Zur Kenntnis: Das Erwartbare, das Vernünftige und ein bisschen Müdigkeit

Morgen ist es endlich soweit: „Habemus ECoC25!“ Das hashtagtaugliche Kürzel steht für die European City of Culture in fünf Jahren, deren deutsche Titelträgerin am Mittwoch um 13 Uhr bekannt gegeben wird. Vier der fünf verbliebenen Bewerberinnen (Magdeburg, Chemnitz, Hannover, Nürnberg, Hildesheim) müssen danach vor allem klären, was von ihren guten Vorsätzen im Fall der Nichtwahl übrigbleibt, erst recht in der Pandemie. Und die Gewinner können schon mal ein Sparschwein kaufen – das werden sie noch brauchen.

Am Freitag hat Bamberg als erste größere Stadt angekündigt, den Kulturetat im kommenden Jahr wegen der finanziellen Folgen der Corona-Bekämpfung substanziell zu kürzen. Der Bayerische Rundfunk spricht in seiner Meldung lapidar von 25 Prozent der Kulturausgaben – aber was heißt das genau? Wenn der online einsehbare Etat der Kommune nicht lügt, bedeutet die Kürzung ein Ausgabenminus von etwa drei Millionen Euro – drei von 45 Millionen, die nach den Angaben von Bambergs Kämmerer Bertram Felix aktuell im Verwaltungshaushalt für 2021 fehlen. Das wiederum sind sage und schreibe 20 Prozent des Gesamtetats.

Schon im Frühjahr war klar, dass die Kombination aus konjunkturellem Einbruch und gleichzeitigen Mehrausgaben voll auf die kommunalen Haushalte durchschlagen würde, und damit auch auf die Kulturförderung. Sie zählt zu den Freiwilligen Aufgaben der Städte und Gemeinden – bis heute übrigens auf deren ausdrücklichen Wunsch hin. Die Kulturlobbyisten der Republik werden jetzt wieder den Textbausteinkasten „Kürzungsdebatte“ rausholen, mit all den üblichen Totschlagargumenten und leider oft auch hohlen Phrasen. Angefangen beim Killerbegriff „Kahlschlag“ und endend bei meiner persönlichen Lieblingsformel: „Streichungen im Kulturetat haben noch nie einen Haushalt saniert“.

Kernaufgabe von Politik: Prioritäten setzen

Natürlich haben sie das nicht, tragen aber eben ihr Scherflein bei – so wie Kürzungen in der Sportförderung, der Jugendsozialarbeit, bei der Quartiersentwicklung und der Grünpflege auch. Auf diese Bemerkung wiederum muss sofort reflexhaft die Antwort folgen, man dürfe diese Bereiche „nicht gegeneinander  ausspielen“. Spätestens in diesem Moment haben sich ihre Urheber*innen allerdings endgültig für jede ernsthafte Debatte der Öffentlichen Sache disqualifiziert. Abwägungsentscheidungen sind nämlich nicht etwa ein No Go (kommunal)politischer Arbeit, sondern im Gegenteil ihr Kern und Wesen: Es ist die erste und vornehmste Aufgabe von Politik, im Spannungsfeld gesellschaftlicher Anliegen Prioritäten zu setzen. Dabei bedeutet jede Entscheidung für etwas den Verzicht auf etwas Anderes: Wer weniger Geld hat als er ausgeben möchte, muss irgendwas weniger machen oder weglassen.

Vor uns liegen also mal wieder Jahre der Verteilungskämpfe im Zeichen des Mangels und nicht des Zuwachses wie zuletzt – die fetten Jahre sind (vorerst) vorbei. Es wird Verluste geben, von denen es um manche weniger, um andere sehr schade sein wird – einige werden wir lange beklagen: In der Freien Szene aller Sparten, bei Privattheatern, Live-Clubs oder Konzertagenturen, aber auch unter den Veranstaltungstechniker*innen. Doch das rechtfertigt nicht, Wahrheit und Wirklichkeit zu beugen wie es Konzertmogul Marek Lieberberg in seinem inszenierten Furor und auch so mancher Opernkritiker gerade gern tut. 3sat-Moderator Gert Scobel irrlichterte gestern mal wieder besonders jenseits von Gut und Böse durch seine Kulturzeit-Sendung und raunte nicht nur von „Wirtschaft und Politik, die Kultur tatsächlich weitgehend für Entertainment halten“, sondern gleich auch noch von „Teilen der Gesellschaft, die Kultur abschaffen wollen“. Da fragt man sich schon mal, um wen man sich mehr sorgen muss: Die angeblichen Querdenker auf den Hygienedemos oder den Kollegen, der die Berichte über sie ankündigt.

