Drei Kurze: Digital vererbte Illusionen

Das faule Pack in Brüssel schaukelt sich morgen mal wieder die Eier im Kulturausschuss des EU-Parlaments. Beleg für die träge Lustlosigkeit der Volksvertreter: Nur 183 Änderungsanträge zur geplanten Binnenmarktrichtlinie der Kommission. Also, um genau zu sein, sind es 183 Änderungsanträge allein aus den Reihen des Kulturgremiums. Aus den federführenden Ausschüssen für Industrie und Binnenmarkt gibt es sogar 363, in der Regel ganz anders gelagerte Korrekturwünsche; die übrigen Ausschüsse hab‘ ich nicht mehr nachgeguckt. Wer sich – anders als in den ersten beiden Sätzen oben – mal ganz klischee- und vorurteilsfrei davon überzeugen möchte, mit wie viel Leidenschaft und oft auch Expertise bereits im Kulturausschuss des Europäischen Parlaments versucht wird, uns 500 Millionen selbstreferentielle Staatsbürger-Darsteller beieinander zu halten, kann das am Donnerstag zwischen 9 und 12 Uhr hier tun. Man sollte aber vorher die Unterlagen lesen (gibt’s alle auf Deutsch), sonst versteht man von den Debatten kein Wort. Das kann man als Zeichen von Bürgerferne verstehen – oder von Sachkunde der Akteure.
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Noch mal Europa, noch mal viel Papier, noch mal … sprachliche Hürden: Am Freitag wird in Berlin das Konzept für ein Europäisches Kulturerbejahr 2018 vorgestellt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters, Brandenburgs Kulturministerin Sabine Kunst in ihrer Eigenschaft als Präsidentin des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz sowie Vertreter von EU-Ratspräsidentschaft, Kommission und Parlament werden  im Griechischen Hof der alten Nationalgalerie den bislang netto zehn Seiten umfassenden Entwurf dazu präsentieren. Man kann das hier alles nachlesen, aber Achtung: Es handelt sich um eine Art konsolidiertes Papier der sogenannten Reflection Group ‚EU and Cultural Heritage‘ … datt is‘ also auf Englisch, auch wenn die Deutschen da irgendwie die Federführung haben. Andererseits kann es ja nicht schaden, sich mal wieder ein bisschen in der realen Amtssprache Europas wie des Globus‘ insgesamt zu schulen. Das erhöht gleichzeitig die Empathie mit den aktuell vielen Neuankömmlingen hierzulande, die ebenfalls eine fremde Sprache lernen müssen (und so gut wie immer auch dringend wollen).
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Die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) hat einen schrecklich sperrigen Namen. Und die Tücken ihres Anliegens, also die Kulturelle Bildung für Kinder- und Jugendliche weiter zu entwickeln und zu fördern, sind auch nicht ohne. Ständig geht es um mehr als vage Ziele: Die beabsichtigten – positiven – Effekte auf junge Menschen durch kulturelle und künstlerische Kompetenzen, um die langfristig erhoffte Chancengleichheit und nicht zuletzt um die angestrebte Teilhabe. Letztere ist wiederum ein janusköpfiger Begriff, denn sie meint einerseits, dass möglichst alle am kulturellen Leben teilhaben können sollen, und andererseits auch die ganz konkrete Mitbestimmung der Akteure in den Konzepten und Formaten der Kulturellen Bildung. Die systemeigene Skepsis gegenüber diesen beiden Ansprüchen drückt sich bereits im Titel eines großen zweitägigen Kongresses aus, der am Wochenende in Berlin stattfindet: „Illusion Partizipation„. Wer sich auch nur den kurzen Introtext zur Tagung durchliest, merkt schnell: Von einer kritikresistenten oder sogar naiven Fixierung auf die vermeintlich so wohlwollende Teilhabe-Idee sind selbst die Lobbyisten der Kulturellen Bildung weit entfernt. Wie tief das Hinterfragen der Ansätze dann tatsächlich reichen wird, kann man wohl nur auf dem Kongress selbst erfahren. Und vermutlich fahre ich deshalb auch noch hin … mal sehen.
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Foto: (c) Zollverein/Jochen Tack
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Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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