder-Beschlüssen für November ein. Dann stellte er jedoch – nicht zum ersten Mal – die unter Puristen strengstens verbotene Frage nach der stets additiven Kulturfördersystematik. Bei Knoblich klingt das so: „Hinterfragen wir das Wachstumsparadigma in der Kulturpolitik, ändern wir unsere Mentalität, das Aufhören zu skandalisieren.“ Oh, oh …

Reduzieren verboten – Kultur muss immer MEHR werden

Das konnte der qua Amt oberste Lobbyist des deutschen Kulturbetriebes natürlich nicht so stehen lassen. Zimmermann wandte sich vehement gegen Knoblichs Vorschlag einer „in Teilen reduktiven Kulturpolitik“. Der Verweis auf das unheilige Wörterbuch des kulturpolitischen Gottseibeiuns, den „Kulturinfarkt“, durfte da natürlich nicht fehlen. In dem hatte das Herrenquartett Haselbach-Klein-Knüsel-Opitz 2012 die Frage zu stellen gewagt, ob die Kulturförderung in Deutschland wirklich so dolle ist und ob das scheinbar systemimmanente „Mehr, Mehr, Mehr“ eigentlich unter die grundgesetzliche Ewigkeitsklausel falle. Ihr – ausdrücklich als provokativ gekennzeichneter – Gegenvorschlag lautete: Die Hälfte der Einrichtungen schließen und das freiwerdende Geld für andere kulturelle(!) Zwecke und Ziele als bisher einsetzen. Was folgte, war die – mitunter öffentliche – Exkommunizierung der vier, unter Absingen schmutziger Lieder und mit lautem Triumphgeheul des kulturellen Establishments.

Acht Jahre und eine Pandemie später sind die bohrenden Fragen dahinter weiter ungeklärt. Sie kulminieren in der seit Monaten andauernden Debatte um die angebliche „Systemrelevanz“. Wie schmal das Brett tatsächlich ist, auf dem die Relevanz-Propagandisten balancieren, belegt eine Zahl, die der Deutsche Bühnenverein just vergangene Woche veröffentlicht hat: 5,08 Millionen. So viele Besuche verzeichneten die 142 staatlichen wie städtischen Mitgliedsbühnen in der Spielzeit 2018/2019 in ihren Sprechtheatern (also ohne die Kinder- und Jugendsparte). Das entspräche gerade mal sieben(!) Prozent der deutschen Bevölkerung über 14 Jahre, allerdings nur … wenn jedes Ticket von jemand anderem gekauft würde.

Systemrelevant? Ja – für sich selbst

Tatsächlich aber gibt es natürlich echte Serientäter und Freaks, darüber hinaus weiterhin eine, wenn auch stetig schrumpfende Zahl von Abonnent*innen. Nehmen wir also der Einfachheit halber mal an, dass vielleicht eine halbe Million Theaterenthusiast*innen sagen wir … fünfmal jährlich im Parkett sitzt und damit gut die Hälfte aller verkauften Plätze einnimmt. Nehmen wir darüber hinaus an, die übrigen 2,5 Millionen Tickets würden ausschließlich von Einmalgucker*innen erworben. Dann kämen wir allerdings nur noch auf zusammengerechnet drei Millionen Menschen, die innerhalb eines Jahres die Aufführungen der öffentlich getragenen Sprechtheater in Deutschland besucht hätten. Drei von 70 Millionen Erwachsenen zwischen Flensburg und Passau. Das sind weniger als fünf (also 4,x!) Prozent.

Systemrelevant ist das wohl nur für die öffentlich finanzierten Theater selbst. Man muss leider festhalten: Die übergroße Mehrheit der Menschen in Deutschland wird von diesem System – faktisch sogar ein Leben lang – nicht berührt. Sie bezahlt es trotzdem, auch im Lockdown, in dem selbst für diese Minderheit von Theatergänger*innen – zu der auch ich mich zähle – seit einem Dreivierteljahr wenig bis nichts gespielt wird (aus guten Gründen). Und sie tun das sogar mit Überzeugung, wie die Hildesheimer Kulturwissenschaftlerin Birgit Mandel – im Ehrenamt Vizepräsidentin der KuPoGejüngst herausgefunden hat (methodische Schwachpunkte ihrer Studie besprechen wir ein ander‘ Mal).

So viel jedenfalls zum angeblich unmittelbar bevorstehenden Untergang „der Kultur“. Den beschwören – darin antiken Bühnenchören gleich – vor allem die wehklagenden Intendant*innen im Süden der Republik. Und zwar derart, dass man bei ihnen eine Art Todessehnsucht vermuten muss. Wer Barbara Mundel oder Christian Stückl und ihren weiß-blauen Kolleg*innen zuhört, wähnt sich unvermittelt in einer grausamen Diktatur der Kulturvernichtung angekommen. Wie aber müssen die wirklichen Opfergänger*innen dieser Krise, die freiberuflichen Musiker*innen und Schauspieler*innen, Konzertagenturen und PR-Agent*innen solche Klagen sechsstellig verdienender Staatsangestellter empfinden?

Mögen sie alle 2021 zur Besinnung kommen – von mir aus auch durch einen Impfstoff. Bill Gates, übernehmen Sie!

… und sonst:

Der kulturpolitische reporter verabschiedet sich in die Jahresendpause. Statt vieler warmer Worte nur ein kurzer Wunsch, von Herzen: Beiben Sie gesund!

Foto: Grundsteinlegung Humboldt Forum am 12. Juni 2013, (c) Peter Grabowski

Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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