2012 – Das Jahr, in dem der Kampf vorbei war

Es geschah ganz still und leise, aber es ist ganz eindeutig passiert: Das Internet hat gewonnen. Es gibt zwar hie und da noch ein paar versprengte Widerstandsnester des alten, des analogen Regimes, aber ihr Posten könnte nicht verlorener sein. Die großen Verteidigungslinien des letzten Jahrzehnts sind, quasi über Nacht, nicht nur durchbrochen, sondern einfach verschwunden. Buchverleger und Medienhäuser, die GEMA und die Senioren – alle sind plötzlich im Netz. Es erinnert an den Fall der Mauer, wo die strammsten Kommunisten von gestern sich schon tags drauf in die größten Demokraten und Weltenbummler aller Zeiten verwandelten. Nun fällt also der antidigitale Schutzwall: Alle begrüßen lautstark die enormen Möglichkeiten, deuten die eben noch beschrieenen Risiken in schon immer erhoffte Chancen um.

Wie immer die Zukunft im doppelten Lebensraum auch wird, welche Anpassungsleistungen und Verwerfungen sie noch mit sich bringt (und sie wird!) – für die Geschichtsbücher bleibt, wann die digitale Revolution ihren sozialen Break Even erlebte: Um die Jahreswende 2011/2012. Und das iPhone war sozusagen das trojanische Pferd. Als Telefon verkleidet schleppte es den Voll-Rechner in den beweglichen Alltag, in die Hand- und Hosentasche. Dann ging die Klappe auf und das Tablet kam raus. Plötzlich war Papier nicht nur beschworener- sondern sichtbarermaßen von Gestern. Noch zwei drei Jahre, bis Bücher, Zeitschriften, Zeitungen erst immer mehr, dann überwiegend auf dem kleinen Freund gelesen werden, den einige wenige Vorausschauende schon seit langem zu Recht „Das Ding von Morgen“ nennen. Papier wird dann sein wie Vinyl: Schön und noch da, von Nostalgikern gepflegt, von nachfolgenden Generationen ein bisschen belächelt. „Und ihr habt wirklich Wälder abgeholzt, um lesen zu können?“ Diese Frage werden die Kinder meines Patensohnes mir vielleicht noch stellen. Und ich werde sagen: „Ja, und du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viele das unbedingt auch weiterhin tun wollten. Bis 2012 – da war der Kampf irgendwie vorbei. Ich weiß auch nicht mehr, warum eigentlich!“

Advertisements

Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
Dieser Beitrag wurde unter Beobachtungen abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s