Das passt ja: Posse ums Theater als Welterbe

Der Deutsche Bühnenverein will die hiesige Theaterlandschaft zum Immateriellen Weltkulturerbe erklären lassen. Da hat er die Rechnung aber ohne das Feuilleton gemacht: Neben den üblichen Verdächtigen (exemplarisch hier Welt oder auch Zeit von heute, leider nicht online), die sonst selber dauerbesorgt um die Bühnen des Landes sind, lässt sich diesmal sogar der eigentlich recht sortierte SZ-Intellektuelle Thomas Steinfeld lang und breit zum Dreinschlagen auf die Theaterlobby herab. Blöd bloß: Sie alle haben das Stück nicht verstanden.

Seit 2003 existiert das „Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes“ der UNESCO. Darin verpflichten sich die Mitgliedsstaaten, eine Liste eben jenes immateriellen Kulturerbes anzulegen, das auf ihrem Hoheitsgebiet existiert. Es geht dabei um jene kulturellen Äußerungen, die für ein ganze Land oder auch nur einzelne Regionen charakteristisch beziehungsweise besonders sind. Das kann auch bedeuten: Besonders häufig! Und da Deutschland nun mal die zahlenmäßig anerkannt reichste Theaterlandschaft der Welt hat, ist die eben was Besonderes, das nach der Konvention auf die Liste gehört. Bis Ende November soll die Bundesrepublik ihre Aufstellung einreichen, weil wir nämlich erst seit April zu den Unterzeichnerländern gehören (mit zehn Jahren Verspätung – das wäre übrigens mal wirklich ein Grund für Beschwerden).

Welche Folgen die Aufnahme des Deutschen Theaters ins Immaterielle Kulturerbe tatsächlich haben würde, ist schwer zu prognostizieren. Weniger schwer ist dagegen vorherzusagen, welche Folge sie ganz sicher nicht hat: Den „musealisierten Artenschutz“, der von den Kritikern des Bühnenvereins nun nahezu unisono herbeisalbadert wird. Zwar verpflichten sich die Unterzeichnerstaaten, die gelisteten kulturellen Ausdrucksformen zu erhalten, zu achten und zu fördern, von Überlebensgarantien ist in der Konvention aber keine Rede. Auch nicht von der möglichen Aberkennung des Status wie bei den materiellen Kulturerbestätten (Stichwort: Waldschlößchenbrücke), von denen es in Deutschland aktuell 37 gibt. Es ist – anders als bei Kirchen und Klöstern, Zechen und Fabriken – ja schon theoretisch nicht recht vorstellbar, eine immaterielle kulturelle Ausdrucksform quasi zu konservieren. Und praktisch …

Der Sinn der insgesamt drei verschiedenen Listen des Immateriellen Kulturerbes liegt erklärtermaßen darin, das Bewusstsein für die kulturellen Leistungen der Menschheit insgesamt zu schärfen, die regionalen, nationalen oder kontinentalen Eigenarten aufzuzeigen und ihre Bewahrung durch staatliche wie zivilgesellschaftliche Förderung anzumahnen. Im gegenwärtigen Zustand wäre das Theater in Deutschland allerdings kaum ein Kandidat für den Schutz-Teil, der vom Aussterben bedrohte Kulturformen umfasst. Dazu gehört die traditionelle chinesische Holzdruckerei, mit der nur noch elf Menschen vertraut sein sollen, oder der durch Landflucht zunehmend in Vergessenheit geratende kroatische Ojkanje-Gesang. Auch die Liste der „Best Practice“-Beispiele für die Rettung bedrohter Kulturformen kommt wohl nicht in Frage (bei genauerem Hinsehen würde das aber vielleicht eine interessante Diskussion zur Folge haben).

Nein, die deutsche Theaterlandschaft würde sich zu Fado, Flamenco und Mariachi gesellen, zur Chinesischen Oper und zum Kambodschanischen Ballett; auch zur vermutlich ältesten Verfassung der Welt, die ausgerechnet im heutigen Mali entstand. Sie stammt übrigens aus dem 13. Jahrhundert, und in dieser Zeit hatte auch das Theater in Deutschland seine erste große Blüte. Auch deshalb ist die Deutsche Theaterlandschaft ein quasi natürlicher Kandidat für das Immaterielle Kulturerbe der Menschheit. Ob es dem feuilletonistischen Hang – oder Zwang – zum permanenten Widerspruch nun passt oder nicht.

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Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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