“Wir können ja sagen, wir haben uns im Supermarkt kennengelernt”

derkulturpolitischereporter:

Eine Kulturpolitik, die diesen Text nicht versteht, eine öffentlich-rechtliche Intendanz, die das höchstens schön geschrieben findet, wird auch in zehn und zwanzig Jahren noch fragen, wie man bloß endlich all die jungen Menschen …

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I saw you on Tinder last week.

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Ich will nicht bedürftig wirken und nicht langweilig, ich will beschäftigt wirken und ziemlich cool, ich habe tausend Freunde, ich habe freien Eintritt zu jeder Party der Stadt, aber ich gehe nur auf ganz wenige, die, die keiner kennt und das hier ist ein Bild von mir, während ich mit meinen Freunden dort bin, wir lachen und halten die Gläser hoch, wir tanzen und es fliegt ein bisschen Konfetti herum, guck mal, wie schön wir sind.

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Nachts liege ich in meinem Bett und starre die Decke an. Dabei zähle ich die Male, die mir mein Herz gegen irgendeine Wand geflogen ist aus Schweigen und Missverständnissen, aus „Es tut mir leid, aber“, aus „Es liegt nicht an dir, es liegt an mir“, aus „Es ist besser so, wir sind nicht gut füreinander“. Ich zähle die Male, die das Herz im Morgengrauen nach Hause…

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Hashtag Kultur im #wdr3forum

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Mit Wolfram Kähler (WDR3), Dirk von Gehlen (SZ), Roland Nachtigäller (MARTa Herford), Christoph Müller-Girod (CMG Media).
Jetzt im Sendesaal des Westdeutschen Rundfunks zu Köln und live auf WDR 3. Später als Podcast.
Mehr? Hier: http://www.wdr3.de/zeitgeschehen/forum286.html

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Ein Plan, ein Plan … Münster*, wir danken dir!

In weiten Teilen der Republik klingen Diskussionen über Förderung und Infrastruktur von Kunst und Kultur stets wie eine Kakophonie aus dem Vorhof zu Hölle: Es wird gejammert und gestöhnt, dass es den lieben Gott erbarmt. Auf den will man im Osten von Nordrhein-Westfalen aber lieber nicht weiter hoffen – und denkt jetzt systematisch über Morgen nach, statt weiter einem vermeintlich besseren Gestern hinterher zu heulen.

“Landschaftsverband Westfalen-Lippe” – solche Begriffsungetüme aus der deutschen Staatsebenenhierarchie lassen sonst eigentlich nur die Herzen von Bürokratiefetischisten höher schlagen. Am vergangenen Freitag wurde ich nun aber höchstpersönlich Zeuge eines überaus ungewöhnlichen Vorgangs: In Hagen hatten sich gut 400 Vertreter von Kommunen und Kreisen, Kultureinrichtungen und -verbänden zu einer Konferenz eben jenes Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) getroffen. Kurz gesagt ging es um gute Konzepte für schlechter werdende Zeiten – und nahezu alle hatten tatsächlich gute Laune. Das war so erfrischend, dass ich gleich für WDR 3 darüber berichten musste. Statt Lesestoff zum Thema gibt es heute deshalb einfach mal was zum Hören (bitte klicken).

* Der LWL sitzt in Münster und ist Initiator der Kulturentwicklungsplanungen in Westfalen-Lippe. Deshalb die Überschrift …

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Die Eigenwertsche Unschärferelation

Regierungserklärung in Berlin, Freihandelsabkommen in Brüssel, Ensemble-Aus in Dessau: Über allen Wipfeln ist keine Ruh. Dabei hat auch das Gerede vom Eigenwert der Kultur mal wieder Hochkonjunktur. Es ist aber Quatsch.

“Kultur ist mehr als alles andere ein Wert an sich” – Monika Grütters erste Rede als Kulturstaatsministerin im Bundestag war noch keine fünf Sätze alt, da kam es auch schon: Das Mantra der deutschen Kulturpolitik vom “Eigenwert der Kultur”. Es vergeht kein Konzeptpapier, keine Denkschrift und vor allem keine Sonntagsrede ohne diese Leerformel der intellektuellen Ratlosigkeit.

