Die Kaste der Unantastbaren und „Der Kultur-Infarkt“

„Die Hälfte tut’s auch“ – diese Parole ist seit Montag der heißeste Gesprächsstoff an den Rotweintheken des Kulturbetriebs. Es geht um ein skandalträchtiges Buch mit dem Titel „Der Kultur-Infarkt„. Darin beschreiben vier namhafte Vertreter der Szene – zwei hauptamtliche Universitätslehrer, ein leitender Ministerialbeamter und der Direktor der Schweizer Kulturstiftung – den sehr alltäglichen wie ganz generellen Wahnsinn der staatlichen Kulturförderung in Form einer „Polemik“. Sie schlagen auch vor, die Hälfte der existierenden Bibliotheken, Museen und Theater zu schließen und das Geld stattdessen für zukunftsorientierte Projekte im Internet oder Interkulturelle Kulturarbeit auszugeben. Das Buch erscheint zwar erst nächste Woche Dienstag, in der aktuellen Ausgabe des „Spiegel“ gibt es aber schon einen zusammenfassender Vorab-Artikel (leider nicht online).

Der Kulturbetrieb reagiert auf den Text bislang so, wie Throninhaber von je her auf Kritik reagieren: Sie wittern Majestätsbeleidigung! Der Deutsche Kulturrat trat in Gestalt seines Geschäftsführers Olaf Zimmermann wie üblich als erster auf den Plan. Noch am Tag der „Spiegel“-Veröffentlichung sandte das kleine Büro der mächtigen Organisation (über 200 Einzelverbände, mehr als zehn Millionen Mitglieder) in der Berliner Chausseestraße eine geharnischte Stellungnahme in die Kulturwelt. Man sei „irritiert“ und frage sich „von welcher Realität hier die Rede sei“, denn selbst die Hälfte aller staatlichen Kulturausgaben in Deutschland (vom Statistischen Bundesamt werden 9,6 Milliarden Euro für 2010 geschätzt) würde die öffentlichen Haushalte nicht sanieren. Da musste man die Frage nach der „Realität“ allerdings gleich dem Kulturrat zurück stellen: Von der Sanierung der Staatskasse durch Einsparungen bei der Kultur steht zumindest im „Spiegel“-Artikel kein einziges Wort – und von einem Verzicht auf die Hälfte aller Kulturausgaben ebensowenig. Auch im Rest seiner Stellungnahme schießt Zimmermann wild in den Nebel: die Autoren „fordern von den Kultureinrichtungen Verzicht“, unterstellt er da an der Wahrheit vorbei, weil sie tatsächlich den Verzicht auf die Hälfte der Häuser propagieren, damit von den verbleibenden nicht immer weiter Verzicht gefordert wird. Zum guten Schluss gehen die Pferde mit dem eigentlich gewieften wie integren Kultur-Lobbyisten Zimmermann dann vollends durch: Die vier seien ja selbst im Kulturbetrieb, da sollten sie doch mit dem Sparen bei sich anfangen.

