Ganz schön schwere Kost!

Ein Podium über Tiefe und Untiefen im Kulturjournalismus und zum Feuilleton zwischen Expertentum und Massengeschmack  in der Reihe
“Ein Gespräch stiften …” der Kunststiftung NRW

Dienstag, 23. September, 18 Uhr
Theaterlabor Bielefeld
Hermann-Kleinewächter-Straße 4, 33602 Bielefeld

mit

Moderation: Peter Grabowski, der kulturpolitische reporter

Im Anschluss an das Podiumsgespräch Gespräche und Debatten bei Getränken und Häppchen

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Sehet, welch ein Bau!

Das neue LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster öffnet heute erstmals seine Türen für die Öffentlichkeit. Es hat ein bisschen gedauert, bis es fertig war. Und 48 Millionen Euro sind auch kein Pappenstiel. Aber Zeit und Geld haben sich gelohnt: Es ist echt hübsch geworden und die Sammlung eh ein Knaller. Nur am würdigen Umgang mit der Kunst hakt es an einer bedeutenden Stelle.

“Das ist nun mal wirklich einer der berühmten Leuchttürme, von denen immer die Rede ist. Und er strahlt weit über Münster und NRW hinaus, sogar über Deutschland.” Das wären die üblichen Sätze aus dem Munde eines Museumsdirektors zur Neu- oder Wiedereröffnung seines Hauses, nur kamen sie gar nicht aus dem Mund von Hermann Arnhold. Der saß zwar ebenfalls sichtbar stolz in der Pressekonferenz zur Wiedergeburt seines Hauses, es sprach aber der Gast zwei Plätze weiter links – und das war dann doch eine ziemliche Überraschung: Peter Landmann ist eher kein Mann großer Worte. Der Chef der Kulturabteilung in Ute Schäfers Düsseldorfer “Ministerium für Lebensbildung”, wie sie die Kombination Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport (MFKJKS) gern nennt, ist mehr so der trockene Typ, und dem wurde er keine Minute später sofort wieder gerecht, als er umso nüchterner feststellte: “Das wird auf absehbare Zeit der letzte Museumsbau sein, denn das Land in diesem Ausmaß fördert.”
Neun Millionen Euro hat die Landesregierung dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) für sein kulturelles Prestigeprojekt überwiesen. Das sind zwar nicht mal 20 Prozent der Baukosten von insgesamt 48 Millionen – den Rest hat der LWL selbst gestemmt -, aber es ist doch eine ziemlich hohe Summe, wenn man die Perspektive wechselt: Seit dem vergangenen Jahr stehen nämlich nur noch weniger als zwei Millionen Euro für Zuschüsse zu Kulturbauten im Landesetat. Pro Jahr, wohlgemerkt, und für ganz NRW. “Die Zeit der Investitionen in Steine ist erst mal vorbei”, hatte Kulturministerin Schäfer damals gesagt. Nach Abschluss der Großbaustellen Kunstsammlung und Schauspielhaus in Düsseldorf, Ruhrmuseum in Essen und eben jenem Kunst- und Kulturmuseum des Landschafts-verbandes Westfalen-Lippe wird das Land sich bis auf weiteres also nicht mehr an Neubauten oder weitreichenden Sanierungen beteiligen.

51 Säle und viele gute Einsichten

Wärmen wir uns lieber noch ein bisschen das Herz am Glücksfall Münster. Eine “Architektur der Höfe” hat Volker Staab dem Haus verpasst, und tatsächlich guckt man hinter jeder zweiten Ecke durch meist riesige Fenster und Wandaufbrüche entweder in die beiden zentralen Höfe des Hauses selbst, oder auf Stadt- und Vorplätze der unmittelbaren Umgebung. Das schafft einige interessante Sichtachsen, ohne dass der Weg durch die Räume selbst zu einem reinen Expressway der Exponate geraten wäre.

