Zur Kenntnis: Moni und die Machtlosen

Die erlösende Nachricht von der politischen Videonale in Berlin am Mittwoch: Lebbe geht weiter! Die Wirtschaft zuerst, die lieben Kleinen gleich hinterher, und schon ganz bald sind auch die Touristen dran. Sogar die Kultur darf – in kleinsten Gruppen und mit größtem Abstand – wieder raus zum Spielen.

Der letzte Satz klingt lustiger, als er gemeint ist, denn vor allem drinnen gelten harte Regeln. Die findet nur, wer länger sucht, in den Gemeinsamen Empfehlungen von Berufsgenossenschaften und Unfallkassen zum (Proben-)Betrieb von Bühnen und Studios: Mindestabstand 1,5 Meter, eh klar, wer singt oder „exzessiv“ spricht, muss sogar 6 Meter Distanz wahren. Und wer in ein Instrument bläst, darf das nicht ohne volle 12 Meter leeren Raumes vor sich tun. Drei Bläser brauchen also roundabout 100, ein Dutzend von ihnen sogar 400 Quadratmeter überdachte Übungsfläche, wenn vorne noch jemand einen Taktstock schwingt. Die Charité empfiehlt in einer neuen Studie zwar geringere Abstände, aber ob und wann sich das auch in offiziellen Regeln niederschlägt, ist völlig offen.

Auftritte und Konzerte sind jedenfalls erst mal nur im kleinsten Rahmen gestattet, Großveranstaltungen wie schon länger angekündigt bis zum 31. August passé, mindestens. Das NRW-Kulturministerium hat gestern schon mal vorsorglich verkündet: Der Theater- und Opernbetrieb großer Häuser (das meint auf jeden Fall die mehr als 20 Stadt- und Landestheater) wird hier nicht vor dem 1. September wieder aufgenommen. Kleinere Häuser können zwar vorher schon mal gucken, was geht, aber zwischen zwei Besuchern aus verschiedenen Haushalten müssen auch dort stets zwei Sitze frei bleiben. Der Münchner Volkstheater-Intendant Christian Stückl lässt sogar drei Lehnen leer und hat dazu gleich jede zweite Reihe einfach ausgebaut.

Ein Viertel der Plätze ergibt kein Geschäftsmodell

In den meisten Fällen bedeuten die geltenden Hygieneschutzbestimmungen eine Reduzierung der verkäuflichen Plätze – sprich: Tickets – um 70 bis 80 Prozent. Damit lässt sich das übliche Kulturleben der Republik aber nicht finanzieren, jedenfalls im bisherigen Preisgefüge. Der Bundesverband der Musikwirtschaft hat deshalb schon ein Hilfspaket gefordert. Umfang: Eine halbe Milliarde Euro. Mit anderen Worten: Es sieht schon nicht gut aus für die großen staatlichen Häuser, für viele mittlere wie kleine Theater und für alle anderen privaten Veranstalter erst recht nicht. 

In dieser Situation bräuchte es starke Arme, die nicht nur Musik und Darstellendem Gewerbe unter ihre schwachen greifen. Stattdessen singen Moni und die Machtlosen, also die Kulturstaatsministerin in Berlin und ihr schwachbrüstiger Backgroundchor in der Kulturministerkonferenz der Länder, aber nur immer weiter die traurige Ballade vom rettenden Schirm, der sich für die Kultur einfach nicht öffnen will. Als zweite Solostimme im Refrain kündigt NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen mantraartig „nrw-spezifische Lösungen“ an, wenn die angeblich „heftigsten Verhandlungen“ mit dem Bund (meint: Bundesfinanzminister Olaf Scholz) zu keinem Ergebnis kommen. Das Stück ist jetzt sechs Wochen auf der Playlist, doch in den Hitparaden der Parlamente von Ländern und Bund tut sich bislang: genau nix! So lernen Grütters und ihre Combo von der traurigen Gestalt, was Musikredakteur*innen landauf, landab schon immer wissen: Aus einem schlechten Song wird nie ein Hit, man kann ihn noch so häufig spielen.

Ist das Kunst? Dann kann das weg!

