Das Forum D’Avignon Ruhr so #far14

1989 trafen sich im Düsseldorfer Zakk wenige hundert Musikmanager, Booker, Künstler, Promoter und Journalisten zu einer „Musikmesse“. Damals war der Enthusiasmus und das Visionsgerede der Initiatoren sogar vielen Anwesenden nicht ganz geheuer. 25 Jahre nach dieser ersten #Popkomm ist Dieter Gorny wieder auf dem Weg, aus einer spinnerten Idee einen Blockbuster zu machen. Nicht ganz sicher ist, ob er eigentlich weiß, wohin das führen könnte.

Das Forum D’Avignon ist eine Idee der Franzosen aus der Zeit ihrer letzten EU-Ratspräsidentschaft 2008. Kurz gesagt soll es ein kultureller Think Tank sein. Die Diskussion zwischen und Vernetzung von traditionellem (also öffentlich finanziertem) Kulturbereich, der Kultur- und Kreativwirtschaft, weiteren Wirtschaftssektoren und den Medien ist das erklärte Ziel. Mittlerweile gibt es alljährlich vier Forum-D’Avignon-Veranstaltungen: eben in Avignon, in Paris, in Bilbao und im Ruhrgebiet. Dieser deutsche Zweig der Initiative hat einen kulturwirtschaftlichen Schwerpunkt und gehört zu den Nachhaltigkeitsprojekten der Kulturhauptstadt Ruhr.2010.

In den letzten drei Tagen fand in Essen nun das bislang dritte Forum D’Avignon Ruhr statt. Die Veranstaltung war ein Erfolg, das kann man ruhig mal so sagen. Und das ganz unabhängig davon, ob nun wirklich alle angekündigten 300 Teilnehmer aus 21 Ländern da waren oder vielleicht nur 200 aus 18 und ob das vielleicht an zu optimistischen Prognosen bzw. einer Eigendynamik von PR lag oder schlicht an den Verkehrsturbulenzen nach den Unwettern in NRW. Viel wichtiger war, was tatsächlich passierte: Eine hochillustre Schar profilierter Akteure aus Kunst, Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien führte lebhafteste Diskussionen und verabredete sich zu künftiger Kooperation und weiterem Austausch. Vorneweg übrigens der Generaldirektor Kultur der Europäischen Kommission, Jan Truszczinsky, die NRW-Kulturministerin Ute Schäfer und ihr Kabinettskollege für Wirtschaft, Garrelt Duin.

Themen waren unter anderem: Mittel und Wege der Förderung von Kreativquartieren (natürlich wurde auch über das „Ob“ und „Warum“ überhaupt gesprochen, aber nur noch kurz), die Evaluierung und Evaluierbarkeit von Kunst- und Kulturprojekten, die Wechselwirkungen zwischen Politik und Kultur bzw. Kulturwirtschaft.

Das NRW-Kulturministerium und das Arts Council England haben zudem mit einem wissenschaftlich-künstlerischen Kick Off am Mittwoch eine europaweite Studie zu den so ersehnten wie berüchtigten Spillover-Effekten angestoßen. Da will man erstmals wirklich umfassend begutachten, ob und wie Kunst- und Kulturprojekte über ihren künstlerischen und Erlebnis-Wert hinaus in andere Bereiche „überschwappende“ Effekte haben (Spillovers eben). Das kann man natürlich wissenschaftliche Nischenwichserei finden. Man kann darin aber auch den Versuch sehen, Kultur- und kulturwirtschaftliche Förderung – also den Einsatz öffentlicher Mittel vulgo Steuergelder – neu zu legitimieren (Vielleicht könnte auf diesem Wege zudem noch das wirklich unsäglich inhaltsleere wie unreflektierte Gerede vom angeblichen Eigenwert der Kunst gleich mit beseitigt werden; en passant, quasi, und so. Es wird höchste Zeit).

Unübersehbar waren alle Veranstaltungen von inhaltlich hoher Qualität; unüberhörbar waren die angereisten Professionals aller Branchen und Bereiche nicht nur sehr engagiert, sondern auch sehr zufrieden mit diesem Kongress.

Allein das ließe schon hoffen. Nach der Mittagspause am gestrigen Donnerstag saß ich dann allein mit Dieter Gorny beim Kaffee, weil die übrigen Teilnehmer eine Präsentation der Nominierten für den N.I.C.E.-Award ansahen, die wir beide schon kannten. Wir sprachen darüber, wie die im dritten Jahr nun einigermaßen etablierte Veranstaltung größere Kreise ziehen könnte: Thematisch, inhaltlich, bei der Teilnehmerzahl. Dafür gibt es bereits jetzt einige sehr schöne Ideen, die aus Gründen der Vertraulichkeit wie des möglichen Überraschungseffektes im nächsten Jahr hier nicht gespoilt werden.

Doch eins ist klar: Der studierte Musiker, VIVA-Erfinder und Musikwirtschafts-Boss Gorny hat durchaus Chancen, den Erfolgspfad vor allem der Popkomm noch einmal zu beschreiten: Organisator des Forum D’Avignon Ruhr ist nämlich das European Centre for Creative Economy (kurz: ecce) in Dortmund. Und dessen Geschäftsführer heißt: Dieter Gorny. Wenn er also nach 25 bzw. 20 Jahren für eine augenscheinlich wieder ziemlich schräge Sache noch mal den gleichen Drive entwickeln könnte, mit dem er die Popkomm und VIVA zu echten Ausnahmeerscheinungen ihrer Zeit und Branche gemacht hat, dann könnte das Forum D’Avignon Ruhr eines Tages als vielleicht DER Schrittmacher der umfassenden strukturellen Neugestaltung einer alten Kultur- und Industrieregion namens Ruhrgebiet gelten.

Dieter Gorny – den ich selbst nun bald ein Vierteljahrhundert kenne – ist nicht gerade von einem Mangel an Selbstbewusstsein geplagt. Wie seine Vita zeigt, ist das allerdings auch nicht ganz zu Unrecht so. Ob ihm selbst wirklich bewusst ist, welche Rolle er in der Geschichte des Reviers und vielleicht sogar darüber hinaus spielen könnte … ich bin mir nicht sicher. So oder so wäre allen dreien zu wünschen, dass er diese Rolle tatsächlich ausfülllen wird: Ihm, dem Pott und NRW!

(Wäre ich Politiker, Gewerkschafter oder Fußballpräsident und dies eine Rede, müsste ich jetzt abschließend sagen: „Glückauf!“)

 

Foto: (c) Vladimir Wegner für ecce

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Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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