In diesem Tenor geht es seitdem munter weiter, auf allen Wellen und aus allen Ecken des Kultur-Landes schallt es: „Verrat! Verrat! Verrat!“. Hätte es eines letzten Beweises für die Sprengkraft des Buches bedurft, wurde er heute erbracht: Bereits vier Tage nach dem Aufkommen des sperrigen und für den Boulevard gänzlich unsexyen Themas „Kulturförderung“ landet die Debatte in der „Bild“-Zeitung – mit den erwartbaren Folgen für die öffentliche Wirkung wie das intellektuelle Niveau: Leider blamierte sich ausgerechnet der einzige Lehrstuhlinhaber für Kulturpolitik in Deutschland, der Hildesheimer Professor Wolfgang Schneider Er hatte nämlich vor seinem Statement für die Springer-Presse offenbar weder das mitteldicke Buch gelesen, noch die paar Seiten im „Spiegel“. Sonst hätte er kaum die „Naivität“ moniert, die er in der Forderung nach einem Verzicht auf die Hälfte aller MITTEL für den Kulturbetrieb sehe (wo hatte ich das mit der „Hälfte aller Mittel“ bloß schon mal gelesen …). Die vier Autoren schreiben in Buch (zur Erinnerung: einer“Polemik“) und Zeitschrift aber ganz unmissverständlich, dass die zahlenmäßige Halbierung der öffentlichen Kultur-Einrichtungen gar keine Halbierung der Ausgaben bedeute. Höchstens ein Fünftel der bisherigen Mittel würden – zumindest nach ihrer Rechnung – frei gesetzt, und die sollten ausdrücklich nicht eingespart, sondern für andere kulturelle Zwecke ausgegeben werden. Stark verkürzt fordert die kulturrevolutionäre Viererbande: Statt immer mehr Geld für das immer gleiche Kulturangebot auszugeben, solle mit dem gleichen Geld mehr Vielfalt in der Kulturlandschaft entstehen. Diese Argumentation ist für den akademisch geprägten Kulturbetrieb eigentlich weder sprachlich noch intellektuell allzu anspruchsvoll, um sie nicht in der Sache trefflich diskutieren zu können. Doch die Sache interessiert das kulturelle Establishment nicht, es sieht sich auf einer Ebene mit der Menschenwürde: Im Range der Unantastbarkeit!

Dabei ist die Diskussion überfällig: In wohl keinem anderen politischen, ökonomischen oder gesellschaftlichen Sektor der Republik hat es in den letzten vierzig Jahren ein solches Wachstum von Institutionen und Mitteln gegeben, ohne von einem Mindestmaß an Erfolgskontrolle oder gar Aufgabenkritik begleitet zu sein. Jeder Vorstoß dazu wird von den Kulturhütern jedweder Couleur sofort als Zeichen eines autoritären Staatsverständnisses gebrandmarkt, jedes vernünftige Aufbegehren ausgerechnet mit der Verfassung niederkartätscht: Butalstmögliche Kunstfreiheitsverteidigung. Diese Mechanismen zu bennnen und ihre Implikationen zu hinterfragen, gilt im Kulturbetrieb und in seiner Hauptziel- wie Nutzergruppe, der wirtschaftlichen und intellektuellen Elite des Landes, als Tabu. Die ansonsten überaus gegenwartskritische Sicht der selben Leute würde so ein Verhalten in keinem Parlament oder Konzern der Welt dulden, auch nicht in ihrer Familie und gar in den Insitutionen des Staates, zumindest solange … ja, solange darin keiner singt, malt oder liest.

Das schafft ein echtes Paradoxon: Die kulturelle Klasse verbittet sich, was sie für alle anderen Bereiche in Gesellschaft, Wirtschaft oder Politik einfordert: Selbstkritik, Ressourceneffizienz, Weiterentwicklung. Früher hieß das übrigens mal, sehr romantisch: das Alte hinter sich lassen, zu neuen Ufern aufbrechen, das Noch-nicht-Existierende wagen. Allerdings war das vor der Gründung von ÖTV und später ver.di. Heute geht es um Beschäftigungssicherung in einem Feld, dem (un)glücklicherweise viele Vorzeige-Intellektuelle, Star-Künstler und Medienlieblinge der Republik angehören. Gegenwarts-Prominente, die sich auf einer gefühlten Traditionslinie mit den Dichtern und Denkern aus der großen Zeit der deutschen Geistesgeschichte wähnen und gewähnt werden; denen flickt man nicht ans Zeug. Doch es wird höchste Zeit, dass sich die demokratische Bundesrepublik und ihre Bürger auch von dieser sublimen Form früherer Obrigkeitshörigkeit verabschieden. „Der Kultur-Infarkt“ könnte ein Anfang sein.

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Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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5 Antworten zu Die Kaste der Unantastbaren und „Der Kultur-Infarkt“

  1. Simon A. Frank schreibt:

    Eine hervorragende „kulturpolitischen Reportage“ 🙂 Hier ist ein wunderbarer Ton gefunden worden, der das tragisch-komische Element der ganzen Debatte aufzeigt.

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