Ein Kurzer: Frau Kampmanns erstes Mal

Gestern Abend hatte Nordrhein-Westfalens neue Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport, Christina Kampmann, bei Wolfgang Meyer im „Westblick“ auf WDR 5 ihren ersten Auftritt im WDR-Radio (hier zum Nachhören und -lesen). Der war … eher so mittel.

Ziemlich erwartbar legt sie ihren Schwerpunkt schon jetzt auf die Familienpolitik, wiederholte ihre Ankündigung eines „Familiengipfels“ mit Gewerkschaften und Arbeitgebern und vermied ansonsten politisch wie persönlich jedwede Kante. „Wer den Kopf nicht raussteckt, auf den wird auch nicht geschossen“, heißt es im Krieg – das klingt wenig mutig, ist für die Neuen im Kampfgebiet aber vor allem erst mal eine (Über)Lebensversicherung.

In dem gut zwölfminütigen Interview sprach sie auch runde 60 Sekunden über Kultur: Ihren bisherigen Wahlkreis Bielefeld nannte sie „kulturaffin“ mit „ganz tollen Theaterangeboten“, die sie immer gern genutzt habe; außerdem sei sie schon auf der Ruhrtriennale und in der Kunstsammlung NRW gewesen. Ihr liege vor allem an partizipativer Kulturpolitik, so wie sie beim aktuell zu erarbeitenden Kulturförderplan ja bereits praktiziert werde, sagte die neue Ministerin.

An all dem ist nichts falsch – und gleichzeitig wird klar: Von Kultur-Politik hat Christina Kampmann keine Ahnung. Allerdings: Wie auch? Die Frau ist 35 Jahre alt, hat zwei Studiengänge absolviert, auffem Amt gearbeitet und gerade mal zwei Jahre professionelles Politikerdasein im Deutschen Bundestag erlebt; da hat sie sich vor allem mit der Digitalisierung befasst, ein anderes Thema war die Flüchtlingspolitik. Aber eben nicht mal zwei Jahre … welcher Neuling im Parlament hätte sich da je auch nur in ein einziges Fachgebiet wirklich eingearbeitet? Geschweige denn, dass sie in anderthalb Wochen gleich fünf völlig neue souverän präsentieren könnte?

Das zu erwarten, ist unfair – und keiner der jetzt bereits lautstark rumnörgelnden Journalist*innen und Oppositionspolitiker*innen könnte das selbst. Christina Kampmanns Auftritt erinnert also weniger an in Jahren der Administration gestählte Kämpferinnen wie Ursula von der Leyen oder Renate Schmidt, sondern mehr an Kristina Schröder oder … Angela Merkel; also an die Merkel-Version von 1990. Ob Kampmann Ministerin kann oder gar eine gute Kulturministerin sein wird, lässt sich zum jetzigem Zeitpunkt nicht sagen – und erst recht nicht aus dem gestrigen Interview ableiten.

Die Kernfrage dieser Personalie im Landeskabinett lautet: Steckt in ihr das Potential für mehr oder ist sie eine der vielen jungen Sozial- wie Christdemokrat*innen, die optisch wie inhaltlich gut durchgeföhnt sind, alle Stichworte der aktuellen Agenda kennen und dazu einigermaßen sympathisch eingängige Sätze mit ein bis drei sozial erwünschten Triggerfloskeln formulieren können.

Auf welcher Seite des Zauns Christina Kampmann zu sitzen kommt, wird sich in den nächsten zwei Jahren erweisen. Wer sie jetzt bereits als unfähig aburteilt, weiß auch immer schon im Herbst, wer nächsten Frühsommer aus der Bundesliga absteigt … oder heißt Gerhart Baum. Der hatte Kampmann, die er persönlich zugegebenermaßen bis dahin nicht kannte, bereits am Tag ihrer Berufung zur Fehlbesetzung erklärt. Sein Interview in der WDR-3-Sendung „Resonanzen“ offenbart aber nur, dass der Vorsitzende des NRW-Kulturrats seine Lobbyfunktion für Künstler*innen und Kunst im Lande und seine Zugehörigkeit zur Oppositionspartei FDP offenbar nicht immer trennen kann. Das ist bemerkenswert bei einem hochverdienten Mann, der – anders als die von ihm abqualifizierte Kampmann – bereits seit 60 Jahren professionell Politik macht!

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Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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