Milchmädchenrechnung an der Museumskasse

In Nordrhein-Westfalen grassiert zurzeit ein Virus: „Freier Eintritt“. Das Fieber hat kulturpolitische Akteure auf allen Ebenen und in vielen Ecken des Landes gleichzeitig erfasst. Vor allem die Sozialdemokraten scheinen nur noch ein Ziel zu kennen: Der Museumsbesuch für junge und arme Menschen soll flächendeckend umsonst sein. Das nutzt zwar nichts, klingt aber so schön nach Gerechtigkeit und Teilhabe.

Doch so einfach, wie die (Kultur-)Politik sich das macht, ist die Sache nicht. Längst können Menschen aller Milieus und Einkommensschichten in Konzerte, Aufführungen und Ausstellungen gehen, ohne dass allzu große Hürden finanzieller oder sozialer Art im Weg wären. Viele Theater bieten eine – begrenzte – Zahl von Tickets zu Preisen im einstelligen Eurobereich, Museen kostenlosen Zugang zu ihren Sammlungen, entweder für bestimmte Tage oder Altersgruppen. Empfänger von Transferleistungen erhalten oft stark ermäßigte Karten, Kulturlogen und-listen mit ihren karitativen Kontingenten und Restkartenverteilern tun ein Übriges.

Allein: Die Umworbenen gehen auch weiterhin mehrheitlich nicht hin. Woran liegt das? Kurz gesagt daran, dass der Preis oft gar nicht die Hürde ist. Viele sogenannte Nichtbesucher-Studien belegen zwar scheinbar das Gegenteil, aber das hat einen einfachen Grund: Es ist sehr bequem, auf einem standardisierten Fragebogen „zu teuer“ oder „keine Zeit“ als Grund für das eigene Fernbleiben anzukreuzen. Werden allerdings qualitative Interviews mit den „kulturfernen“ Probanden geführt, kommen bald die wahren Gründe ans Licht: Viele kennen die Angebote der Opernhäuser, Theater und Museen gar nicht und/oder äußern – zugespitzt formuliert – die Ansicht: „Das ist nichts für mich!“

Die Hälfte der Bevölkerung bleibt konsequent weg

Kunst aller Sparten gilt ihnen als ein Vergnügen reicher und gebildeter Kreise, zu denen sich die Mehrheit der Menschen in Deutschland nicht zählt. Entsprechend liegt der Anteil der Nichtnutzer von öffentlich geförderten Kultureinrichtungen bei insgesamt rund 50 Prozent der Gesamtbevölkerung, Tendenz steigend. Und dabei überdeckt das gut genutzte Angebot der Bibliotheken noch die deutlich schlechteren Zahlen in anderen Bereichen: In einer Untersuchung für den aktuellen Landeskulturbericht Nordrhein-Westfalen gaben drei Viertel aller Befragten an, noch nie in der Oper gewesen zu sein; 78 Prozent sagten, sie gingen seltener als einmal im Jahr in ein Kunstmuseum, der größere Teil davon nie.

Mit den Kosten hat das wenig zu tun, wie man gut an den Museen beobachten kann, die bereits ganz oder teilweise gratis sind. Zwar steigt die Zahl der Besucher nach der Ein-führung, was stets als großer Erfolg gefeiert wird. In den meisten Fällen allerdings geht sie anschließend auch wieder deutlich zurück; darüber wird öffentlich nicht gern gesprochen. Am Ende pendelt sie sich üblicherweise knapp oberhalb des Ausgangsniveaus ein.

Qualitative Forschungen in ganz Europa zeigen zudem: Selbst der verbleibende minimale Zuwachs beruht weitgehend auf höherer Besuchsfrequenz jener Museumsgänger, die schon vor der neuen Preispolitik da waren; sie kommen dann öfter, dafür werden die Besuche kürzer. Ja, das belebt das Museum natürlich trotzdem. Aber: Nein, das war nicht das Ziel des kostenlosen Eintritts.

Kannibalisierungseffekte statt mehr Teilhabe

Und selbst dort, wo das Besucherplus dauerhaft aus Bevölkerungsgruppen stammt, die man in der Regel nur schlecht erreicht – Kinder und Jugendliche, Familien, wirtschaftlich schwache Milieus und Migranten der großen Zuwanderergruppen – ist dieser Erfolg bei eingehender Überprüfung oft nur einer Verlagerung geschuldet: Bei Schulausflügen, aber auch bei Stadtrundfahrten oder -gängen für Touristen, fällt die Entscheidung zwischen verschiedenen kulturellen Zielen unter dem Kostenaspekt. Kein Wunder also, dass ein Spitzenmuseum wie das Essener Folkwang seit dem Freiem Eintritt – ermöglicht durch die Krupp-Stiftung – enorme Nutzerzuwächse gerade bei Schülergruppen verzeichnet. Genauer betrachtet sind das aber nur jene, die jetzt in anderen kostenpflichtigen Häusern des Ruhrgebiets zwischen Duisburg und Dortmund fehlen.