“Kultur ist alles, was nicht Natur ist”, lautet eine sehr (ein)gängige wie weitreichende Definition des Kulturbegriffs, und da ist – Achtung, Wortwitz – natürlich was dran. “Kultur” kommt von “cultura”, dem lateinischen Begriff für bearbeiten, pflegen und bestellen. So unterscheiden sich die Früchte, die vom Baum fallen (=Natur) von den Früchten, die man anbaut und erntet (=Kultur). Alles Weitere hat sich in der Zivilsationsgeschichte daraus ergeben. Wir meinen mit “Kultur” deshalb heute viel mehr: Die Künste – nicht nur die sieben “freien Künste” der Antike -, das gruppen- oder landesspezifische Verhalten im Streit, bei Tisch, vorm Altar oder auch im Bett und natürlich all die sichtbaren Ausdrücke der Menschheitsgeschichte: Häuser, Straßen, Städte, Tempel.

“Kultur ist, was uns vom Tier unterscheidet”, lautet ein anderer Satz, den man häufig hört. Das ist streng wissenschaftlich falsch: Auch Tiere haben Kultur(en). Sie bekommen nicht all ihr Wissen mit den Genen geliefert, sondern lernen von den Alten zum Beispiel das Bauen oder Jagen, ob es nun Erdmännchen, Löwen oder Wale sind. Genau so wie Menschen Lesen, Schreiben, Rechnen lernen, das Aufstellen Hunderte Meter hoher Häuser oder das Erzwingen von erwünschten Aussagen durch das Vortäuschen von Ertrinken.

Natürlich meinen Monika Grütters und all Ihre Eigenwert-Mitstreiter das nicht mit “Kultur”, zumindest nicht Letzteres. Ihnen – und uns allen, die wir mit Kulturpolitik befasst sind – geht es um Kultur in einem engeren Sinne: Die Künste, ihre Grundlagen und ihren Betrieb. Die Malerinnen und Tänzer, Architektinnen und Schauspieler, Archivarinnen und Restauratoren. Die Theater und Museen, Bibliotheken und Kulturzentren, Musikschulen und Gedenkstätten. Es geht einerseits um dokumentarische, historische und andererseits um ästhetische, kreative Resonanzräume einer Gesellschaft. Es geht vor allem um das, was durch die Freiheit der Kunst geschützt ist und wird. Sie garantiert einen Raum, in dem das Unsagbare gesagt werden darf (Orwells 1984, Reiners’ Tötet Merkel) und das Unzeigbare gezeigt werden darf (Goyas Hexenflug, auch Meeses Hitlergruß). Nicht um ihrer selbst Willen, sondern als Ausgangspunkt von Gedanken, die das Neue erschließen, das bisher Nicht-Gedachte.

Kunst dient(e) natürlich immer auch der Unterhaltung und Zerstreuung. Man konnte und sollte sich an ihr oft erfreuen. Sie ist aber gleichzeitig immer noch viel mehr, vor allem der Motor gesellschaftlicher, sprich menschlicher Entwicklung. Künstlerinnen und Künstler spiegeln in ihren Werken Geschichte und Gegenwart einer Gesellschaft. Sie liefern Bilder und Geschichten, die wir sonst oder so nicht kennen. Und erst damit ermöglichen sie ein umfassendes Nachdenken über das Jetzt, aus dem das Entwickeln von Vorstellungen für Morgen entsteht.

Immer waren es Künstlerinnen und Künstler, die eine Idee von der Zukunft geliefert haben: Aischylos und Polyklet, Caravaggio und Leonardo, Philip K. Dick und Ridley Scott*. Alexander, Machiavelli und Steve Jobs blieb – sehr verkürzt ausgedrückt – nur noch, deren Gedanken in Wort und Tat umzusetzen.

