Morbus Berolina: Bretter, die den Tod bedeuten

„Der Mann ist tot – er weiß es bloß noch nicht“. Mit diesen starken Worten begann die jüngste Pöbelei des ältesten noch reitenden Haudegens der deutschen Theaterlandschaft, Claus Peymann, gegen den Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner. Der mittlerweile 78-jährige Held des westdeutschen Polittheaters der 70er und 80er Jahre, der Erneuerer der Wiener Burg und Noch-Intendant des Berliner Ensembles ist die krawallige Speerspitze einer Bewegung, die sowohl typisch ist für den deutschen Kulturbetrieb wie für die Stadt Berlin.

Seit gut einem Jahrzehnt hat die deutsche Hauptstadt den Status einer globalen Metropole zurückgewonnen, den ihre Einwohner und vor allem ihre Meinungsführer angeblich so lange wie schmerzlich vermisst haben. An der Berufung des global geschätzten wie umworbenen Kulturmanagers Chris Dercon an die Volksbühne durch den vom ersten Tag im Amt an kritisch beäugten früheren Musikmanager Tim Renner zeigt sich: Vieles davon war Phantomschmerz.

Zum Weltstädtischen gehört nämlich die permanente Veränderung. Wer jemals London oder New York, um nur zwei – kulturell – nahe liegende Beispiele zu nennen, über einen längeren Zeitraum erlebt hat, der weiß: Weltstadt-Gewissheiten sind rar, eher Fehlanzeige. Die Güterverkehrslinie durch Manhattan wurde bei ihrem Bau von der Bevölkerung strikt abgelehnt, dann zur Hauptschlagader, später zum Schandmal, aktuell ist sie als Highline Park DER Freizeitort des Molochs und seine größte Touristenattraktion. Ob es dabei bleibt? Kein New Yorker käme auf die Idee, das vorherzusagen.

Oder das Londoner Old Vic: Es begann als Royal Coburg, später waren die Shakespeare-Klassiker unter dem legendären Sir John Gielgud das Nonplusultra der europäischen Theaterszene. Dem folgte der sogar noch legendärere Lord Laurence Olivier, doch mittlerweile läuft tatsächlich das Musical „High Society“ in dem altehrwürdigen Haus. Kein Wunder, mag mancher denken, leitet es heute doch ausgerechnet ein Amerikaner aus New Jersey. Zu dessen Glück heißt der Kevin Spacey und ist zweifacher Oscar-Preisträger; in seinem eigentlichen Job als Schauspieler zeigt er der Welt in der Netflix-Serie „House of Cards“ gerade, wie Politik tatsächlich funktioniert. Das Old Vic in 2025? Nur eins ist ziemlich sicher: Nicht mehr wie heute.

Frechheit: Die Welt hält in Berlin Einzug

In so einer Welt haben zwei deutsche Spezies es besonders schwer: Öffentliche Theater und Berliner. Letztere halten ihre Stadt sowieso für den Nabel der Welt, allerdings gepaart mit so einer Mark-Twain-Attitüde: „Das schönste aller Geheimnisse ist, ein Genie zu sein und es als einziger zu wissen“. Einerseits war man Jahrzehnte lang beleidigt, von der Welt da draußen nicht die gebotene Wertschätzung zu erfahren, und wo das jetzt doch endlich passiert, reagiert man genauso beleidigt darauf, weil diese Welt einen nun sogar behelligt: Jedes Jahr kommen fünf Millionen Touristen und Hunderttausend neue Bürger in die Stadt, schlimmer noch: Sie verändern sie – das ist dem Berliner nun wirklich zuviel.

Darin ähnelt er wiederum sehr dem Führungspersonal im Theater, nicht nur in Berlin. Analog zum alten Leitsatz der Empirieskeptiker – „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“ – finden die meisten Intendanten (und es sind fast immer Männer) wie Kulturpolitiker (die auch), es könne keine gute Veränderung in Institutionen und Strukturen geben, wenn sie nicht ihre eigene Idee gewesen ist. Deshalb schmettern sie mit Peymann (der seinen Nachfolger Reese mit aussuchen durfte) und Castorf (der eigentlich ganz gern gebeten worden wäre zu bleiben) vorneweg ihre verstaubten wie ritualisierten Protestparolen von der „Eventisierung“, der „Ökonomisierung“ (Achtung: neoliberal!) und natürlich der alles vergiftenden „Quote“, die zusammen am Ende das Land der Dichter und Denker dem intellektuellen Erdboden gleichmachen werden. Mindestens.

