Afghanistan des Feuilletons

Ob Maut oder Betreuungsgeld, Hauptstadtflughafen oder Rechtspopulismus, die Finanzkrise sowieso: Neben aktuellen Nachrichten aus Berlin, Brüssel und von den Brandherden in aller Welt behandeln die Medien entgegen landläufiger Annahmen viele Themen ausführlich und tiefgehend. Die Kulturpolitik kommt da allerdings so gut wie nie vor. Das ist nicht gut – für Kunst und Kultur und für die Gesellschaft insgesamt.

Wolfgang Börnsen, bis 2013 Obmann der CDU im Kulturausschuss des Deutschen Bundestages, nannte in einem Gespräch im Parlamentsrestaurant die Kulturpolitik mal das “Afghanistan des Feuilletons”: In den Berichten über dieses Land lese und höre er fast nur von Bomben, Terror, Stammesfehden. So wie es immer nur um geschlossene Theater, gestrichene Zuschüsse und gekürzte Etats gehe, wenn die Kulturpolitik in den Medien auftauche – das eine wie das andere komme bloß als Katastrophengebiet vor. Gefühlt mag man ihm Recht geben, faktisch verifizieren lässt sich das nicht, weil sich bislang keine wissenschaftliche Studie mit “Kulturpolitik in den Medien” beschäftigt hat. Was seltsam ist, denn an der Uni Hildesheim wird am Institut für Kulturpolitik geforscht und nebenan Kulturjournalismus gelehrt. Da böte sich eine solche Studie mindestens an, zumal der Datenmangel notorisch ist. Und das andere Institut für Kulturpolitik hierzulande gehört zur Kulturpolitischen Gesellschaft, für die eine Bestandsaufnahme des medialen Bildes der eigenen Profession ja sogar zu den Kerninteressen zählen sollte. Aber auch hier: Fehlanzeige.

Der Blick auf den Gegenstand muss also bis auf Weiteres phänomenologisch bleiben. Dabei fällt auf: Wirtschafts-, Umwelt-, Finanz- und Sicherheitspolitik zum Beispiel finden breiten Raum in den Medien. Bis in feinste Verästelungen hinein werden einzelne Vorhaben auch weiter vorne in Zeitungen und Magazinen lang und breit erörtert. Ganz im Gegensatz beispielsweise zur Frage nach unserem Umgang mit dem Kulturellen Erbe oder wie Institutionen der Kulturproduktion erhalten und weiter entwickelt werden könnten. In den Massenmedien ist das kein, in den Spartenmedien nur selten Thema. Politische Fragen des Kulturellen haben jenseits des Zirkels der Eingeweihten keinerlei medialen Gesprächswert.

Das liegt auch an den Medien selbst. Deren Macherinnen und Macher müssen stets ihr Publikum im Blick haben. Das fordert schnelle, präzise und knappe Informationen und bevorzugt klar unterscheidbare Standpunkte. Afghanistaneinsatz, Atomausstieg, Ausländermaut – da kann jeder auch ohne echte Sachkenntnis mal eine Meinung haben. Die speist sich jeweils aus allgemeinen politischen Haltungen, grundsätzlichen Überzeugungen und Wertvorstellungen. Ein Beispiel: “Wer auf unseren Straßen rumgurken will, der soll auch zahlen” – das finden viele schon deshalb richtig, weil sie im Ausland selbst ständig für Vignetten und Mautstraßen berappen müssen. Außerdem folgt es zumindest scheinbar dem Ursache-Wirkungs-Prinzip. Das leuchtet jedem sofort ein; Tenor: “Richtig so!” Derart klare Zuordnungen in dichotome Kategorien von Schuld und Unschuld oder Gut und Böse gibt es in den oft komplexen kulturpolitischen Fragen nicht. Auch deswegen rangieren sie in den Medien unter “ferner liefen”.