Kunst und Kultur sind all das – aber was bitteschön ist denn ihr “Eigenwert”? Die Materialien der Werke können doch kaum gemeint sein, also die Leinwände, Buchseiten und Marmorbrocken. Ihre Ästhetik? Hat nur einen Wert für Schöpfer und/oder Publikum. Da ist kein “eigener” Wert, sondern nur einer für “jemanden”, befriedigt vom Schaffen oder ergriffen beim Betrachten. Ihre geistige Dimension? Ist ebenfalls nur bedeutsam für deren Denkerin und/oder ihr Publikum, wenn daraus Erkenntnis und Verarbeitung werden. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Kunst und Kultur haben keinen Eigenwert. Ihr Wert entsteht nur durch ihre Wirkung; sei es auf einzelne Menschen oder eine ganze Gesellschaft; sei es im Blick zurück, auf das Jetzt oder im Blick nach vorn. Kultur ist kein Wert – Kultur schafft Werte.

Das sind allerdings erst mal keine ökonomischen, sondern solche wie “Freiheit”, “Respekt” und “Nächstenliebe”. Keine Sozialministerin und kein Innenminister käme jedoch ernsthaft auf die Idee, vom “Eigenwert der Nächstenliebe” oder vom “Eigenwert der Freiheit” zu sprechen. Es wäre deshalb nicht nur ganz schön, wenn die Kulturpolitikerinnen und Kulturpolitiker die auch sachlich falsche Phrase vom “Eigenwert der Kultur” endlich vergäßen – es wäre sogar wirklich wichtig. Jedenfalls dann, wenn sie in der gewonnenen Zeit endlich ohne den Dünkel einer vermeintlichen Geisteselite erklären würden, warum die Förderung von Kunst und Kultur nicht etwa eine ästhetische Liebhaberei von musisch übersensiblen Schöngeistern ist, sondern eine Kernaufgabe, wenn diese Gesellschaft eine Zukunft haben soll. Dann braucht sie nämlich Werte – die dürfen auch ruhig etwas eigen sein!

*Diese Männer fallen mir spontan ob ihrer Prominenz ein. Es lassen sich natürlich auch sechs und mehr Frauen finden, die aber historisch bedingt leider nicht so zahlreich sind. Jetzt muss ich sofort an die großartige Almut Klotz denken. An Annette Droste-Hülshoff, Nina Simone, Pina Bausch und Anne Lepper

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Kein Wort mehr (Januar 2014)

Neue Reihe des kulturpolitischen reporters: Themen des vergangenen Monats, über die hier nichts zu lesen und sehen war, ist und sein wird. Weil alles nämlich schon 1000mal gesagt ist. Zwar noch nicht von jedem – aber wenigstens in diesen vier Fällen wird daraus auch nichts mehr …

Zum Auftakt:

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NRW stark vertreten in Bundeskulturpolitik

Monika Grütters, Siegmund Ehrmann, Martin Dörmann, Norbert Lammert: Abgeordnete aus oder mit Wurzeln in Nordrhein-Westfalen besetzen jetzt die Schlüsselpositionen der Kulturpolitik auf Bundesebene. Ob das Berliner Quartett auch eine starke Stimme für Kunst und Kultur in NRW sein wird?
Heute hat der Ausschuss für Kultur und Medien den Bundestagsabgeordneten Siegmund Ehrmann zum neuen Vorsitzenden gewählt. Der 6061-Jährige aus Moers tritt in dieser Funktion die Nachfolge von Monika Grütters an. Die neue Staatsministerin für Kultur und Medien wurde in Münster geboren und hat erst dort, dann in Bonn studiert, bevor sie um die Zeit des Mauerfalls nach Berlin zog. Damit sind die beiden kultur- wie medienpolitischen Spitzenpositionen in Parlament und Regierung mit gebürtigen Nordrhein-Westfalen besetzt.

