Zur Kenntnis … Extra: Der Freie Eintritt, die AfD und ich

Heute nachmittag nehme ich zum ersten Mal als Experte an einem Fachgespräch im Kulturausschuss des Deutschen Bundestages teil. Es geht um den kostenlosen Eintritt in Kulturinstitutionen, vor allem in Museen. Hintergrund ist die für 2019 geplante Eröffnung des Humboldt Forums im wiederaufgebauten Stadtschloss in der Mitte Berlins.

Die Bundesregierung möchte dort als Modellprojekt für alle vom Bund geförderten Kultureinrichtungen auf Eintrittsgelder für die Dauerausstellung verzichten. Das hatten Union und SPD im aktuellen Koalitionsvertrag vereinbart. Mit dem Humboldt Forum wäre die voraussichtlich größte Kultureinrichtung in der Hauptstadt für die meisten Besucher kostenlos. Die Initiative dazu wird von der Fraktion Die Linke im Bundestag unterstützt; ihre Kulturpolitiker*innen haben die heutige Anhörung angeregt. Die Partei hatte in ihrem Wahlprogramm 2017 den Freien Eintritt für alle vom Bund geförderten Museen gefordert.

Das klingt natürlich erst mal super, voll gerecht, nach „Kultur für alle“ und so weiter. Kulturelle Teilhabe breiter Bevölkerungsschichten ist ein wichtiges Ziel für den modernen Kulturstaat, aber auch eine komplexe Herausforderung: Tatsächlich sorgt Freier Eintritt sogar oft für mehr Besucher – allerdings leider kaum aus dem Kreis der bisherigen Nichtnutzer. Trotz weit gefächerter Preisnach- und -erlässe lag die Zahl der (erfassten) Museumsbesucher*innen in Deutschland zuletzt recht konstant zwischen 110 und 115 Millionen. In mehr als einem Drittel der Museen in Deutschland ist der Besuch bereits kostenlos, wenn auch meist in den kleineren und so gut wie nie in Kunstmuseen.

Die Millionen mit Verstand einsetzen

Wissenschaftliche Studien – auch internationale – belegen jedoch: Gratisangebote (allein) bringen nicht viel. Zielgruppenspezifische Vermittlungskonzepte zum Beispiel gelten als deutlich wirksamer als kostenlose Angebote. Es wäre also viel sinnvoller, die geplanten Extramittel dafür auszugeben (und so nebenbei mehr hochqualifizierte Museumspädagog*innen in Lohn und Brot zu bringen).

Die fehlenden Ticketerlöse im Budget des Humboldt Forums will die Regierung nämlich durch Millionenzuschüsse aus dem Bundeshaushalt ausgleichen. Das wirft weitere Fragen auf, zum Beispiel diese: Was ist mit den Museen drumherum? Die sind ja weiterhin kostenpflichtig und werden so absehbar Besucher an das kostenlose Stadtschloss verlieren – und damit Einnahmen. Kriegen die ebenfalls mehr Geld vom Staat? Über dies und mehr werden wir heute Nachmittag im Bundestag sprechen, vielleicht auch streiten.

Eine seltsame Einladung

Dass ich zu den neun eingeladenen Fachleuten gehöre, verdanke ich allerdings einem, sagen wir mal ungewöhnlichen Umstand: Jede Fraktion im Parlament darf mindestens einen Experten vorschlagen. Meinen Namen hat – ausgerechnet – die AfD auf den gemeinsamen Einladungszettel des Ausschusses geschrieben. Das hat mich doch etwas … überrascht, in mehrfacher Hinsicht.

Wer mich, meine Arbeit und meine grundsätzlichen Positionen nicht nur in der Kultur- und Medienpolitik kennt, käme wohl kaum auf die Idee, dass irgendeine Partei rechts der Mitte mich für sich entdecken könnte – um es mal vorsichtig zu formulieren. Ich trete seit über drei Jahrzehnten aktiv für eine weltoffene und liberale Gesellschaft ein, in der jede*r seine Meinung sagen und nach seiner oder ihrer Fasson leben kann. Freiheit des Wortes, der Kunst und der Wissenschaft, Solidarität mit den Schwachen und respektvolle Verantwortung für uns, unsere Nachbarn und die Welt als Ganzes sind schon bei meinen politischen Engagements in Jugend- und Studententagen zentrale Werte gewesen. Das gilt bis heute für meine publizistische Tätigkeit, jedenfalls da, wo Meinung statt Bericht gefragt ist.

Überlegung gegen Reflexe

Ich habe also nicht nur kurz gezögert, ob ich dieser Einladung zur heutigen Anhörung folgen soll, sondern recht lange darüber nachgedacht: Darf ich meine in vielen Jahren als Fachjournalist gereiften und begründeten Ansichten zum Thema – Freier Eintritt in Kultureinrichtungen – nicht in den politischen Willensbildungsprozess des höchsten deutschen Parlaments einbringen, weil mich nichts mit der Partei verbindet, die mich vorschlägt? Ich würde am selben Ort immer das Gleiche sagen und auch nicht sagen.

Zweitens halte ich es als Befürworter der liberalen Demokratie, freiheitlichen Grundordnung und diversen Gesellschaft für ein Gebot der Stunde, noch mehr als bisher jede sich bietende Gelegenheit nutzen, um für dieses Anliegen einzutreten. Das ist für Journalisten meist „nur“ im Rahmen beruflicher Tätigkeit möglich. Andere Bühnen der Politik sind uns schon aus berufsethischen Gründen in der Regel verwehrt.

Drittens und vor allem aber würde eine Absage aus Prinzip auch einen gefährlichen Umkehrschluss ermöglichen: Die AfD müsste künftig immer nur als erstes solche Leute wie mich vorschlagen, die ihr politisch nicht nahe stehen, um auf dem Wege unserer reflexhaften Ablehnung schließlich mittelbar dafür zu sorgen, dass unsere Ansichten zumindest in derartigen Parlaments-Anhörungen seltener vertreten werden. Das wäre aus deren Sicht clever – unsererseits aber ganz schön blöd.

Die Kultur braucht mehr Frauen, Zuwanderer, Menschen mit Behinderungen

Man kann die Dinge wie so oft vermutlich auch anders sehen, ich sehe sie so wie geschildert. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, heute Nachmittag im Kulturausschuss des Deutschen Bundestages – von dem wir Experten ganz offiziell zu diesem Termin eingeladen wurden, nicht von einer einzelnen Partei – meine Positionen zu vertreten.

Dazu wird die zentrale Forderung gehören, dass dringend mehr Frauen und Menschen mit Zuwanderungsgeschichte oder mit Behinderungen in den Kulturinstitutionen tätig sein müssen. Und zwar nicht nur im Depot oder in der Buchhaltung, sondern vor allem als Dramaturg*innen, Kurator*innen, Intendant*innen und Direktor*innen. Das würde über kurz oder lang auch für eine erkennbar andere Zusammensetzung des Publikums sorgen – und zwar eine, die jedenfalls besser als bisher die Bevölkerung dieses Landes abbildet. Ich werde bald an dieser Stelle darüber berichten, wie das so ankam …

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Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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