Dazu kommt: Kunst und Kultur sind stets hin- und hergerissen zwischen der Sehnsucht nach Anerkennung durch die “große” Politik und einer bis ins Paranoide reichenden Angst, zum Spielball jener finstren Mächte zu werden, denen sie von je her mit Skepsis oder gar Antipathie begegnen. Statt also offensiv die Auseinandersetzung mit den Akteuren anderer politischer Felder – vor allem Wirtschaft und Finanzen – zu suchen und in der Folge auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden, zieht der Kulturbereich sich mitsamt seiner politischen Repräsentanz gerne ins eigene Biotop zurück: Dort streiten Kulturschaffende dann mit Kulturpolitikern wahlweise um die reine Lehre oder das leidige Geld; natürlich unter aufmerksamer Anteilnahme der jeweiligen Kulturbürokratie. Das ist in seinem offensichtlichen Schutzbedürfnis zwar irgendwie rührend, führt aber ins politische und schließlich auch ins mediale Nischendasein.

Ein echtes Lehrstück dazu war die Debatte um das Buch “Der Kulturinfarkt” vor zwei Jahren. Die vier Autoren hatten es tatsächlich geschafft, mit ihrer kulturpolitischen Polemik groß in den Spiegel zu kommen. Doch statt aus dieser Vorlage eine breite kulturpolitische Debatte zu machen, wurden Buch und Urheber im Stil der ansonsten im Kulturbereich eher verhassten medialen Populisten von Bild bis RTL behandelt: Erst das Thema skandalisieren, dann die “Verursacher” zu Buhmännern machen – Ende der Debatte. An diesem Vorgang hatte das Feuilleton übrigens großen Anteil, vor allem das überregionale. Eine in die Tiefe gehende Auseinandersetzung mit den Thesen hingegen fand in den meisten Fachressorts und sogar in vielen Branchenblättern quasi nicht statt.

Dieses Phänomen ließ und lässt sich nicht nur am “Kulturinfarkt” beobachten. In einer spontanen Umfrage unter einem guten Dutzend willkürlich ausgewählter Akteure der Kulturpolitik für diesen Beitrag wurde unisono beklagt, dass es in der kulturpolitischen Berichterstattung an Raum und Kompetenz mangele. Ob bei Gurlitt oder TTIP: Vieles werde oberflächlich abgehandelt, selten sachkundig nachgefragt und Kulturredaktionen machten sich – bewusst wie unbewusst – oft mit jenem Kulturbetrieb gemein, zu dem sie eigentlich journalistische Distanz wahren müssten. Da ist was dran! Mir hat eine Redakteurin erst vor nicht allzu langer Zeit wortwörtlich gesagt: “Wir sind nicht dazu da, die Kultur zu kritisieren, sondern sie zu beschützen”. Wenn Caren Miosga oder Claus Kleber einen vergleichbaren Satz über die Berliner Politik sagten … na, da wär’ was los.

Die kulturpolitische Berichterstattung in diesem Land liegt also im Argen. Das hat vor allem mit Psychologie zu tun: Nicht nur Kulturschaffende, auch Kultur-Journalistinnen und Journalisten sind zuerst Kultur-Menschen – Politik und Politiker sind den meisten von der Mentalität her fremd. Doch Willensbildung und Entscheidungsfindung für die Grundlagen und Strukturen des Kulturbereichs und der Kunstförderung sind nun mal politische Prozesse. Wenn die tiefe Skepsis der Kulturmedienmacher dem gegenüber schließlich bis zu einer partiellen Nichtöffentlichkeit der Vorgänge führt, bleibt in der Folge ausgerechnet das kulturaffine Publikum von der Teilnahme an diesen Prozessen ausgeschlossen.

Für die Kultur (im Sinne von “Kunst und Kultur”) ist das fatal, weil die Demokratie ja gerade von der Repräsentanz der Interessen lebt. Und die Kultur-Landschaft ist neben der Wirtschaftsordnung sicherlich das prägendste Element einer demokratischen Gesellschaft. Wenn die zugehörige Kultur-Politik aber nicht mehr Teil der Res Publica, der Öffentlichen Sache ist, wird der Schaden auf lange Sicht größer sein als bloß ein Krisengebiet im Feuilleton.

(Dieser Text ist in leicht veränderter Form bereits in Ausgabe 5/2014 von “politik und kultur”, der Zeitschrift des Deutschen Kulturrats erschienen)

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Danke, Bühnengenossenschaft!

Die GDBA – beziehungsweise die Redaktion der Website, also vermutlich der Blog dort – ist seit heute der 1500. Follower des kulturpolitischen reporters. Danke für Aufmerksamkeit, Vertrauen und Following.

Bald gibt’s hier endlich wirklich mehr Kulturpolitisches in kürzeren Abständen!