In Berlin erleben wir gerade eine heftige Debatte um den Freien Eintritt für das im kommenden Jahr zu eröffnende Humboldt Forum. Nicht nur die umliegenden Museen befürchten Kannibalisierungseffekte, auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters sieht die Gefahren. Die Frage spaltet sogar die Führungsmannschaft der Stiftung Preußischer Kulturbesitz selbst, die das neue wie die alten Häuser maßgeblich verantwortet.

Doch besonders die SPD in NRW hält es vielerorts trotzdem für eine gute Idee, auf den Eintritt zu verzichten, jedenfalls für Unter-21-Jährige, die Sammlungen und Dauerausstellungen besuchen. Dass keine seriöse Untersuchung – eine davon hatte die sozialdemokratische Landtagsfraktion in der vorigen Wahlperiode sogar mit in Auftrag gegeben – dafür nennenswerte Erfolge im Sinne eines „Kultur für Alle“-Gedankens belegen kann, wird konsequent ignoriert.

Sozialromantik statt wirksamer Kulturpolitik

Von Tübingen über Düsseldorf bis Leipzig, von Mailand bis London, von New York bis L.A. wissen Kulturforscherinnen und -manager: Menschen, die nicht in Museen gehen – das gilt so ähnlich für alle „klassischen“ Kulturinstitutionen -, müssen mit speziell zugeschnittenen Vermittlungsangeboten angesprochen und betreut werden. Dann sind nachhaltige Erfolge durchaus erreichbar … und erst danach macht es Sinn, die neugewonnenen Museumsfreunde durch eine andere Preispolitik auch regelmäßig ins Haus locken zu wollen.

Solche substanziellen Programme kosten allerdings, weil man qualifiziertes Personal für Pädagogik und Marketing beschäftigen muss. Im Vergleich dazu nehmen sich die Einnahmeausfälle durch Freien Eintritt in Dauerausstellungen ziemlich bescheiden aus. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), der ebenfalls gerade in 18 Museen ein Gratisticket für Kinder und Jugendliche einführen möchte, rechnet mit rund 630.000 Euro entgangener Ticketumsätze pro Jahr. Das Geld soll durch eine moderate Preiserhöhung für Erwachsene und weniger kostenlose Tage für alle Museumsbesucher wieder reinkommen. Die nicht besonders hoch wirkende Summe ist für den Betrieb der Häuser nämlich erklärtermaßen unverzichtbar.

Auch LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger räumt in der Pressemitteilung zu ihren Plänen ein, dass der Freie Eintritt allein nichts bewirkt. Sie will das Gratisticket aber nicht mit mehr Vermittlungsarbeit, sondern besseren Mobilitätsangeboten ergänzen. Die sind in Ländlichen Räumen wie dem Sauer-, Münster- oder auch Lipperland tatsächlich ein Problem. Dass bislang fehlende Publika deshalb künftig in nennenswerter Zahl die Museen stürmen, wird trotzdem eher ein frommer Wunsch bleiben als eine realistische Hoffnung.

Letzte Ausfahrt: Gerechtigkeit

Was die SPD in Nordrhein-Westfalen beim Freien Eintritt zurzeit so vehement umtreibt, bleibt Kennern der Materie erst recht ein Rätsel. Auch in den Stadträten von Dortmund und Düsseldorf will man auf Teufel komm raus den Freien Eintritt beschließen, ohne fundiert sagen zu können, wofür das gut sein soll. Die Genossen im Landtag haben ihr Ansinnen zuletzt sogar mit einer besonders originellen neuen Begründung versehen: Das Gratisticket stelle bloß Gerechtigkeit her, schließlich hätten die Steuerzahler die Museen sowie die Kunst und das Personal darin ja bereits bezahlt. Nach dieser Logik müssten dort allerdings Jahr für Jahr Gewinne in Höhe der Eintrittserlöse gemacht werden – die Kosten wären ja bereits durch die öffentlichen Kassen gedeckt …

Haben Sie das gerade gehört? Das war das schallende Gelächter der rund 6300 Museums-Direktor*innen zwischen Flensburg und Passau. Es muss Galgenhumor sein, denn die SPD ist aktuell immer noch an elf Landesregierungen beteiligt. Wer aber solche Milchmädchenrechnungen aufstellt, sollte in der Kulturpolitik besser nichts zu sagen haben. Andererseits kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Partei auch an diesem Ziel gerade fieberhaft arbeitet. Vielleicht doch ein Virus?

Foto: (c) Peter Grabowski

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Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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2 Antworten zu Milchmädchenrechnung an der Museumskasse

  1. Pingback: Kultur-News KW 38-2018 - Kultur - Geschichte(n) - Digital

  2. rgl schreibt:

    Immer wieder erstaunlich, wie Erkenntnisse von der Politik ignoriert werden. Auch in Bremen flammt immer wieder diese Debatte auf, frei nach dem Motto „If you build it they will come.“ Aber sie kommen nicht. Es fehlt an Relevanz, an Interesse, an Vorbildung – aber nie an Geld.

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