Mobbing, vom Hörensagen

Tja, was macht man damit? Der Spiegel berichtet über eine „Atmosphäre der Angst“ am Kölner Schauspielhaus und schildert Vorkommnisse, die von prominenten Namen bestätigt werden. Intendant Stefan Bachmann und mehr noch seine am Haus als Schauspielerin und Regisseurin wirkende Ehefrau Melanie Kretschmann werden des Mobbings beschuldigt, was beide wiederum selbst offenbar als Mobbing empfinden.

So jedenfalls lassen sich nicht nur die Äußerungen ihrer Anwälte gegenüber verschiedenen Medien interpretieren, sondern auch Bachmanns eigene knappe Einlassungen auf der Spielplan-Konferenz des Kölner Stadt-Theaters am vergangenen Montag. Zu der waren allerdings auch auffallend viele Ensemblemitglieder und weitere Bühnenangehörige erschienen, ganz offensichtlich und erklärtermaßen zur moralischen Rückenstärkung ihres Chefs.

Nun könnte man das alles als nicht ganz branchenunübliches Gerangel ebenso sensibler wie mitunter überbordender Künstler-Egos einsortieren, aber so einfach ist es vermutlich nicht. Zwar geht’s schon mal hoch her auf jenen berühmten Brettern, die immerhin nicht weniger als gleich die Welt bedeuten sollen, aber es gibt sogar da Grenzen. Die werden zurzeit noch mal ganz neu vermessen und markiert. Nicht nur wegen #metoo und #decolonize, sondern weil der Umgang mit #Macht ein Thema auf der Bühne, aber auch hinter, vor und neben ihr sein sollte.

Wir alle sind in diesen Zeiten zugleich Zeugen und Akteure einer sehr lang andauernden Phase der Dekonstruktion von tradierten Strukturen und Abhängigkeitsmechanismen, überall in der Gesellschaft. Seit dem „Muff von Tausend Jahren“ sind jetzt zwar auch schon wieder fünfzig weitere vergangen, nach denen sich aber immer noch zeigt, wie hartnäckig Rollenstereotype sind und sogar von vielen erklärten Gegner*innen ihrer autoritären Väter (und gelegentlich Mütter) trotzdem übernommen wurden, wohl eher unbewusst.

Dabei geht es nicht nur um das Verhältnis von Männern und Frauen oder Männern und Männern oder Frauen und Frauen zueinander in mehr oder minder erotisch aufgeladenen Beziehungen, sondern ebenso um Hierarchien im Betrieb – der immer auch ein Kultur-Betrieb sein kann.

Ich kenne Bachmann/Kretschmann nicht persönlich, ein paar der übrigen Akteure sind mir in den letzten Jahren höchstens gelegentlich begegnet. Manche schienen mir sehr reflektierte, empathische Personen ohne Dominanzgehabe zu sein, andere wirkten eher ein bisschen … kapriziös, selbst in Banalitäten. Wer da wem was angetan hat oder vielleicht bloß ans Zeug flicken will … ich weiß es nicht nur nicht, ich habe sogar – im wahren Sinne des Wortes – noch nicht mal eine Ahnung.

Ziemlich sicher bin ich hingegen, dass genau das bei näherem Hinsehen auch für die allermeisten von denen gilt, die im Moment nahezu täglich darüber schreiben oder senden. Und gleich sowieso gilt es für die Heerscharen szenefremder Kommentatoren allerorten im Netz. Deshalb hoffe ich inständig, es wird sich irgendwann einigermaßen nachvollziehbar erweisen, was wem wie geschehen ist.

Möge das dann dazu beitragen, entweder mehr öffentliche Gelassenheit gegenüber dem sehr speziellen Umgang nicht unbedingt alltäglicher Persönlichkeiten miteinander zu entwickeln – oder eben gerade mehr Sensibilität für Grenzüberschreitungen, die bei allem Verständnis für künstlerische Egozentrik wirklich nicht akzeptabel sind. Vielleicht sogar beides. Bis es soweit ist, halte ich in dieser Angelegenheit auf jeden Fall meine Klappe/Tastatur.

 

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Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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