Ich entschuldige mich!

Letzte Anmerkungen zu einer unsäglichen Erscheinung

Am Anfang ist immer Schweigen. Dann folgt Leugnen, und dann die Trias der Kleingeister: „Ich habe einen Fehler gemacht, dafür entschuldige ich mich!“, „Was wollt ihr denn noch, ich habe mich ja entschuldigt!“ und schließlich der flankierende Gefangenenchor: „Er hat sich doch dafür entschuldigt, jetzt muss aber mal gut sein!“

Es ist aber nicht gut und wird auch nie sein, weil es so nicht „gut“ werden kann. Das liegt in der Natur der Sache: Sowohl im sehr Allgemeinen wie auch im ganz Besonderen der ministerpräsidialen Abgrenzungsverfehlung des Christian Wulff hat man eine Schuld in der Regel bei anderen (ab und zu bleibt man natürlich auch sich selbst etwas schuldig, aber das ist was anderes). Er hat sie ganz konkret bei den Wählerinnen und Wählern in Niedersachsen, die er vor deren gewählten Vertretern im Landesparlament über seine Geschäftsbeziehung zu einem regional tätigen Unternehmer wenigstens mittelbar belogen hat. Und er hat sie bei den Bürgerinnen und Bürgern des Bundesrepublik Deutschland, deren Präsident er ganz explizit aufgrund eigener Charakterfestigkeit und Wertegrundierung sein sollte wie wollte.

Der Eindruck des einen wie des anderen konnte nur aufrechterhalten bleiben durch den Täuschungsversuch in der Sache Geerkens, unmittelbar vor seiner Wahl ins höchste Staatsamt – und nachdem er schon früher formelles (kostenloses Erste-Klasse-Upgrade bei Air Berlin) wie politisch fragwürdiges Handeln im Amt (Ferienaufenthalte bei Unternehmern aus dem eigenen Bundesland) zugeben musste, im ersten Fall sogar finanziell begleichen. Alles zusammen genommen lässt nur einen Schluss zu, der zur Abwechslung wirklich mal „alternativlos“ ist: Christian Wulff selbst war zwingend bewusst, dass es mit seiner Untadeligkeit nicht weit her, dass er ein moralischer Wiederholungstäter auf dem Weg ins höchste Staatsamt ist.

„Ich entschuldige mich“ – das ist ein Nicht-Satz, eine Nicht-Form des gesellschaftlichen Umgangs, ein No Go. Er entlarvt die intellektuelle Begrenztheit des Sprechers, der die Logik einer Schuld und ihres Begleichens entweder nicht kennt oder nicht versteht (was, ganz nebenbei, vielleicht auch unsere Staatsverschuldung erklärt). Vor allem wird offenbar, wozu er menschlich nicht fähig ist: Um eine Entschuldigung zu bitten und die Antwort dann zu akzeptieren.

Die lautet mittlerweile unüberhörbar „Nein!“ Für wohl erzogene Menschen bleibt in so einer Situation eigentlich nur noch, sich bei den Anwesenden – ja, genau! – zu entschuldigen und den Raum dann diskret zu verlassen. Selbst dazu reicht es aber wohl nicht. Deshalb so abschließend wie deutlich:

Herr Wulff, Sie dürfen sich entfernen!

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Über derkulturpolitischereporter

Peter Grabowski ist der kulturpolitische reporter in NRW und drum herum
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