Gut.Besser.Woanders

Wie weit man mit ein bisschen Chuzpe doch kommen kann: Der Wuppertaler Oberbürgermeister und ausgewiesene Opernfreund Peter Jung hat sich nach Gutsherrenart die Dienste seines Lieblingsdirigenten gesichert. Dazu wird Toshiyuki Kamioka nun Opernintendant anstelle des Opernintendanten – obwohl Johannes Weigand eigentlich ziemlich erfolgreich war. Begründung des OB: „Das Bessere ist der Feind des Guten“. Und man würde gern antworten: „Nein, Stil ist nicht das Ende des Besens!“

Punkt 14.30 Uhr begannen Peter Jung und sein Stadtdirektor Johannes Slawig sowie Bühnen-Geschäftsführer Enno Schaarwächter und Orchester-Direktor Jörg Hillebrand die Pressekonferenz zur Zukunft der Wuppertaler Kulturtempel. Ihre Botschaft in Kürze: Musik- und Sprechtheater sollen neue Intendanten bekommen, letzteres auch eine neue Spielstätte in direkter Nachbarschaft zum renovierten Opernhaus. Das Orchester kehrt als eigenständiger Teilbetrieb zurück unter das Dach der Bühnen-GmbH; das bedeutet die Wiederherstellung des Status vor der unseligen Kooperationszeit mit der Stadt Gelsenkirchen. Die vielleicht am meisten erhoffte Nachricht des Tages: Es soll auch weiterhin ein Sprechtheater-Ensemble geben. „Das Budget reicht für zehn Schauspieler!“, verkündete Kämmerer Slawig mit Inbrunst, und zwar auch „mittelfristig“. Diesen Begriff präzisierte er auf Nachfrage: bis zum Ende der jetzt laufenden Haushaltssicherung 2021. Von einem „Kahlschlag“, wie lokale und überregionale Zeitungen jüngst geschrieben hatten, könne da wohl keine Rede sein.

Eine Überraschung ist das alles nicht: Seit Monaten rumort es in Oper und Schauspiel zu Elberfeld und Barmen. Anfang Juli hatten die Intendanten Johannes Weigand und Christian von Treskow per schnödem Brief die Mitteilung erhalten, dass ihre Verträge nicht über 2014 hinaus verlängert würden – ohne diesen Bescheid zu dieser Zeit wäre das automatisch geschehen. Der Oberbürgermeister und gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzende der Bühnen hatte es zuvor allerdings nicht für nötig befunden, mit den beiden künstlerischen Spitzen des Hauses mal selbst über den Stand der Dinge zu sprechen. Angebliche Terminprobleme hätten das vor dem Urlaub des Stadtchefs verhindert, hieß es aus dem Rathaus. Und damit nicht der – übrigens auch heute ganz zufällig mal wieder abwesende – Kulturdezernent noch die Stadt-Kohlen aus dem Künstler-Feuer holen musste, wurde einfach der kaufmännische Bühnenchef Enno Schaarwächter zur „Erläuterung der Briefe“ vorgeschickt. Der aber steht wohlgemerkt hierarchisch auf gleicher Höhe wie die Intendanten, alle drei haben Geschäftsführerverträge. Kein Wunder, dass von Treskow und Weigand sich beschwerten: Sie wollten gern mal mit ihrem Arbeitgeber über die Situation reden, und nicht mit einem Kollegen, mit dem sie sowieso stets in engem Kontakt seien.

