NUR MAL GANZ KURZ … zur Jahrestagung des netzwerk recherche

Beobachtungen von der zweitägigen Konferenz beim NDR in Hamburg:

– Uli Hoeneß ist irgendwie ein guter Typ, trotz Bayern München und Wurstfabrik. Weil er den Arsch in der Hose hat, sich mit FIFA-Präsident Sepp Blatter anzulegen. Weil er Manni Breuckmann danach nicht gestattete, sich mit selbstverliebten Dönekes von früher zu profilieren. Und weil er die knapp geschürzten Studentinnen im Saal keines Blickes würdigte, stattdessen auf dem Flur die kluge wie souveräne „Panorama“-Moderatorin Anja Reschke aus der Ferne anhimmelte (sie hat’s noch nicht mal bemerkt).

– Julia Friedrichs ist nicht nur eine gute Journalistin, sondern auch eine wirklich begabte Schreiberin. Am Freitag hatte ich sie auf dem Presserabatt-Podium bereits als „Gewissensgesicht der jungen Journalisten“ vorgestellt. Dem ist sie tags drauf mit ihrer „Rede zur Lage des Journalismus“ mehr als gerecht geworden. Na klar, es ist leicht, in seinen Job verknallt zu sein, wenn man als 32-Jährige schon einen Bestseller geschrieben hat, für Monitor arbeitet und Dokus fürs Erste dreht. Vielleicht ist es aber auch genau andersrum. Dann muss man aber erst recht sagen, wo in unserer Branche der Fisch vom Kopf her stinkt. Hat sie gemacht.

– Es mangelt allerorten an Fachwissen. In den „Handwerk“-Panels des Programms werden von gestandenen Kolleginnen und Kollegen Fragen zur Suche mit Google gestellt, die einen erschaudern lassen. Andererseits ist die Entwicklung im Bereich webbasierter Hilfsmittel auch für Journalisten derart rasant, dass man leicht den Überblick verliert. Dann hilft der niederländischen Kollege Luuk Sengers.

– Jedes Mal beeindruckt bin ich von Kolleginnen und Kollegen, die da hin gehen, wo es wirklich weh tut. Zum Beispiel Simone Schlindwein, Susanne Babila und Markus Frenzel, die einen Hutu-Milizenführer in Mannheim enttarnen. Oder die faszinierend akribisch-bescheidene Andrea Röpke, die Licht ins Dunkel des rechtsradikalen Milieus bringt. RESPEKT!

– Auch Journalisten, sogar investigative, sind schlimme Spießer: Das netzwerk recherche hat seinen moralischen Trümmerhaufen der letzten 14 Monate weggeräumt (bpb-Gelder, Leif-Rücktritt, Nachkarten), während all dem eine hochinteressante und sehr gut besuchte Konferenz auf die Beine gestellt und geregnet hat es dort zur Abwechslung auch kaum. Doch statt eines Dauerapplauses für diese Energieleistung wird erst mal einen halben Tag lang auf den Gängen und Plätzen rumgenörgelt, weil es am traditionellen Currywurststand vor dem Konferenzgebäude in diesem Jahr nicht auch Pommes gibt. Geht’s noch?

Insgesamt: Weniger Medien-Promis auf dem Podium, dadurch weniger Eitelkeiten und mehr Erkenntnisse in den meisten Veranstaltungen – die beste Journalistentagung der Republik (und preiswert). Nächstes Jahr wieder. Wieder im NDR: Intendant Lutz Marmor lud bereits ein.

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Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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