Allen einen schicken Herbst,

Peter Grabowski

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I’ll do the #icebucketchallenge … his way

Ok, ok, schon gut … Nach einiger Überlegung habe ich mich nun für eine mir angemessen erscheinende Umsetzung entschieden und in beiden Punkten diesem Herrn hier angeschlossen.

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“De Materie” fehlt die Substanz (schönes Paradoxon)

Heiner Goebbels hat zum Auftakt der Ruhrtriennale eine Oper des Niederländers Louis Andriessen inszeniert. Das Werk wird in Duisburg überhaupt erst zum zweiten Mal in Szene gesetzt. Und es gibt mindestens zwei legitime Arten der Bewertung.

1. Leider sehr langweiliger Abend. Er leidet unter einem klassischen Blockbuster-Syndrom: Der Trailer verspricht eine irre Sause, im Film merkt man allerdings ganz bald, dass da schon alle guten Szenen drin waren. So auch hier: Heiner Goebbels teils wirklich sensationelle Bilder reichen lange nicht für zwei Stunden. Der Auftrieb der Schafe unterm Zeppelin-Mond kurz vor Schluss ist sogar (bei Goebbels sonst ungewohnte) Effekthaschei – er hat keine erkennbare dramaturgische Funktion. Die Musik ist zudem über weite Strecken derart statisch, dass einem regelrecht die Füße einschlafen. Wenn man daraus ‘n 10-Minutenclip schneiden würde: Toll! Aber so … Das Publikum hat das sehr genau gespiegelt und zwar wohlwollenden, aber insgesamt sparsamen Applaus gespendet. Bei einer immerhin doch mit Spannung erwarteten Premiere im Abschlussjahr von Goebbels’ bislang höchst erfolgreicher Intendanz.

2. Für Spezialisten: Ganz toll.

Fazit: Es gibt Stücke, die sind unerkannte Schätze. Und es gibt solche, die aus gutem Grund nicht oft gezeigt werden. Das reißt auch eine Regie nur ganz eventuell mal im genialischen Ausnahmefall raus – der liegt hier nicht vor. Professionelle Operngucker überzeugen sich natürlich auch davon (zu Recht) gern. Für alle anderen: Lieber noch ‘ne aktuelle Folge von “The Knick” ansehen!

Foto: (c) Ruhrtriennale

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Die Sensation des Banalen

Mittagessen mit einem Mirakel: Evgeny Morozov eröffnet die Reihe “Change Leader Talk” des Berliner LEAD-Ablegers der Mercator Stiftung. Der intellektuelle Nährwert des Menüs hält sich allerdings in Grenzen: Alle drei (kalten) Gänge des Essens schmecken irgendwie nach mehr als die Selbstverständlichkeiten aus dem Mund des neuen Feuilleton-Stars.

Evgeny Morozov ist unter den Protagonisten der digitalen Debatte gegenwärtig der leuchtendste Stern: Ein 29 Jahre alter Weißrusse, entdeckt und gefördert vom Karl-Popper-Schüler George Soros, herumgereicht durch die Elite-Unis der westlichen Welt, von Frank Schirrmacher selig auch hierzulande in der Internetdebatte etabliert. Sein letztes Buch „Smarte neue Welt“ wurde 2013 als die große Dekonstruktion des Google-Apple-Amazon-Universums gefeiert, sein jüngster Artikel in der FAZ von heute handelt vom liebsten feuchten Traum der Stadtplaner, dem „Intelligenten Dorf“.

Am Dienstagmittag erscheint Morozov – blass und schlank – pünktlich um 12 Uhr im ersten Stock der Berliner Mercator-Residenz am Hackeschen Markt und gibt den spektakulären Auftaktgast für die neue Gesprächsreihe „Change Leader Talk“. In der sollen Akteure des gesellschaftlichen Wandels aus dem Berliner Politik-und Zivilgesellschafts-Getriebe auf nationale und internationale Protagonisten der zugehörigen Debatten treffen. Gute Idee, das: Gast redet, Auditorium isst und überlegt sich dabei Fragen. Dann isst Gast und Auditorium fragt. Dann antwortet Gast, jeweils nach Vorspeise, Hauptgang, Dessert.

