T minus 4 … und Zur Kenntnis

Etwas ratlos hinterlässt einen die aktuelle – angesichts der Wahlprognosen sicherlich gut gemeinte – Initiative der Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein: Mehr als 80 Theaterleiter*innen bekennen sich in einer Anzeige in der morgigen ZEIT-Ausgabe zu „einer freien, offenen und toleranten Gesellschaft auf der Basis unserer Verfassung“ (sic!). Aha … ich dachte eigentlich bisher, das sei neben künstlerischer Expertise die zentrale Einstellungsvoraussetzung für Leitungspersonal staatlicher Kulturbetriebe in Deutschland. Und erschaudere im Übrigen schon jetzt bei dem Gedanken, spätestens morgen irgendwo von „einem mutigen Statement der deutschen Theater“ zu lesen. So oder so ähnlich.

Eine jedenfalls deutlich profiliertere Initiative haben elf andere Prominente der deutschen Kulturszene dagegen am Montag gestartet: Eine Woche vor der Wahl fordern sie von der nächsten Bundesregierung ein Aufnahmeprogramm für verfolgte Künstler*innen aus aller Welt. Mindestens tausend Personen pro Jahr sollten staatlich garantiert ein würdiges Auskommen erhalten, heißt es im Aufruf. Im Gegenzug verpflichten sich die Unterzeichner, den Aufgenommenen in ihren Häusern Arbeitsmöglichkeiten zu bieten und erinnern in diesem Zusammenhang auch an das massenhafte Asyl, das deutschen Künstler*innen während der NS-Diktatur im Ausland gewährt wurde (gerade in der Türkei). In der Tat: Ein solches Programm wäre ein starkes Zeichen der Bundesrepublik an die Welt.

Zwei Dinge verwundern allerdings auch hier: Da ist zunächst die Aussage des Mitinitiators Matthias Lilienthal in einem Interview mit Michael Köhler beim Deutschlandfunk, er habe sich „noch nie etwas von der Bundesregierung gewünscht, das nicht erfüllt wurde“ (Audio hier, der Satz fällt bei 3’30). Vor allem aber die Tatsache, dass langjährige Direktor*innen staatlicher Museen wie Marion Ackermann oder Stefan Weber und Stadttheater-Intendant*innen wie Shermin Langhoff, Thomas Ostermeier oder eben Matthias Lilienthal die eigenen Institutionen als „staatlich subventionierte Häuser“ bezeichnen. Das zeugt von wirklich grober Unkenntnis der Verfasstheit ihrer eigenen Betriebe und (der Kulturförderung) dieses Landes. Was soll man nur davon halten, wenn derart hochrangige Kulturleute in ihren Interviews oder von ihren Bühnen alle Nase lang den „Neoliberalismus“ geißeln, sich aber selbst zu seinem Sprach-Büttel machen, indem sie Subventionen suggerieren, wo gar keine sind? Manchmal bin ich sehr müde – und je länger ich über all das nachdenke, desto ratloser werde ich.

Und sonst …

Foto: Die Anzeige der Intendantengruppe des Bühnenvereins in „Die Zeit“ vom 21. September 2017

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Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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