Zur Kenntnis … am 2. März

Das Geschrei schwillt zur Kakophonie an. Auf der Art Karlsruhe, der ARCO Madrid und rund um die Alice-Salomon-Hochschule sowieso: Wo immer vermeintlicher oder tatsächlicher Druck von zivilen Akteuren provokative Kunst der Sichtbarkeit entzieht, schreit es „ZENSUR“ übers Land, nicht nur auf den Zeitungs- und Webseiten. Leider ist das in all diesen Fällen: falsch!

Zensur ist per Definition ein hoheitlicher Eingriff in die Meinungs- sowie die daraus abgeleitete Presse- oder eben auch Kunstfreiheit. Doch in keinem der Fälle handelt es sich um einen solchen hoheitlichen, sprich staatlichen Eingriff. Im Gegenteil: In Berlin hat eine – interessanterweise von der gleichen Rechtsfigur in ihrer Autonomie geschützte – Lehr- und Wissenschaftseinrichtung die Entfernung von Gomringers angeblich sexistischem Gedicht sogar im Rahmen ihrer ureigensten Selbstverwaltung beschlossen. Diese Entscheidung haben sowohl die Kulturstaatsministerin in der Bundesregierung als auch der Senat des Landes Berlin – also „der Staat“ – anschließend sogar deutlich kritisiert. Verhindern konnten sie es allerdings nicht –  andernfalls hätten sie nämlich eine demokratisch legitimierte Entscheidung der Hochschule nämlich … genau: tatsächlich zensiert (die ich persönlich übrigens für völlig verkehrt und sogar verwerflich halte, aber das steht auf einem ganz anderen Blatt).

In Karlsruhe wiederum war es der Galerist des Künstlers Thomas Baumgärtel selbst, der das Erdogan-Porträt mit der Banane im Arsch abnehmen ließ. Und in Madrid war der Messechef der ARCO verantwortlich für die Entfernung der Fotoserie von Inhaftierten der katalonischen Separationsbewegung; er handelte dabei erklärtermaßen gegen den Willen der Madrider Stadtverwaltung, die immerhin Hauptanteileigner der Messegesellschaft IFEMA ist. Hier wie da wie dort: Keine Zensur, nirgends!

Es ist wirklich bemerkenswert, wie ahnungslos viele Politiker, Künstler und nicht zuletzt Kulturjournalisten in so einer zentralen Frage demokratischer Rechte offenbar sind. Und noch bemerkenswerter ist, dass sich dieselben Leute bei jeder Gelegenheit lautstark darüber echauffieren, dass die Autokraten dieser Welt die Sprache und das Recht beugen, Stichwort „alternative Fakten“. Doch sobald es nicht mehr Migration, Kriminalität oder Nationalismus geht, sondern der eigene Sprengel betroffen ist, verhalten sie sich keinen Deut sorgfältiger, klüger oder verantwortungsvoller. Es ist nämlich extrem schädlich, einen freiheitlichen Rechtsstaat wider besseres Wissen öffentlich zu diskreditieren, nur weil man seine Verfassungsgrundlagen nicht versteht oder eigenen Gefühle nicht im Zaum hat – also agiert wie Trump, Erdogan oder Maduro.

Der Begriff „Zensur“ hätte in einer besseren Welt 2018 gute Chancen, zum „Unwort des Jahres“ gekürt zu werden; so wie es übrigens die „Subvention“ im Zusammenhang mit der Finanzierung staatlicher Kulturinstitutionen eigentlich schon seit Jahrzehnten verdient hätte. Aber herrjeh, eine bessere Welt … die war ja früher mal der Gegenstand sogenannter Visionen. Auch so ein Wort.

… und sonst

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Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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