Sehr ernsthaft und gebildet wirkt Morozov im Eingangsstatement. Er beschreibt kurz seine Vita, vor allem seinen Wandel vom quasi euphorischen Fan der Digitalisierung, des Internets und der Sozialen Medien hin zum Skeptiker und schließlich Kritiker der Entwicklungen. Der begann mit der Beobachtung des Einflusses der Sozialen Medien auf die Umwälzungsprozesse in Staaten des ehemaligen Ostblocks und des Nahen Ostens für die Nichtregierungs-Organisation OSI. Zwei Phänomene stachen dabei nach seinen Worten heraus: Die Stilisierung vor allem der Sozialen Medien als Instrumente der Befreiung und Demokratisierung durch ihre Anbieter Google, facebook, Twitter. Und die dem entgegen gesetzten Bestrebungen der jeweiligen Regime, die Kontrolle über diese Kommunikationsmittel zu bekommen, vor allem durch Zensur oder gar ihr vollständiges Abschalten und die Schaffung nationaler, kontrollierter Alternativen wie Weibo in China.

In der Folge beschäftigte Morozov sich mit Technik- und Gesellschafts-, landete aber schließlich bei der Wissenschaftsgeschichte. Er leugnet mittlerweile die intellektuelle Eigenständigkeit oder gar Singularität „des Internet“ („Das Wort kann mich auf die Palme bringen“), sondern erklärt dessen Mechanismen als sozusagen bloß digital transformierte Prozesse von Herrschaft und Markt. Dazu passend tauchen in seinen Büchern, Artikeln, Interviews immer wieder – wie in seiner Rede heute – Dahrendorf und Foucault auf.

Wenn man seine Erkenntnisse mal zuspitzt, laufen sie auf folgende drei Sätze hinaus:

  1. Die Digitalisierung ist kein (demokratischer) Heilsbringer
  2. Der in und mit ihr stattfindende Markt ist wie jeder andere nicht sozial und gerecht
  3. Es ist nie der Hund, es ist immer das Herrchen

Das ist natürlich alles richtig – aber außer den vermeintlichen „Vordenkern des Internets“ von Lanier bis Lobo, den BWL- oder MINT-gestählten Ingenieuren, Architekten und Consultants der neuen Ökonomien und der stets euphoriegefährdeten politischen Linksaußen-Fraktion rund um den Globus, hat doch kein ernst zu nehmender Geist je wirklich das Gegenteil geglaubt.

Nein, der Mensch ist nicht per se gut oder böse, und die ihm zur Verfügung stehenden Techniken sind zu diesem wie jenem Zwecke nutzbar. Prominenteste Beispiele der Zivilisationsgeschichte: Der Pfeil, das Feuer, die Atomkraft. Darüber hinaus taugen globale Konzerne weder zu quasireligiöser Verehrung, noch sollte man sich von ihnen im Wesentlichen Gemeinnützigkeit erwarten. Das trotzdem in die eigene Corporate Identity zu schreiben (Googles „Don’t be evil“) ist ein cleverer Schachzug – es ändert aber nicht die ökonomische Logik gewinnorientierten Privatunternehmertums.

Dass den Geschäftsideen und –modellen der digitalen Giganten zudem der Zwang zur permanenten und umfassenden Datensammlung innewohnt, deren algorithmische Gewinnung wie Auswertung einer sich selbst verstärkenden Effizienzsteigerungsspirale dient… Tja, puh, hmmm – wer darüber je länger als ´ne Viertelstunde nachgedacht hat, kann kaum überrascht sein. Und auch nicht davon, dass am Ende dieser Entwicklung ein Staat in Folge der raumgreifenden Ökonomisierung des Denkens seiner Lenker wie seiner Bürger („alles zu teuer“, „muss doch auch viel schlanker gehen“, „Steuern runter, Leistung rauf“) in die Effizienzfalle tappt: Er wird beispielsweise mit Hilfe alles durchdringender Betriebssysteme und der zugehörigen Apps über die Smartphones der Sozialversicherten und Krankenkassenmitglieder erfassen und steuern wollen, wie das Verhalten des Einzelnen möglichst wenig Kosten für die Allgemeinheit verursacht … weil es eben geht. Und was geht, soll dann immer gemacht werden. Das wiederum liegt nicht ganz zufällig auch im Interesse der weltweiten Effizienzpromoter Google, Apple und Co: So machen sie sich mit ihren Produkten und Datensammlungen unersetzlich. Systemrelevant. Too big to fail.