Stilistisch war zu diesem Zeitpunkt allerdings eh schon alles dahin: Bereits zur Jahreswende hatte der Oberbürgermeister im Überschwang der Gefühle bei einem Konzert seiner heiß geliebten Sinfoniker verkündet, mit deren Dirigent Kamioka gebe es einen „Handschlag“. Und spätestens da war klar, dass der so erfolgreiche wie ehrgeizige Generalmusikdirektor mehr Einfluss im Bühnenbetrieb bekommen würde. Letzte Ausfahrt Barmen: die Intendanz. Blöd bloß: Der Mann ist Dirigent, wenn auch ein sehr guter – qualifiziert ihn das aber gleich für die Führung eines Musik-Theaters, das zudem dank der beharrlichen Aufbauarbeit Weigands gerade auf dem Weg war, zumindest wieder in die regionale Spitze vorzustoßen? Peter Jung war da auch heute wieder ganz keck und verwies auf eines der wenigen, wenn nicht sogar das einzig aktuelle Erfolgsbeispiel für diese Konstellation: Stefan Soltesz in Essen. Und jenseits dessen hofft man im Rathaus einfach, dass es schon gut geht. Gleichzeitig bescheinigte Wuppertals Stadtoberhaupt dem bisherigen Amtsinhaber Johannes Weigand übrigens ausdrücklich „sehr, sehr gute Arbeit“: Nicht nur Publikum habe er dazu gewonnen, sondern auch „Maßstäbe gesetzt“ mit seinen Aufführungen moderner Musik.

Wenn es nun nicht Wuppertal wäre, würde man sich natürlich fragen, warum der Mann dann weg soll. Aber die Antwort kennt nicht nur der leidgeprüfte Fan des hiesigen Fußballvereins Wuppertaler SV: Zwischen den Weltweilern Cronenberg, Asbruch, Schöller und Beyenburg hat man’s halt gern mal ’ne Nummer größer als objektiv drin ist. Deswegen springt der WSV-Präsident Friedhelm Runge seit 20 Jahren immer wieder als Tiger in die Saison und landet als Bettvorleger in der Abschlusstabelle. Dort werden Trainer entlassen, wenn der Aufstieg droht, hier Intendanten, wenn sie zwar die Jahrzehnte lange künstlerische Dürre beenden, aber die Bedürfnisse des OB nach der leichten Muse im klassischen Beritt nicht wie gewünscht erfüllen. Paradox daran ist auch, dass die Maßstäbe für die eine Intendantenstelle im nächsten Atemzug für die andere nicht mehr gelten. Künstlerische Qualität bei wachsendem Publikumszuspruch und stärkerer Verankerung in der Stadt forderte Jung heute Nachmittag für die Sprechbühne – um dem Leiter des Musiktheaters bei Übererfüllung aller drei Kriterien den Stuhl vor die Tür zu setzen, damit der Lieblingsdirigent nicht sein Köfferchen packt.

„Das Bessere ist der Feind des Guten“, begründete Peter Jung die Entscheidung für Kamioka heute zwischendurch ganz unverblümt. Ob dem Wuppertaler OB die Tücke dieses Satzes eigentlich geläufig ist? Zwar benutzen ihn Marketingfuzzis und Motivationscoaches rund um den Planeten als Ansporn zu immer neuen Höchstleistungen, aber … diese italienische Redensart, die durch den Franzosen Voltaire populär wurde, warnt eigentlich genau davor, gute Lösungen durch das Streben nach immer noch besseren zu gefährden. Peter Jung sollte hoffen, dass dieser Satz nicht eines Tages auf ihn zurückfällt.

Orchesterdirektor Jörg Hillebrand, Bühnen-Geschäftsführer Enno Schaarwächter, Stadtdirektor Johannes Slawig und Wuppertals OB Peter Jung neben seiner Pressechefin Martina Eckermann

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Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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Eine Antwort zu Gut.Besser.Woanders

  1. Stefan Hermanns schreibt:

    Vielen Dank für den guten Artikel! Auch in dem aktuellen Wuppertaler-Fall sehe ich nicht, dass die Interessen der Zielgruppe (hier: Bürger) von der Politik, Verwaltung und dem OB berücksichtigt werden, sondern vermute dass ein Machtspielchen hinter verschlossenen Türen stattfindet. Der Öffentlichkeit wird das Ergebnis präsentiert aber ein aktiver, offener Diskurs über die Zukunft der Kultur wird anscheinend auch in Wuppertal nicht gewollt. Neben dem kritischen Betrachten dieses Falls stellt sich für mich nach wie vor die Frage, wer das ändern kann…

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