Die Sensation des Banalen

Mittagessen mit einem Mirakel: Evgeny Morozov eröffnet die Reihe „Change Leader Talk“ des Berliner LEAD-Ablegers der Mercator Stiftung. Der intellektuelle Nährwert des Menüs hält sich allerdings in Grenzen: Alle drei (kalten) Gänge des Essens schmecken irgendwie nach mehr als die Selbstverständlichkeiten aus dem Mund des neuen Feuilleton-Stars.

Evgeny Morozov ist unter den Protagonisten der digitalen Debatte gegenwärtig der leuchtendste Stern: Ein 29 Jahre alter Weißrusse, entdeckt und gefördert vom Karl-Popper-Schüler George Soros, herumgereicht durch die Elite-Unis der westlichen Welt, von Frank Schirrmacher selig auch hierzulande in der Internetdebatte etabliert. Sein letztes Buch „Smarte neue Welt“ wurde 2013 als die große Dekonstruktion des Google-Apple-Amazon-Universums gefeiert, sein jüngster Artikel in der FAZ von heute handelt vom liebsten feuchten Traum der Stadtplaner, dem „Intelligenten Dorf“.

Am Dienstagmittag erscheint Morozov – blass und schlank – pünktlich um 12 Uhr im ersten Stock der Berliner Mercator-Residenz am Hackeschen Markt und gibt den spektakulären Auftaktgast für die neue Gesprächsreihe „Change Leader Talk“. In der sollen Akteure des gesellschaftlichen Wandels aus dem Berliner Politik-und Zivilgesellschafts-Getriebe auf nationale und internationale Protagonisten der zugehörigen Debatten treffen. Gute Idee, das: Gast redet, Auditorium isst und überlegt sich dabei Fragen. Dann isst Gast und Auditorium fragt. Dann antwortet Gast, jeweils nach Vorspeise, Hauptgang, Dessert.

Sehr ernsthaft und gebildet wirkt Morozov im Eingangsstatement. Er beschreibt kurz seine Vita, vor allem seinen Wandel vom quasi euphorischen Fan der Digitalisierung, des Internets und der Sozialen Medien hin zum Skeptiker und schließlich Kritiker der Entwicklungen. Der begann mit der Beobachtung des Einflusses der Sozialen Medien auf die Umwälzungsprozesse in Staaten des ehemaligen Ostblocks und des Nahen Ostens für die Nichtregierungs-Organisation OSI. Zwei Phänomene stachen dabei nach seinen Worten heraus: Die Stilisierung vor allem der Sozialen Medien als Instrumente der Befreiung und Demokratisierung durch ihre Anbieter Google, facebook, Twitter. Und die dem entgegen gesetzten Bestrebungen der jeweiligen Regime, die Kontrolle über diese Kommunikationsmittel zu bekommen, vor allem durch Zensur oder gar ihr vollständiges Abschalten und die Schaffung nationaler, kontrollierter Alternativen wie Weibo in China.

In der Folge beschäftigte Morozov sich mit Technik- und Gesellschafts-, landete aber schließlich bei der Wissenschaftsgeschichte. Er leugnet mittlerweile die intellektuelle Eigenständigkeit oder gar Singularität „des Internet“ („Das Wort kann mich auf die Palme bringen“), sondern erklärt dessen Mechanismen als sozusagen bloß digital transformierte Prozesse von Herrschaft und Markt. Dazu passend tauchen in seinen Büchern, Artikeln, Interviews immer wieder – wie in seiner Rede heute – Dahrendorf und Foucault auf.

Wenn man seine Erkenntnisse mal zuspitzt, laufen sie auf folgende drei Sätze hinaus:

  1. Die Digitalisierung ist kein (demokratischer) Heilsbringer
  2. Der in und mit ihr stattfindende Markt ist wie jeder andere nicht sozial und gerecht
  3. Es ist nie der Hund, es ist immer das Herrchen

Das ist natürlich alles richtig – aber außer den vermeintlichen „Vordenkern des Internets“ von Lanier bis Lobo, den BWL- oder MINT-gestählten Ingenieuren, Architekten und Consultants der neuen Ökonomien und der stets euphoriegefährdeten politischen Linksaußen-Fraktion rund um den Globus, hat doch kein ernst zu nehmender Geist je wirklich das Gegenteil geglaubt.

