Der Dritte Weg – Zwischen Blick zurück und Flucht nach vorn

Der Streit um das wahre Kulturradio schreit förmlich nach einem Dritten Weg. Der wird kein leichter sein. Aber nötig.

WDR 3 soll mal wieder reformiert werden. Darum gibt es seit Wochen Zoff, öffentlich ausgetragen, im Netz und in den zuständigen Gremien solch einer öffentlich-rechtlichen Anstalt. Auf der einen Seite der Auseinandersetzung stehen die selbsternannten Radioretter. In ihren Pamphleten ist eine Haltung zum Medium erkennbar, die mit „nostalgisch“ reichlich euphemistisch umschrieben wäre – „medien-reaktionär“ trifft es wohl eher. Sie zielen auf die Korrekturen am Programm und auch ganz persönlich auf Intendantin und Hörfunkdirektor – einige der Fehden dahinter sind Jahrzehnte alt. Auf der Seite der Reform-Verteidiger kommen nun erstmals auch nachgeordnete WDR-Mitarbeiter quasi privat aus der Deckung. Ihre Seite  „Die Radiorentner“ versucht teilsatirisch, den Furor rund ums goldene Kulturkalb zu – ja, wie soll man sagen … zu sublimieren?

Im Lärm der Radioretter–Kampagne verstecken sich dabei durchaus bedenkenswerte Töne, vor allem der Wunsch nach einem „lebendigen Feuilleton“. In der Tat könnte, ja müsste gerade das hochaktuelle Verlaufsmedium Radio mit den ihm stiekum zugewachsenen Dokumentations-Mitteln des Internets die erste Adresse für kulturelle und kulturpolitische Debatten sein, weit vor den Tages- und Wochenzeitungen. Die erfüllen diese Funktion immer noch hauptsächlich; leider nicht immer gut, wie man in der hoffnungslos überschätzten F.A.Z. beinahe jeden Tag sieht. Keine zwei Kilometer Luftlinie von deren Residenz entfernt zeigt der Hessische Rundfunk mit seiner Sendung „Der Tag“ auf der Kulturwelle HR2 exemplarisch, wie so etwas quasi ätherisch gehen könnte; dradio Wissen darüber hinaus, welche Möglichkeiten das Netz noch böte. Der Initiator der Radioretter dagegen hat in seinen zig Dienstjahren bei WDR 3 genau dieses lebendige Feuilleton NICHT gemacht. Dass nun ausgerechtet er dessen „Erhaltung“ fordert, zeugt von einer gewissen Chuzpe.

Andererseits erscheint das WDR 3-Programm tatsächlich mindestens unrund. Aktuell geplant wird die – je nach Zählweise – dritte, vierte oder fünfte Reform im letzten Jahrdutzend. Bis heute ist kaum erkennbar, welchem inhaltlichen Konzept die vielfältigen Korrekturen in den letzten Jahren folgten. Klar – UND legitim – waren hingegen die strategischen Ziele: Mehr und möglichst jüngere Hörer zu gewinnen. Dabei wurden aber meist nur die aus anderen Wellen und auch dem Fernsehen sattsam bekannten Fehler wiederholt: In Anspruch wie Ansprache homogene Sendestrecken abzuwechseln mit teilweise vogelwildem Experimentier- oder Modernitätsstreben. Der digital verstärkte Zorn der Radioretter ist also nicht ganz unberechtigt. Selbst ein ausgewiesener Fachmann wie Dietrich Leder von der Kölner Medien-Hochschule kommt mit der Programmierung des Senders durcheinander: Die abendliche Magazinstrecke „Resonanzen“ nannte er jüngst im Fachmagazin Funkkorrespondenz tatsächlich eine Jazz-Sendung. Angesichts der räumlichen Nähe zwischen seinem Büro und der verantwortlichen WDR-Redaktion müsste er von deren Gelächter eigentlich jetzt noch ein Pfeifen im Ohr haben.

Dabei ist das alles alles andere als lustig, sondern eher traurig, wenn man auf die Resonanz beim Publikum guckt. Angesichts der großen finanziellen Anstrengungen sowie der enormen redaktionellen Kapazitäten auf den Fluren des WDR-Archipels in der Kölner Innenstadt sind die aktuell gerade mal 220.000 Menschen in NRW, die den Sender an einem normalen Wochentag hören, ein Armutszeugnis. Ein paar Zahlen zum Vergleich: In der Spielzeit 2009/2010 (das ist die aktuellste Erhebung) ermittelte der Deutsche Bühnenverein nicht nur weit über drei Millionen Besucher in den Theater- und Opernhäusern des Landes, sondern auch runde 800.000 in den Konzerten der selbstständigen Orchester. Berücksichtigt man die möglichen Überschneidungen, Doppelt- und Dreifachnutzer, will dazu auch ganz gut passen, dass mehr als anderthalb Millionen Menschen in NRW angeben, mindestens einmal innerhalb von 14 Tagen WDR 3 einzuschalten. Dieser Wert – der so genannte Weiteste Hörerkreis – liegt sogar noch über dem der verschwesterten Wortwelle WDR 5, wenn auch knapp. Guckt man dann aber auf die täglichen Hörer, schaffen die 5er aus dem geringeren Gesamtreservoir die beinahe zweieinhalbfach größere Reichweite, nämlich 540.000 Hörerinnen und Hörer.

