In eigener Sache: Die innere Pressefreiheit

Eine freie Kollegin aus dem WDR-Studio in Aachen hat in einer niederländischen Rundfunksendung behauptet, es habe im Sender Anweisungen gegeben, in der Flüchtlingsfrage tendenziell „pro Regierung“ zu berichten. Außerdem hat sie von Gremien und Ausschüssen, man muss wohl sagen: gefaselt, die angeblich solche Festlegungen für alle träfen. Als langjähriger Mitarbeiter des Westdeutschen Rundfunks kann ich dazu nicht einfach nichts sagen. Also:

Ich habe in den vergangenen 18 Jahren für fünf der sechs Hörfunkwellen des WDR in unterschiedlichsten Funktionen und Vertragsverhältnissen gearbeitet. Frei, festangestellt, ausgeliehen. Ich war Wort- und Musikredakteur, Teamleiter und Redakteur vom Dienst, einen Sommer lang im ARD-Hauptstadtstudio. Ich habe ein junges Kulturradio im Netz verantwortet und 2005 als Autor den ersten WDR-Programmbericht verfasst. Heute berichte ich als kulturpolitischer reporter neben anderen Medien auch für den WDR-Hörfunk; gelegentlich moderiere ich die Sendung „Forum“ auf WDR 3 und auch den Dialog der Intendanz mit dem NRW-Kulturrat. Ich bin in der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal zu einer bestimmten inhaltlichen Ausrichtung der Berichterstattung angewiesen worden, nicht mal zwischen den Zeilen eines Gesprächs mit Vorgesetzten oder Auftraggebern.

Es ist hingegen nicht das erste Mal, dass ich – feste wie freie – Mitarbeiter*innen des Hauses medienpolitischen Unsinn verzapfen höre oder lese, auch öffentlich. Das liegt nach meiner Erfahrung und Einschätzung maßgeblich daran, dass viele Journalist*innen selbst nicht richtig verstehen, wie die ganze Branche oder auch nur ihre eigenen Häuser funktionieren. Und in der Tat: Welche Aufgaben und Kompetenzen Rundfunk- und Verwaltungsräte haben, was Programmausschüsse so machen, das ist nicht mal eben in anderthalb Sätzen erklärt. Den Horizont von Journalist*innen darf es allerdings nicht übersteigen; und regelmäßige, gar langjährige Mitarbeiter*innen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks müssen nach meinem Dafürhalten sogar unbedingt die Struktur ihrer Organisation kennen. Leider ist das oft nicht der Fall.

Und so sitzt dann irgendwann jemand mit dem Label „WDR“ im Namensschild, jedoch ohne offiziellen Auftrag zur Vertretung des Senders auf einem Podium, die oder der z.B. die Unterscheidung zwischen „Regierung“, „öffentlicher Meinung“ und „öffentlicher Sache“ trotz der Selbstzurechnung zu den Spracharbeitern nur eingeschränkt oder eben gar nicht leisten kann. Diesen intellektuellen Totalausfall werden nun viele Kolleginnen und Kollegen vor Ort, in den Redaktionen, aber auch in den Führungsetagen ausbaden müssen; dass Claudia Zimmermann sich mittlerweile selbst bezichtigt, „Unsinn geredet“ und „Quatsch verzapft“ zu haben, macht im Übrigen nichts besser, eher im Gegenteil:
Jeder auch nur durchschnittlich vernunftbegabte Beobachter fragt sich natürlich, warum die Frau gestern „Hü“ und heute – zufällig auch noch direkt nach „einem Gespräch mit dem Sender“ – plötzlich „Hott“ sagt, und zwar in einem zentralen Punkt des journalistischen Selbstverständnisses, ergo Berufsethos‘. Für die eher unterdurchschnittlich Vernunftbegabten aus der „Lügenpresse“-Fraktion hingegen ist das alles natürlich frisches Wasser auf ihre Mühlen. Wobei ich allerdings zunehmend den Eindruck gewinne, dass es sich bei diesen Mühlen um das erste echte Perpetuum mobilé handelt – ihre Räder drehen sich nämlich auch ganz ohne Wasser.

Mich wird es nur ganz vielleicht, Kolleg*innen in politisch sensibleren Themenfeldern und Kontakten aber ganz bestimmt mitunter Jahre kosten, das oft genug sowieso schon nur sehr mühsam aufgebaute Vertrauen wieder herzustellen. Ganz ausnahmsweise ist diese Anstrengung aber sogar für aufrechte und professionelle Journalist*innen tatsächlich mal: alternativlos!

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Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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6 Antworten zu In eigener Sache: Die innere Pressefreiheit

  1. Kerstin Peters schreibt:

    Keine Sorge,vernünftigen Menschen ist sehr wohl klar, dass diese Reporterin Quatsch geredet hat. Ihr Widerspruch am nächsten Tag kann sich jeder Arbeitnehmer erklären, zum Boss zitiert, auf den Pott gesetzt wegen dem Blödsinn und dann den Widerspruch raus um Jobmäßig nicht völlig aber gerechtfertigt aufs Abstellgleis geschoben zu werden

  2. Pingback: Links anne Ruhr (21.01.2016) » Pottblog

  3. HGJ schreibt:

    Und wie kommentieren oder verdrehen die „Ahnungslosen“ nachfolgenden Beitrag?
    http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article128042895/Als-ich-Plasberg-die-Angst-vor-der-SPD-ansah.html

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