Die Eigenwertsche Unschärferelation

Regierungserklärung in Berlin, Freihandelsabkommen in Brüssel, Ensemble-Aus in Dessau: Über allen Wipfeln ist keine Ruh. Dabei hat auch das Gerede vom Eigenwert der Kultur mal wieder Hochkonjunktur. Es ist aber Quatsch.

„Kultur ist mehr als alles andere ein Wert an sich“ – Monika Grütters erste Rede als Kulturstaatsministerin im Bundestag war noch keine fünf Sätze alt, da kam es auch schon: Das Mantra der deutschen Kulturpolitik vom „Eigenwert der Kultur“. Es vergeht kein Konzeptpapier, keine Denkschrift und vor allem keine Sonntagsrede ohne diese Leerformel der intellektuellen Ratlosigkeit.

„Kultur ist alles, was nicht Natur ist“, lautet eine sehr (ein)gängige wie weitreichende Definition des Kulturbegriffs, und da ist – Achtung, Wortwitz – natürlich was dran. „Kultur“ kommt von „cultura“, dem lateinischen Begriff für bearbeiten, pflegen und bestellen. So unterscheiden sich die Früchte, die vom Baum fallen (=Natur) von den Früchten, die man anbaut und erntet (=Kultur). Alles Weitere hat sich in der Zivilsationsgeschichte daraus ergeben. Wir meinen mit „Kultur“ deshalb heute viel mehr: Die Künste – nicht nur die sieben „freien Künste“ der Antike -, das gruppen- oder landesspezifische Verhalten im Streit, bei Tisch, vorm Altar oder auch im Bett und natürlich all die sichtbaren Ausdrücke der Menschheitsgeschichte: Häuser, Straßen, Städte, Tempel.

„Kultur ist, was uns vom Tier unterscheidet“, lautet ein anderer Satz, den man häufig hört. Das ist streng wissenschaftlich falsch: Auch Tiere haben Kultur(en). Sie bekommen nicht all ihr Wissen mit den Genen geliefert, sondern lernen von den Alten zum Beispiel das Bauen oder Jagen, ob es nun Erdmännchen, Löwen oder Wale sind. Genau so wie Menschen Lesen, Schreiben, Rechnen lernen, das Aufstellen Hunderte Meter hoher Häuser oder das Erzwingen von erwünschten Aussagen durch das Vortäuschen von Ertrinken.

Natürlich meinen Monika Grütters und all Ihre Eigenwert-Mitstreiter das nicht mit „Kultur“, zumindest nicht Letzteres. Ihnen – und uns allen, die wir mit Kulturpolitik befasst sind – geht es um Kultur in einem engeren Sinne: Die Künste, ihre Grundlagen und ihren Betrieb. Die Malerinnen und Tänzer, Architektinnen und Schauspieler, Archivarinnen und Restauratoren. Die Theater und Museen, Bibliotheken und Kulturzentren, Musikschulen und Gedenkstätten. Es geht einerseits um dokumentarische, historische und andererseits um ästhetische, kreative Resonanzräume einer Gesellschaft. Es geht vor allem um das, was durch die Freiheit der Kunst geschützt ist und wird. Sie garantiert einen Raum, in dem das Unsagbare gesagt werden darf (Orwells 1984, Reiners‘ Tötet Merkel) und das Unzeigbare gezeigt werden darf (Goyas Hexenflug, auch Meeses Hitlergruß). Nicht um ihrer selbst Willen, sondern als Ausgangspunkt von Gedanken, die das Neue erschließen, das bisher Nicht-Gedachte.

Kunst dient(e) natürlich immer auch der Unterhaltung und Zerstreuung. Man konnte und sollte sich an ihr oft erfreuen. Sie ist aber gleichzeitig immer noch viel mehr, vor allem der Motor gesellschaftlicher, sprich menschlicher Entwicklung. Künstlerinnen und Künstler spiegeln in ihren Werken Geschichte und Gegenwart einer Gesellschaft. Sie liefern Bilder und Geschichten, die wir sonst oder so nicht kennen. Und erst damit ermöglichen sie ein umfassendes Nachdenken über das Jetzt, aus dem das Entwickeln von Vorstellungen für Morgen entsteht.

Immer waren es Künstlerinnen und Künstler, die eine Idee von der Zukunft geliefert haben: Aischylos und Polyklet, Caravaggio und Leonardo, Philip K. Dick und Ridley Scott*. Alexander, Machiavelli und Steve Jobs blieb – sehr verkürzt ausgedrückt – nur noch, deren Gedanken in Wort und Tat umzusetzen.