Motti drüber, Bildbeschreibung auf Knöchelhöhe, alles auch ohne Brille lesbar
© derkulturpolitischereporter

 

LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Thale wies beim Gang durch das Haus zudem auf das neue System der Wandbeschriftungen hin: Die Motti der Säle und Zitate der ausgestellten Künstlerinnen und Künstler oder ihrer Zeitgenossen finden sich stets über Kopfhöhe an den Wänden, während die klassische Beschriftung der einzelnen Bilder und Objekte nicht direkt daneben oder darunter zu lesen steht, sondern jeweils nur wenige Zentimeter über dem Boden – dafür aber in deutlich größerer Schrift. “Kann man alles ohne Brille lesen”, resümierte die Kulturdezernentin, “das wird international Schule machen in der Museumswelt!” Um ein knackiges Statement ist Rüschoff-Thale – eine zart wirkende Frau mit umso energischerer Ausstrahlung – zwar nie verlegen, aber “international Schule machen” ist dann doch ein sehr großes Wort. Andererseits: Sie hat in den vergangenen Jahren bewiesen, dass sie sehr genau weiß, was sie tut und sagt. Vielleicht sollte man also demnächst auf die Beschriftungskonzepte neu eröffneter Sammlungen zwischen Beijing und Tshwane achten …
Die Sammlung selbst wird aber trotz künftig 7500 Quadratmetern Ausstellungsfläche in 51 Sälen weiterhin nur in homöopathischen Dosen zu sehen sein: Eine halbe Million Stücke hat das Museum in petto,  gerade mal 1200 davon haben es nach der fünfjährigen Bauzeit aus den Depots wieder unter die Augen der Besucher geschafft. Von mittelalterlichen Teppichen und Heiligenstatuen über Großwerke von Kirchner, Klee und Macke bis zur Gegenwart ist alles reichhaltig vertreten.

“LWL” steht über allem – leider auch über Piene

Zu den vielen echten Schätzen aus den letzten 1000 Jahren gehört auch ein monumentales Lichtkunstwerk der jüngst verstorbenen Zero-Ikone Otto Piene. Die hing schon am alten Bau, eher lang gestreckt über Eck an zwei Seiten der Fassade; am neuen wächst es in anderer Anordnung stärker in die Höhe. Das alles mit – dem Vernehmen nach sehr teuer erkaufter – Genehmigung des auch im Alter noch äußerst geschäftstüchtigen Meisters.

Nein, der “LWL”-Schriftzug gehörte ursprünglich nicht zu Otto Pienes Lichtkunst
© derkulturpolitischereporter

Die umfasst allerdings auch den hoffentlich einzigen echten Fauxpas des neuen alten Museums: Unübersehbar hat der Landschaftsverband Westfalen-Lippe seinen “LWL”-Schriftzug rechts unten AUF Pienes monoton geometrisches Lampen-Ensemble geknallt – ja, “geknallt”, anders kann man das wirklich nicht nennen. Das sorgte nicht nur für heftige Debatten in der Lokalpresse, sondern auch für mehr als nur Kopfschütteln unter Kunst-historikern, Kuratoren und Museumsdirektoren. Und es konterkariert die aufwändigen, vielerorts am und im Bau regelrecht liebevollen Anstrengungen um die Kunst.

Aber wer weiß … vielleicht bietet sich dem neuen Direktor des Landschaftsverbands, Matthias Löb, hier schon kurz nach Amtsantritt die Gelegenheit, sich von Vorgänger Wolfgang Kirsch strategisch abzusetzen: Der hat in seiner achtjährigen Amtszeit den Leistungen des Landschaftsverbandes mit einer solchen Konsequenz das Logo “LWL”  einbrennen lassen, dass es manchmal an Besessenheit grenzte. Doch der zugehörige Sinnspruch lautet “Tue Gutes und rede darüber” – und nicht “Nimm alles Gute und schreib’ LWL drauf”. Eine Korrektur dieses unseligen Zustandes würde es viel leichter machen, über Münster, Nordrhein-Westfalen und Deutschland hinaus zu rufen:
Sehet, welch’ ein Bau!

Titelfoto (von links): LWL-Direktor Matthias Löb, LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Thale und Museumsdirektor Hermann Arnhold. © derkulturpolitischereporter

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Afghanistan des Feuilletons

Ob Maut oder Betreuungsgeld, Hauptstadtflughafen oder Rechtspopulismus, die Finanzkrise sowieso: Neben aktuellen Nachrichten aus Berlin, Brüssel und von den Brandherden in aller Welt behandeln die Medien entgegen landläufiger Annahmen viele Themen ausführlich und tiefgehend. Die Kulturpolitik kommt da allerdings so gut wie nie vor. Das ist nicht gut – für Kunst und Kultur und für die Gesellschaft insgesamt.

