Laudatio für einen Peter

Peter Pabst hat fast 30 Jahre für Pina Bausch Bühnenbilder erdacht und gemacht. Gestern hat die Stadt Wuppertal ihn mit dem alle zwei Jahre verliehenen von-der Heydt-Preis geehrt. Wim Wenders formulierte in seiner Laudatio, was keine Jury der Welt besser hätte sagen können. Nicht nur dem Preisträger …

Eine persönliche Hommage in 20 Punkten kündigte Wenders an und gleich mit, dass er sich trotzdem kurz fassen werde. Anschließend beschrieb der langjährige Bausch-Freund und Regisseur des erfolgreichen 3D-Films „PINA“ in Pabst einen Künstler und Mann, den er ganz offenkundig sehr ins Herz geschlossen hat. Seine Charakterisierungen reichten von „großzügig“ – als Künstler, Kollege und Mensch – über „heiter“ („wenn er durch die Tür kommt, bekomme ich gute Laune“) bis zu „pingelig“. Dieses Wort habe für ihn keine negative Konnotation, betonte Wenders: „Schönheit entsteht auch aus Genauigkeit“.

Im Zentrum der Lobrede – „schwierige Aufgabe: Loben ist ja gerade nicht so in Mode“ – stand aber ein Begriff, der heute nicht mehr oft fällt, wenn einer über einen anderen spricht. Wenders nannte Peter Pabst vor allem und in erster Linie einen „Menschenfreund“. Er sei zugewandt, er könne zuhören, und dazu brauche es auch die seltene Fähigkeit des Schweigenkönnens. Das Publikum war zwischenzeitlich ganz ergriffen, der solchermaßen geehrte Peter Pabst auch. Nicht umsonst fragte er in seiner anschließenden Dankesrede zuerst, wo denn nun all seine Schattenseiten geblieben seien; darüber könne er für künftige Gelegenheiten Auskunft erteilen.

Es war der Ton, den Wenders wie Pabst fanden, der diese Preisverleihung zu etwas angemessen Besonderem machte. Und dazu trug auch der gleichermaßen passende wie für einen Festakt ungewöhnliche Ort bei: In der Werkstatt der Wuppertaler Bühnen fehlte an diesem Sonntagmorgen nur der Soundtrack, meinte Pabst, die hier eigentlich übliche Geräuschkulisse aus Sägen, Hämmern, Schleifen, Stapeln. Er habe sich aber gewünscht, dass man zu diesem Anlass hierher komme, weil der Preis und der Entstehungsort der ausgezeichneten Arbeit so zueinander fänden.

Ein Weiteres tat der Ton des Wuppertaler Oberbürgermeisters: Peter Jung begann seine Begrüßung mit der Bemerkung, dass die Woche zwar gut begonnen habe – Planungsmittel fürs „Internationale Tanzzentrum Pina Bausch“ aus dem Bundeshaushalt – und mit dieser Feier auch versöhnlich ende; dazwischen hätten aber Stunden gelegen, auf die er lieber verzichtet hätte. Damit spielte er auf den überraschenden Abgang des von ihm höchstpersönlich installierten Opernintendanten Toshiyuki Kamioka zur Jahresmitte 2016 an, dessen Vertrag eigentlich bis sage und schreibe 2021 laufen sollte.

Den seit zehn Jahren sehr erfolgreichen und von Jung nahezu verehrten Generalmusikdirektor Kamioka hatte der OB in der Stadt halten wollen, indem er ihn gegen viele Widerstände zur laufenden Spielzeit zusätzlich noch zum Opernchef machte. Außenstehende Betrachter und fast alle Insider der Wuppertaler Kulturszene hatten dabei nicht nur ein schlechtes Gefühl, sie zeigten sich auch öffentlich überzeugt, dass das nicht gutgehen werde. Als Jung gestern mit deutlich ironischem Unterton sagte, dass „wie immer natürlich der OB an allem nicht nur Schuld, sondern – wie man in Wuppertal sage -, auch ‚inschuld‘ sei“, war das nicht nur der Versuch, die für ihn hochnotpeinliche Lage um die Städtischen Bühnen insgesamt mit einem kokett überzeichneten Eingeständnis zu überspielen: Wer Jung ein bisschen kennt, merkte, dass er sich das Scheitern der von ihm im Alleingang durchgesetzten Personalie zu einem gerüttelt Maß wohl tatsächlich selbst ankreidet.

Leider weiß man beim Wuppertaler Oberbürgermeister nie, ob kritische Selbsterkenntnis von Dauer ist und produktive Folgen hat. Vielleicht könnte Wim Wenders ihm aber ja seine Laudatio auf den Preisträger Peter Pabst einfach noch mal mailen, schließlich trug er sie vom iPad vor: An der dort viel gelobten Menschenfreundlichkeit mangelt es Peter Jung zwar vermutlich nicht – aber zumindest beim Zuhörenkönnen und bei der Genauigkeit („aus der Schönheit entsteht“) ist zumindest aus kulturpolitischer Sicht noch reichlich Luft nach oben.

Advertisements

Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
Dieser Beitrag wurde unter Beobachtungen abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s