Im medialen Afrika-Heimat-Paradoxon

Der Koalitionsvertrag steht seit knapp einer Woche und die organisierte Kultur im Land äußert sich bisher durchgehend positiv. Vom Deutschen Kulturrat über die Kulturpolitische Gesellschaft bis hin zur Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung: Alle finden’s irgendwie ganz dufte, dass … ja, dass es im Prinzip so weitergeht wie bisher, nur mit ein paar Schraubendrehungen hier, da und dort. Es handelt sich bei dem Papier nämlich im Kern um einen Haufen luftiger Ankündigungen und nachträglicher Anerkenntnisse von längst Praktiziertem.

Etwas überraschend hat allerdings die Passage zur Auswärtigen Kulturpolitik in der Vereinbarung ziemlich große Beachtung gefunden. Die tatsächlichen Inhalte entpuppen sich bei genauerem Hinsehen nämlich als viel alter Wein in neuen Schläuchen. Inhaltlich war das meiste spätestens seit dem Kulturpolitischen Bundeskongress vom Juni 2017 in Berlin bekannt: Dort hatten unter anderem die Generalsekretäre von Goethe Institut und ifa, Johannes Ebert und Ronald Grätz, ausgiebig über die laufende Neuausrichtung ihrer Einrichtungen referiert, auf die sicher Koalitionsvertrag jetzt bezieht.

Sensation Textumzug

Doch das scheint damals ebenso unterm Radar vieler Feuilleton-Kolleg*innen geblieben zu sein wie die Tatsache, dass die Auswärtige Kulturpolitik gar kein neues Element großkoalitionärer Vereinbarungen ist – sie stand bislang nur im außenpolitischen Kapitel, nicht bei der Kultur. Und schon die letzte #GroKo 2013 hatte neben der Sprachvermittlung die „Programmarbeit“ des Goethe-Instituts betont, zudem die Unterstützung „moderater Kräfte“ in der islamischen Welt. Man müsst’s halt nur mal lesen …

Vor allem die Süddeutsche Zeitung war am hektischen letzten Verhandlungswochenende zudem ein bisschen den Einflüsterungen aus der SPD aufgesessen. Korrespondent Jörg Häntzschel hatte dabei den Wirkungskreis der deutschen Kulturpolitik sogar gleich mal „um einen ganzen Kontinent erweitert“ (Afrika). Irgendwie war es der bisherigen Sprecherin der SPD-Fraktion im Unter-Ausschuss „Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik“, Michelle Müntefering, offenbar gelungen, ihm den eher begrenzten Rahmen ihrer bisherigen Arbeit im Parlament als großkoalitionären Kulturkometen des Jahres verkaufen. Vielleicht lag es aber auch einfach an dem Sog, den Münteferings absehbarer Aufstieg zur gesamt-kulturpolitischen Sprecherin ihrer Partei im Bundestag entwickelte.

Tatsächlich hätte es für die strategische Neuausrichtung der Auswärtigen Kulturpolitik zu allerletzt der Inspiration der aktuellen Akteure bedurft – das hatten der vormalige Außenminister und sein Kulturabteilungschef Görgen nämlich noch höchstpersönlich vor Steinmeiers Wechsel ins Schloss Bellevue eingefädelt. Sein Nachfolger Sigmar Gabriel blieb dieser Linie treu, zumal Görgen auch nicht wie geplant mit ins Bundespräsidialamt umzog, sondern auf seinem Posten im Außenamt blieb. Goethe-Präsident Klaus-Dieter Lehmann konnte seine Verwunderung über die angeblich so grundstürzenden Neuerungen in einem DLF-Interview kaum verbergen.

Gewinner Deutsche Welle

Inhaltlich wirklich neu ist auf diesem Gebiet eigentlich nur, dass die Deutsche Welle künftig sogar nach verbrieftem Willen der Regierungsparteien auf das finanzielle Niveau ihrer britischen und französischen Pendants gehoben werden soll. Das war vor dem Hintergrund der propagandistischen New World Order mit den nicht so irre demokratisch orientierten neuen Big Playern China, Russland und Katar zwar absehbar – denkt man allerdings an die nicht nur finanziell kurze Leine zurück, an der die DW noch zu Beginn des Jahrzehnts geführt wurde, ist diese Entwicklung zumindest bemerkenswert.

Wie’s dann aber so geht in der Berliner Medienrepublik: SZ und Deutschlandfunk rennen inhaltlich in die gleiche Richtung, prompt rennen sicherheitshalber fast alle hinterher, zumal in Kulturfragen (für die Aluhutträger unter meinen Lesern: Nein, die sind nicht alle gleichgeschaltet – das ist bloß eine Mischung aus injedusselt und Auf-die-Großen-verlassen).

„Heimat“-Drama der anderen Art: Wütende Massenreflexe

Das gleiche Drama erleben wir ganz aktuell wieder mit dem designierten Teilressort „Heimat“ in Horst Seehofers Innenministerium. Ganze Horden offenbar hypertonischer Glaubenskrieger schlagen sich unter ebenso echauffierten Meinungsartikeln und in Sozialen Medien (#Heimatministerium) verbal die hochroten Köpfe ein über das Für und Wider samt aller historischen Konnotationen von „Heimat“ sowie den selbstverfreilicht und sowieso ideologisch verseuchten Populismus der verfemungswürdigen CSU-Granden. Leider sind neben den – Achtung: Rehab noch im gleichen Blogpost – Kollegen von der Süddeutschen Zeitung oder – das nenne ich mal innerredaktionelle Pluralität – wiederum der Zeit nur wenige auf die Idee gekommen nachzugucken, was der außerhalb Bayerns dreifachverfluchte Gottseibeiuns Markus Söder in seinem Nürnberger Heimatministerium eigentlich seit Jahren treibt. Antwort: Er kümmert sich mit großer Akribie schwerst konzeptionell und datengestützt um den Ländlichen Raum und „Räume mit besonderem Handlungsbedarf“.

Dabei geht es ausweislich des zugehörigen „Heimatberichts“ aber nicht etwa um die mutmaßliche Säuberung dieser Räume von Flüchtlingen und anderen Störenfrieden des vermeintlichen christsozialen Leitkultur-Weltbilds von Dirndl, Maß und Lederhosn, sondern im Gegenteil um die Integration der Zuwanderer in den Arbeitsmarkt. Zum Beispiel. Oder um Breitbandausbau, Mobilitätsverbesserungen, Infrastruktur, Demografie. Und das alles mit einem Verfassungsauftrag zur Förderung und Sicherung „gleichwertige[r] Lebensverhältnisse und Arbeitsbedingungen in ganz Bayern, in Stadt und Land“. Das sollte eigentlich jedes pluralistisch-progressiv-wertschätzende Linken-Herz höher schlagen lassen – vor Freude. Aber dazu müsste man halt mal recherchieren, anstatt gleich schon zu meinen, bevor man überhaupt was weiß. Himmeherrgodnoamo!

 

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Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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