Zur Kenntnis … im Geldregen (nicht alle)

Vorgezogene Bescherung: Die Haushälter im Bundestag haben am vergangenen Donnerstag in der „Bereinigungssitzung“ des 2020er-Etats mal wieder über 100 Millionen Euro zusätzlich in den Kulturbereich verteilt (Gesamtetat jetzt: 1,967 Milliarden). Top-Zuschlag für NRW: Das noch gar nicht sooo lang diskutierte Deutsche Fotoinstitut soll im Düsseldorfer Ehrenhof angesiedelt werden; Kunstpalast und NRW-Forum samt zugehörigem Restaurationszentrum sind gleich nebenan. Berlin stellt dafür mehr als 40 Millionen Euro bereit, das Land NRW hat bereits die Ko-Finanzierung zugesichert.

Im stets etwas zu lauten Jubel aus der Landeshauptstadt gingen weitere Entscheidungen der Haushälter an der Spree ein bisschen unter. Darunter eine kultur- und gesellschaftspolitisch bedeutendere als das „Ja“ zum Fotozentrum: In Köln wird – endlich – ein Haus der Einwanderungsgesellschaft entstehen. Der dort ansässige Verein DOMID engagiert sich dafür seit fast drei Jahrzehnten; das Land hatte ihn lange Zeit nur halbherzig unterstützt, ist jetzt aber richtig mit im Boot. Des einen Freud‘, des andern Leid: Damit sind die Pläne des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe für ein Migrationsmuseum in der Bochumer Zeche Hannover wohl endgültig vom Tisch.

Auch für die Freie Szene gibt der Bund künftig deutlich mehr aus. In das Projekt „Verbindungen fördern“ des Bundesverbands der Freien Darstellenden Künste sollen bis 2024 sogar insgesamt 15,9 Mio. Euro fließen; ebenfalls mehr Geld als im Regierungsentwurf von Monika Grütters vorgesehen geht in die Musikförderung.

Das TRAFO-Programm der Kulturstiftung des Bundes zur Transformation der Kulturlandschaft in ländlichen Räumen wird 2020 noch mal gehörig aufgestockt, außerdem kriegt das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) 20 neue Stellen, um dringend notwendige Sanierungsarbeiten an den Gebäuden der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) ins Werk zu setzen. SPK-Präsident Hermann Parzinger hatte Jahre lang vergeblich Sanierungsstau und strukturelle Unterfinanzierung beklagt; offenbar konnte erst eine kürzlich erfolgte Rüge des Bundesrechnungshofes den nötigen Handlungsdruck im Parlament erzeugen.

Schließlich wird auch noch – endlich – die „Beratende Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter, insbesondere aus jüdischem Besitz“ reformiert. Sie bekommt eine Geschäftsstelle und einen eigenen Etat. Was nichts anderes bedeutet als: An dieser außen-, kultur- und gesellschaftspolitisch sensiblen Stelle wurde 20 Jahre ohne professionelle Strukturen gearbeitet.

In meiner Heimatstadt Wuppertal hat man zwischen all dem Geprassel aus dem Berliner Füllhorn zur Kenntnis nehmen müssen, dass der Bund etwas Anderes endgültig NICHT (mit)bezahlen wird: Die Betriebskosten für das geplante Pina-Bausch-Zentrum. Stadtkämmerer Johannes Slawig kündigte an, die Stadt wolle das Zentrum nun mit kleinerem Etat realisieren. Jahrelang hatten Slawig und sein Kollege aus dem Kulturdezernat die Hoffnung (verbreitet), Berlin würde sich nicht nur beim Umbau des Städtischen Schauspielhauses zu einem Produktions- und Archivort für den internationalen Tanz beteiligen (dafür stehen bislang fast 30 Millionen Euro an Bundesmitteln bereit), sondern auch bei seinem anschließenden Betrieb. Aus verfassungsrechtlichen Gründen darf der Bund – über zeitlich begrenzte Projekte hinaus – aber nur Einrichtungen von herausragender nationaler Bedeutung institutionell fördern; die allermeisten davon sind in der Hauptstadt. Sogar die aktuell 46 UNESCO-Welterbestätten in Deutschland bekommen keine Regelförderung aus dem Bundeskulturetat.

… und sonst:

Leseempfehlung 1: Juli Zehs Rede zum Böll-Preis ist eine drastische Abrechnung mit pseudo-intellektuellen Demokratie-Verweigerern im Kulturbetrieb

Leseempfehlung 2: Die Zukunftsakademie NRW hat als letzten Arbeitsnachweis ein „Work Book“ für mehr Diversität der Kulturinstitutionen veröffentlicht

Leseempfehlung 3: Der Kulturwissenschaftler Michael Flohr hat seine Dissertation „Kulturpolitik in Thüringen“ digital frei zugänglich gemacht

Allerletzter Hinweis, nein, eine Bitte: Das wirklich fantastische, modellhafte, allen Akteuren der musikalischen Früherziehung nicht nur deutschlandweit zur Nachahmung empfohlene Übehaus Kray in Essen öffnet Kindern die Tür zu einem Leben, das qua Herkunft nicht für sie vorgesehen ist. Aus gesundheitlichen Gründen seines menschlichen Motors braucht es finanzielle Unterstützung. Hier steht, warum und wie. Danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Foto: (c) Projektschmiede

Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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