Wolfgang Börnsen, bis 2013 Obmann der CDU im Kulturausschuss des Deutschen Bundestages, nannte in einem Gespräch im Parlamentsrestaurant die Kulturpolitik mal das “Afghanistan des Feuilletons”: In den Berichten über dieses Land lese und höre er fast nur von Bomben, Terror, Stammesfehden. So wie es immer nur um geschlossene Theater, gestrichene Zuschüsse und gekürzte Etats gehe, wenn die Kulturpolitik in den Medien auftauche – das eine wie das andere komme bloß als Katastrophengebiet vor. Gefühlt mag man ihm Recht geben, faktisch verifizieren lässt sich das nicht, weil sich bislang keine wissenschaftliche Studie mit “Kulturpolitik in den Medien” beschäftigt hat. Was seltsam ist, denn an der Uni Hildesheim wird am Institut für Kulturpolitik geforscht und nebenan Kulturjournalismus gelehrt. Da böte sich eine solche Studie mindestens an, zumal der Datenmangel notorisch ist. Und das andere Institut für Kulturpolitik hierzulande gehört zur Kulturpolitischen Gesellschaft, für die eine Bestandsaufnahme des medialen Bildes der eigenen Profession ja sogar zu den Kerninteressen zählen sollte. Aber auch hier: Fehlanzeige.

Der Blick auf den Gegenstand muss also bis auf Weiteres phänomenologisch bleiben. Dabei fällt auf: Wirtschafts-, Umwelt-, Finanz- und Sicherheitspolitik zum Beispiel finden breiten Raum in den Medien. Bis in feinste Verästelungen hinein werden einzelne Vorhaben auch weiter vorne in Zeitungen und Magazinen lang und breit erörtert. Ganz im Gegensatz beispielsweise zur Frage nach unserem Umgang mit dem Kulturellen Erbe oder wie Institutionen der Kulturproduktion erhalten und weiter entwickelt werden könnten. In den Massenmedien ist das kein, in den Spartenmedien nur selten Thema. Politische Fragen des Kulturellen haben jenseits des Zirkels der Eingeweihten keinerlei medialen Gesprächswert.

Das liegt auch an den Medien selbst. Deren Macherinnen und Macher müssen stets ihr Publikum im Blick haben. Das fordert schnelle, präzise und knappe Informationen und bevorzugt klar unterscheidbare Standpunkte. Afghanistaneinsatz, Atomausstieg, Ausländermaut – da kann jeder auch ohne echte Sachkenntnis mal eine Meinung haben. Die speist sich jeweils aus allgemeinen politischen Haltungen, grundsätzlichen Überzeugungen und Wertvorstellungen. Ein Beispiel: “Wer auf unseren Straßen rumgurken will, der soll auch zahlen” – das finden viele schon deshalb richtig, weil sie im Ausland selbst ständig für Vignetten und Mautstraßen berappen müssen. Außerdem folgt es zumindest scheinbar dem Ursache-Wirkungs-Prinzip. Das leuchtet jedem sofort ein; Tenor: “Richtig so!” Derart klare Zuordnungen in dichotome Kategorien von Schuld und Unschuld oder Gut und Böse gibt es in den oft komplexen kulturpolitischen Fragen nicht. Auch deswegen rangieren sie in den Medien unter “ferner liefen”.

Dazu kommt: Kunst und Kultur sind stets hin- und hergerissen zwischen der Sehnsucht nach Anerkennung durch die “große” Politik und einer bis ins Paranoide reichenden Angst, zum Spielball jener finstren Mächte zu werden, denen sie von je her mit Skepsis oder gar Antipathie begegnen. Statt also offensiv die Auseinandersetzung mit den Akteuren anderer politischer Felder – vor allem Wirtschaft und Finanzen – zu suchen und in der Folge auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden, zieht der Kulturbereich sich mitsamt seiner politischen Repräsentanz gerne ins eigene Biotop zurück: Dort streiten Kulturschaffende dann mit Kulturpolitikern wahlweise um die reine Lehre oder das leidige Geld; natürlich unter aufmerksamer Anteilnahme der jeweiligen Kulturbürokratie. Das ist in seinem offensichtlichen Schutzbedürfnis zwar irgendwie rührend, führt aber ins politische und schließlich auch ins mediale Nischendasein.