Nein, der Mensch ist nicht per se gut oder böse, und die ihm zur Verfügung stehenden Techniken sind zu diesem wie jenem Zwecke nutzbar. Prominenteste Beispiele der Zivilisationsgeschichte: Der Pfeil, das Feuer, die Atomkraft. Darüber hinaus taugen globale Konzerne weder zu quasireligiöser Verehrung, noch sollte man sich von ihnen im Wesentlichen Gemeinnützigkeit erwarten. Das trotzdem in die eigene Corporate Identity zu schreiben (Googles „Don’t be evil“) ist ein cleverer Schachzug – es ändert aber nicht die ökonomische Logik gewinnorientierten Privatunternehmertums.

Dass den Geschäftsideen und –modellen der digitalen Giganten zudem der Zwang zur permanenten und umfassenden Datensammlung innewohnt, deren algorithmische Gewinnung wie Auswertung einer sich selbst verstärkenden Effizienzsteigerungsspirale dient… Tja, puh, hmmm – wer darüber je länger als ´ne Viertelstunde nachgedacht hat, kann kaum überrascht sein. Und auch nicht davon, dass am Ende dieser Entwicklung ein Staat in Folge der raumgreifenden Ökonomisierung des Denkens seiner Lenker wie seiner Bürger („alles zu teuer“, „muss doch auch viel schlanker gehen“, „Steuern runter, Leistung rauf“) in die Effizienzfalle tappt: Er wird beispielsweise mit Hilfe alles durchdringender Betriebssysteme und der zugehörigen Apps über die Smartphones der Sozialversicherten und Krankenkassenmitglieder erfassen und steuern wollen, wie das Verhalten des Einzelnen möglichst wenig Kosten für die Allgemeinheit verursacht … weil es eben geht. Und was geht, soll dann immer gemacht werden. Das wiederum liegt nicht ganz zufällig auch im Interesse der weltweiten Effizienzpromoter Google, Apple und Co: So machen sie sich mit ihren Produkten und Datensammlungen unersetzlich. Systemrelevant. Too big to fail.

„Ja, ja, ja!“, war ich – passend zu den drei Gängen – versucht zu sagen, das ist aber doch alles klar. Um dann festzustellen, dass es das offenbar ganz und gar nicht ist oder zumindest war. Nicht im Feuilleton der FAZ (und Co), nicht in den honorigen Stiftungen und der sogenannten Zivilgesellschaft, offenbar auch nicht in der Politik (der Mann aus dem Kanzleramt machte sich jedenfalls eifrigst Notizen).

Also bin ich der Stiftung Mercator und Frank Schirrmacher dankbar: Wenn es denn nur drei kalte Gänge und einen, auf mysteriöse Art Charisma simulierenden Weißrussen in Berlin-Mitte braucht, um eher banales Grundwissen zu Mensch, Markt und Macht unter die Entscheider zu bringen – bitte. Allerdings: Wer diese Erkenntnisse für bahnbrechend hält, sollte vielleicht noch mal Andersens „Des Kaisers neue Kleider“ lesen. Würde Morozov übrigens vermutlich selbst empfehlen, wenn er es kennen würde. Jedenfalls hatte ich zwischendurch öfter den Eindruck, dass ihm der ganze Hype um seine Person eher unangebracht erscheint. Schließlich hat er nur das Offensichtliche gesagt: „Es hat ja gar nichts an!“

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Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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Eine Antwort zu Die Sensation des Banalen

  1. Annette Jagla schreibt:

    Cooler Kommentar, könnte dir auch gefallen, dachte ich mir! LGA

    Von meinem iPhone gesendet

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