Diese Werte sind für erfahrene Radiomacher kaum interpretationsfähig: Hier wird mit dem vorhandenen Potential geschludert – und zwar sträflich. Ganz offenkundig findet zwar eine nach Millionen zählende Menge von Menschen in NRW den Weg zu WDR 3 und seinen Angeboten, doch die BLEIBEN dann nicht und kommen nur in sehr großen Abständen wieder. Das als mindestens suboptimal zu empfinden hat aber NICHTS mit der von den selbst ernannten Radiorettern behaupteten Quotenfixierung in der Führung der Anstalt oder unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu tun, die ihre Inhalte gern weiter verbreitet sähen: Hier geht es schlicht und ergreifend darum, die offenkundigen Möglichkeiten zu nutzen, um den immerhin gesetzlich festgeschriebenen Programmauftrag (WDR-Gesetz, Seite 7) zu erfüllen. Da steht wörtlich: „Die Angebote haben der Information, Bildung und Unterhaltung zu dienen. Der WDR hat Beiträge zur Kultur und Kunst anzubieten.“ Dass eines seiner sechs zulässigen Hörfunkprogramme – für 18 Millionen Einwohner – ein sakrosankter Freiraum für täglich gerade mal etwas mehr als ein Prozent der Bevölkerung ist, davon steht da nichts. Nirgendwo. Kein Sterbenswort.

Die Kurskorrektur des schwer beweglichen Dickschiffes WDR 3 ist längst überfällig. Dass sie den Medienideal-, Selbstverwirklichungs- oder Arbeitsweltvorstellungen einiger mit einem Vertrags- oder Liebesverhältnis zu diesem Sender widerspricht, hat nun zu einer Art Hörfunk-FDP geführt: die Radioretter sind ein klientelpolitischer Scheinriese. Denn es handelt sich trotz des überlauten Protestlärms ausweislich der bisher 17.344 „Unterzeichner“ auf ihrer Seite um noch nicht mal ein Promille der Nordrhein-Westfalen, ergo der Gebührenzahler. Würden die alle ihre ebenso berechtigten Partikularinteressen geltend machen, müssten aber gut und gerne Tausend Spartensender nicht nur entsprechende Mittel, sondern auch einen gleichlautenden inhaltlichen Freibrief erhalten. Und den allerersten bekäme dann ganz ohne Zweifel ein – übrigens sehr teures – Fußballradio für die vereinigten Fans dieser Sportart im historischen Kernland der Borussias, FCs und SVs. Und die sind tatsächlich viele; eigentlich eine Frechheit, sie bis auf den Samstagnachmittag so sehr zu missachten …

Nicht nur wegen dieses Szenarios sollte der eine oder die andere, die oder der sein oder ihr telemediales Wutbürger-Häkchen neben die Frühunterzeichner Heidenreich und Precht gesetzt hat, lieber noch mal nachdenken. „Das Leben ist Wandlung“, hat die unter Kulturliebhabern unverdächtige Luise Rinser einst prägnant formuliert, und noch etwas stärker Tomasi di Lampedusa: „Es muss sich ändern, damit es bleibt, wie es ist“. In seinem Klassiker „Der Leopard“ beschrieb der Spross ältesten sizilianischen Adels exemplarisch den Niedergang seiner Klasse. Die im Buch so fantastisch gezeichnete wie im Film von Burt Lancaster sensationell dargestellte Unbeweglichkeit des im Gestern verhafteten Aristokraten führte geradewegs zum Untergang dessen, was eigentlich damit hatte bewahrt werden sollen. Nun muss man einen Fehler ja nicht nur deshalb wiederholen, weil er beeindruckende Literatur geworden ist – man kann auch einfach dazu lernen. Und zwar ohne dass es, wie im intellektuellen Italien nach dem Leoparden, schließlich in die blinde Fortschrittsgläubigkeit und Brutalität des Futurismus umkippt. Etwas dazwischen, einen Dritten Weg, gibt es. Immer.

Epilog: Warum muss ich bloß die ganze Zeit an den „Kultur-Infarkt“ denken?

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Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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Eine Antwort zu Der Dritte Weg – Zwischen Blick zurück und Flucht nach vorn

  1. sandmantalking schreibt:

    … Nun muss man einen Fehler ja nicht nur deshalb wiederholen, weil er beeindruckende Literatur geworden ist – man kann auch einfach dazu lernen. Und zwar ohne dass es, wie im intellektuellen Italien nach dem Leoparden, schließlich in die blinde Fortschrittsgläubigkeit und Brutalität des Futurismus umkippt. Etwas dazwischen, einen Dritten Weg, gibt es. Immer. …

    Wie wahr, wie wahr … Nur will man es nicht wahr haben. Die Retter, sei es beim WDR, der Kultur oder auch bei Schlecker, argumentieren indem sie totschlagen. Quasi das Allheilmittel um seine Position oder Haltung nie ändern zu müssen. Nennt man das nicht die Diktatur der Massen? Wobei Masse noch einer Definition bedarf. In Köln gingen einst ein paar Jünger der Schauspielintendantin auf die Barrikaden um das Opernquartier zu retten. Und ein ganzer Rat fiel um. So laut habe ich es noch nie plumpsen gehört. Sachlichkeit war nicht angebracht. Reine Emotionen haben den Plan bestimmt. Und die angebliche Masse hat gesiegt. Wäre es aber zu einem Bürgerbegehren gekommen, so hätten diese vielleicht sogar noch zusätzlich gefordert die selbsternannte Jeanne D’Arc der Kölner Kultur gleich mit ihren Plänen zu entsorgen.

    Und so geht es immer munter weiter … Hau den Lukas … oder den Sarrazin oder die Kulturterroristen oder die FDP oder den WDR, oder, oder, oder … Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Mein Gott … WO LEBEN WIR???

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