Schwierige Zukunfts-Debatten alter Führungs-Kräfte

Auf Malta findet zurzeit die Weltkonferenz der Kulturförderung statt. Sie beschäftigt sich mit dem Führungsanspruch der Kultur in der Gesellschaft, leidet aber unter einer personellen und dadurch thematischen Unwucht.

„Weltgipfel zu Kunst und Kultur“, das wäre eine einigermaßen korrekte Übersetzung: „World Summit on Arts and Culture“ heißt die Veranstaltung im englischen Original, die noch bis Freitagmittag in Valletta stattfindet, der Hauptstadt des kleinsten EU-Mitgliedsstaates Malta. 400 Teilnehmer aus 80 Staaten waren angekündigt, vermutlich sind etwa 300 aus vielleicht 60 Ländern tatsächlich hier. Viele von ihnen, vor allem aus Afrika, mussten wegen massiver Visa-Probleme kurzfristig absagen, darunter namhafte Referenten aus Regierungskreisen.

Sicher ist dieser Umstand nicht ganz unschuldig an einer leichten atmosphärischen Störung im Konferenzklima. „Cultural Leadership in the 21st Century“ lautet das Thema des diesjährigen World Summit. Und die bisherigen „Cultural Leader“ im weltweiten Wettbewerb um Einfluss und Märkte sind auch hier ganz schön dominant: Die USA, Canada und Australien, Indien Japan, China, Singapur, fast alle EU-Staaten, weitere Europäer. Sie stellen die erdrückende Mehrheit der Teilnehmer.

So hatten sich die Veranstalter bei der International Federation of Arts Councils and Culture Agencies (IFACCA) das allerdings nicht gedacht. Es sollte bei  „Cultural Leadership“ nämlich um die weltweite Vorbild- und Führungsfunktion gehen, die Kunst und Kultur überall haben könnten oder gar müssten, während Globalisierung, Digitalisierung und Verstädterung unaufhaltsam voranschreiten. Das erhoffen sich viele Akteure in der internationalen Politik umso mehr in den Schwellen- und Entwicklungsländern, sogar in den Krisen- und Kriegsgebieten.

Gerade hier soll der Kulturbereich Vielfalt vorleben, das einander Verstehen lernen durch künstlerischen Ausdruck, das einander Aushalten und miteinander Aushandeln der unterschiedlichen Interessen durch den Respekt für die Kultur des oder der jeweils anderen. Dazu gehört notwendigerweise der Austausch, die Auseinandersetzung und gelegentlich eben auch mal ein Streit zwischen Künstler*innen, Kulturpolitiker*innen und Bürokrat*innen auf internationaler Ebene.

Themen und Anlässe gibt es zuhauf. Zum Beispiel, wenn in einer Debatte über den Freihandel  (TTIP, CETA, TPP, TISA etc.) der Vertreter einer Kulturinitiative aus Zimbabwe beklagt, dass der Austausch zwischen Nord- und Südhalbkugel trotz guter Absichten auf allen Seiten weiter sehr einseitig sei: Institute Francais, British Arts Council und auch das Goethe Institut würden mit – vergleichsweise – großen Summen ein internationales PR-Netzwerk der europäischen Kultur unterhalten, während aus den meisten Ländern des Südens (der Begriff „cultural south“ ist in den Debatten ganz selbstverständlich) Künstler*innen höchstens mal als exotisches Beiwerk zu Festivals in der Ersten Welt eingeladen würden.

Einen Zugang zu den internationalen Mainstreammärkten gebe es aber trotz der UNESCO-Konvention zur Kulturellen Vielfalt von 2005 und den vielgepriesenen Segnungen des Internets für afrikanischer Musiker, Filmschaffende oder Literatinnen nicht wirklich. Keiner der 40 Workshop-Teilnehmer widerspricht diesen Aussagen – weil alle wissen, dass der Mann im Prinzip Recht hat. Doch dann kommt, zunächst schleppend, ein Gespräch in Gang: Über die ungenutzten Möglichkeiten, Optionen internationaler Vereinbarungen, zu schlecht genutzte Verpflichtungen völkerrechtlicher Verträge und zivilgesellschaftlichen Druck. Wie groß und mächtig der werden könne, sehe man ja jetzt wieder beim Thema TTIP, merkte Christine Merkel an, Kulturchefin der Deutschen UNESCO-Kommission.

In Debatten wie diesen fallen nicht immer nur freundliche Worte zwischen Süden und Norden, Christen und Muslimen, Weißen und Farbigen. Gerade deshalb sind sie aber interkulturelle Verständigung im allerbesten Sinne. Und die muss zuerst immer zwischen den Bemühten und Wohlmeinenden eingeübt werden, bevor die dann auch in anderen, konfrontativen, mitunter aggressiven Situationen bestehen können.

Die Syrerin Rana Yazaji von der Arab Culture Policy Group ist jetzt seit vier Jahren im Exil. Sie findet mal in Ägypten, mal in Tunesien Unterschlupf an Universitäten, wo sie ihre Arbeit fortsetzen kann. Sie führt die Krise des Nahen Ostens vor allem auf eine Schwäche der Zivilgesellschaft zurück: Ohne starke Vereine und Verbände, breite bürgerschaftlichen Bünde als Gegengewicht zu einem oft autoritären Staat und mächtiger Wirtschaft gibt es eben kein starkes gesellschaftliches Netzwerk und keine gemeinsamen Werte, die eine Gesellschaft in Krisenzeiten trotzdem zusammen halten. Ihr ist vollkommen klar, dass der Aufbau solcher Strukturen in einem wann auch immer wieder friedlichen Syrien Jahrzehnte brauchen wird:“It takes a decade, maybe more of them“. Aber sie ist überzeugt: Wenn sie und ihre Mitstreiter das nicht jetzt vorbereiten, geht auch der nächste Versuch wieder schief, einen dauerhaften kulturellen und damit gesellschaftlichen Frieden in ihrer Heimatregion zu finden: „We will be prepared!“

Ich habe Rana hier in Malta zum dritten Mal in zwei Jahren getroffen. Sie beginnt jedes Gespräch mit der Warnung, dass sie leider wirklich nicht viel Positives und Ermutigendes zu erzählen habe. Aber jedes Mal kommt sie mir dabei stärker vor. Ich bin voller Bewunderung für diese im Übrigen auch mutige Frau, denn sie wird offenbar selbst im Exil noch auf diese oder jene Art und Weise vom Assad-Regime drangsaliert.

Menschen wie sie machen aus „Kultur“ tatsächlich „Cultural Leadership“. Dazu muss man aber überhaupt aufeinander treffen. Das ist beim World Summit on Arts and Culture des Jahres 2016 leider nicht wie geplant möglich. Deshalb dominieren hier von wenigen Ausnahmen abgesehen wieder jene die Debatte, die vom Rest der Welt schon viel zu lange als Cultural Leader wahrgenommen werden: 98 Prozent der weltweit gehandelten Kulturgüter  – Musik, Literatur, Film vor allem – stammen aus den Ländern der ersten Welt. Vermutlich ist das kein wirklich gutes Konzept für „Cultural Leadership in the 21st Century“.

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Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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