Ein echtes Lehrstück dazu war die Debatte um das Buch “Der Kulturinfarkt” vor zwei Jahren. Die vier Autoren hatten es tatsächlich geschafft, mit ihrer kulturpolitischen Polemik groß in den Spiegel zu kommen. Doch statt aus dieser Vorlage eine breite kulturpolitische Debatte zu machen, wurden Buch und Urheber im Stil der ansonsten im Kulturbereich eher verhassten medialen Populisten von Bild bis RTL behandelt: Erst das Thema skandalisieren, dann die “Verursacher” zu Buhmännern machen – Ende der Debatte. An diesem Vorgang hatte das Feuilleton übrigens großen Anteil, vor allem das überregionale. Eine in die Tiefe gehende Auseinandersetzung mit den Thesen hingegen fand in den meisten Fachressorts und sogar in vielen Branchenblättern quasi nicht statt.

Dieses Phänomen ließ und lässt sich nicht nur am “Kulturinfarkt” beobachten. In einer spontanen Umfrage unter einem guten Dutzend willkürlich ausgewählter Akteure der Kulturpolitik für diesen Beitrag wurde unisono beklagt, dass es in der kulturpolitischen Berichterstattung an Raum und Kompetenz mangele. Ob bei Gurlitt oder TTIP: Vieles werde oberflächlich abgehandelt, selten sachkundig nachgefragt und Kulturredaktionen machten sich – bewusst wie unbewusst – oft mit jenem Kulturbetrieb gemein, zu dem sie eigentlich journalistische Distanz wahren müssten. Da ist was dran! Mir hat eine Redakteurin erst vor nicht allzu langer Zeit wortwörtlich gesagt: “Wir sind nicht dazu da, die Kultur zu kritisieren, sondern sie zu beschützen”. Wenn Caren Miosga oder Claus Kleber einen vergleichbaren Satz über die Berliner Politik sagten … na, da wär’ was los.

Die kulturpolitische Berichterstattung in diesem Land liegt also im Argen. Das hat vor allem mit Psychologie zu tun: Nicht nur Kulturschaffende, auch Kultur-Journalistinnen und Journalisten sind zuerst Kultur-Menschen – Politik und Politiker sind den meisten von der Mentalität her fremd. Doch Willensbildung und Entscheidungsfindung für die Grundlagen und Strukturen des Kulturbereichs und der Kunstförderung sind nun mal politische Prozesse. Wenn die tiefe Skepsis der Kulturmedienmacher dem gegenüber schließlich bis zu einer partiellen Nichtöffentlichkeit der Vorgänge führt, bleibt in der Folge ausgerechnet das kulturaffine Publikum von der Teilnahme an diesen Prozessen ausgeschlossen.

Für die Kultur (im Sinne von “Kunst und Kultur”) ist das fatal, weil die Demokratie ja gerade von der Repräsentanz der Interessen lebt. Und die Kultur-Landschaft ist neben der Wirtschaftsordnung sicherlich das prägendste Element einer demokratischen Gesellschaft. Wenn die zugehörige Kultur-Politik aber nicht mehr Teil der Res Publica, der Öffentlichen Sache ist, wird der Schaden auf lange Sicht größer sein als bloß ein Krisengebiet im Feuilleton.

(Dieser Text ist in leicht veränderter Form bereits in Ausgabe 5/2014 von “politik und kultur”, der Zeitschrift des Deutschen Kulturrats erschienen)

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Danke, Bühnengenossenschaft!

Die GDBA – beziehungsweise die Redaktion der Website, also vermutlich der Blog dort – ist seit heute der 1500. Follower des kulturpolitischen reporters. Danke für Aufmerksamkeit, Vertrauen und Following.

Bald gibt’s hier endlich wirklich mehr Kulturpolitisches in kürzeren Abständen!

Allen einen schicken Herbst,

Peter Grabowski

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I’ll do the #icebucketchallenge … his way

Ok, ok, schon gut … Nach einiger Überlegung habe ich mich nun für eine mir angemessen erscheinende Umsetzung entschieden und in beiden Punkten diesem Herrn hier angeschlossen.

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“De Materie” fehlt die Substanz (schönes Paradoxon)

Heiner Goebbels hat zum Auftakt der Ruhrtriennale eine Oper des Niederländers Louis Andriessen inszeniert. Das Werk wird in Duisburg überhaupt erst zum zweiten Mal in Szene gesetzt. Und es gibt mindestens zwei legitime Arten der Bewertung.