Die traurige Wahrheit ist: Die Kultur(-wirtschaft, im weitesten Sinne) und die Gastronomie (außer den Restaurants) stehen jetzt als letzte einsam und verlassen im tödlichen Regen des bösen Virus. Die Kommunen – außer den paar Krisengewinnlern der München-Monheim-Gruppe – werden schon bald nicht nur an, sondern auch über die Grenzen ihrer finanziellen Möglichkeiten gehen müssen, um den Laden auch nur einigermaßen am Laufen zu halten. Schien noch vor kurzem der lang ersehnte Altschuldenfonds (endlich) erreichbar, müssen nun sogar wieder neue Großkredite her; Gutachten von ifo-Institut und Deutschem Städtetag malen tiefschwarze Zukunftsbilder an die Wand. Das wird am Ende natürlich massiv zu Lasten der Kultur gehen, die wie der Sport zu den Freiwilligen Aufgaben der Städte und Gemeinden zählt. Dann lautet das Motto wieder: „Ist das Kunst? Dann kann das weg!“ Und die Länder werden sich an dem Punkt wie immer ganz stiekum wegducken. In NRW wird das Motto dann lauten: „Mein Name ist Laschet, ich weiß von nichts!“ (So hatte das schon sein Vor-Vorgänger Jürgen Rüttgers katatstrophal praktiziert, in dessen Kabinett Laschet Integrationsminister war).

In diesem Moment täten der Kultur ein paar stimmgewaltige Fürsprecher*innen besonders gut. Doch ausgerechnet jetzt tritt auch noch der Erste Tenor des Hohen Hauses von der Bühne ab, und zwar mit Pauken und Trompeten: Am Tag der großen Öffnungsarie hat SPD-Bundestags-Haushälter Johannes Kahrs seiner mützenichen Sozialdemokratie-Intendanz die Brocken vor die Füße geworfen. Weil das so gar nicht unausweichlich war, kann man noch nicht mal von einer „Tragödie“ im engeren Sinne sprechen – eine tragische Note hat es allerdings: Kahrs, der Kultur-Berichterstatter seiner Fraktion im Finanzausschuss war, geht just in dem Moment, in dem sich seine Dauerrivalin im Kulturmillionenroulette Grütters schweren Herzens entschieden hatte, für den nicht nur vom Deutschen Kulturrat nachdrücklich geforderten Kulturinfrastrukturfonds zusammen mit ihm einfach auf Rot und Schwarz zu setzen.

Die Kultur – ein Opfer der politischen Triage?

Das hätte – in Anlehnung an das berühmten Marshall-Vorbild – ein echter Monika-Plan werden können: Das coronare Meisterstück einer Staatssekretärin im Kanzleramt, die sich in der größten Not als krisentaugliche Kulturstaatsmanagerin erweist. Diese Chance ist nun wohl dahin (auch wenn man von Berliner Fluren hört, sie habe sich jetzt mit Finanzminister Scholz auf ein Programm geeinigt, aber der sie aber nicht den Applaus einheimsen lassen wolle). So könnte ausgerechnet der Abgang des von vielen ungeliebten, aber enorm einflussreichen SPD-Strippenziehers Kahrs zum letzten Mosaikstein im bleibenden Bild einer stets mächtig scheinenden, aber im Ernstfall machtlosen Monika Grütters werden. Das wäre in der Tat nicht ohne eine gewisse Ironie (angesichts ihrer Leistungen für die Kultur bisher allerdings auch ungerecht).

Das Corona-Virus hat nicht nur Zigtausende Menschen in Deutschland infiziert, sondern – ich zögere zu schreiben: „im übertragenen Sinne“ – auch den Staat. Im Moment sieht es zum Glück zwar so aus, als käme er noch mal davon, weil seine Ressorts und Sektoren notfallmedizinisch versorgt werden können. Nur für die kreativen Branchen (und das deutsche Kneipenwesen!?) scheint am Ende kein Intensivbett mehr frei zu sein. Und wenn nicht doch im letzten Moment von irgendwoher ein Beatmungsgerät durchs Land gerollt wird, werden die Ärzte in den Städten und Gemeinden wohl schon bald eine jüngst noch rüstig wirkende Patientin auf den Bauch drehen: Die Freie Kulturszene als erster und vielleicht einziger Triage-Fall der Pandemie in Deutschland. Nur Boris Palmer würde vermutlich sagen, die hätt’s doch eh nicht mehr lang gemacht!

… und sonst:

EXTRA! Der coronare Kulturforderkatalog:

Zur Ablenkung mal eine Empfehlung fürs Auge: Die Düsseldorfer Sammlerin Julia Stoschek stellt alle 860 Werke ihrer weltweit renommierten Medienkunstsammlung online – dolle Sache!

Und eine fürs Ohr: The Missing Sounds of New York

Zum Schluss ein Versprechen: Nächste Woche gibt’s auch wieder coronafreie Meldungen!

Foto: (c) der kulturpolitische reporter

Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
Dieser Beitrag wurde unter Beobachtungen, Zur Kenntnis ... abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.