„Ja, ja, ja!“, war ich – passend zu den drei Gängen – versucht zu sagen, das ist aber doch alles klar. Um dann festzustellen, dass es das offenbar ganz und gar nicht ist oder zumindest war. Nicht im Feuilleton der FAZ (und Co), nicht in den honorigen Stiftungen und der sogenannten Zivilgesellschaft, offenbar auch nicht in der Politik (der Mann aus dem Kanzleramt machte sich jedenfalls eifrigst Notizen).

Also bin ich der Stiftung Mercator und Frank Schirrmacher dankbar: Wenn es denn nur drei kalte Gänge und einen, auf mysteriöse Art Charisma simulierenden Weißrussen in Berlin-Mitte braucht, um eher banales Grundwissen zu Mensch, Markt und Macht unter die Entscheider zu bringen – bitte. Allerdings: Wer diese Erkenntnisse für bahnbrechend hält, sollte vielleicht noch mal Andersens „Des Kaisers neue Kleider“ lesen. Würde Morozov übrigens vermutlich selbst empfehlen, wenn er es kennen würde. Jedenfalls hatte ich zwischendurch öfter den Eindruck, dass ihm der ganze Hype um seine Person eher unangebracht erscheint. Schließlich hat er nur das Offensichtliche gesagt: „Es hat ja gar nichts an!“

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“Arm, aber sexy? Nische Kulturjournalismus”

Dienstag, 17. Juni um 18 Uhr
Museum für Gegenwartskunst
Unteres Schloss 1, 57072 Siegen

mit
Esther Slevogt, nachtkritik.de
Beate Schmies, Leiterin WDR-Studio Siegen
Dr. Stefan Lüddemann, Feuilletonchef Neue Osnabrücker Zeitung

Moderation: Peter Grabowski (der kulturpolitische reporter)

Eine Veranstaltung aus der Reihe “Ein Gespräch stiften”
zum 25jährigen Jubiläum der Kunststiftung NRW

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Das Forum D’Avignon Ruhr so #far14

1989 trafen sich im Düsseldorfer Zakk wenige hundert Musikmanager, Booker, Künstler, Promoter und Journalisten zu einer “Musikmesse”. Damals war der Enthusiasmus und das Visionsgerede der Initiatoren sogar vielen Anwesenden nicht ganz geheuer. 25 Jahre nach dieser ersten #Popkomm ist Dieter Gorny wieder auf dem Weg, aus einer spinnerten Idee einen Blockbuster zu machen. Nicht ganz sicher ist, ob er eigentlich weiß, wohin das führen könnte.

Das Forum D’Avignon ist eine Idee der Franzosen aus der Zeit ihrer letzten EU-Ratspräsidentschaft 2008. Kurz gesagt soll es ein kultureller Think Tank sein. Die Diskussion zwischen und Vernetzung von traditionellem (also öffentlich finanziertem) Kulturbereich, der Kultur- und Kreativwirtschaft, weiteren Wirtschaftssektoren und den Medien ist das erklärte Ziel. Mittlerweile gibt es alljährlich vier Forum-D’Avignon-Veranstaltungen: eben in Avignon, in Paris, in Bilbao und im Ruhrgebiet. Dieser deutsche Zweig der Initiative hat einen kulturwirtschaftlichen Schwerpunkt und gehört zu den Nachhaltigkeitsprojekten der Kulturhauptstadt Ruhr.2010.

In den letzten drei Tagen fand in Essen nun das bislang dritte Forum D’Avignon Ruhr statt. Die Veranstaltung war ein Erfolg, das kann man ruhig mal so sagen. Und das ganz unabhängig davon, ob nun wirklich alle angekündigten 300 Teilnehmer aus 21 Ländern da waren oder vielleicht nur 200 aus 18 und ob das vielleicht an zu optimistischen Prognosen bzw. einer Eigendynamik von PR lag oder schlicht an den Verkehrsturbulenzen nach den Unwettern in NRW. Viel wichtiger war, was tatsächlich passierte: Eine hochillustre Schar profilierter Akteure aus Kunst, Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien führte lebhafteste Diskussionen und verabredete sich zu künftiger Kooperation und weiterem Austausch. Vorneweg übrigens der Generaldirektor Kultur der Europäischen Kommission, Jan Truszczinsky, die NRW-Kulturministerin Ute Schäfer und ihr Kabinettskollege für Wirtschaft, Garrelt Duin.