Mündige Bürger? Von wegen

Was die – leider, meistens – Herren völlig verkennen: Eine Pandemie erlaubt spätmodernen Gesellschaften keine allgemeinen, auch nur mittelfristig verlässlichen Regeln, sondern erfordert flexibles Reagieren auf aktuelle, mitunter sehr dynamische Entwicklungen des Infektionsgeschehens. Dabei ist die Bevölkerung gerade leider keine große Hilfe: Die Idee vom mündigen Bürger erweist sich schon im Umgang mit der Alltagsmaske als Illusion besserer Tage. Im März und April Hamsterkäufe und Lockdown-Sehnsucht, im Sommer konnte es dann gar nicht locker genug sein, jetzt schwillt der Chor der Rigoristen wieder an – während der übliche Prozentsatz Grundverwirrter sich offenbar für unsterblich hält (und die Erde für eine Scheibe).

Tatsächlich kommt man einem Virus aber nur mit konsequentem Infektionsschutz bei und nicht mit psychologischen Tricks. Anders als auch noch der schlimmste Kriegsgegner lässt es nämlich nicht mit sich verhandeln – nicht mal, wenn man ihm die dollsten Friedensangebote macht (die Hälfte aller Intendanten gegen ein Dutzend unbeschwerter Festivals?). Und für eine Lex Kultur im Kampf gegen die Pandemie gibt es erst recht keinen Anlass: Der Sektor ist ein wichtiger Teil des gesellschaftlichen Lebens, schwebt aber keinesfalls über den Dingen – auch wenn manche seiner Protagonist*innen leider immer wieder so wirken (wollen).

Die Menschen und mit ihnen die Kulturakteur*innen müssen endlich lernen, der Krise entsprechend ernsthaft zu agieren und zu argumentieren. Sonst werden wir uns schon sehr bald über jede Stadt freuen, deren Kulturetat „nur“ um 25 Prozent schrumpft. Möge das den Künstler*innen, der Kunst und dem Land insgesamt erspart bleiben.

… und sonst:

Empfehlung: Die Westfälische Kulturkonferenz, von Montag bis Freitag im Netz. Vieldeutiger Titel: „Zusammenkommen! Kultur gestaltet öffentliche Räume“

Zum Schluss: Hier war jetzt drei Monate Funkstille, denn ich konnte und wollte nicht in Konkurrenz zu den Quartalsirren treten, die sich über den Sommer der öffentlichen Meinung bemächtigt hatten: Ob CoVid-Verharmlosung oder Cancel Culture, die angebliche SPK-„Zerschlagung“ oder zuletzt eben das aufgeregte Gerede von „Anschlägen“ und „Attentaten“ wegen ein bisschen Salatöl auf Sarkophagen und Bilderrahmen. Ich vermisse Maß und Mitte, in der Beschreibung wie der emotionalen Aufladung – und das ermüdet mich, wenn auch nicht ganz so tiefgehend wie Igor Levit und Carolin Emcke.

 

Foto: © SPK

Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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2 Antworten zu Zur Kenntnis: Das Erwartbare, das Vernünftige und ein bisschen Müdigkeit

  1. Prof. Dr. Stephan Opitz schreibt:

    Lieber Peter,

    was für ein klasse Text: Wirklich erstklassig!

    Und: Gerade in diesen Zeiten bin ich (das klingt zynisch, ist es aber überhaupt nicht) froh, einer der Kulturinfarktautoren zu sein. Wir haben damals das eingefordert, was jetzt dringend benötigt würde – sich Gedanken über politische Prioritäten in der Kultur zu machen. Und das auf einer halbwegs rationalen, sprich: auch nachvollziehbaren Grundlage.

    Herzlich

    Stephan

  2. rgl schreibt:

    Lieber Peter,
    Erst beim Lesen merkte ich, wie sehr ich deine Beiträge vermisst habe!
    Beste Grüße
    Rainer

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