1. Leider sehr langweiliger Abend. Er leidet unter einem klassischen Blockbuster-Syndrom: Der Trailer verspricht eine irre Sause, im Film merkt man allerdings ganz bald, dass da schon alle guten Szenen drin waren. So auch hier: Heiner Goebbels teils wirklich sensationelle Bilder reichen lange nicht für zwei Stunden. Der Auftrieb der Schafe unterm Zeppelin-Mond kurz vor Schluss ist sogar (bei Goebbels sonst ungewohnte) Effekthaschei – er hat keine erkennbare dramaturgische Funktion. Die Musik ist zudem über weite Strecken derart statisch, dass einem regelrecht die Füße einschlafen. Wenn man daraus ‘n 10-Minutenclip schneiden würde: Toll! Aber so … Das Publikum hat das sehr genau gespiegelt und zwar wohlwollenden, aber insgesamt sparsamen Applaus gespendet. Bei einer immerhin doch mit Spannung erwarteten Premiere im Abschlussjahr von Goebbels’ bislang höchst erfolgreicher Intendanz.

2. Für Spezialisten: Ganz toll.

Fazit: Es gibt Stücke, die sind unerkannte Schätze. Und es gibt solche, die aus gutem Grund nicht oft gezeigt werden. Das reißt auch eine Regie nur ganz eventuell mal im genialischen Ausnahmefall raus – der liegt hier nicht vor. Professionelle Operngucker überzeugen sich natürlich auch davon (zu Recht) gern. Für alle anderen: Lieber noch ‘ne aktuelle Folge von “The Knick” ansehen!

Foto: (c) Ruhrtriennale

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Die Sensation des Banalen

Mittagessen mit einem Mirakel: Evgeny Morozov eröffnet die Reihe “Change Leader Talk” des Berliner LEAD-Ablegers der Mercator Stiftung. Der intellektuelle Nährwert des Menüs hält sich allerdings in Grenzen: Alle drei (kalten) Gänge des Essens schmecken irgendwie nach mehr als die Selbstverständlichkeiten aus dem Mund des neuen Feuilleton-Stars.

Evgeny Morozov ist unter den Protagonisten der digitalen Debatte gegenwärtig der leuchtendste Stern: Ein 29 Jahre alter Weißrusse, entdeckt und gefördert vom Karl-Popper-Schüler George Soros, herumgereicht durch die Elite-Unis der westlichen Welt, von Frank Schirrmacher selig auch hierzulande in der Internetdebatte etabliert. Sein letztes Buch „Smarte neue Welt“ wurde 2013 als die große Dekonstruktion des Google-Apple-Amazon-Universums gefeiert, sein jüngster Artikel in der FAZ von heute handelt vom liebsten feuchten Traum der Stadtplaner, dem „Intelligenten Dorf“.

Am Dienstagmittag erscheint Morozov – blass und schlank – pünktlich um 12 Uhr im ersten Stock der Berliner Mercator-Residenz am Hackeschen Markt und gibt den spektakulären Auftaktgast für die neue Gesprächsreihe „Change Leader Talk“. In der sollen Akteure des gesellschaftlichen Wandels aus dem Berliner Politik-und Zivilgesellschafts-Getriebe auf nationale und internationale Protagonisten der zugehörigen Debatten treffen. Gute Idee, das: Gast redet, Auditorium isst und überlegt sich dabei Fragen. Dann isst Gast und Auditorium fragt. Dann antwortet Gast, jeweils nach Vorspeise, Hauptgang, Dessert.

Sehr ernsthaft und gebildet wirkt Morozov im Eingangsstatement. Er beschreibt kurz seine Vita, vor allem seinen Wandel vom quasi euphorischen Fan der Digitalisierung, des Internets und der Sozialen Medien hin zum Skeptiker und schließlich Kritiker der Entwicklungen. Der begann mit der Beobachtung des Einflusses der Sozialen Medien auf die Umwälzungsprozesse in Staaten des ehemaligen Ostblocks und des Nahen Ostens für die Nichtregierungs-Organisation OSI. Zwei Phänomene stachen dabei nach seinen Worten heraus: Die Stilisierung vor allem der Sozialen Medien als Instrumente der Befreiung und Demokratisierung durch ihre Anbieter Google, facebook, Twitter. Und die dem entgegen gesetzten Bestrebungen der jeweiligen Regime, die Kontrolle über diese Kommunikationsmittel zu bekommen, vor allem durch Zensur oder gar ihr vollständiges Abschalten und die Schaffung nationaler, kontrollierter Alternativen wie Weibo in China.

