Die Kaste der Unantastbaren (2)

„Sie haben Post“ – von Siegmund Ehrmann: Der SPD-Sprecher im Kulturausschuss des Bundestages schreibt mir eine Mail zu meinen Blogeintrag  und verweist darin auf seine Pressemitteilung von letzter Woche. Darin nennt er die Ideen der „Kultur-Infarkt“-Autoren Haselbach, Klein, Knüsel und Opitz „plan- und konzeptlos. Die pauschale Halbierung der Mittel für die Kultur würde das Problem nicht lösen“. Damit gesellt Ehrmann sich aber bloß zu all jenen, die im Buch oder dem Vorab-Artikel des „Spiegel“ nicht über Einleitung und/oder Klappentext hinaus gekommen sind – von einer „Halbierung der Mittel“ ist nämlich nie die Rede. Seine Mail heißt aber auch: Der Abgeordnete Ehrmann hat nicht gelesen, worauf er mir vermeintlich antwortete. Die einzige mögliche Alternative wäre, dass er es nicht verstanden hat. Das will ich zu Gunsten des mir persönlich bekannten wie geschätzten Mannes allerdings nicht annehmen. 

Im Kulturradio WDR 3 wiederum hat Daniel Finkernagel gestern den „Kultur-Infarkt“-Autor Dieter Haselbach selbst interviewt. Nach dessen Bemerkung, dass bereits jetzt vielerorts Kulturetats gekürzt würden und Institutionen bedroht seien, interessiert Finkernagel sich aber nicht etwa dafür, wie Haselbach das konkret verbessern möchte, sondern insistiert nur noch, ob der vermeintliche Ketzer das nicht am Ende sogar gut findet. Glücklicherweise fällt Haselbach nicht auf diese rhetorische Volte ins argumentative Nirvana herein. Inhaltliche Auseinandersetzung sähe jedenfalls anders aus. Sie bleibt – wie letzte Woche vorhergesagt – selten.

In der Süddeutschen Zeitung von heute äußert sich nun Hermann Parzinger zum Thema, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Die ist mit fast 200 Mio. Euro allein aus dem Bundesetat einer der größten Einzelempfänger öffentlicher Kulturmittel in Deutschland – und Parzinger ein kluger Kopf. Er versucht folglich einen ganz offensichtlichen Spagat: zwischen besserer Einsicht und den Loyalitäten zum System. Dabei spricht er als einer der wenigen der Debatte nicht ihre Daseinsberechtigung ab, im Gegenteil. Gleichzeitig weist er zu recht auf die Unzulänglichkeiten des „Infarkt“-Buches hin: Den kreativwirtschaftlichen Heilsgedanken wie -ton, der auf den 288 Seiten stets durchscheint und der teils von einer erschreckend gestrigen Marktgläubigkeit sowie einiger Eindimensionalität der Gedankenwelt der Autoren zeugt. Richtig bleibt aber: Angesichts von Schuldenbremse, kommunaler Finanzkrise und überlebten Institutionen haben weite Teile des Kulturbetriebes keine Zukunfts-Idee, außer einem „Weiter so!“.

Ein harter Kern der Kulturpolitik diskutiert die Zukunftsfrage „Strukturreform“ schon seit Jahren, bisher ohne öffentliche Resonanz. „Der Kultur-Infarkt“ war nun offenbar geeignet, das zu ändern und ist schon deshalb wichtig. Am Ende dieser Debatten wird stehen, dass sich die Gesellschaft wegen der knapper werdenden Mittel FÜR diese und GEGEN jene kulturellen Einrichtungen entscheiden muss. Die „Kultur-Infarkt“-Autoren schlagen als Kriterium dafür eine „kulturpolitische Relevanz“ vor. Der Preußen-Chef Parzinger lehnt das ab und will stattdessen „kulturell Wertvolles“ staatlich gefördert sehen. Doch ob so oder so, das eigentliche Fass ist aufgemacht: Es geht um Qualitätsmaßstäbe in der Kultur.

Die bekämpft der Kulturbetrieb bis heute mit allen rhetorischen Mitteln, eine Unterscheidung in gute und weniger gute Kultur könne es per se nicht geben! (Gemeint ist aber eigentlich „dürfe“) Diese Haltung führt allerdings zu einem geradezu paradoxen Phänomen: Dem Erhalt des Feudalismus, ausgerechnet in der Kultur. Denn wenn die finanzielle Not doch zur Schließung von Kultureinrichtungen führt, werden stets Institutionen ohne starke Nutzerlobby geopfert, also Stadtteil-Bibliotheken und Mittel für die Freie Szene. Inhaltliche, gar qualitativ begründete Kürzungsentscheidungen beispielsweise bei Theatern oder Orchestern hat eine Elite, die sich in diesen Kulturtempeln intellektuell und/oder gesellschaftlich verortet, so gut wie immer verhindert. Wenn sich die Kulturschaffenden aber jene Kunstfreiheit erhalten wollten, mit der sie bislang argumentieren, wird das Tabu von der unbewertbaren Kultur fallen müssen. Sonst entscheiden künftig nicht etwa Fachleute in den Kulturverwaltungen von Bund, Land oder Stadt, wer wofür etwas aus den immer klammer werdenden öffentlichen Kassen bekommt, sondern Bürokraten in Finanzministerien und Kämmereien. Und das … wäre dann vielleicht wirklich der Untergang der abendländischen Kultur!

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Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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