Darüber hinaus wurde der Kölner Abgeordnete Martin Dörmann von seiner Fraktion zu Ehrmanns Nachfolger als Obmann der SPD im Kultur- und Medienausschuss bestimmt. Und es kommt aus nordrhein-westfälischer Sicht sogar noch besser, weil auch Bundestagspräsident Norbert Lammert aus Bochum als kulturpolitisches Schwergewicht gilt. Vor allem er hat in den Koalitionsverhandlungen dem Vorschlag Oliver Scheytts, die Errichtung eines Internationalen Tanzzentrums Pina Bausch mit einem Prüfauftrag zu versehen, die notwendige Unterstützung in den Reihen von CDU und CSU verschafft.

Wie sich die starke nordrhein-westfälische Kulturfraktion in Berlin in den nächsten vier Jahren für das bevölkerungsreichste Bundesland auswirken wird, muss man abwarten. Ganz sicher aber ist der Fokus der Kulturpolitik im Bund nun ein bisschen stärker nach Westen ausgerichtet. Daraus mehr als nur wohlwollende Aufmerksamkeit zu machen, ist jetzt nicht zuletzt Aufgabe der beiden großen Parteien an Rhein, Ruhr und Lippe. Zumal mit Finanzstaatssekretär Steffen Kampeter (CDU) ein weiterer Nordrhein-Westfale – Betonung nach dem Bindestrich – an einer echten Schaltstelle des Regierungshandelns sitzt: Dem Zugang zum Bundesetat. Der vormalige Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat gezeigt, was man mit einem guten Draht zu Kampeter so alles erreichen kann.

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Am Anfang steht das Wort – und das Wort ist falsch!

Stadttheater, Opernhäuser und Bibliotheken in Deutschland erhalten keine “Subventionen”. Die permanente Behauptung des Gegenteils in den Medien der Republik zeigt nur, wie wenig Journalismus oft im Feuilleton steckt.

“Wer wie viel bekommt – und was die Karten ohne Subventionen kosten würden”, so leitet Dominik Hutter einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom letzten Wochenende ein (Sorry, schon wieder ist die SZ Ausgangspunkt eines Blogbeitrags, aber besser auf die Großen als auf die Kleinen). Dann listet er auf, welcher Kulturbetrieb in der bayerischen Landeshauptstadt in welcher Höhe vom Staat bezuschusst wird: Pinakotheken und Kammerspiele, die Oper und die Philharmoniker. “Spitzenreiter im städtischen Subventionszirkus ist die Stadtbibliothek”, lässt Hutter den Artikel dann nicht nur in ein bemerkenswert schräges Bild abdriften, sondern auch vollends in die neoliberale Propaganda.

“Kultur” ist in der Bundesrepublik Deutschland laut Grundgesetz Ländersache. Zu denen gehören im Staatskonstrukt formaljuristisch auch die Kommunen. Beide Ebenen zusammen sind – in unterschiedlichen Körperschaftsformen und Anteilsgrößen – Eigentümer der rund 140 Staatlichen Bühnen im Land, ihrer Orchester und Ballette, von mehr als 4000 Museen und gut ebenso vielen Bibliotheken (es gibt noch mehr, aber die sind nicht staatlich). Diese Einrichtungen betreibt und finanziert die Öffentliche Hand, meist auf Grundlage der jeweiligen Länderverfassungen. In Nordrhein-Westfalen ist es §18 der Landesverfassung, der die Pflege und Förderung von Kultur, Kunst und Wissenschaft aufträgt.

“Subventionen” sollen privatwirtschaftliche Unternehmen in einem Markt etablieren oder stützen. Die Empfänger gehören dem Staat nicht. Sie bekommen jedoch Hilfen aus den öffentlichen Haushalten, weil damit ein politisches oder gesellschaftliches Ziel verfolgt wird: Die Energiewende zum Beispiel oder die Erhaltung des Bergbaus. Der Export kann unterstützt werden oder die Landwirtschaft, um dauerhafte Versorgungssicherheit herzustellen oder sozioökonomische Landschaften zu erhalten. Aber weder betreibt der Staat die Energieversorger und Bauernhöfe, noch sind sie in öffentlicher Hand.