In der Folge beschäftigte Morozov sich mit Technik- und Gesellschafts-, landete aber schließlich bei der Wissenschaftsgeschichte. Er leugnet mittlerweile die intellektuelle Eigenständigkeit oder gar Singularität „des Internet“ („Das Wort kann mich auf die Palme bringen“), sondern erklärt dessen Mechanismen als sozusagen bloß digital transformierte Prozesse von Herrschaft und Markt. Dazu passend tauchen in seinen Büchern, Artikeln, Interviews immer wieder – wie in seiner Rede heute – Dahrendorf und Foucault auf.

Wenn man seine Erkenntnisse mal zuspitzt, laufen sie auf folgende drei Sätze hinaus:

  1. Die Digitalisierung ist kein (demokratischer) Heilsbringer
  2. Der in und mit ihr stattfindende Markt ist wie jeder andere nicht sozial und gerecht
  3. Es ist nie der Hund, es ist immer das Herrchen

Das ist natürlich alles richtig – aber außer den vermeintlichen „Vordenkern des Internets“ von Lanier bis Lobo, den BWL- oder MINT-gestählten Ingenieuren, Architekten und Consultants der neuen Ökonomien und der stets euphoriegefährdeten politischen Linksaußen-Fraktion rund um den Globus, hat doch kein ernst zu nehmender Geist je wirklich das Gegenteil geglaubt.

Nein, der Mensch ist nicht per se gut oder böse, und die ihm zur Verfügung stehenden Techniken sind zu diesem wie jenem Zwecke nutzbar. Prominenteste Beispiele der Zivilisationsgeschichte: Der Pfeil, das Feuer, die Atomkraft. Darüber hinaus taugen globale Konzerne weder zu quasireligiöser Verehrung, noch sollte man sich von ihnen im Wesentlichen Gemeinnützigkeit erwarten. Das trotzdem in die eigene Corporate Identity zu schreiben (Googles „Don’t be evil“) ist ein cleverer Schachzug – es ändert aber nicht die ökonomische Logik gewinnorientierten Privatunternehmertums.

Dass den Geschäftsideen und –modellen der digitalen Giganten zudem der Zwang zur permanenten und umfassenden Datensammlung innewohnt, deren algorithmische Gewinnung wie Auswertung einer sich selbst verstärkenden Effizienzsteigerungsspirale dient… Tja, puh, hmmm – wer darüber je länger als ´ne Viertelstunde nachgedacht hat, kann kaum überrascht sein. Und auch nicht davon, dass am Ende dieser Entwicklung ein Staat in Folge der raumgreifenden Ökonomisierung des Denkens seiner Lenker wie seiner Bürger („alles zu teuer“, „muss doch auch viel schlanker gehen“, „Steuern runter, Leistung rauf“) in die Effizienzfalle tappt: Er wird beispielsweise mit Hilfe alles durchdringender Betriebssysteme und der zugehörigen Apps über die Smartphones der Sozialversicherten und Krankenkassenmitglieder erfassen und steuern wollen, wie das Verhalten des Einzelnen möglichst wenig Kosten für die Allgemeinheit verursacht … weil es eben geht. Und was geht, soll dann immer gemacht werden. Das wiederum liegt nicht ganz zufällig auch im Interesse der weltweiten Effizienzpromoter Google, Apple und Co: So machen sie sich mit ihren Produkten und Datensammlungen unersetzlich. Systemrelevant. Too big to fail.

„Ja, ja, ja!“, war ich – passend zu den drei Gängen – versucht zu sagen, das ist aber doch alles klar. Um dann festzustellen, dass es das offenbar ganz und gar nicht ist oder zumindest war. Nicht im Feuilleton der FAZ (und Co), nicht in den honorigen Stiftungen und der sogenannten Zivilgesellschaft, offenbar auch nicht in der Politik (der Mann aus dem Kanzleramt machte sich jedenfalls eifrigst Notizen).

Also bin ich der Stiftung Mercator und Frank Schirrmacher dankbar: Wenn es denn nur drei kalte Gänge und einen, auf mysteriöse Art Charisma simulierenden Weißrussen in Berlin-Mitte braucht, um eher banales Grundwissen zu Mensch, Markt und Macht unter die Entscheider zu bringen – bitte. Allerdings: Wer diese Erkenntnisse für bahnbrechend hält, sollte vielleicht noch mal Andersens „Des Kaisers neue Kleider“ lesen. Würde Morozov übrigens vermutlich selbst empfehlen, wenn er es kennen würde. Jedenfalls hatte ich zwischendurch öfter den Eindruck, dass ihm der ganze Hype um seine Person eher unangebracht erscheint. Schließlich hat er nur das Offensichtliche gesagt: „Es hat ja gar nichts an!“

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