Sehet, welch ein Bau!

Das neue LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster öffnet heute erstmals seine Türen für die Öffentlichkeit. Es hat ein bisschen gedauert, bis es fertig war. Und 48 Millionen Euro sind auch kein Pappenstiel. Aber Zeit und Geld haben sich gelohnt: Es ist echt hübsch geworden und die Sammlung eh ein Knaller. Nur am würdigen Umgang mit der Kunst hakt es an einer bedeutenden Stelle.

„Das ist nun mal wirklich einer der berühmten Leuchttürme, von denen immer die Rede ist. Und er strahlt weit über Münster und NRW hinaus, sogar über Deutschland.“ Das wären die üblichen Sätze aus dem Munde eines Museumsdirektors zur Neu- oder Wiedereröffnung seines Hauses, nur kamen sie gar nicht aus dem Mund von Hermann Arnhold. Der saß zwar ebenfalls sichtbar stolz in der Pressekonferenz zur Wiedergeburt seines Hauses, es sprach aber der Gast zwei Plätze weiter links – und das war dann doch eine ziemliche Überraschung: Peter Landmann ist eher kein Mann großer Worte. Der Chef der Kulturabteilung in Ute Schäfers Düsseldorfer „Ministerium für Lebensbildung“, wie sie die Kombination Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport (MFKJKS) gern nennt, ist mehr so der trockene Typ, und dem wurde er keine Minute später sofort wieder gerecht, als er umso nüchterner feststellte: „Das wird auf absehbare Zeit der letzte Museumsbau sein, denn das Land in diesem Ausmaß fördert.“
Neun Millionen Euro hat die Landesregierung dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) für sein kulturelles Prestigeprojekt überwiesen. Das sind zwar nicht mal 20 Prozent der Baukosten von insgesamt 48 Millionen – den Rest hat der LWL selbst gestemmt -, aber es ist doch eine ziemlich hohe Summe, wenn man die Perspektive wechselt: Seit dem vergangenen Jahr stehen nämlich nur noch weniger als zwei Millionen Euro für Zuschüsse zu Kulturbauten im Landesetat. Pro Jahr, wohlgemerkt, und für ganz NRW. „Die Zeit der Investitionen in Steine ist erst mal vorbei“, hatte Kulturministerin Schäfer damals gesagt. Nach Abschluss der Großbaustellen Kunstsammlung und Schauspielhaus in Düsseldorf, Ruhrmuseum in Essen und eben jenem Kunst- und Kulturmuseum des Landschafts-verbandes Westfalen-Lippe wird das Land sich bis auf weiteres also nicht mehr an Neubauten oder weitreichenden Sanierungen beteiligen.

51 Säle und viele gute Einsichten

Wärmen wir uns lieber noch ein bisschen das Herz am Glücksfall Münster. Eine „Architektur der Höfe“ hat Volker Staab dem Haus verpasst, und tatsächlich guckt man hinter jeder zweiten Ecke durch meist riesige Fenster und Wandaufbrüche entweder in die beiden zentralen Höfe des Hauses selbst, oder auf Stadt- und Vorplätze der unmittelbaren Umgebung. Das schafft einige interessante Sichtachsen, ohne dass der Weg durch die Räume selbst zu einem reinen Expressway der Exponate geraten wäre.

Motti drüber, Bildbeschreibung auf Knöchelhöhe, alles auch ohne Brille lesbar
© derkulturpolitischereporter

 

LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Thale wies beim Gang durch das Haus zudem auf das neue System der Wandbeschriftungen hin: Die Motti der Säle und Zitate der ausgestellten Künstlerinnen und Künstler oder ihrer Zeitgenossen finden sich stets über Kopfhöhe an den Wänden, während die klassische Beschriftung der einzelnen Bilder und Objekte nicht direkt daneben oder darunter zu lesen steht, sondern jeweils nur wenige Zentimeter über dem Boden – dafür aber in deutlich größerer Schrift. „Kann man alles ohne Brille lesen“, resümierte die Kulturdezernentin, „das wird international Schule machen in der Museumswelt!“ Um ein knackiges Statement ist Rüschoff-Thale – eine zart wirkende Frau mit umso energischerer Ausstrahlung – zwar nie verlegen, aber „international Schule machen“ ist dann doch ein sehr großes Wort. Andererseits: Sie hat in den vergangenen Jahren bewiesen, dass sie sehr genau weiß, was sie tut und sagt. Vielleicht sollte man also demnächst auf die Beschriftungskonzepte neu eröffneter Sammlungen zwischen Beijing und Tshwane achten …
Die Sammlung selbst wird aber trotz künftig 7500 Quadratmetern Ausstellungsfläche in 51 Sälen weiterhin nur in homöopathischen Dosen zu sehen sein: Eine halbe Million Stücke hat das Museum in petto,  gerade mal 1200 davon haben es nach der fünfjährigen Bauzeit aus den Depots wieder unter die Augen der Besucher geschafft. Von mittelalterlichen Teppichen und Heiligenstatuen über Großwerke von Kirchner, Klee und Macke bis zur Gegenwart ist alles reichhaltig vertreten.

„LWL“ steht über allem – leider auch über Piene

Zu den vielen echten Schätzen aus den letzten 1000 Jahren gehört auch ein monumentales Lichtkunstwerk der jüngst verstorbenen Zero-Ikone Otto Piene. Die hing schon am alten Bau, eher lang gestreckt über Eck an zwei Seiten der Fassade; am neuen wächst es in anderer Anordnung stärker in die Höhe. Das alles mit – dem Vernehmen nach sehr teuer erkaufter – Genehmigung des auch im Alter noch äußerst geschäftstüchtigen Meisters.

Nein, der „LWL“-Schriftzug gehörte ursprünglich nicht zu Otto Pienes Lichtkunst
© derkulturpolitischereporter

Die umfasst allerdings auch den hoffentlich einzigen echten Fauxpas des neuen alten Museums: Unübersehbar hat der Landschaftsverband Westfalen-Lippe seinen „LWL“-Schriftzug rechts unten AUF Pienes monoton geometrisches Lampen-Ensemble geknallt – ja, „geknallt“, anders kann man das wirklich nicht nennen. Das sorgte nicht nur für heftige Debatten in der Lokalpresse, sondern auch für mehr als nur Kopfschütteln unter Kunst-historikern, Kuratoren und Museumsdirektoren. Und es konterkariert die aufwändigen, vielerorts am und im Bau regelrecht liebevollen Anstrengungen um die Kunst.

Aber wer weiß … vielleicht bietet sich dem neuen Direktor des Landschaftsverbands, Matthias Löb, hier schon kurz nach Amtsantritt die Gelegenheit, sich von Vorgänger Wolfgang Kirsch strategisch abzusetzen: Der hat in seiner achtjährigen Amtszeit den Leistungen des Landschaftsverbandes mit einer solchen Konsequenz das Logo „LWL“  einbrennen lassen, dass es manchmal an Besessenheit grenzte. Doch der zugehörige Sinnspruch lautet „Tue Gutes und rede darüber“ – und nicht „Nimm alles Gute und schreib‘ LWL drauf“. Eine Korrektur dieses unseligen Zustandes würde es viel leichter machen, über Münster, Nordrhein-Westfalen und Deutschland hinaus zu rufen:
Sehet, welch‘ ein Bau!

Titelfoto (von links): LWL-Direktor Matthias Löb, LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Thale und Museumsdirektor Hermann Arnhold. © derkulturpolitischereporter

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Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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