Die in Hutters SZ-Artikel wie an vielen anderen Orten als “subventioniert” beschriebenen kulturellen Angebote werden hingegen von Ländern, Städten und Gemeinden selbst oder in Tochtergesellschaften betrieben. Ihre Etats sind – bis auf einen mehr oder minder geringen Anteil aus Ticketerlösen und Spenden – durch Steuergelder finanziert. Diese Einrichtungen haben in unserem Gemeinwesen de facto (nicht de jure, weil sie keine Pflichtaufgaben sind – anderes Thema) den gleichen Status wie Polizei, Schulen oder Kindertagesstätten: Sie nehmen Aufgaben im Rahmen der Landesverfassung wahr. Doch käme wohl niemand auf die Idee zu behaupten, Kommissariate oder Grundschulen würden “subventioniert”. Sie werden “öffentlich finanziert” – und das gilt auch für städtische Theater, Museen und Büchereien.

Woher stammt die Mär von der “Subvention” dieser Angebote? Ich weiß es nicht, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass ich einen Urheber und eine erste Erwähnung ausmachen könnte. Ich weiß aber, dass die Ersetzung des Begriffs “Finanzierung” durch “Subvention” ein beliebter Kniff derjenigen ist, für die nicht das Primat der Politik, sondern das der Ökonomie gelten soll. Zuende gedacht heißt das immer, dass ein im Sinne der Allgemeinheit ordnender Staat überflüssig ist, weil der Markt alle Dinge regelt; zumindest jene, für die man zahlt. Und das stimmt auch: Der Markt würde in der Kultur sofort regeln, dass es Opernaufführungen, Faust-Inszenierungen oder die umjubelten deutschen Tanztheater nicht mehr gäbe. Zwar könnte sich ein sehr zahlungskräftiges Publikum – die gegenwärtige Gesamtkalkulation für ein Opernticket beginnt bei ca. 200 Euro – einen Besuch von “Tannhäuser” oder “Fliegendem Holländer” auf den ersten Blick weiter leisten … aber nicht auf den zweiten: Denn die Aufführungsorte und die einzelnen Inszenierungen müssten dazu ja auch dauerhaft rentabel sein. Das ist schon beim Blick auf die deutlich populäreren und trotzdem immer hart an der Pleite entlang segelnden Musicals schlicht ausgeschlossen. Das heißt: Keine Opernkultur mehr, so wie wir sie kennen. Auch nicht in Berlin, Hamburg, Köln oder Stuttgart. Und Stadtbüchereien schon mal gar nicht: Jede einzelne Ausleihe würde in München 2,86 Euro extra kosten, hat Hutter (richtig) ausgerechnet. Das wäre das Ende der Allgemeinzugänglichkeit von Literatur, für Grundschüler, Hartz-IV-Empfänger oder Studenten. Nur, damit das auch wirklich allen klar ist.

Übrigens: Auch Claudius Seidl in der FAS, Julia Spinola in der ZEIT oder Welt und dpa (das sind nur drei spontan herbei gegoogelte Beispiele für eine ganze Armada von Artikeln und sicher auch Rundfunkbeiträgen) tuten mit Hutter ins “Subventions”-Horn. Doch die Finanzierung von Kulturangeboten durch die Öffentliche Hand so zu nennen ist mehr als nur Stuss und außerdem natürlich sachlich, sprich: journalistisch, falsch. Es ist auch ein Spiel mit dem Feuer – vor allem und gerade für das Feuilleton.

Es heißt nämlich, ausgerechnet den Gegnern des Kulturstaates bisheriger Prägung in die Karten zu spielen, indem man ihre Terminologie übernimmt. Doch das Sein bestimmt das Bewusstsein, und über die Worte der Kulturfinanzierungsgegner landet man zwangsläufig auch in ihrer Logik. Nach der sind Droste-Hülshoff, Schiller und Palucca, Anne Lepper, Ewald Palmetshofer und Sasha Waltz nur Marktteilnehmer wie Joanne K. Rowling und Ashton Kutcher. Bis sich das eines Tages auch für Jederfrau und -mann als spürbar falsch herausstellt, wird es allerdings zu spät sein. Unique Selling Point “Kulturstaat”? Leider ausverkauft!

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