Am deutschen Denken gescheitert

Der AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider wollte gestern Abend an einer Diskussion im Magdeburger Puppentheater teilnehmen. Er war zwar da, doch ein Gespräch gelang nur zum Teil. Vielleicht, weil er nicht recht sagen konnte, was er meinte – vielleicht, weil er es nicht wirklich wollte.

Tillschneider ist promovierter Islamwissenschaftler und sitzt zurzeit als direkt gewählter Abgeordneter für die AfD im Magdeburger Landtag. Der Sprecher für Kulturpolitik seiner Fraktion hatte in der Diskussion um eine Inszenierung des Tanztheaters Dessau mit Flüchtlingen im vergangenen Oktober scharfe Forderungen formuliert: Es brauche eine „Renaissance der deutschen Kultur“, deshalb sollten künftig jenen Theatern Förderungen gekürzt oder sogar ganz gestrichen werden, die nicht zur Erziehung des Volkes im Sinne des Nationalgedankens beitrügen. Diesen Standpunkt wiederholte er auch zu Beginn des gestrigen Podiums wieder, bestritt aber gleichzeitig, sich damit in die künstlerische Arbeit der Häuser einmischen zu wollen.

Da platzte dem Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, zum ersten Mal der Kragen. Zunächst warf er Tillschneider vor, auf diesem Wege sehr wohl die im Grundgesetz festgeschriebene Kunstfreiheit zu attackieren. „Und zweitens regt mich Ihre ganze Strategie auf: Drei provozierende Schritte vor, dann zwei zurück, und angeblich war alles nicht so gemeint. Das ist typisch für Ihre Partei, auf allen Politikfeldern. Sie versuchen die Grenzen insgesamt Stück für Stück nach Rechts zu verrücken – und das werden wir Ihnen nicht durchgehen lassen.“

Abenteuerliche Thesen: Shakespeare ein „deutscher Autor“

Die inhaltlich interessanteste Frage stellte Ulrich Khuon: „Was ist denn für Sie die ‚deutsche Kultur‘?“, wollte der Intendant des Deutschen (!) Theaters in Berlin und frisch gebackene Präsident des Deutschen (!) Bühnenvereins ein ums andere Mal wissen: „Die Romantik kommt aus Frankreich, der Humanismus fußt im Islam“. Spätestens da wurden die Antworten Tillschneiders ziemlich verschwurbelt.

Unter anderem sei Shakespeare ein „deutscher Autor“ – wegen der frühen Übersetzungen oder auch Goethes Begeisterung für ihn. Auf die Bemerkung des früheren Magdeburger und heutigen Potsdamer (Noch-)Intendanten Tobias Wellemeyer, das Theater sei nicht zuletzt zeitgleich mit der Demokratie entstanden, entgegnete der AfD-Mann: „Ja, aber auch der Nationalstaatsgedanke“.

Dabei ignorierte Tillschneider geflissentlich, dass Wellemeyer die griechische Antike meinte – gut 2000 Jahre vor den ersten Ideen zum Nationalstaat. Überhaupt blieb der Sprecher der „Patriotischen Plattform“ in der AfD logische Verknüpfungen und faktische Belege für seine Ansichten schuldig. Das originär „Deutsche“ verortete er stattdessen in einer explizit gegenaufklärerischen Interpretation der Romantik. Das Wesen einer Nation sei mehr als geordnetes Zusammenleben, nämlich ein ganz spezifisches „Gefühl“. Zumindest die Kenner Novalis‘ und Fichtes, aber (leider) auch Hoffmannsthals oder Rilkes konnten in diesen Momenten das Geraune von der „deutschen Glut“ deutlich im Hintergrund hören. Ulrich Khuon entgegnete nüchtern: „Sie werfen dem Islam immer Rückständigkeit vor, weil er seine Aufklärung nicht gehabt habe – aber die deutsche Aufklärung lehnen Sie ab. Das passt doch alles nicht zusammen.“

Inkonsistente Argumentation und kulturhistorische Beliebigkeit

Wie so vieles andere in Tillschneiders teilweise fahrigen, teilweise regelrecht absurden Kausalketten: Erst nannte er die Theater „Orte der Volksbildung für das Nationale“, um im nächsten Moment zu behaupten, er und die AfD insgesamt wollten die Bühnen „vom Politischen befreien“. Die würden durch den liberalen Zeitgeist im Übrigen „missbraucht“. Dann redete er einem deutschen Kanon das Wort, der ja bereits existiere und nicht mehr erweitert werden müsse. Gleich im Anschluss prophezeite er dann, die deutsche Kultur werde sich entwickeln – aber nur „selbstbestimmter“, sonst werde sie verschwinden. Den Widerspruch, dass schon von jeher – siehe u.a. Lessings Ringparabel oder Goethes „West-östlicher Divan“ – gerade fremde Einflüsse für die mitunter größten künstlerischen wie kulturellen Sprünge gesorgt hätten, konnte Tillschneider ebenso wenig entkräften wie die Bemerkung, dass beinahe alle heutigen Klassiker zu ihrer Zeit auch sehr politisch gewesen seien: Lessing, Schiller, Heine, Brecht …

Die drei bis fünf zumindest im kargen Applaus hörbaren Anhänger das AfD-Politikers im mit 150 Leuten voll besetzen Saal des Magdeburger Puppentheaters focht derlei nicht an. Im Publikumsteil der Diskussion zieh eine von ihnen die Herren Khuon, Wellemeyer und Zimmermann als Vertreter des Establishments und eines abgehobenen Intellektualismus: „Herr Tillschneider spricht aus, was wir einfachen Leute denken – und das wollen Sie nicht zur Kenntnis nehmen“. Keiner der Diskutanten entgegnete, was die meisten im Saal allerdings dachten: „Doch nehmen wir – es bleibt nur eben trotzdem sachlich falsch!“

Ein Gespräch ist mehr als Reden

Der exzellent vorbereitete und über weite Strecken souveräne Moderator der Runde, Magdeburgs früherer Kulturdezernent und Bürgermeister Rüdiger Koch, nannte den Abend zum Schluss einen Versuch, miteinander ins Gespräch zu kommen. Der war sehr ehrenhaft, aber nicht wirklich erfolgreich: Man kann nicht mit Leuten diskutieren, die dem diskursiv-dialektischen Prozess von Argument und Gegenargument nicht folgen wollen oder können.

„Wie viel kulturelle Vielfalt braucht das Land?“, so war die gestrige Veranstaltung überschrieben. Eine letztgültige Antwort darauf wollte nur Hans-Thomas Tillschneider geben. Er scheiterte aber am eigenen Unvermögen, während das übrige Podium sich einig war, dass es so eine Antwort gar nicht geben kann. Genau deshalb seien die immer wieder neue Selbstbefragung und das Ringen um Standort- und Kursbestimmung für jedes demokratische Gemeinwesen ja existenziell. Der nächste Magdeburger Abend im Rahmen der Bewegung „Offene Gesellschaft“ findet am 7. Juni statt. Sein Titel hätte auch gestern gut gepasst: „Faktischer Kulturverlust – postfaktische Gesellschaft?“

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Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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Eine Antwort zu Am deutschen Denken gescheitert

  1. kultureventbuero schreibt:

    Herzlichen Dank für den Bericht von dieser Veranstaltung. Ich finde es gut, wenn sich die Kulturschaffenden einmischen und hanebüchenen Argumenten entschieden entgegentreten. Auch wenn am Ende ein schaler Beigeschmack zurückbleibt, hoffe ich, dass es noch mehr solcher Veranstaltungen geben wird!

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