Die größte Illusion der Peymänner ist ihre eigene Relevanz

Sekundiert wird das Ganze von der immer noch westdeutsch geprägten Kulturpolitikerkaste der Stadt (in diesem Fall traurigerweise angeführt von der Kulturstaatsministerin). Gemeinsames Zielobjekt dieser rückwärtsgewandten Schießschartenmentalität ist aktuell der gern gehasste Staatssekretär, der eben kein Kind der hochkulturtragenden Bühnenbretter ist, sondern ein erfahrener wie erfolgreicher Entrepreneur der Kulturwirtschaft, Journalist, Buchautor, Poppraktiker und –theoretiker: Tim Renner.

Kern der reaktionären Allianz hinter den Kulturtempelfassaden: Peymann und Konsorten tun seit Jahren nicht nur so, als gebe es die Gesellschaft der Brecht’schen Epoche oder gar jener davor noch – sie leben offenbar auch weiter in dem Glauben, ihr Theater würde irgendwas bedeuten. Die Wahrheit ist: Außerhalb einer marginalen Gruppe in und mit dem Theater Beschäftigter zwischen Bühnenhintergrund und Kritikerlaptopmonitor sind sie vollkommen irrelevant. Keine Versicherungsangestellte, kein Sportlehrer und keine Bäckereifachverkäuferin reden – wenn sie überhaupt je ins Theater gehen – vor dem Hin- und nach dem Rückweg noch mal darüber. Und wenn, dann als Distinktionsgeschichte auf dem wochenendlichen Freundestreffen: „Wir waren ja neulich im …!“ Als ob das Theater der Peymanns dieser Welt noch irgendeine gesellschaftliche Debatte anstöße oder gar bestimme – eine lächerliche, ja geradezu absurde Vorstellung angesichts der kommunikativen Realitäten im Bus, im Stau oder im Sportverein. Übrigens auch im Stadtrat, im Landtag und im DAX-Vorstand.

Tim Renner dagegen – das weiß der Peymann-Chor wahrscheinlich oder spürt es wenigstens – vertritt eine im übertragenen Sinne nicht nur existierende, sondern auch immer wieder stark blühende Arbeiterkultur: Den Pop. Mehr Proletariat, mehr Prekariat, mehr Nähe zum Volk geht kulturell gar nicht. Mehr und längere Erfahrung mit Globalisierung wie Digitalisierung übrigens auch nicht. Und aus genau dieser Kenntnis und Erfahrung tut er nun an verantwortlicher Stelle genau den Schritt, den die Kultur und vor allem die Kulturpolitiker allerorten immer bloß lautstark propagieren, aber so gut wie nie tatsächlich tun: Er verändert etwas!

Endlich passiert was, das sich nicht nur um sich selbst dreht

Mit Frank Castorf verlässt ein lange umjubeltes Mastermind einen Ort im Herzen Berlins, der sich unter den völlig veränderten Bedingungen des noch jungen 21. Jahrhunderts einen neuen Platz im Geistesleben der Hauptstadt suchen muss. Das wird mit Chris Dercon unter der Führung eines der weltweit meistgeachteten wie umworbenen Kulturmanager geschehen, der an diesem Ort seine in Jahren ausgebaute Grenzgängerei zwischen Bildender und Darstellender Kunst nun auf die Spitze treiben können wird. Ob und was ihm dabei gelingt, wird man noch sehen – so ist Kunst. Sein Team von Piekenbrock über Karmakar bis Kluge ist jedenfalls mehr als vielversprechend, und auf das mögliche Zusammenspiel mit einer ebenfalls Neuland betretenden Humboldtforums-Intendanz rund um Neil MacGregor kann man ebenfalls gespannt sein.

Am Vorabend des Bundeskongresses der Kulturpolitischen Gesellschaft im Juni in Berlin habe ich auf dem Podium die Gelegenheit genutzt, um Tim Renner angesichts der Peymann’schen Todesprophezeiung den Puls zu fühlen: Er schlug kräftig und regelmäßig. Um ihn muss man sich – vermutlich in jeder Hinsicht – die wenigsten Sorgen machen. Im Theater und in der Kulturpolitik wissen sie das bloß noch nicht.

 

(Dieser Text ist in leicht veränderter Form bereits in den Kulturpolitischen Mitteilungen 149 erschienen, dem aktuellen Quartalsheft der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V.)

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Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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Eine Antwort zu Morbus Berolina: Bretter, die den Tod bedeuten

  1. Oliver Francke schreibt:

    Danke Peter!!! Das war fällig und liest sich toll. Ich habe herzlich gelacht und es dem Berliner Zeil meiner Familie geschickt. Die werden toben :-)!!!! Liebe Grüße

    Oliver Francke unterwegs…

    >

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