Kunst und Kultur sind all das – aber was bitteschön ist denn ihr „Eigenwert“? Die Materialien der Werke können doch kaum gemeint sein, also die Leinwände, Buchseiten und Marmorbrocken. Ihre Ästhetik? Hat nur einen Wert für Schöpfer und/oder Publikum. Da ist kein „eigener“ Wert, sondern nur einer für „jemanden“, befriedigt vom Schaffen oder ergriffen beim Betrachten. Ihre geistige Dimension? Ist ebenfalls nur bedeutsam für deren Denkerin und/oder ihr Publikum, wenn daraus Erkenntnis und Verarbeitung werden. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Kunst und Kultur haben keinen Eigenwert. Ihr Wert entsteht nur durch ihre Wirkung; sei es auf einzelne Menschen oder eine ganze Gesellschaft; sei es im Blick zurück, auf das Jetzt oder im Blick nach vorn. Kultur ist kein Wert – Kultur schafft Werte.

Das sind allerdings erst mal keine ökonomischen, sondern solche wie „Freiheit“, „Respekt“ und „Nächstenliebe“. Keine Sozialministerin und kein Innenminister käme jedoch ernsthaft auf die Idee, vom „Eigenwert der Nächstenliebe“ oder vom „Eigenwert der Freiheit“ zu sprechen. Es wäre deshalb nicht nur ganz schön, wenn die Kulturpolitikerinnen und Kulturpolitiker die auch sachlich falsche Phrase vom „Eigenwert der Kultur“ endlich vergäßen – es wäre sogar wirklich wichtig. Jedenfalls dann, wenn sie in der gewonnenen Zeit endlich ohne den Dünkel einer vermeintlichen Geisteselite erklären würden, warum die Förderung von Kunst und Kultur nicht etwa eine ästhetische Liebhaberei von musisch übersensiblen Schöngeistern ist, sondern eine Kernaufgabe, wenn diese Gesellschaft eine Zukunft haben soll. Dann braucht sie nämlich Werte – die dürfen auch ruhig etwas eigen sein!

*Diese Männer fallen mir spontan ob ihrer Prominenz ein. Es lassen sich natürlich auch sechs und mehr Frauen finden, die aber historisch bedingt leider nicht so zahlreich sind. Jetzt muss ich sofort an die großartige Almut Klotz denken. An Annette Droste-Hülshoff, Nina Simone, Pina Bausch und Anne Lepper

Advertisements

Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
Dieser Beitrag wurde unter Beobachtungen abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Die Eigenwertsche Unschärferelation

  1. Olaf schreibt:

    Mein lieber KuPoRe,
    ich würde Dir gerne ein JA! zurufen, habe aber gleichtzeitig so meine Zweifel, ob uns mit dem Verzicht auf die Phrase geholfen ist.
    Deine inhaltliche Begründung, was Kunst kann und macht, teile ich uneingeschränkt (Du kannst Dir jetzt vorstellen, wie ich mit der Mutti-Raute vor Dir stehe….).
    ABER: In Zeiten der Durchkommerzialisierung sämtlicher Lebensbereiche (und hier gibt es auch diese Phrasen von z.B. dem ‚Humankapital‘), wäre es doch hilfreich, setzten wir uns wirklich mal hin und rechneten zusammen und einigen uns auf einen Wert. Und zwar nicht einen abstrakten sondern auf einen konkreten. Machen wir Tabellen vom Wert eines Standortfaktors, vom Wert eines lückenlosen Lebenslaufes, vom Wert der Erziehung von Kindern (und das nicht aus der Perspektive von Ausfallszeiten sondern aus der Perspektive der Zukunftssicherung – vielleicht als Abschreibungsmodell) und eben auch vom Wert von Theater oder Ballett, von Literatur oder Malerei. Und dazu gehört auch eine Tabell für’s SOLL: Die Entwicklung von Bemessungsgrundlagen für Firmen, Konzerne, Kommunen und Länder. Da wäre z.B.: zu berücksichtigen, welchen negativen Einfluß die Vereinnahmung von Universitäten für betriebliche Zwecke hat, was es für Kosten zeitigt, wichtige sozialpolitische Aufgaben nicht anzugehen oder welchen Preis es hat nicht in Kultur zu inverstieren.

    Ich gebe zu: Die Rechnung wird komplex. Doch beim Emissionshandel ist das Prinzip ja ähnlich. Ich bin mir sicher, dass das Vieles in seiner Wertigkeit wieder gerade rücken könnte.

    Jetzt bin ich gespannt auf die Gegenrede ;-))
    Olaf

  2. Johnc989 schreibt:

    Very efficiently written information. It will be beneficial to everyone who employess it, including myself. Keep up the good work for sure i will check out more posts.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s