Themen waren unter anderem: Mittel und Wege der Förderung von Kreativquartieren (natürlich wurde auch über das “Ob” und “Warum” überhaupt gesprochen, aber nur noch kurz), die Evaluierung und Evaluierbarkeit von Kunst- und Kulturprojekten, die Wechselwirkungen zwischen Politik und Kultur bzw. Kulturwirtschaft.

Das NRW-Kulturministerium und das Arts Council England haben zudem mit einem wissenschaftlich-künstlerischen Kick Off am Mittwoch eine europaweite Studie zu den so ersehnten wie berüchtigten Spillover-Effekten angestoßen. Da will man erstmals wirklich umfassend begutachten, ob und wie Kunst- und Kulturprojekte über ihren künstlerischen und Erlebnis-Wert hinaus in andere Bereiche “überschwappende” Effekte haben (Spillovers eben). Das kann man natürlich wissenschaftliche Nischenwichserei finden. Man kann darin aber auch den Versuch sehen, Kultur- und kulturwirtschaftliche Förderung – also den Einsatz öffentlicher Mittel vulgo Steuergelder – neu zu legitimieren (Vielleicht könnte auf diesem Wege zudem noch das wirklich unsäglich inhaltsleere wie unreflektierte Gerede vom angeblichen Eigenwert der Kunst gleich mit beseitigt werden; en passant, quasi, und so. Es wird höchste Zeit).

Unübersehbar waren alle Veranstaltungen von inhaltlich hoher Qualität; unüberhörbar waren die angereisten Professionals aller Branchen und Bereiche nicht nur sehr engagiert, sondern auch sehr zufrieden mit diesem Kongress.

Allein das ließe schon hoffen. Nach der Mittagspause am gestrigen Donnerstag saß ich dann allein mit Dieter Gorny beim Kaffee, weil die übrigen Teilnehmer eine Präsentation der Nominierten für den N.I.C.E.-Award ansahen, die wir beide schon kannten. Wir sprachen darüber, wie die im dritten Jahr nun einigermaßen etablierte Veranstaltung größere Kreise ziehen könnte: Thematisch, inhaltlich, bei der Teilnehmerzahl. Dafür gibt es bereits jetzt einige sehr schöne Ideen, die aus Gründen der Vertraulichkeit wie des möglichen Überraschungseffektes im nächsten Jahr hier nicht gespoilt werden.

Doch eins ist klar: Der studierte Musiker, VIVA-Erfinder und Musikwirtschafts-Boss Gorny hat durchaus Chancen, den Erfolgspfad vor allem der Popkomm noch einmal zu beschreiten: Organisator des Forum D’Avignon Ruhr ist nämlich das European Centre for Creative Economy (kurz: ecce) in Dortmund. Und dessen Geschäftsführer heißt: Dieter Gorny. Wenn er also nach 25 bzw. 20 Jahren für eine augenscheinlich wieder ziemlich schräge Sache noch mal den gleichen Drive entwickeln könnte, mit dem er die Popkomm und VIVA zu echten Ausnahmeerscheinungen ihrer Zeit und Branche gemacht hat, dann könnte das Forum D’Avignon Ruhr eines Tages als vielleicht DER Schrittmacher der umfassenden strukturellen Neugestaltung einer alten Kultur- und Industrieregion namens Ruhrgebiet gelten.

Dieter Gorny – den ich selbst nun bald ein Vierteljahrhundert kenne – ist nicht gerade von einem Mangel an Selbstbewusstsein geplagt. Wie seine Vita zeigt, ist das allerdings auch nicht ganz zu Unrecht so. Ob ihm selbst wirklich bewusst ist, welche Rolle er in der Geschichte des Reviers und vielleicht sogar darüber hinaus spielen könnte … ich bin mir nicht sicher. So oder so wäre allen dreien zu wünschen, dass er diese Rolle tatsächlich ausfülllen wird: Ihm, dem Pott und NRW!

(Wäre ich Politiker, Gewerkschafter oder Fußballpräsident und dies eine Rede, müsste ich jetzt abschließend sagen: “Glückauf!”)

 

Foto: (c) Vladimir Wegner für ecce

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